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Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Bodo von Borries

Zurück zu den Quellen? Plädoyer für die Narrationsprüfung - Essay

Kontinuität der Aufgabe

Daraus folgt: Quellenfundierung und Darstellungsprüfung gehören untrennbar zusammen. Ein persönliches Beispiel soll erläutern, wie das gemeint ist. Vor mehr als vierzig Jahren, in der Prüfungsstunde im Zweiten Staatsexamen 1972 habe ich meine 7. Gymnasialklasse den Sturz des Bayernherzogs Tassilo III. durch Karl den Großen 788 nach fränkischen und bayerischen Quellen vergleichen lassen. Dass sich auf beiden Seiten durch Behauptungen (sogenannte "Fakten"), Unterstellungen und eingefärbte Deutungen ein völlig gegensätzliches Bild ergibt, war auch für 12- bis 13-Jährige herauszuarbeiten. Das bedeutete Quellenstudium und Multiperspektivität. Dieselben Schüler hatte ich schon im Vorjahr unter anderem zwei Lehrererzählungen über Augustus als Friedensherrscher und Prinzipatsgründer vergleichen lassen – eine aus der DDR und eine aus der Bundesrepublik. Das war Arbeit an – zwar kaum fiktionalen, aber umso heftiger perspektivischen und durch Adjektive wertenden – Darstellungen, eben Kontroversität und Ideologiekritik. Die Jungen und Mädchen, denen diese fundamental gegensätzlichen Versionen (Befestigung der Sklavenhaltergesellschaft versus Ausgleich zwischen verbindlicher republikanischer Verfassungstradition und nötiger zentralistischer Reichsverwaltung) natürlich nicht nur vorgelesen, sondern auch in Schriftform zur Auswertung vorgelegt wurden, waren dadurch in gar keiner Weise überfordert.

Beides schien mir nicht nur gleichermaßen nötig, sondern beides sollte sich auch gegenseitig stützen, um schon die Kinder darin einzuüben, sich in verantwortbarer Methodenanwendung ein vertretbares eigenes Bild zu machen. Synthetische Quellenarbeit (Re-Konstruktion) und analytische Darstellungsprüfung (De-Konstruktion) sollten also nicht gegeneinander ausgespielt, sondern kombiniert werden. Es ist übrigens kein Zufall, dass es weder mit einer "Darstellung" noch mit einer "Quelle" getan war. Jedes Mal kam es auf den Vergleich (Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten, Abweichungen, Widersprüche) an. Jenseits der 7. Klasse waren dann auch Konfrontationen von drei oder vier Versionen (auch Theorien) nötig.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich habe mir das damals nicht einsam aus den eigenen Fingern gesogen; sondern das war als guter, produktiver Geschichtsunterricht anerkannt und erwünscht, wenn nicht gar selbstverständlicher Standard. Heute würde man das natürlich "Methodeneinübung", "Handlungsorientierung" und – ganz neu – "Kompetenzansatz" nennen. Damals sprach man schlichter von "Lernzielen" und "Qualifikationen", die zu Autonomie und Mündigkeit der Lernenden beitragen sollten. Diese Worte führten nicht nur "Linke", sondern auch "Liberal-Konservative" ganz selbstverständlich im Munde und in ihrer Schreibfeder. Nur dass bei den "Progressiven" das Reizwort "Emanzipation" dazukam, bei den "Bewahrenden" der Kernbegriff "Identität".

Fazit

Was ist nun abschließend illegitime Instrumentalisierung von Geschichte, was unvermeidliche und was zulässige oder gar erwünschte? Man kann die Frage auch umformulieren: Wo liegt die Grenze zwischen suggestiver Indoktrination, bequemer Selbsttäuschung, überlegter Gegenwartsanwendung und übernommener Verantwortung? Leider geht es nicht ohne eine zusätzliche Differenzierung ab. Es gibt in der Geschichtskultur Tendenzbetriebe wie Parteien und Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Privatsender. Diese Gruppen dürfen ihre je spezifischen Wahrheiten verbreiten (deshalb noch nicht Verzerrungen, Unterstellungen und Fälschungen – oder etwa doch?), und seien sie auch ziemlich relativ, interessengeleitet und begrenzt.

Es gibt aber auch Instanzen der historisch-politischen Sozialisation, die – gesetzlich oder normativ – zu weit mehr Reflexivität und Zurückhaltung, ja geradezu zu einem gewissen Maße an Neutralität und Objektivität (das heißt maximaler Inter-Subjektivität und insoweit eben kontrollierbarer Wahrheit) verpflichtet sind. Das gilt zum Beispiel für Parlamente und Regierungen, Universitäten und Schulen, öffentliche Sendeanstalten und Museen, wohl auch Gedenkstätten. Für sie – und eben nicht gleichermaßen für die Tendenzbetriebe – wurden im sogenannten Beutelsbacher Konsens vier Regeln aufgestellt:[4]
  • Verbot der Überwältigung,
  • Gebot der Kontroversität,
  • Hilfe zur Interessens- und Identitätsartikulation,
  • Verpflichtung auf Methodenorientierung (heute Kompetenzförderung).
Natürlich wird auch von Wissenschaftlerinnen und Lehrern keine "eunuchische Objektivität" verlangt. Sie müssen, um eine abwägende Formel aus der Zeit nach 1968 zu benutzen, Parteilichkeit vermeiden, dürfen aber explizite Parteinahme zeigen. Der Beutelsbacher Konsens ist eingehalten, wenn die Lehrperson jeweils ausdrücklich klar macht (und deutlich erkennen lässt), welchen Hut sie gerade trägt, den
  • des Informanten über unstrittiges Material,
  • des Lernberaters für individuelles und kollektives Weiterkommen durch angemessene Arbeitsmethoden,
  • des Moderators einer systematischen Abwägung in der Lerngruppe,
  • des Provokateurs oder Zweiflers zwecks Eröffnung einer Kontroverse,
  • des Notengebers für Analyse- und Synthesefähigkeit (nicht für Gesinnung!),
  • des politisch-historisch Urteilenden mit einer eigenen Meinung (persönliche Parteinahme).
Wer Historie betreibt (schreibt, liest, ansieht, diskutiert), hat also immer Ziele oder Zwecke, was man auch als Instrumentalisierung ("instrumentelle Nutzung von Geschichte") bezeichnen kann. Aber die Art dieser Ziele kann verschieden sein, wobei natürlich der Offenheitsgrad des Bezuges auf Gegenwart und Zukunft höchst bedeutsam ist:
  • Affirmation des Bestehenden (zum Beispiel Herrschaft, Ideologie, Tradition, Struktur),
  • Oppositions-Rechtfertigung (Zustandskritik, Veränderungswunsch, Protest, Legendenaufdeckung),
  • Einsicht in Entwicklungstrends, -risiken und -chancen als Fundament für Handlungsdisposition und -strategie,
  • Hobby-Amüsement und Freizeit-Unterhaltung,
  • Suchen nach Vorbildern (und Warnbildern) der eigenen – individuellen wie gruppenspezifischen – Lebensgestaltung,
  • Analysefähigkeit für geschichtskulturelle Kontroversen und Konflikte (auch Erwerb von "kulturellem Kapital" und "kleinen Unterschieden" als "Habitus des Gebildeten"?),
  • Größenwahn (Ausleben von Macht- und Ruhmträumen) und Selbstbetrug (Illusion der eigenen Vortrefflichkeit und Überlegenheit),
  • Versöhnung mit Gegnern von gestern (Fremdverstehen, Selbsteinsicht, Aufeinander-Zugehen).
Es liegt auf der Hand, dass eigene methodische Kompetenzen (historische Re-Konstruktion und De-Konstruktion) dabei eine entscheidende Hilfe sein können, weder selbst illegitim Geschichte zu instrumentalisieren noch illegitimer Instrumentalisierung von Geschichte zu verfallen. Das kann man historische Methodenreflexion nennen. Noch wichtiger ist es, sich selbst über die Art der Zwecke und den Grad der Zielerreichung immer wieder Rechenschaft abzulegen. Diese Selbst-Reflexivität betrifft natürlich besonders die eigene historische Frage- und Orientierungskompetenz.

Fußnoten

4.
Vgl. Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.), Das Konsensproblem in der politischen Bildung, Stuttgart 1977, S. 179ff.
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