Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Marion Klein

Trauerimperativ: Jugendliche und ihr Umgang mit dem Holocaust (-Denkmal)

Dilemma der Jugendlichen

Die Rekonstruktion des empirischen Materials ergab, dass sich die Schülerinnen und Schüler in Bezug auf den Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust in einem Dilemma befinden. Einerseits sehen sie sich mit den normativen Ansprüchen des kollektiven Bindungsgedächtnisses konfrontiert, andererseits verfügen sie nicht über eine gemeinsame milieu- beziehungsweise generationsspezifische Erfahrungsbasis mit den Opfern des Holocaust, die Voraussetzung wäre, um Gefühle der Trauer empfinden zu können. In einem ähnlichen Sinne hat der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik Trauer als eine "Nahemotion" bezeichnet, die "bekannten oder als bekannt geltenden Menschen erwiesen wird".[20]

"Die hatten so Fotos aufgehängt von ehemaligen Insassen, die halt alle im KZ gestorben sind, und dann stand ich wirklich ganz zufällig plötzlich vor jemandem, der am selben Tag Geburtstag hat wie ich. Da dachte ich dann so das erste Mal, okay, jetzt biste mal wirklich traurig sozusagen. Des war so mein Erlebnis." (Michael)

An dieser Passage, die dem ersten Zitat unmittelbar folgt, wird deutlich, dass die Erwartung, traurig zu sein, vor der Trauer da ist. Sie ist kommunikativ vermittelt und Teil des Wissens, das mit dem Wissen über das Thema transportiert wird. Michael weiß, dass er traurig sein "müsste" und versucht, dieses Gefühl bei sich zu erzeugen. Es gelingt ihm, als er auf das Bild eines im KZ Gestorbenen trifft, der am selben Tag wie er Geburtstag hat. In seiner Erzählung dokumentiert sich die Befriedigung oder Erleichterung über dieses Gelingen, Trauer zu empfinden: "Jetzt biste mal wirklich traurig sozusagen." Über die Herstellung einer imaginierten Gemeinsamkeit durch die Verknüpfung des eigenen Erfahrungsraumes mit einem imaginativen Anderen wird die Trauer authentisch erlebt. Andernfalls wird sie als äußerer Zwang empfunden. Das Beispiel zeigt, dass Michael den "ehemaligen Insassen" zu einem ihm bekannten Menschen macht, um den Trauerimperativ erfüllen zu können. Die Mehrzahl der befragten Schülerinnen und Schüler versucht auf diese Weise, das beschriebene Dilemma zu "lösen" und damit dem normativen Anspruch gerecht zu werden.

Die Existenz solcher normativen Wissensbestände, die ich in Anlehnung an Pierre Bourdieu als "Regel"[21] bezeichnet habe, wurde in meiner Untersuchung nicht vorausgesetzt, sondern über die Handlungspraxis der Jugendlichen – retrospektiv – empirisch rekonstruiert.

Erfüllung der "Regel"

Die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler bemüht sich, den an sie herangetragenen Erwartungen des Empfindens von Trauer, Betroffenheit und (teilweise) Schuld dadurch zu entsprechen, indem sie versuchen, die gemeinsamen nahweltlichen Erfahrungen, die ihnen authentische Empfindungen vermitteln könnten, imaginativ zu vergegenwärtigen. Im Zuge dieser Konstruktion gemeinsamer "konjunktiver Erfahrungsräume"[22] werden beispielsweise Wissensbestände der Geschichtsschreibung in die Familiengeschichte transferiert, um sie auf diese Weise zum Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Familie werden zu lassen.

Weitere Ausprägungen finden sich in der Parallelisierung der eigenen heutigen Situation als Migranten und "Ausländer" mit den Juden als Opfern des Holocaust oder indem sich die Jugendlichen in eine Familientradition einreihen, deren Vor-Generationen ebenso wie die Juden als Opfer des Nationalsozialismus verstanden werden.[23] Häufig versuchen insbesondere die Schülerinnen anhand der Objekte im Ort der Information die Perspektive der Opfer zu übernehmen, sich mit diesen zu identifizieren beziehungsweise sich als deren Freundin oder Bekannte zu imaginieren:

"Man baut eine Beziehung auf zu den Personen, und man weiß schon vorher, dass es eigentlich nicht gut ausgehen kann, weil in der Zeit … und wie des auch schon aufgemacht wurde" (in der Ausstellung im Ort der Information, Anm. MK) (Marie)

"Ja, und bei Judith mein’ ich. Da musste ich mich richtig zusammenreißen, dass mir nicht die Tränen kommen." (Nicola)

In einigen Gruppen führt der Versuch, gemeinsame nahweltliche Erfahrungsräume zu konstruieren, um Gefühle der Trauer empfinden zu können, zu einer "Nostrifizierung". Dieser Begriff, der aus den lateinischen Wörtern nostrum und facere abgeleitet ist und wörtlich "zu Unserem machen" bedeutet, beschreibt ein Phänomen der Hineinnahme fremder Wissensbestände in den eigenen Erfahrungsraum, wobei ",andere‘ Wirklichkeit konzeptuell an vertraute ‚an-geglichen‘" wird.[24] Im Gegensatz zur Perspektivenübernahme geht es weniger darum, sich an die Stelle des Anderen zu setzen, um dessen Gefühle und Erfahrungen nachvollziehen zu können; vielmehr wird der Andere vereinnahmt, wobei ihm die gemachten Erfahrungen quasi entrissen und dem eigenen Erfahrungsraum angepasst werden. Nostrifizierung wird umso wahrscheinlicher, je weniger die Jugendlichen auf historisches Wissen zurückgreifen können. Um die geschichtlichen Ereignisse immanent zu verstehen, verbinden die Jugendlichen diese mit ihren Alltagserfahrungen. Um ihre Alltagserfahrungen plausibel zu machen, vergleichen sie sie mit der Situation der Juden als Opfer des Holocaust:

Janine: "Ick hab’ mein’ Salon wo ick arbeite; und wenn ick da lang lofe, nur in schwarz-weißen Klamotten und mit blonden Haaren, ick werd’ da immer anjekiekt … Also da lofen se allgemein alle bunt rum. Is’ ja och schön. Dit jehört zu dem Viertel."

Lina: "Ja. Dit is’ aber wieder ditte, dass du in eine Schublade rinjesteckt wirst, obwohl du nich’ rinjehörst. Und jenauso is’ es; wenn wenn du halt diese Sachen trägst."

Janine: "Ja. Wenn ick jetzt da mit so ’ner Tasche noch rumlofen würde, ick wees nich’, ob ick da nach Hause komm’ würde."

Lina: "Ob nu ‚Lonsdale‘ oder ob du nun Ketten trägst, wo ‚BO‘ druffsteht für Böhse Onkelz, oder wat …" (…)

Lina: "So is’ es ja auch damals mit den Juden, dass die halt in eine Schublade jesteckt wurden."

Pauline: "Ja. Dis is’ das, was man heute noch merkt."

In dieser Diskussionspassage, in der die jungen Frauen Beispiele dafür anführen, aufgrund von Äußerlichkeiten in eine "Schublade gesteckt" zu werden, erläutert Janine, dass sie wegen ihrer Kleidung und Haarfarbe in dem Viertel, in dem sie arbeitet, "anjekiekt" wird. Sie vermutet darüber hinaus, dass sie durch das Tragen einer bestimmten Tasche massiver körperlicher Gewalt ausgesetzt sein könnte. Die von Janine geschilderte Alltagserfahrung wird mit einem Zwischenfazit beendet, in der die Schülerinnen eine Gleichsetzung zwischen ihrer eigenen Situation und jener der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus vornehmen. In diesem Zusammenhang werden Bruchstücke eines anderen Erfahrungsraumes, nämlich dem der Opfer des Holocaust, in den eigenen Erfahrungsraum integriert. Eine Auseinandersetzung mit den jüdischen Opfern findet in diesem Moment nicht statt. Die Jugendlichen machen sich vielmehr selbst zu (potenziellen) Opfern, wodurch sie die fremde konjunktive Erfahrung neutralisieren und den Unterschied zwischen der einem Völkermord vorausgehenden, antisemitischen Diskriminierung und Vorurteilen, denen sie sich selbst (aufgrund des Tragens von Symbolen, die als neonazistisch gelten können) ausgesetzt sehen, nivellieren.

Fußnoten

20.
Micha Brumlik, Trauerrituale und politische Kultur nach der Shoah in der Bundesrepublik, in: Hanno Loewy (Hrsg.), Holocaust. Die Grenzen des Verstehens, Eine Debatte über die Besetzung der Geschichte, Reinbek 1992, S. 197.
21.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat sein Verständnis von "Regel" in Abgrenzung (und Verschränkung) zu seinem Begriff des "Habitus" entwickelt: Während er Habitus als die lex insita – das "durch die primäre Sozialisation jedem Individuum eingegebene immanente Gesetz" – definiert, versteht er unter Regel die Aufstellung von "Seins- und Verfahrensgebote(n)" als nachträgliche Legitimation einer vorgängigen – durch den Habitus geregelten – Praxis (die Letztere dann wiederum als Norm anzuleiten versucht). Vgl. Pierre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1976, Zitate: S. 178, S. 203.
22.
Karl Mannheim, Strukturen des Denkens, Frankfurt/M. 1980 (1922–25), S. 211–216. Vgl. auch R. Bohnsack (Anm. 16), S. 59–64.
23.
Für eine ausführliche Darstellung vgl. M. Klein (Anm. 17).
24.
Joachim Matthes, The Operation Called "Vergleichen", in: ders., Das Eigene und das Fremde. Gesammelte Aufsätze zu Gesellschaft, Kultur und Religion, Würzburg 2005, S. 393.
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