Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Marion Klein

Trauerimperativ: Jugendliche und ihr Umgang mit dem Holocaust (-Denkmal)

Zurückweisung der "Regel"

Es gibt Gruppen, die den Anspruch, Gefühle der Trauer mit dem Thema und den kulturellen Repräsentationen zu verbinden, nicht (mehr) erfüllen können oder wollen und diesen schließlich als äußeren Zwang erleben. Eine der befragten Gruppen spricht in diesem Zusammenhang von einer "Trauer auf Kommando", die sich nach dem "fünften oder sechsten Mal" nicht mehr einstellen wolle. Beim Gang durch das Stelenfeld verzichten diese Jugendlichen darauf, die erwarteten Gefühle und Gedanken an dieses heranzutragen; sie nähern sich vielmehr dem Stelenfeld als Kunstwerk, welches sie zunächst mit nichts außer sich selbst verknüpfen. Sie unterscheiden zwischen dem unter dem Stelenfeld gelegenen Ort der Information ("unten"), der für den ihnen bekannten, als vorgeschrieben empfundenen Umgang mit dem Holocaust steht, und dem Stelenfeld selbst ("oben"), das ihnen einen eigenen Zugang zu dem Geschehenen ermöglicht:

"Klar, hier unten is’ halt schon geschlossen, des is’ so wie’s passiert is’. Oben is’ auch Anteilnahme, aber hier is’ nochmal dieses Bedrückte, Melancholische, Geschlossene halt, und oben ist dann dieses Offene (…). Hier unten sind ja die Gedanken sozusagen vorgegeben, und oben sind dann die freien Gedanken, die jeder damit verbindet. Also, so is’ es für mich." (Emilio)

Die Jugendlichen nähern sich dem Stelenfeld, indem sie dieses zunächst auf der Ebene von Sinneseindrücken wahrnehmen. Der Beschreibung dessen, was sie gesehen, leiblich erfahren, gehört haben, folgt die für eine ästhetische Erfahrung konstitutive Entdeckung von etwas Neuem, der Eintritt von etwas Widerständigem und Unerwarteten:[25]

"Was mir noch aufgefallen ist: die Kälte in der Mitte des Gebildes. Also, durch den Schatten und jetzt durch die heißen Temperaturen außerhalb hat es auch wieder so ’ne Gegensätzlichkeit gebildet. Am traurigsten oder am betrübtesten war ich auch hier unten am Ort der Information. Aber des war halt für mich auch so das entscheidende Erlebnis jetzt irgendwie, da bin ich da halt durch dieses Stelenfeld gelaufen und bin quasi immer tiefer in die Mitte oder in das Herz dieses Feldes vorgedrungen, und dann hab’ ich irgendwann hochgeguckt und dann war’n diese Stelen an der Seite, und dann bin ich irgendwie gestolpert. Und des hat für mich irgendwie, weiß nicht …" (Paul)

Das Denkmal als Objekt ästhetischer Betrachtung führt nicht zu der erwarteten (Erwartung der) Trauer. Das Stolpern dient als Metapher für Irritation, die in Gegensatz gestellt wird zu Emotionalität (Trauer und Betrübnis). Von Paul wird ein Kontrast zwischen dem Stelenfeld und dem Ort der Information beschrieben. Das für ihn "entscheidende Erlebnis" während des Denkmalsbesuchs war das Stolpern im "Herz dieses Feldes". Die von ihm gewählte Leibmetapher "Herz" als Synonym für die Mitte des Stelenfeldes hebt die Qualität der neuen emotionalen Erfahrung hervor. Analog zum Herzen als vitale Mitte des Körpers macht Paul im Zentrum des Stelenfeldes eine lebendige Erfahrung. Diese steht für ihn im Gegensatz zu den mit dem Ort der Information verbundenen bekannten Gefühlen von Traurigkeit und Betrübnis. Das Stolpern ist ein Verweis auf die Entautomatisierung der Verarbeitungsleistung. Das Denkmal wird von den Jugendlichen als Befreiung von einer "Trauer auf Kommando" erlebt, indem es neue Wege der Authentizität ermöglicht.

Fazit und Ausblick

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas bietet mehrere Wege des Umgangs mit der Erinnerung an den Holocaust. Während der Ort der Information vorrangig für einen Zugang zum Thema im Rahmen normativ gebotener Trauer genutzt wird, sehen gerade die Jugendlichen, die diesen Anspruch nicht (mehr) erfüllen können (oder wollen) im Stelenfeld ihre Gefühle und Erfahrungen repräsentiert. Inwiefern man dies als Chance begreift oder als Problem realisiert, hängt stark vom eigenen (erinnerungs-) pädagogischen Standpunkt ab. Dennoch sollen auf der Basis der Studienergebnisse drei Denkanstöße formuliert werden:
  1. Die von den Adressatinnen und Adressaten der schulischen und außerschulischen Bildungsangebote eventuell erwartete Trauer stellt sich bei diesen nicht als unmittelbare Reaktion ein, sondern muss von ihnen "hergestellt" werden, indem sie eigene Alltagserfahrungen mit dem Thema verbinden. Dies ist bei Pädagoginnen und Pädagogen, sofern sie einer anderen Generation angehören, unter Umständen anders.
  2. Der in der historisch-politischen Bildung teilweise favorisierte Lebensweltbezug, mit dem eine Brücke zwischen Geschichte und Ich-Erfahrung geschaffen werden soll, ist im Hinblick auf Prozesse der Nostrifizierung zu hinterfragen.
  3. Wird das Stelenfeld als poststrukturalistisches Mahnmal ernst genommen, dann bedeutet dies, dass man Jugendliche ihren eigenen Umgang mit dem Thema finden lässt. Dieser kann jenseits der normativ gebotenen Trauer liegen – und damit jenseits dessen, was Pädagoginnen und Pädagogen in der Regel zu erwarten scheinen.

Fußnoten

25.
Exemplarisch zu ästhetischer Erfahrung vgl. Ulrich Oevermann, Krise und Muße. Struktureigenschaften ästhetischer Erfahrung aus soziologischer Sicht, Vortrag gehalten am 19.6.1996 in der Städel-Schule Frankfurt/M., online: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/4953« (1.10.2013).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Marion Klein für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Veranstaltungsdokumentation (Oktober 2013)

APuZ-Forum "Geschichte als Instrument"

Anlässlich des Erscheinens der APuZ-Ausgabe "Geschichte als Instrument" veranstaltete die bpb am 7. Oktober in Berlin ein "APuZ-Forum". Auf zwei Podien wurde über den Stand und die Zukunft der "Aufarbeitung" der SED-Diktatur diskutiert. Das vollständige Forum kann als Audio-Podcast nachgehört werden.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop