Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Michael Sommer

Attentate in der Weltgeschichte: Was haben sie bewirkt?

Leid der Unberechenbarkeit

Noch schwerer wiegt die zweite Folgerung aus der zu Unrecht von der Demokratie vereinnahmten Bluttat: Was Attentäter wollen und was sie mit ihrer Tat bewirken, sind grundsätzlich zwei Paar Schuhe. In der Regel wollen sie "mit einer Kugel die Welt verändern".[9] Oft jedoch verpufft die kinetische Energie des Projektils historisch wirkungslos, obwohl es sein Ziel getroffen hat. So ließe sich trefflich darüber streiten, ob etwa der Ermordung des US-Präsidenten Abraham Lincoln 1865 angesichts des Bürgerkriegs und seiner unumkehrbaren Ergebnisse politisch überhaupt irgendeine Relevanz zukam. Doch selbst wenn es dem Attentäter gelingt, mit der Entleibung seines Opfers weithin fühlbare Schockwellen in die Welt auszusenden, sind die Folgen für ihn doch nur selten kalkulier-, geschweige denn kontrollierbar.

Die Ermordung selbst von Persönlichkeiten, denen rund um die Uhr Personenschützer auf den Fersen sind, lässt sich im Prinzip minutiös planen. In dem Moment aber, in dem die Leiche des Opfers erkaltend am Boden liegt, wird eine Ereigniskette in Bewegung gesetzt, die selbst strategisch Hochbegabte unmöglich überblicken können. Das Handeln aller relevanten Akteure ins Kalkül einbeziehen zu wollen, gliche dem Versuch, das Spiel gleich einer ganzen Kompanie von Schachspielern über mindestens ein Dutzend Züge vorauszuberechnen. Die vielen politischen Mordanschlägen innewohnende Dialektik, nach der die Attentäter das genaue Gegenteil von dem erreichten, was sie geplant hatten, enthüllt der Blick auf einen Mordfall, der schon über 2000 Jahre zurückliegt, aber noch heute beispielhaft steht für eine Bluttat, die zwar ihr Opfer fand, politisch aber nicht nur wirkungslos blieb, sondern das Gegenteil von dem erreichte, was die Mörder bezweckt hatten.

Die Rede ist vom Attentat auf Gaius Julius Caesar, dessen Datum, die Iden des März 44 v. Chr., kaum weniger Sinnbildcharakter trägt als der 20. Juli 1944. Caesar war 55 Jahre alt und stand, als dictator perpetuo, im Zenit seiner Macht. Durch das geschickte Schmieden taktischer Bündnisse auf Zeit hatte sich der Spross einer hochadligen, aber verarmten Familie in den innersten Zirkel der römischen Republik emporgearbeitet. Diese Republik ächzte unter dem Machtwillen ehrgeiziger Individuen, die sich nicht mit einer Rolle im kollektiven Herrschaftsapparat der Senatorenschaft abfinden mochten, wie er jahrhundertelang Politik in Rom gestaltet hatte. Caesar war der ehrgeizigste, skrupelloseste und politisch begabteste dieser Männer: 48 v. Chr. war ihm sein größter Widersacher, Pompeius, in einem blutigen Bürgerkrieg unterlegen; in Ägypten hatte der Rivale einen gewaltsamen Tod gefunden.[10]

Zwar musste Caesar noch einzelne Widerstandsnester in den Provinzen niederkämpfen, doch war er praktisch unangefochten im Besitz der alleinigen Macht. Kompatibel mit Verfassungsgrundsätzen und eingespielten politischen Praktiken der Republik war diese Stellung nicht. Caesar ersann den Notbehelf der Diktatur, die er aus der Mottenkiste politischer Institutionen klaubte. Doch die Diktatur, erst recht die "ewige", zeitlich unbefristete (perpetuo), konnte kaum verschleiern, dass Caesar mit seiner ganzen Person quer stand zu den geheiligten Traditionen der Republik – und den Aufstieg anderer Aristokraten, die ebenfalls nach Einfluss strebten, gewissermaßen deckelte. Die lauwarme Geste, mit der er das königliche Diadem, das sein Handlanger Marcus Antonius ihm dargeboten hatte, zurückwies, unterstrich nur, dass der Diktator de facto ein Monarch war.[11] Deshalb war Caesars Position seit Pompeius’ Ausscheiden aus dem Machtkampf prekärer, als es den Anschein hatte – und deshalb strebte er im Winter 45/44 v. Chr. wohl auch nach neuen Lorbeeren auf dem Schlachtfeld. Dort nämlich war seine Autorität unangefochten. Gegen die Parther, Roms großen Angstgegner im Osten, sollte es gehen: Hier winkte schier unermesslicher Ruhm.

Genau das setzte seine Gegner, von denen es etliche gab, unter Zugzwang. Ein siegreich aus dem Orient heimkehrender Caesar wäre womöglich noch übermächtiger als es der Diktator im Frühjahr 44 v. Chr. schon war. Deshalb war Gefahr im Verzug, es musste gehandelt werden. Diejenigen, die ihm jetzt nach dem Leben trachteten, kamen – Ironie des Schicksals – alle aus dem Dunstkreis des Machthabers: Die Karriere des Offiziers Gaius Trebonius hatte Caesar systematisch gefördert und ihn schließlich gar zum Konsul wählen lassen; Decimus Brutus durfte in Caesars Kutsche mitreisen und war zum Statthalter der Provinz Gallien ernannt worden; Cassius Longinus war, obwohl er zeitweise mit Pompeius paktiert hatte, unter Caesar zum Legionsbefehlshaber und zum Prätor aufgestiegen; fest versprochen war ihm die Statthalterschaft der wichtigen Provinz Syrien; auch der Vierte im Bunde, Cassius’ Schwager Marcus Brutus, war von Caesar, obwohl eingefleischter Republikaner, mit einer Statthalterschaft ausgezeichnet, zum Prätor ernannt und zum Konsul designiert worden. Zu diesen Männern gesellten sich noch weitere Senatoren aus der zweiten Reihe.

Ausgerechnet im von Pompeius gestifteten Theater auf dem Marsfeld streckten die Verschwörer, angeführt von Cassius, den Diktator mit 23 Messerstichen nieder. Dort verblutete er zu Füßen einer Statue seines Rivalen. Caesar hatte es seinen Mördern leicht gemacht. Seine Leibgarde hatte er, um nicht als Tyrann zu gelten, im Monat zuvor entlassen, warnende Vorzeichen hatte er geflissentlich ignoriert. Die spezifische Anatomie des Caesarmordes als Attentat kennzeichnen das gemeinsame Agieren bei der Ausführung, die krude Gemengelage der Motive und die völlige Planlosigkeit der Verschwörer mit Blick auf das, was nach dem Mord zu geschehen habe. Die Mörder stachen nicht nur deshalb in der Horde zu, um dem Opfer keine Chance zur Gegenwehr und seinen Verbündeten im Senat keine Gelegenheit zum Eingreifen zu geben, sondern auch, um die Blutschuld zu verteilen. Während dem Gesinnungsrepublikaner Brutus wohl sein unbezähmbarer Freiheitswille den Dolch führte, waren die Beweggründe manch anderer weniger hehr: Etliche der Mörder waren gewiss von Caesar enttäuscht, der sie wohl protegiert, aber ihre Karriere nicht so gefördert hatte, wie sie es insgeheim erhofft hatten. Der eine oder andere mochte Caesar gerade seine clementia, seine Milde, gegenüber ehemaligen Weggefährten des Pompeius nicht verziehen haben.

Nach der Bluttat setzten sich die Mörder die phrygische Mütze auf, die sonst Sklaven bei ihrer Freilassung trugen, und riefen den Namen Ciceros. Doch der begeisterte Empfang, mit dem die selbsternannten Befreier fest gerechnet hatten, blieb aus. Die Römer reagierten kühl bis feindselig auf die Tat, alle Türen waren fest verschlossen. In diesem Moment schlug Murphy’s Law gnadenlos zu: Für die Verschwörer ging schief, was irgend schiefgehen konnte. Sie hatten nicht begriffen, dass jedes Machtvakuum sich unverzüglich füllt; und statt selbst Caesars Platz einzunehmen, überließen sie ihren Gegnern die Initiative. Die kleinmütigen Verschwörer suchten Zuflucht auf dem Kapitol und überließen einem anderen die große Bühne.

Jetzt rächte sich, dass sich Brutus gegen Cassius durchgesetzt und vereitelt hatte, dass mit Caesar auch sein mächtigster Gefolgsmann, der Konsul Marcus Antonius, beiseite geschafft wurde. Mit der Autorität seines Amtes brachte Antonius den Staatsschatz und Caesars Testament an sich. Er handelte einen Kompromiss mit den Caesarmördern aus, der diesen Amnestie zusicherte, aber Caesars Amtshandlungen ihre Gültigkeit beließ. Caesars letzter Wille machte jeden römischen Bürger zum Miterben seines kolossalen Vermögens; als diese Tatsache durch Antonius öffentlich wurde, gab es kein Halten mehr: Die Trauer um Caesar sprengte jedes Maß. Darüber hinaus tauchte plötzlich auch noch des Diktators rechtmäßiger Erbe, der erst 18-jährige Gaius Octavius, auf und empfahl sich Caesars alter Anhängerschaft als ihr Sachwalter. Niemand konnte ahnen, dass dieser Jüngling Roms kommender Mann sein würde: Oktavian, der spätere Augustus. Anfangs Antonius’ schärfster Konkurrent, raufte er sich schon 43 v. Chr. mit Caesars ehemaligem Stellvertreter zusammen. Das Nachsehen hatten die Caesarmörder, die im Jahr darauf Antonius und Oktavian bei dem griechischen Ort Philippi unterlagen und untergingen.

Binnen zweier Jahre hatten Cassius, Brutus und ihre Mitverschwörer nicht nur das Überraschungsmoment, das ihnen das Attentat beschert hatte, völlig verspielt; schlimmer noch, der republikanische Freiheitsgedanke, den sie vor sich hergetragen hatten, war diskreditiert. Schuld daran war gewiss ihr politisches Unvermögen. Sie hatten ihre Widersacher und die Verehrung, die Caesar in der breiten Masse genoss, unterschätzt. Doch gab es unzählige Faktoren, die sie unmöglich in ihre Rechnung hatten einbeziehen können: das plötzliche Auftauchen Oktavians, die denkbar unwahrscheinliche Einigung zwischen dem Newcomer und dem alten Polit-Hasen Antonius, Caesars Testament. Am Ende bahnten die Verschwörer ausgerechnet Oktavian den Weg zur Alleinherrschaft. Auf den Trümmern der Republik errichtete er den Prinzipat, das politische System der römischen Kaiserzeit, das, mit einigen Modifikationen, bis zum Anbruch des Mittelalters Bestand haben sollte.

Fußnoten

9.
So der passende Untertitel von Sven Felix Kellerhoff, Attentäter. Mit einer Kugel die Welt verändern, Köln 2003.
10.
Hierzu und zum Folgenden vgl. John P.V.D. Balsdon, The Ides of March, in: Historia, 7 (1958), S. 80–94; Werner Dahlheim, Die Iden des März 44 v. Chr., in: A. Demandt (Anm. 1), S. 39–59; David F. Epstein, Caesar’s personal enemies on the Ides of March, in: Latomus, 46 (1987), S. 566–570; Robert Etienne, Les Ides de Mars. L’assassinat de César ou de la dictature?, Paris 1973; Ulrich Gotter, Der Diktator ist tot! Politik in Rom zwischen den Iden des März und der Begründung des Zweiten Triumvirats, Stuttgart 1996; Martin Jehne, Die Ermordung des Diktators Caesar und das Ende der römischen Republik, in: Uwe Schultz (Hrsg.), Große Verschwörungen, München 1998, S. 33–47 und S. 256–261; Giuseppe Zecchini, C. Iulius Caesar. Rom, 15. März 44 v. Chr., in: M. Sommer (Anm. 4), S. 55–63.
11.
Caesar hatte die Zurückweisung des Diadems bewusst inszeniert. Keiner nahm ihm ab, dass er die Alleinherrschaft wirklich ablehnen wollte.
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