Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Michael Sommer

Attentate in der Weltgeschichte: Was haben sie bewirkt?

Macht der Ohnmächtigen

Mit der dialektischen Verkehrung ihrer Ziele ins krasse Gegenteil standen die Caesarmörder historisch keineswegs allein. So mündete das Morden der Roten Brigaden in Italien und der RAF in Deutschland in beiden Ländern nicht in einer Revolution, sondern in einen Burgfrieden der Demokraten.[12] Ähnlich verhalf erst der gewaltsame Tod der Symbolfigur Martin Luther King durch die Hand von James Earl Ray der US-Bürgerrechtsbewegung zum endgültigen Durchbruch.[13] Was King selbst in Jahren geduldiger Arbeit nicht vermocht hatte, schaffte sein Mörder: die Ideologie der Rassentrennung als menschenverachtenden Anachronismus zu entlarven. Einen Märtyrer schuf auch der fanatische Hindu-Nationalist Nathuram Godse, der am 30. Januar 1948 Mahatma Gandhi mit drei Kugeln niederstreckte. Die Tat erleichterte zumindest vorläufig den Ausgleich zwischen Muslimen und Hindus in Indien und stabilisierte langfristig die Demokratie.[14]

Und selbst die "Fememorde" an Matthias Erzberger (1921) und Walter Rathenau (1922), die gemeinsam mit der Hyperinflation die fast schon tödliche erste Krise der Weimarer Republik markierten, schweißten erst einmal alle Kräfte zusammen, die, von der SPD bis zur nationalliberalen Deutschen Volkspartei, bereit waren, die Republik zu tragen.[15] Sicher gibt es auch Gegenbeispiele: Der Mord an Jitzchak Rabin 1995 etwa lähmte, wie vom Mörder beabsichtigt, den israelisch-palästinensischen Friedensprozess. Meist aber werden die Täter selbst zu Opfern der Verkettung von Zufällen, die sie mit ihrer Tat auslösen.

Wenn also der politische Nutzen von Morden selbst bei gelungener Ausführung zweifelhaft ist, was motiviert dann Attentäter zu ihrem Handeln? Und lässt sich überhaupt so etwas wie eine "Theorie" des Attentats formulieren, die es vermag, die unzähligen Erscheinungsformen auf wenige prägnante Nenner zu bringen? Die einschlägige Literatur hat sich immer wieder an Typologien versucht. So unterscheidet der Journalist und Sachbuchautor Sven Felix Kellerhoff zwischen sechs Kategorien von Attentätern: verwirrten sowie idealistischen Einzeltätern, religiösen Eiferern, gedungenen Mördern, Vollstreckern von Verschwörungen und politischen Terroristen.[16]

Will man indes den historischen Mechanismus von Attentaten verstehen, dann hilft das Studium der Attentäter weniger als ein analytischer Blick auf die Gesellschaften, in denen sie handeln. Gibt es Situationen und Milieus, in denen Attentate gehäuft auftreten? Gibt es umgekehrt gesellschaftliche Systeme, die relativ immun sind gegen politisch motivierte Anschläge? Eine statistische Untersuchung historischer Attentate und ihrer Verteilung steht noch aus, doch scheinen sich selbst bei oberflächlicher Betrachtung bestimmte politische Formationen herauszuschälen, die besonders anfällig waren und sind für das Wirken von Attentätern: zunächst Systeme wie Diktaturen und Monarchien, in denen Einzelpersonen eine herausragende, gerade auch symbolische Rolle spielen; dann Systeme in historischen Umbruchperioden und Krisen; schließlich Gesellschaften mit ungewöhnlich hohem Polarisierungsgrad zwischen verschiedenen – politischen, ethnischen, religiösen, sozialen – Gruppen.

Trifft mehr als eines dieser Merkmale auf eine Gesellschaft zu, dann ist sie potenziell anfällig für politisches Assassinentum: so etwa die europäischen Monarchien zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg, besonders jene mit ungelösten nationalen Fragen, diktatorische Regime in der sogenannten Dritten Welt, in Deutschland die Weimarer Republik, die USA während des Sezessionskrieges und der Reconstruction.

Wenig anfällig hingegen waren die kaum personalisierten sozialistischen Systeme im ehemaligen Ostblock. Gleiches gilt heute meist für die Demokratien westlicher Prägung, wenngleich hier Ausnahmen die Regel bestätigen: So häuften sich politisch motivierte Anschläge in den USA und in anderen westlichen Demokratien vor dem Hintergrund politisch-sozialer Krisen.[17] Aber selbst das kleine, wohlhabende Schweden mit seinem nur wenig polarisierten politischen System war innerhalb von nicht einmal 20 Jahren immerhin Schauplatz zweier spektakulärer Mordanschläge: gegen Ministerpräsident Olof Palme 1986 und gegen Außenministerin Anna Lindh 2003 – hier, wo die politische Klasse sich stets besonders bürgernah geben wollte, mögen allerdings Defizite beim Personenschutz förmlich als Einladung an potenzielle Attentäter gewirkt haben.[18]

Die Norm aber sind Attentate in Gesellschaften im Umbruch, mit hochgradig personalisierten politischen Systemen, in denen Anschläge auf politisch exponierte Individuen enormer Symbolwert zukommt und in denen Minderheiten und an den Rand Gedrängte oft scheinbar keine andere Wahl haben, als zu versuchen, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Anschläge sind per definitionem asymmetrische Akte, besonders dann, wenn ein Einzeltäter aus dem Hinterhalt auf eine öffentliche Person zielt, in deren Rücken die geballte Staatsmacht steht. Sie sind aber auch fast immer Symptome gesellschaftlicher Asymmetrien: Wenn Krieg die "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" ist (Carl von Clausewitz), dann ist das Attentat nicht selten die Fortsetzung der Revolution: der sich eruptiv entladende Zorn der Ohnmächtigen.[19]

Asymmetrie, Personalisierung, symbolische Aufladung, politischer Umbruch und extreme Polarisierung waren auch die Zutaten des Attentats von Sarajevo, dem am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand zum Opfer fiel. Mit Bedacht hatte sich die Attentätergruppe um den bosnischen Serben Gavrilo Princip den Erzherzog zum Ziel erkoren, der wie kein anderer für einen deutschnationalen Kurs in der Donaumonarchie stand. Mit Bedacht war auch das Datum des Attentats gewählt: Der Sankt-Veits-Tag war das Datum der legendären Schlacht auf dem Amselfeld, in der 1389 ein serbisches Heer unter ihrem König Lazar den Osmanen unterlegen war; am selben Tag hatte 1878 Österreich-Ungarn auf dem Berliner Kongress das Mandat für die Besetzung Bosnien-Herzegowinas erhalten. Die ungelösten nationalen Fragen auf dem Balkan, die Ohnmachtsgefühle einer aufsteigenden serbischen Bildungselite, die symbolische Bedeutung des Opfers wie des Morddatums – all das materialisierte sich in der Revolverkugel, mit der Gavrilo Princip den Ersten Weltkrieg auslöste.[20] Princip und seine Mitverschworenen hatten politisch über Bande gespielt: Das Attentat mündete in den Krieg und der Krieg schließlich in die Zerstörung der Donaumonarchie und in das als Königreich Jugoslawien getarnte Groß-Serbien, von dem sie geträumt hatten. Die Mörder des Erzherzogs gehörten so zur Minderheit politischer Attentäter, die ihr Ziel zumindest nach kurzer Wartezeit erreicht hatten.[21]

Das Muster, dass Polarisierung, Asymmetrie und Symbolwert von Anschlagzielen zu Attentaten förmlich einladen, findet sich in der globalisierten Weltgesellschaft unserer Tage in den tausendfach potenzierten Morden des 11. September 2001 wieder. Im 21. Jahrhundert zielt die Kugel des Attentäters oft nicht mehr auf Individuen, sondern, vor dem Hintergrund politischer Entpersonalisierung und neuer technischer Möglichkeiten, auf Infrastruktur und große Menschenansammlungen, bis hin zur für Terror-Netzwerke vom Schlage al-Qaidas prinzipiell zu bewerkstelligenden Auslöschung ganzer Großstädte. Doch auch der moderne Attentäter kann, so wenig wie einst die Caesarmörder, in die Zukunft blicken: Wie einst die Nachwelt seine Tat beurteilen und was er mit ihr bewirken wird, entzieht sich seinem Zugriff.

Fußnoten

12.
Vgl. Michael Sommer, Aldo Moro. 9. Mai 1978, in: ders. (Anm. 4), S. 231–238, hier: S. 237f.; Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepubik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 344ff.
13.
Vgl. Michael Sommer, Martin Luther King, Jr. Memphis, 4. April 1968, in: ders. (Anm. 4), S. 215–222, hier: S. 121f.
14.
Vgl. Dietmar Rothermund, Mahatma Gandhi. Delhi, 30. Januar 1948, in: M. Sommer (Anm. 4), S. 201–206, hier: S. 206.
15.
Hierzu schrieb Hagen Schulze prägnant: "Wie stets nach terroristischen Anschlägen auf die Staatsordnung festigte auch dieser Mord (an Rathenau, Anm. M.S.) das System, das zerstört werden sollte." Hagen Schulze, Weimar. Deutschland 1917–1933, Berlin 1982, S. 243.
16.
Vgl. S.F. Kellerhoff (Anm. 9).
17.
Betroffen waren außer Martin Luther King in den 1960er Jahren noch John F. Kennedy und Malcolm X, zuletzt, 1981, Präsident Ronald Reagan. Während die Hintergründe des Kennedy-Attentats nicht völlig aufgeklärt sind, im Fall von Malcolm X Differenzen in der Black-Muslim-Bewegung eine Rolle spielten und der Reagan-Attentäter als unzurechnungsfähig eingestuft wurde, stand allein das Attentat auf King im Zusammenhang mit den sozialen Umbrüchen der 1960er Jahre.
18.
Vgl. Robert von Lucius, Nicht noch einmal: Schwedens Polizei fürchtet eine zweite Blamage, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.9.2003, S. 6.
19.
Zur Asymmetrie im Krieg vgl. die instruktiven Ausführungen bei Herfried Münkler, Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 2006, S. 151–168.
20.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Susanne Brandt in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
21.
Vgl. Imanuel Geiss, Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich. Sarajevo, 28. Juni 1914, in: M. Sommer (Anm. 4), S. 174–182; Bernd Sösemann, Die Bereitschaft zum Krieg. Sarajewo 1914, in: A. Demandt (Anm. 1), S. 295–320.
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