Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Susanne Brandt

28. Juni 1914: Beginn des Ersten Weltkrieges?

Die Ermittlungen

Der Attentäter wurde rasch überwältigt und von empörten Umstehenden zusammengeschlagen – das Zyankali konnte er zwar noch schlucken, doch wie bei Čabrinović trat die tödliche Wirkung nicht ein.[8] Beide wurden verhaftet, genauso wie innerhalb weniger Tage die übrigen Mitverschwörer. Bereits am Attentatstag selbst begannen unter dem österreichischen Untersuchungsrichter Leo Pfeffer die Verhöre.

Autoren älterer wie neuerer Publikationen zum Thema stimmen darin überein, dass es den Attentätern gelang, die Rekonstruktion der Hintergründe zu verschleiern.[9] Eher durch Zufall erreichten die Ermittler einen Durchbruch: Nachdem Danilo Ilić am 1. Juli – im Rahmen der Befragung aller Zeugen – gefasst worden war, schlug er einen Handel vor und gab wertvolle Hinweise preis. Während Princip und Čabrinović bis zum Prozessende versuchten, als Einzeltäter zu erscheinen, tauchten immer mehr Indizien auf, die auf eine Beteiligung des serbischen Geheimdienstes und der ihm eng verbundenen Geheimorganisation "Schwarze Hand" hinwiesen.

Die "Schwarze Hand" war im Mai 1911 gegründet worden und bildete Guerillakämpfer und Saboteure aus – mit dem Ziel, auf gewaltsamem Wege ein Groß-Serbien zu erschaffen.[10] Zwar war die enge Verbindung zur Regierung (unter Premierminister Nikola Pašić) zerbrochen, aber dennoch blieb Letztere sehr gut darüber informiert, was in der Geheimorganisation vor sich ging.[11] Die Beteiligung von Geheimorganisationen, unter ihnen auch Mlada Bosna ("Junges Bosnien"), als deren Mitglied Gavrilo Princip gilt, erschwert die Forschung bis heute. Denn zum Wesen einer geheim operierenden Gruppe gehört es, möglichst keine schriftlichen Dokumente zu hinterlassen. Und wo klare Beweise fehlen, können Vermutungen und Legenden blühen.

Für die österreichische Regierung schien es eine ausgemachte Sache, dass hinter dem Attentat die Regierung in Belgrad stand. Daraus leitete sich das Ultimatum ab, das am 23. Juli, also knapp vier Wochen später, an Serbien übergeben wurde und das den Mechanismus von Mobilmachungen und Kriegserklärungen in Gang setzte. Die serbische Regierung entsprach in zwei Punkten den Forderungen Österreich-Ungarns nicht, weil sie die Souveränität Serbiens dadurch eingeschränkt sah: Eine Beteiligung österreichisch-ungarischer Regierungsstellen an der gerichtlichen Untersuchung wurde ebenso abgelehnt wie eine Beteiligung an der Verfolgung der "subversiven Bewegungen", die gegen die Habsburgermonarchie kämpften.[12]

Der tatsächliche Einfluss der serbischen Regierung bei der Planung des Mordes ist bis heute nicht eindeutig geklärt. In dem Standardwerk, der Enzyklopädie Erster Weltkrieg, heißt es, dass ein Engagement des serbischen Geheimdienstes unter Leitung von Oberst Dragutin Dimitrijević als sicher gelten kann, eine direkte Beteiligung der Regierung jedoch nicht nachzuweisen ist.[13] Einige Autoren sind der festen Überzeugung, dass die Attentäter ohne Einfluss aus Belgrad agierten, dass es quasi eine "lokale Angelegenheit" gewesen sei. Andere argumentieren dagegen, dass es genau die Absicht des Geheimdienstchefs und der Regierung gewesen sei, ihre Beteiligung zu verschleiern.[14]

Die Attentäter

Wer waren die jungen Männer, die vom serbischen Geheimdienst rekrutiert worden waren? Die drei Kernmitglieder der Attentätergruppe, Gavrilo Princip, Nedeljko Čabrinović und Trifko Grabež, waren zum Zeitpunkt ihrer Anwerbung alle 19 Jahre alt, kamen aus ärmlichen Verhältnissen und hatten zahlreiche Publikationen von sozialistischen, anarchistischen und nationalistischen Autoren rezipiert,[15] Grabež und Princip waren zudem Mitglieder der "Schwarzen Hand".[16] Sie waren schwärmerische junge Männer und verehrten in der serbischen Propaganda zu Heroen stilisierte Attentäter wie Bogdan Žerajić (der 1910 ein erfolgloses Attentat auf den österreichischen Gouverneur in Bosnien und Herzegowina, General Marijan Varešanin, verübt und danach Selbstmord begangen hatte).[17] Ihre Liebe und Loyalität galt Serbien, obwohl sie offiziell Bürger von Österreich-Ungarn waren.[18] Partnerinnen scheint es in ihrem Leben nicht gegeben zu haben, stattdessen Konflikte mit Eltern, Lehrern und Vorgesetzten. Sie waren früh auf sich alleine gestellt, Princip hatte schon sehr jung sein Elternhaus verlassen, um in Sarajevo und Tusla zur Schule zu gehen. In Belgrad, wo sich Princip nach 1912 aufhielt, trafen sie sich in Kaffeehäusern, in denen nach den Balkankriegen ehemalige Kämpfer mit ihren Abenteuern prahlten und die Jugendlichen beeindruckten.[19] Sie boten ihnen Vaterfiguren und Vorbilder. Der Agent der Geheimorganisation, Voja Tankosić, hatte mehr als leichtes Spiel, die Jungen anzuwerben für einen Kampf gegen den vermeintlichen Urheber aller ihrer Sorgen. Princip war ein kleiner, schmaler und schüchterner junger Mann. Und vermutlich waren Princip, Čabrinović und Grabež bereits vor 1914 an Tuberkulose erkrankt,[20] nicht erst infolge dramatisch schlechter Haftbedingungen nach dem Attentat, wie es in vielen Artikeln und Internetquellen dargestellt wird.[21]

Die Autoren, die den serbischen Geheimdienst – und vor allem Dimitrijević – für die treibende Kraft im Hintergrund halten, mutmaßen, dass Franz Ferdinand nicht nur als Repräsentant einer Besatzungsmacht ins Visier geraten war: "Die Auswahl des Erzherzogs steht somit exemplarisch für ein immer wiederkehrendes Motiv in der Logik terroristischer Bewegung, nämlich dass Reformer und Gemäßigte stärker zu fürchten sind als direkte Gegner und Hardliner."[22] Wollten der serbische Geheimdienst und die Politiker die Pläne Franz Ferdinands, "Vereinigte Staaten von Großösterreich" zu schaffen, torpedieren? Selbst wenn es reine Spekulation bleibt, ob der Thronfolger als Herrscher dieses Vorhaben weiterverfolgt hätte,[23] die Verschleierungstaktik sowie das Einsetzen unerfahrener Jünglinge, die von dem Netzwerk wenig wussten, können als Indiz gedeutet werden für weiterreichende Motive. Der für die Attentäter mit Gift aus Belgrad geplante Selbstmord war eine Sicherheitsmaßname, um die Enthüllung der Hintermänner zu erschweren. Für die Attentäter selbst versprach der Suizid die Erhebung zu Märtyrern.[24]

Der Prozess, die Urteile und die Folgen

Vom 12. bis 23. Oktober 1914 fand in Sarajevo der Prozess gegen 25 Angeklagte statt. Der Historiker Joachim Remak betont, dass es ein fairer Prozess gewesen sei, der dem geltenden Recht folgte. Nicht nachvollziehbar sei lediglich, dass keine Vertreter der neutralen Presse zugelassen waren.[25] Die Zahl der Angeklagten umfasste etliche Helfer, deren Beteiligung am Attentat geklärt werden sollte. Personen, die die Revolver und Bomben beschafft, die Princip, Čabrinović und Grabež geholfen hatten, Waffen aus Belgrad nach Sarajevo zu schmuggeln, die ihnen für eine Nacht Unterkunft gewährt oder das Paket mit den Revolvern aufbewahrt hatten. Die Anklage lautete Mord, Beteiligung am Mord (nach geltendem Recht mit gleicher Härte zu ahnden wie Mord)[26] und Hochverrat – schließlich waren die Beschuldigten dem Gesetz nach österreichische Staatsangehörige.

Von den 25 Angeklagten wurden am 29. Oktober 16 verurteilt, davon fünf zum Tode wegen Beihilfe zum Mord und/oder Hochverrat. Neun Angeklagte wurden freigesprochen. Princip, Čabrinović und Grabež wurden in allen Anklagepunkten für schuldig befunden, konnten als Unter-20-Jährige aber nicht mit dem Tode bestraft werden, sie erhielten deshalb die maximal mögliche Haftstrafe von 20 Jahren. Princip betonte zwar, älter zu sein, doch aufgrund fehlender Urkunden ging das Gericht zu seinen Gunsten davon aus, dass er jünger sei. Alle drei starben noch vor Kriegsende im Gefängnis. Von den fünf Todesurteilen wurden zwei in einem höherinstanzlichen Verfahren in hohe Haftstrafen umgewandelt. Die Todesstrafen gegen Danilo Ilić, Veljko Čubrilović und Miško Jovanović wurden am 3. Februar 1915 vollstreckt.[27]

Zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung hatten sich die politischen und militärischen Ereignisse jedoch schon längst verselbstständigt. Bereits am Abend des 28. Juni nahmen mehrere Entwicklungen ihren Ausgang in Sarajevo. Die Leichen von Franz Ferdinand und Sophie wurden über Wien nach Artstetten gebracht. In der dortigen Familiengruft wurde der Erzherzog gemäß seinem Wunsch beigesetzt. Die Biografen sind sich einig, dass es ein Begräbnis dritter Klasse war – in der Kapelle der Wiener Hofburg wurde noch einmal deutlich, wie sehr Kaiser Franz Joseph I. die nicht standesgemäße Ehe missbilligt hatte. Sophies Sarg stand eine Stufe niedriger und wurde nur geschmückt vom Kranz der drei Kinder.[28] Um den Thronfolger als Menschen weinten nur sehr wenige. Als Repräsentant einer Macht, die von inneren Problemen geschüttelt war und schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, mit den Serben abzurechnen, eröffnete sein gewaltsamer Tod die Möglichkeit einer gerechten Vergeltung.

Fußnoten

8.
Vgl. ebd., S. 139.
9.
Vgl. ebd., S. 183ff.; C. Clark (Anm. 1), S. 493.
10.
Vgl. J. Remak (Anm. 1), S. 44f.
11.
Vgl. ebd., S. 49.
12.
Vgl. Sönke Neitzel, Weltkrieg und Revolution 1914–1918/19, Berlin 2008, S. 21.
13.
Vgl. Markus Pöhlmann, Eintrag "Sarajevo", in: Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, S. 813f.
14.
Vgl. J. Remak (Anm. 1), S. 95; C. Clark (Anm. 1), S. 497.
15.
Vgl. J. Remak (Anm. 1), S. 59.
16.
Vgl. ebd., S. 60 und S. 86.
17.
Vgl. ebd., S. 36.
18.
Vgl. ebd., S. 64.
19.
Vgl. ebd., S. 59ff.
20.
Vgl. ebd., S. 64.
21.
Vgl. Hans Hautmann, Princip in Theresienstadt, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, 20 (2013) 3, S. 1–9, hier: S. 3f.
22.
C. Clark (Anm. 1), S. 81.
23.
Vgl. J. Remak (Anm. 1), S. 56 und S. 66.
24.
Vgl. C. Clark (Anm. 1), S. 86.
25.
Vgl. J. Remak (Anm. 1), S. 212f.
26.
Vgl. ebd., S. 211.
27.
Vgl. ebd., S. 243–246.
28.
Vgl. ebd., S. 169ff. und S. 177f.; Lavender Cassels, Der Erzherzog und sein Mörder. Sarajevo, 28. Juni 1914, Wien–Köln–Graz 1988, S. 263.
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