Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Susanne Brandt

28. Juni 1914: Beginn des Ersten Weltkrieges?

Das Urteil der Historiker

Die Mehrheit der Historiker sieht in dem Attentat ein Signal, einen Funken, der ein verheerendes Feuer entfachte. Volker Berghahn hat 1997 in der Reihe "20 Tage im 20. Jahrhundert" den Band über den 28. Juni 1914 verfasst. Von mehr als 300 Seiten entfallen auf die Darstellung des Attentats lediglich zweieinhalb. Deutlicher hätte die These nicht umgesetzt werden können, dass es sich bei dem Anschlag zwar um eine dramatische Szene gehandelt habe, die für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges symptomatisch und wichtig gewesen sei,[29] aber um die Lawine der Gewalt zu erklären, analysiert Berghahn einen Zeitraum von der Jahrhundertwende bis in die späten 1920er Jahre.

Die Historiker haben ein ganzes Bündel langfristiger Ursachen zusammengetragen, um zu erläutern, warum Europa in den Ersten Weltkrieg zog: Imperialismus, Wettrüsten, Konkurrenz der Großmächte, aber auch innere Probleme, die nach außen abgeleitet werden sollten.[30] Einigkeit herrscht darüber, dass das Attentat die Julikrise auslöste. Die österreichisch-ungarische Regierung machte Serbien für den Anschlag verantwortlich. Sie erblickte die Gelegenheit, in einem Krieg den serbischen Nationalismus eindämmen zu können, der in den Provinzen Bosnien und Herzegowina viele Anhänger gefunden hatte. Zugleich sah das Deutsche Reich im Juli 1914 die Chance für einen "Test" gekommen: War Russland als Bündnispartner verlässlich? Russland war nicht nur die Schutzmacht der Serben (und hatte als solche in der bosnischen Annexionskrise 1908 "versagt", als es die Besetzung der beiden Provinzen durch Österreich-Ungarn hingenommen hatte), das Zarenreich war auch Bündnispartner von Frankreich und Großbritannien. Würde Russland – so die Hoffnung der deutscher Politiker und Militärs – Serbien nicht unterstützen, könnte die Entente aus Russland, Frankreich und Großbritannien zerfallen. Auch sahen deutsche Generäle und Politiker den eigenen Rüstungsvorsprung immer geringer werden, sodass ein Krieg besser früher als später geführt werden sollte. Das Deutsche Reich setzte mit hohem Risiko auf die Lokalisierung des Konfliktes – an der besonderen Verantwortung des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns für die Beschleunigung in Richtung Krieg im Juli 1914 besteht kein Zweifel.[31]

Das weitreichende Ultimatum, das Österreich-Ungarn Serbien überbrachte, wurde zu großen Teilen, aber nicht vollständig erfüllt. Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg, am 30. Juli machte Russland mobil, am 1. August das Deutsche Reich. Dessen Einmarsch in das neutrale Belgien am 4. August zog den Kriegseintritt Großbritanniens nach sich. Die tödlichen Schüsse in Sarajevo können somit durchaus als Beginn des Ersten Weltkrieges angesehen werden. Die Ursachen für das europäische Blutbad sind jedoch vielfältig und reichen weit zurück. Das Attentat wurde genutzt, um mit kriegerischen Mitteln innenpolitische und internationale Krisen zu lösen. Für den Erhalt des Frieden setzte sich niemand leidenschaftlich ein. Der Krieg galt vielen Zeitgenossen als unvermeidbar und als legitime Fortführung der Politik. Den blutigen Krieg, der sich entwickelte, hat keine der Großmächte gewollt, das unterstreicht der Historiker Gerd Krumeich.[32]

In seinem neuesten Buch regt der britische Historiker Christopher Clark an, die bisherige Forschungsmeinung auf den Kopf zu stellen und die Perspektive zu wechseln. Zunächst einmal sei Serbien der blinde Fleck in der bisherigen Erforschung der Julikrise.[33] Er beurteilt das Attentat als eine kurzfristige Erschütterung, die in den Krieg führte.[34] Ohne diesen Stoß wäre der Krieg im Sommer 1914 vermutlich nicht begonnen worden – und später? Andere Historiker – zum Beispiel Sönke Neitzel – können sich nur ein Verschieben der Katastrophe vorstellen: "Ein glimpflicher Ausgang der Juli-Krise, gleich welches Szenario man dabei zugrunde legt, hätte kein Problem gelöst."[35] Clark hingegen beurteilt die Machtverhältnisse in Europa als überaus fließend. So hält er eine Verschlechterung des russisch-französisch-britischen Verhältnisses für wahrscheinlich.[36] In einer solchen – offeneren – Situation hätten viele friedenssichernde Initiativen greifen können. Also: kein Attentat, kein Krieg.[37]

Die Verklärung

All dies belegt: Die Debatte um die Vorkriegsgeschichte ist auch 100 Jahre später frisch, intensiv und ertragreich. Doch auch die Heldenverehrung ist lebendig, wie der folgende Exkurs zeigt.

Im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien widmen sich zwei Räume der Darstellung des Ersten Weltkrieges. Sie sind momentan geschlossen und werden überarbeitet, um rechtzeitig zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns wiedereröffnet zu werden. Weiterhin zugänglich – und ein erkennbarer Publikumsmagnet – ist der Raum, der die unmittelbare Vorkriegsgeschichte behandelt. Im Zentrum des Raumes ist – von Glas umhüllt – die Chaiselongue ausgestellt, auf der Franz Ferdinand starb. Seine blutbefleckte Uniform liegt darüber, die weißen Handschuhe sorgfältig übereinandergelegt. Ein kleiner Papierpfeil am Kragen weist auf das Einschussloch hin. Ein weiteres bemerkenswertes Objekt in diesem Raum ist das Automobil der Marke Graef & Stift, Baujahr 1910, in dem Franz Ferdinand ermordet wurde. Das Automobil wurde von 1914 bis 1944 in der Feldherrenhalle ausgestellt und bei Kriegsende beschädigt. Seit 1957 ist das Fahrzeug an seinem jetzigen Ausstellungsort zu sehen.[38]

Dieser Raum ist alles andere als die Visualisierung eines unbedeutenden Ereignisses, im Museum wächst das Attentat zur nationalen Katastrophe. Franz Ferdinand erscheint als Hoffnungsträger: "Nach einigen Jahrzehnten zeigte sich aber auch, (…) dass den Forderungen der insgesamt elf größeren Nationalitäten der Donaumonarchie nach freier Entfaltung nur dann entsprochen werden konnte, wenn es zu einem abermaligen und radikalen Umbau an der Struktur des Reiches kam. Die Hoffnung, dass dies gelingen könnte, verband sich in erster Linie mit dem Thronfolger Franz Ferdinand."[39] Die in der Forschung intensiv diskutierte Frage nach den Hintermännern in Serbien findet in der musealen Umsetzung keinen Platz – auch nicht im Katalog. Dort heißt es knapp: "Österreich-Ungarn sah die Ermordung Erzherzog Franz Ferdinands und seiner Frau in Sarajevo als alleinige Schuld Serbiens, die mit der Unterwerfung des Balkanstaates gesühnt werden sollte. Die Donaumonarchie stellte ultimative Forderungen. Serbien machte mobil und erhielt die Unterstützung Russlands. Damit wurde aus einem begrenzten Krieg ein Bündniskrieg."[40]

Andere militärhistorische Museen oder Kriegsmuseen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass auch in knappe Ausstellungsbeschriftungen und Katalogtexte der aktuelle Forschungsstand einfließen kann. Eine kritische Selbstreflexion findet im Wiener Museum nicht statt: "Von 1908 an wurde Österreich-Ungarn jedoch immer stärker in die Auseinandersetzungen auf dem Balkan hineingezogen."[41] So kann man es auch formulieren.

Die Stilisierung des Thronfolgers – und angedeutet auch Österreich-Ungarns – als Opfer zieht auch andere Heldenverehrer an. Zielstrebig suchen junge Besucher in Wien den Sarajevo-Raum auf. Die Heroisierung des Opfers strahlt ab auf die Täter. Ihre Fotos, Revolver und die Bomben erhalten einen ebensolchen Fetischcharakter wie die blutige Uniform Franz Ferdinands. Doch unreflektierte Heldenverehrung und politische Vereinnahmung des Attentats braucht 100 Jahre nach dem Kriegsbeginn niemand mehr.

Fußnoten

29.
Vgl. Volker R. Berghahn, Sarajevo, 28. Juni 1914. Der Untergang des alten Europa, München 1997, S. 9.
30.
Knapp und informativ zum Einstieg: Stig Förster, Vorgeschichte und Ursachen des Ersten Weltkrieges, in: Rainer Rother (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg 1914–1918. Ereignis und Erinnerung, Berlin 2004, S. 34–41; Sönke Neitzel, Kriegsausbruch. Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900–1914, Zürich 2002. Die Forschung wird ausführlich nachgezeichnet von Annika Mombauer, The Origins of the First World War: Controversies and Consensus, London 2002.
31.
Vgl. Gerd Krumeich, Eintrag "Julikrise", in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg (Anm. 13), S. 601f.; ders., Juli 1914. Eine Bilanz, Paderborn 2013 (i.E.).
32.
Vgl. ders., Julikrise (Anm. 31).
33.
Vgl. C. Clark (Anm. 1), S. 15.
34.
Vgl. ebd., S. 19.
35.
S. Neitzel (Anm. 12), S. 24.
36.
Vgl. C. Clark (Anm. 1), S. 712f.
37.
Vgl. ebd., S. 710.
38.
Vgl. Manfried Rauchensteiner et al., Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien, Graz–Wien 2000, S. 63.
39.
Heeresgeschichtliches Museum Wien, Saalzettel "Franz Joseph-Saal und Sarajewo (1867–1914). Der historische Hintergrund", o.J., http://www.hgm.or.at/fileadmin/Saalzettel/de/Saalzettel_Franz_Joseph_deutsch.pdf« (17.10.2013).
40.
M. Rauchensteiner et al. (Anm. 38), S. 64.
41.
Heeresgeschichtliches Museum Wien (Anm. 39).
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