Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Charlotte Klonk

Macht der Bilder – Attentate als Medienereignis

Verantwortung der Betrachter

Die rasante technische Entwicklung des Internets und der digitalen Fotografie hat in den vergangenen Jahrzehnten die Grenze zwischen Konsumenten und Bildproduzenten merklich verwischt. Während zuvor die Verantwortung für die Bilder weitgehend bei den Berufsfotografen und auswählenden Bildredakteuren lag und immer wieder auch staatliche Stellen regulierend in die Bildberichterstattung eingegriffen haben, sind es nun zunehmend Fotos der Opfer selbst oder von am Geschehen direkt Beteiligten, die ohne großen Zeitverlust und ohne Filter an die Öffentlichkeit gelangen und unser Bild von den Ereignissen bestimmen.

So gelangte erstmals kurz nach den Bombenattentaten auf die Londoner U-Bahn am 7. Juli 2005 die Handyaufnahme eines Opfers auf die Titelseite der "Washington Post". Das dunkle körnige Foto wurde auf einer eigens für Aufnahmen aus der Bevölkerung eingerichteten Website der BBC hochgeladen, von wo aus es in Windeseile um die Welt ging, nachdem die Nachrichtenredakteure es in ihre Online-Berichterstattung zum Ereignis integriert hatten. Während sich die britischen Sicherheitsdienste intensiv bemühten, die Anschlagsorte so weiträumig abzusperren, dass vorwiegend Bilder vom Einsatz der Rettungsdienste in die Presse gelangten, sodass das Ausmaß der Zerstörung nicht in vollem Umfang deutlich werden konnte und die Panik in der Bevölkerung begrenzt blieb, zeigte die Amateuraufnahme die Situation im Tunnel zum Zeitpunkt der Evakuierung kurz nach der Explosion. Hier entschieden noch die Redaktionen der BBC, der "Washington Post" und anderer Zeitungen, dieses vermeintlich authentischere Bild jenen der Berufsfotografen hinter den Absperrzäunen vorzuziehen, obwohl darauf kaum etwas zu erkennen war. Doch das Internet hat mittlerweile auch diese Filterinstanz mehr oder weniger marginalisiert.

Schon Al-Zarqawi wusste die schockmindernden Strategien der westlichen Medien und Zensurbemühungen der Regierungen erfolgreich zu umgehen, als er 2004 seine Enthauptungsvideos direkt im Internet veröffentlichte. Noch 48 Stunden nach Bekanntwerden der Ermordung des 26-jährigen amerikanischen Geschäftsmanns Nick Berg war die al-Qaida-Website "Al Ansar" derart überlastet, dass sie sich nicht mehr öffnen ließ.[9] Nick Berg, das wird hier in aller Grausamkeit deutlich, musste nicht deshalb sterben, weil er als Person irgendeine Bedeutung für al-Qaida hatte, sondern damit die Bilder seiner Ermordung um die Welt gehen konnten. Jeder, der sich die Videos auf "Al Ansar" anschaute, wurde in diesem Moment in gewisser Weise zum Erfüllungsgehilfen der Täter.

Noch einen Schritt weiter ging einer der beiden islamistischen Attentäter, die am 22. Mai 2013 einen britischen Soldaten auf offener Straße in London ermordeten. Das Bekennervideo zur Tat nahm ein Passant auf, nachdem ihn der blutverschmierte Täter dazu aufgefordert hatte. Das Video erschien später exklusiv beim Nachrichtensender ITV, sodass davon auszugehen ist, dass der oder die Filmende Geld dafür erhalten hat.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Bevölkerung zum Zeitpunkt eines Anschlags mit neuer Dringlichkeit. Mit routinemäßigen Verweisen auf die Selbstregulierung der Medien, die sich aufgrund des Wettbewerbsdrucks schon immer als ineffektiv erwiesen hat, oder gar Forderungen nach staatlichem Eingreifen, das in der Vergangenheit nicht selten den Charakter von Zensur angenommen hat,[10] ist es nicht mehr getan. Während die vergleichsweise harmlose Schaulust immer schon das Rad des Bilderkampfes angetrieben hat, ist nun eine neue Situation entstanden, welche die Betrachter noch einen Schritt weiter in Richtung aktiver Beteiligung am Geschehen treibt.

Bereits in der Vergangenheit stand manchmal die Würde der Opfer zur Debatte, die im Moment ihres größten Leidens und ohne ihre Einwilligung abgelichtet wurden. Dies war vor allem dann der Fall, wenn man die leidenden Personen deutlich im Bild erkennen konnte. Doch heute kann jeder aktiv im Internet nach Fotografien dieser Art suchen, die sich nicht selten auf dubiosen Seiten wiederfinden, die entweder von den Tätern selbst unterhalten werden oder sadomasochistischen Sexfantasien dienen. Wenn man gar zum Produzenten dieser Bilder wird und somit, wie in London geschehen, zum vermeintlichen Erfolg der Täter beiträgt, dann spätestens ist es an der Zeit, über die eigene Verantwortung nachzudenken. Das bedeutet unter Umständen, dass man als Betrachter bewusst jenen Bildern die Aufmerksamkeit verweigern muss, welche die Würde der Opfer verletzen, dass man die Suche nach Bildern im Internet mit Vorsicht und vielleicht sogar Askese betreibt, dass man solche Bilder nicht verbreitet und verlinkt, und dass man vor allem nicht als Bildkonsument oder -produzent zum Erfüllungsgehilfen der Täter wird. Nur so kann verhindert werden, dass man sich in einem tragischen Kampf, in dem es keine Sieger gibt, mitschuldig macht.

Fußnoten

9.
Vgl. Thomas Riegler, Terrorismus, Innsbruck u.a. 2009, S. 299.
10.
So verbot etwa die Regierung in Uruguay von 1967 bis 1975 etliche Zeitungen und Fernsehsender, sobald sie nur den Namen der Terrorgruppe Tupamaro erwähnten. In Großbritannien gab es ab den 1970er Jahren bis zum Karfreitagsabkommen 1998 Gesetze, die es untersagten, dass Mitglieder der IRA oder der INLA in den Medien zu sehen oder direkt zu Wort kommen konnten. Vgl. T. Riegler (Anm. 9), S. 321–325.
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