APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Monika Schmitz-Emans

Monster: Eine Einführung

Monster-Konzepte 1: Fabelwesen

Monströse Fabelwesen treffen wir in antiken Mythen, in Sagen, Legenden und Märchen, in antiken und mittelalterlichen Reiseberichten und naturkundlichen Schriften. Die Gestalt mancher dieser Monster ist der des Menschen ganz unähnlich. Andere wiederum sind teilanthropomorph. Monströs sind teilweise auch Götter und Halbgötter: Hephaistos hat einen Klumpfuß und ist hässlich, der Zyklop ist einäugig, die Kentauren sind halb Mensch, halb Pferd, der Minotaurus ist halb Mensch, halb Stier. In der antiken Geschichts- und Reiseliteratur, in Epen und in naturkundlichen Werken wie der naturalis historia des Plinius sowie in theologischen, literarischen und künstlerischen Zeugnissen des Mittelalters werden vielfältige Ungeheuer erwähnt und beschrieben, so beispielsweise ein Volk der Hundsköpfigen (kynokephaloi), eine Rasse von Wesen mit Riesenfüßen, die ihnen Schatten spenden, wenn sie sie in die Luft halten (Skiapoden), Wesen mit Riesenköpfen (makrokephaloi), Einäugige und Zwerge (Pygmäen). Antik-mittelalterlichen Vorstellungen zufolge sind diese Wesen an den Rändern der Welt angesiedelt, wie auch mittelalterliche Weltkarten verdeutlichen. John Mandeville berichtet in seiner mittelalterlichen Reisebeschreibung von allerlei sagenhaften Wesen in fernen Ländern, so von Greifen, die es im (legendären) Land Baktrien geben soll. Halb tiergestaltige Gottheiten wie der ziegenfellige und bocksbeinige Pan und der hundköpfige Anubis, aber auch geläufige Beinamen der Hera ("kuhäugig") und der Athene ("eulenäugig") scheinen die Hypothese zu stützen, dass sich entsprechende Vorstellungen in einer Phase des Wechsels von tiergestaltigen zu menschengestaltigen Götterbildern herausbilden. Für antike Autoren wie Plinius ist die Vielzahl von unterschiedlichen Wesen Indikator für die Erfindungskraft der Natur;[9] das Abweichende, "Monströse" ist insofern keineswegs an sich schrecklich und bedrohlich – nur fremd und insofern erstaunlich.

Bereits in der christlich geprägten Spätantike werden allerdings viele Wesen aus der mythischen und exotischen Vorstellungswelt der vorchristlichen Kulturen dämonisiert. Die Fabelwesen der "Heiden" werden zu Repräsentanten der außerchristlichen Sphäre – und damit verdächtig, mit dem Diabolischen zumindest im Bunde zu sein. Konzepte des Bösen werden für den Monsterdiskurs prägend. Betroffen sind neben Fabelwesen auch Normabweichungen im Bereich der natürlichen Wesen ("Missgeburten"), wobei zwischen diesen ja ohnehin kategorial nicht unterschieden wird. Augustinus betrachtet die vom Vertrauten abweichenden hässlichen Wesen als Störfaktoren in der göttlichen Schöpfung. In seinen Überlegungen spielt bereits erkennbar die Frage eine leitende Rolle, woraus sich die "Monster" herleiten lassen – und das erscheint bei ihm dann als ein Widerstand gegen den göttlichen Willen, wenn Monstren hässlich und unordentlich sind, während Gott doch eine schöne und geordnete Welt will. Die "Monster" werden unter anderem von mittelalterlichen Theologen als Nachfahren des Noah-Sohnes Ham (Cham) interpretiert, der von Noah verflucht wurde, weil er sich seinem Vater gegenüber unehrerbietig zeigte.

Mittelalterliche Teufelsvorstellungen nähren sich aus Vorstellungen über Monströses. Teufel und Monstren werden als Widersacher der göttlichen Ordnung begriffen und darum miteinander identifiziert, Dämonen und höllische Versucher vorzugsweise im Bild fabelhafter Ungeheuer dargestellt. Die kollektive Vorstellungswelt um Monster wird erheblich angereichert in vielfältigen Darstellungen der Hölle oder solcher Dämonen, die Menschen nachstellen, um sie in Versuchung zu führen, wie etwa den Heiligen Antonius.[10] Mittelalterliche Teufel haben nicht nur Ziegenhörner, Pferde- oder Hahnenfüße, Schwänze und Krallen, sie heulen und schreien auch. Allerdings setzt das Mittelalter nicht alle fabelhaften Erscheinungen automatisch mit höllischen Wesen gleich. Wesen, die außerhalb der christlichen Welt leben, werden als fabelhafte Erscheinungen ausgemalt; sie sind nicht zwingend Widersacher Gottes, wohl aber gegenüber der Heilsgeschichte indifferent. Und es gibt sogar Theologen, die auch den Monstern zubilligen, Teil der göttlichen Schöpfung zu sein. Diese Vorstellung kann sich dann durchsetzen, wenn sich die Monstren unter dem Aspekt der Vielfalt und des Reichtums der Schöpfung zu positiven Belegen für die Schöpfermacht Gottes uminterpretieren lassen. Die Theologie des Augustinus – welche die Idee der Vollkommenheit göttlicher Schöpfung zum Kerngedanken macht – wird von seinen Nachfolgern in diesem Sinn erweitert.[11]

Einen noch wichtigeren Schritt fort von der Verurteilung der hässlichen, als monströs betrachteten Erscheinungen gehen jene Theologen des Mittelalters, die das Hässliche unter dem Aspekt seines latenten Zeichencharakters innerhalb menschlicher Zeichensprachen erörtern. Hier geht man so weit, das Hässliche zu legitimieren (wie vor allem Umberto Eco in seiner "Geschichte der Häßlichkeit" in Erinnerung ruft), und zwar mit dem Argument, es eigne sich besonders zur Darstellung des Göttlichen (gemeint ist: durch den Menschen). Da sich das Göttliche nicht angemessen durch die notgedrungen endlichen Zeichen der Menschen ausdrücken lasse, seien solche Zeichen vorzuziehen, die ihren defizitären Charakter erkennen lassen, statt sich fälschlicherweise als adäquate Darstellungen des Göttlichen auszugeben.[12]

In der Frühen Neuzeit greift man die These vom spezifischen Bezeichnungswert des Hässlich-Monströsen auf und bezieht sie auf die diesseitige Welt. Einflussreich wird die wirkungspsychologisch-pragmatische These, dass man sich ungewöhnliche Erscheinungen besser einprägen könne als gewöhnliche – je ungewöhnlicher (also monströser), desto besser.[13]

Monster-Konzepte 2: "Missgeburten"

Neben den Fabelwesen (als Produkten der Imagination, wie wir heute sagen würden) waren seit jeher Tiere und Menschen mit Abweichungen und Fehlbildungen, "Missgeburten" genannt, von prägender Bedeutung für die Vorstellungen über Monstren und die ihnen zugeschriebenen Bedeutungen. Vorstellungen und Sinnzuschreibungen unterliegen dem historischen Wandel. Sie stehen in engem Zusammenhang mit den Umgangsweisen der sich wandelnden Kulturen mit physischen Ausnahmeerscheinungen.

In klassisch-antiker Zeit sind Darstellungen missgebildeter Menschen ungebräuchlich. Man orientiert sich an kanonischen Schönheitsvorstellungen und stellt idealisierte Körper dar. Im sogenannten hellenistischen Realismus öffnet sich der Blick für individuelle Körpermerkmale und so auch für Spuren von Alter, Krankheit, Fehlbildung. Der Bezug der christlichen Theologie zu "Missgeburten" ist ambivalent und schwankend. Im Mittelalter begegnet man ihnen mit Misstrauen, da das Augustinische Verdikt über Monströses als Störung der göttlichen Ordnung über ihnen liegt und man das Wirken des Teufels vermutet. Mittelalterliche Legenden und Bilddarstellungen wiederum fordern allerdings oft dazu auf, sich Kranken und Missgebildeten gegenüber karitativ zu verhalten.

In der Renaissancezeit überlagern sich differente Konzepte des Monströsen. Sie beruhen einerseits auf neuen wissenschaftlichen Interessen am immanenten Funktionieren der Natur, andererseits aber auf weiterhin wirkungsmächtigen abergläubischen Vorstellungen – wie die des "Wechselbalgs", die sich etwa auch bei Luther findet und derzufolge missgebildete Säuglinge in Wahrheit Kinder von Hexen oder Teufeln seien, die diese gegen das echte Kind der Mutter ausgetauscht haben. Ungewöhnliche Erscheinungen faszinieren durch ihr Anderssein, das einem Interesse an der Vielgesichtigkeit und Wandelbarkeit der Natur entgegenkommt. Man beginnt, Missbildungen genauer zu beobachten, zu beschreiben und voneinander zu unterscheiden.

So gibt es aus dem 16. Jahrhundert Sammlungen mit Darstellungen solcher Phänomene. Im Allgemeinen gilt ein "Sich-Versehen" der Mütter als Ursache, bei dem die Mutter durch einen verstörenden Anblick, etwa von Leichen oder wilden Tieren, erschreckt wird und sich dieser Eindruck auf die Entwicklung des Säuglings auswirkt. Manche Naturforscher differenzieren zwischen verschiedenen Typen von Ausnahmeerscheinungen, gemäß den verschiedenen sie bedingenden Ursachen. So unterscheidet der französische Chirurg Ambroise Paré ("De monstres et prodiges", 1573) zwischen Missbildungen, die auf physische Ursachen zurückzuführen sind, und solchen, die durch das Wirken der (mütterlichen) Einbildungskraft zustande kommen. Generell zeichnet sich eine Tendenz ab, deformierte Wesen auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Damit werden sie zu einem wichtigen Thema der Medizin.

Dennoch sind fehlgebildet Geborene in der frühen Neuzeit noch oft mit Schande und Sünde konnotiert, mit Gottlosigkeit und Undankbarkeit. Erst im Zeitalter der Aufklärung wird das Monströse naturalisiert.[14] Abweichende Erscheinungen stimulieren den aufgeklärten Forscher dazu, den Grund solcher Devianz entweder im Körper selbst zu suchen oder sie aus natürlichen Gesetzen abzuleiten. Allerdings liegt gerade hier eine besondere Schwierigkeit im Gegenstand selbst, der per definitionem etwas vom Normalen, Gesetzmäßigen, Regelgerechten Abweichendes ist. Wie kann man darüber allgemeingültige Erkenntnisse gewinnen?

Im 18. Jahrhundert erstellt man umfangreiche Verzeichnisse von Wesen, die mit ungewöhnlichen Organen und Körperteilen geboren werden, und betrachtet sie dabei statt als "Wunderwesen" als natürliche Individuen, die körperlich verunstaltet sind und sich nicht "normal" entwickelt haben. Einzelne Naturwissenschaftler experimentieren mit Tieren, um deren Gestalt aktiv zu verändern. Hinter all dem steht die Grundüberzeugung von der Gesetzlichkeit natürlicher Phänomene, auch wenn, wie im Fall der "Missgeburten", auf der Erscheinungsebene eine Abweichung vom "Normalen" vorliegt.

Aber woher rühren Normabweichungen? Handelt es sich um etwas, das die Natur selbst, einer ihr immanenten Möglichkeit entsprechend, hervorbringt? Ist das Abnorme demnach auf randständige, aber konstitutive Weise Bestandteil des Natürlichen? Oder ist es das Produkt von Unfällen, die keinem Naturgesetz entsprechen? Diese Alternative – von unterschiedlichen Schulen unterschiedlich beantwortet – läuft auf die Frage hinaus, ob es in der Natur selbst angelegt sei, sich zu verwandeln (und das heißt zumindest lange Zeit: sich zu erneuern, sich zu optimieren), oder ob Modifikationen des Natürlichen nur von außen stattfinden, als Folge großer oder kleiner Katastrophen. Insbesondere gibt es konkurrierende Meinungen darüber, wie es individualgenetisch zu "Missgeburten" kommt. Ist die Deformation in den betroffenen Einzelwesen von vornherein angelegt oder kommt sie durch äußere (pränatale) Einflüsse zustande – wie etwa durch das "Sich-Versehen" der Mütter? Kontrovers diskutiert wurde unter anderem die Frage nach der Plausibilität der sogenannten Epigenesis-Theorie, derzufolge das einzelne Individuum nach seiner Zeugung einen Entwicklungsgang durchläuft, der aus verschiedenen Gründen unterbrochen und gestört werden kann.

Fußnoten

9.
Vgl. Naturalis historia, Buch 7, Kapitel 32.
10.
Vgl. Andres Hammer, Ordnung durch Unordnung. Der Zusammenschluss von Teufel und Monster in der mittelalterlichen Literatur, in: A. Geisenhanslüke/G. Mein (Anm. 8), S. 209–256.
11.
Vgl. Umberto Eco, Geschichte der Häßlichkeit, München 2007, S. 46.
12.
Vgl. ebd., S. 126–127.
13.
Vgl. ebd., S. 125.
14.
Vgl. Javier Moscoso, Vollkommene Monstren und unheilvolle Gestalten. Zur Naturalisierung der Monstrosität im 18. Jahrhundert, in: Michael Hagner (Hrsg.), Der falsche Körper. Beiträge zu einer Geschichte der Monstrositäten, Göttingen 1995, S. 56–72.
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