APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Monika Schmitz-Emans

Monster: Eine Einführung

Monster-Konzepte 3: Wahnsinnige, Verbrecher, "Sittenmonster"

Körperlich Missgebildete, Verrückte und Narren gelten bis in die Aufklärungszeit hinein gleichermaßen als Wundererscheinungen.[15] Darum werden sie seit der späten Renaissance öffentlich ausgestellt. Die "Freakshow" setzt bis ins 20. Jahrhundert hinein diese Tradition fort; die Präsenz kleinwüchsiger oder riesenwüchsiger Menschen im Zirkus ist teilweise bis heute üblich. Ambroise Paré führt Monstren und Geisteskrankheiten auf ähnliche Ursachen zurück. Als göttliche Zeichen müssten diese nicht notwendig etwas Negatives bedeuten; Geisteskranke könnten etwa unter "göttlicher Besessenheit" leiden. Allerdings seien sie vielleicht auch durch Gottes Zorn gezeichnet oder von Dämonen besessen. Aus theologisch fundierter Sicht jedenfalls illustrieren physisch und psychisch deviante Individuen die Allmacht Gottes zum Eingriff in die Schöpfung. Daneben sucht man im 16. und 17. Jahrhundert aber auch verstärkt nach natürlichen Erklärungen für physische Devianz und Geisteskrankheit. "Monstrosität" und "Wahnsinn" (vor allem in der Spielform der Bestialität und der Mordlust) werden seit dem 18. Jahrhundert oft kausal verknüpft, wenn nicht gar gleichgesetzt, scheint der Wahnsinn den Menschen doch zum Tier zu machen – oder zum allenfalls partiell humanen Zwischenwesen. Entsprechend grausam fällt lange Zeit die Behandlung solcher "Monster" aus, die an die Durchlässigkeit der Grenze zwischen dem Humanen und dem Animalischen erinnern.

Neben dem Geisteskranken wird auch der Verbrecher als Monster gedeutet. Akzentuiert wird dabei die von ihm repräsentierte Bedrohung für das soziale Leben, dessen Normen, Institutionen und Werte.[16] Im 19. Jahrhundert konstituiert sich die Kriminologie als Wissensdisziplin; zugleich wird die Vorstellung drohender Degeneration diskursprägend. Für die Modellierung des Verbrechers als Monster ist beides gleichermaßen wichtig. Das Interesse konzentriert sich vor allem auf Tätertypen als soziale Sonderphänomene. Die Diskussion über Tätercharaktere führen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Kriminalisten, Literaten, Theologen und Pönologen (auf die Erforschung der Wirkung von Strafen spezialisierte Psychologen). Seitdem nehmen sich dann eher Anthropologen, Mediziner und Strafrechtler der Thematik an.

Verbrechertum gilt einem weit verbreiteten Konsens zufolge als degenerative Abweichung von der Norm. Die Annahme, für die Verbrecherlaufbahn sei vor allem eine psychische Disposition entscheidend, verbindet sich dabei mit der Vorstellung, auch an physischen Merkmalen lasse sich das (degenerierte) soziale "Monster" erkennen. Vor allem der italienische Kriminologe Cesare Lombroso glaubt an eine angeborene Disposition zum Verbrechen als degenerativer Spielform des Menschen. Verbrecher sind demnach lebende Anachronismen, auf ihre Gesellschaft nicht abgestimmt. Unkultiviertes, Unzivilisiertes gilt als dem Bösen affin; diese Vorstellung prägt noch Robert Louis Stevensons Figur des Mr. Hyde, der als verborgene Kehrseite aus Dr. Jekyll heraus bricht (darauf deutet das in Hydes Namen anklingende Verb to hide, Englisch für verstecken). Naturhaftigkeit wird als Triebhaftigkeit und Wildheit beschrieben. Vor allem Lombroso prägt das Modell vom Straftäter als Monster – als "Missgeburt" – in wirkungsmächtiger Weise. Er muss zwar seine verallgemeinernde These vom angeborenen Verbrechertum revidieren, hält aber an der These fest, es gebe den geborenen Verbrecher als Typus.[17] Lombroso wird unter anderem berühmt für seine Darstellungen "typischer" Verbrecherphysiognomien. Dem Argument, ähnliche Gesichter finde man auch bei Normalbürgern, begegnet er mit der These, beim Verbrecher seien solche Erscheinungen aber häufiger, beim Normalbürger selten.

Der sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verwissenschaftlichende Blick auf abweichende Körpererscheinungen nimmt diesen zumindest teilweise ihre Schauerlichkeit. Dafür intensiviert sich das Interesse am Verbrecher als Sittenmonster. Erinnert sei an die großen Verbrechererzählungen Schillers ("Verbrecher aus verlorener Ehre", auch "Der Geisterseher"), Kleists ("Michael Kohlhaas") sowie die Schauerliteratur mit dem Typus des Schurken als Zentralfigur. In seiner vierten Vorlesung über "Die Anormalen" erörtert Michel Foucault entsprechend Erscheinungsformen des Monströsen, die nicht über physische Missbildungen oder hybride Körperlichkeit bestimmt sind: monstre moral nennt er den neuen Typus des Monsters, der in der Moderne entsteht und das Körpermonster als dominanten Monstertyp gleichsam ablöst.[18]

Das heißt natürlich nicht, dass die physisch monströsen Figuren verschwinden, sie bleiben vielmehr ein Faszinosum, aber die moralischen Monster ziehen als Indikatoren der Auseinandersetzung mit den Abgründen der Seele doch zunehmend größere Aufmerksamkeit auf sich. Zu ihnen gehören der Straftäter, der Tabuverletzer, aber auch der skrupellose Egoist.[19] Foucault nennt als wichtige Typen des Sittenmonsters vor allem den Kannibalen (das "menschenfressende Monster") und den Inzestuösen.

Monster und Menschwerdung

Den Menschen "gibt" es nicht; er muss sich selbst erfinden – in einem Prozess der Anthropogenese.[20] Wo er in der Geschichte zum Gegenstand der Diskurse, der Interpretationen und Beschreibungen wird, ist er das Produkt von Entwürfen, eine "Erfindung" – und dieser Konstruktionsprozess kommt an kein Ende, weil er sich als Suche nach einem Gegenstand darstellt, der hypothetischen Charakter hat. Den Menschen zu bestimmen heißt, ihn differenzierend zu bestimmen, ihn abzugrenzen gegen das, was er nicht ist – und das heißt historisch vor allem: gegen das Tier. Als Sinnbild dafür, dass und wie der Mensch sich selbst erfindet, nämlich indem er das in den Blick nimmt, was sein Gesicht mit Tierphysiognomien gemeinsam hat, um sich dann von diesem ihm Ähnlichen versuchsweise abzugrenzen, betrachtet der Philosoph Giorgio Agamben eine in Thomas Hobbes’ "Leviathan" beschriebene, aus einer Reihe von Spiegeln bestehende optische Maschine. Diese zeigt lauter Menschenbilder, aber jeweils als Fratzen, affenähnliche Physiognomien.[21]

Ähnlich erfinden wir uns auch mithilfe der Monster. Auch und gerade sie sind Spiegelbilder, mittels derer historisch-kulturell variierende Entwürfe des Menschen umstellt und "eingefangen" werden können. Die damit verbundenen Abgrenzungsversuche sind jedoch zum Scheitern verurteilt: Der Spiegel zeigt das Andere und das Eigene; und in der reflexiven Brechung durch verschiedene Spiegelbilder zeigt sich, wie vielgestaltig und wandelbar der Mensch selbst ist.

Fußnoten

15.
Vgl. Roy Porter, Monster und Verrückte im Frankreich des 18. Jahrhunderts, in: M. Hagner (Anm. 14), S. 108–120.
16.
Vgl. zum Folgenden Peter Becker, Der Verbrecher als "monstruoser Typus". Zur kriminologischen Semiotik der Jahrhundertwende, in: M. Hagner (Anm. 14), S. 147–173; ferner Florian Beckerhoff, Monster und Menschen. Verbrechererzählungen zwischen Literatur und Wissenschaft (Frankreich 1830–1900), Würzburg 2007.
17.
Vgl. Peter Strasser, Verbrechermenschen. Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen, Frankfurt/M. 1984.
18.
Vgl. M. Foucault (Anm. 4), S. 108–142.
19.
Vgl. Rasmus Overthun, Das Monströse und das Normale. Konstellation einer Ästhetik des Monströsen, in: A. Geisenhanslüke/G. Mein (Anm. 8), S. 43–80, hier: S. 58; P. Becker (Anm. 16).
20.
Vgl. Giorgio Agamben, Das Offene. Der Mensch und das Tier, Frankfurt/M. 2003.
21.
Vgl. ebd., S. 37f.
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