APuZ Monster
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16.12.2013 | Von:
Monika Schmitz-Emans

Monster: Eine Einführung

Seit der Kinderzeit sind wir von Monstern umgeben. Sie begleiten uns in Gestalt von Plüschtieren und Plastikspielfiguren, wir sehen sie in Bilderbüchern und Computerspielen – und in späteren Jahren sorgen Unterhaltungsindustrie, Massenmedien und Kunst dafür, dass uns die Monster nie verlassen. Entsprechend viel "wissen" wir über sie. Zum Beispiel über das Krümelmonster und seine Leidenschaft für Kekse, aber auch über monströse Gewaltverbrecher, wie sie uns von Tageszeitungen und Nachrichtensendungen, Krimis und Fantasyfilmen vorgestellt werden. Aber worin gründet unser Monsterwissen?

"Monstren" zwischen Imagination und Empirie

Das Wort "Monster" selbst wurde von lateinischen Verben abgeleitet, die unter anderem "zeigen" und "warnen" bedeuten (monstrare, monere).[1] Monster sind demnach Zeichen – aber wofür? In der antiken Vorstellung haben sie vor allem den Charakter von Mahn- und Vorzeichen; höhere Instanzen teilen durch sie etwas mit. Im "Monstrum" verschmelzen schon mit Blick auf die Etymologie dieses Begriffs das Wunderbare (also das Fabelhafte, Außerordentliche, Faszinierende) und das Schreckenerregende (das böse Omen, das Unheilverheißende, Angstbesetzte) – und diese Ambiguität der Monstervorstellungen hat sich über die Zeiten erhalten.

Vor allem zwei Sorten von Wesen pflegen als Monstren etikettiert zu werden: erstens seltsam gestaltete Fabelwesen (aus aufgeklärter Sicht sind sie Produkte der Imagination) sowie zweitens Individuen im Menschen-, Tier- und Pflanzenreich, die von der als normal angesehenen körperlichen Gestalt abweichen und als miss- oder fehlgebildet gelten. Für den barocken Lexikografen Johann Heinrich Zedler sind monstra Letztere. Der Rest gehört in den Bereich haltloser Fantasien. "MONS(T)RA oder Monstrum heißt in den Rechten überhaupt alles dasjenige, was wider die Natur ist oder gebohren wird, oder welches gleichsam den wahren Ursprung seiner Geburt durch Annehmung einer fremden Gestalt verläugnet, oder verändert. (…) Als wenn z.B. von rechten natürl. Menschen Kinder mit Pferde- und Kuh-Füssen oder andern mehr dem Viehe, als Menschen ähnlichen Gliedmassen gebohren werden, oder wenn eine Wölffin junge Schaffe, eine Stutte Hasen, eine Kuh Löwen, u.d.gl. wirfft (…): so heißt und ist dieses sodenn in wahren und eigentl. Verstande ein Monstrum (…)."[2]

Lassen sich imaginierte und empirisch anschaubare Monster theoretisch auch durchaus unterscheiden, so gehen sie in der Geschichte der Monstervorstellungen selbst doch allerlei Verbindungen ein. Wichtige Quellen der teilweise bis heute noch geläufigen Vorstellungen über Monstren sind neben mythischen Überlieferungen auch antike Reisebeschreibungen und die naturalis historia des älteren Plinius (1. Jh. n. Chr.).[3] In historischen Reiseberichten über exotische Völker und fremdartige Tiere sowie in Berichten über sogenannte Missgeburten vermischen sich Empirisches und Imaginäres aufs Engste. Gleiches gilt für sagenhafte Wesen, die in antiken und mittelalterlichen Schriften zur Naturkunde beschrieben werden. Diese als real verstandenen Wesen haben die Fantasien nachfolgender Epochen beschäftigt. Um sich von den fabelhaften Monsterbeschreibungen früherer Zeiten abzugrenzen, die mit dem Begriff "Monstrum" aus historischen Gründen konnotiert waren, sprachen manche Vertreter moderner Naturwissenschaft dann, wenn sie "Missbildungen" (als seriösen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung) meinten, auch manchmal lieber von "Monstrositäten" statt von "Monstern". Letzterer Begriff wird dabei tendenziell für imaginierte Wesen reserviert, die auf ihre Weise ja auch Gegenstand des Interesses sind, wenn auch keines naturkundlichen.

Dem Erscheinungsbild nach sind die Monstren der kollektiven und individuellen Imagination oft Misch- und Zwischenwesen: Werwölfe, Sirenen, teilanthropomorphe Tiere und Aliens, Wolfsmänner und Katzenfrauen, humanoide Roboter und riesen- oder gnomenhafte Fabelwesen, Hybridgeschöpfe wie Batman und Spiderman. Wie Michel Foucault darlegt, sind aber auch die als "Monster" etikettierten empirisch erfahrbaren Wesen Zwischenwesen, Wesen im Übergang: zwischen Tier und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Leben und Tod.[4]

Versuche, diese "Monster" naturwissenschaftlich zu begreifen, laufen darauf hinaus, das auf den ersten Blick Unnatürliche in die Ordnung der Natur zu integrieren, das vordergründig Abweichende auf eine verborgene, aber existente Gesetzlichkeit zurückzuführen, also eine geheime, aber erschließbare Ordnung der Monstren zu finden. Ein solches Interesse an einer Ordnung der Monstren, an einer Einordnung des Devianten, motiviert und prägt viele Monsterdarstellungen: Sammlungen naturkundlicher Kuriosa, Kabinette, in denen Menschen und Tiere mit Missbildungen ausgestellt wurden, aber auch naturkundliche Lehrwerke mit entsprechenden Illustrationen und Schautafeln. Gerade die Beschäftigung mit devianten Sonderphänomenen ist für neuzeitliche Naturkundler, die sich für die Gesetze natürlicher Entwicklungen (der Individuen und der Arten) interessierten, ein relevantes Untersuchungsfeld. Lässt sich doch die Abweichung alternativ als Produkt eines Entwicklungssprungs oder einer unterbrochenen normalen Entwicklung deuten, in jedem Fall aber als Phänomen, das Rückschlüsse auf individualgenetische wie auf gattungsgeschichtliche Prozesse zulässt.

Monster im Spiegel kulturwissenschaftlicher und ästhetischer Interessen

Aus kulturwissenschaftlicher und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive besteht hinsichtlich des Themas "Monster" kein Anlass, sich auf empirisch verifizierbare Monster zu beschränken. Im Gegenteil: Aus den Imaginationen von kulturellen Gemeinschaften, einzelnen Gruppen oder Individuen über Monster lassen sich viel weitläufigere Rückschlüsse ziehen als aus dem bloßen Umgang mit "Missgeburten". Ethnologen, Psychologen, Historiker, Kulturhistoriker, Kunstwissenschaftler, Literaturwissenschaftler und Mythenforscher interessieren sich für Vorstellungen über Monster, die sich in unterschiedlichen Formen der Darstellung manifestieren – vor allem in sprachlichen und in bildlichen.

Der Germanist Hans Richard Brittnacher erörtert das Monströse mit Blick auf seine physische Gestalt, die unterschiedlichen Epochen und Kulturen als faszinierend und abstoßend zugleich gilt.[5] Als gemeinsames Merkmal der meisten monströsen Erscheinungen bestimmt Brittnacher eine "exzessive Abweichung von der Norm physischer Integrität";[6] das Erscheinungsbild des Monsters bilde das Gegenstück zu einem Idealbild des menschlichen Leibs als eines entelechischen,[7] ganzheitlichen, wohlproportionierten Körpers, in dem sich das, was als schön gilt, exemplarisch realisiere. Abweichungen von der Norm stellen diese als Norm in Frage; Idealbilder – so lässt die monströse Erscheinung ahnen – existieren allein in Vorstellungen. Das Individuum in seiner physischen Besonderheit hingegen erscheint im Vergleich mit ihnen immer schon abnorm – als monströs also, wenn auch in unterschiedlichem Maß: je individueller, desto monströser.

Das Hässliche, der monströse Körper, das Schreckerregende kann als solches jedenfalls durchaus im Zentrum ästhetischen Interesses stehen. Viele Monster erregen als Gegenstände der Vorstellung und der Darstellung schaurige Lust. Der Literaturwissenschaftler Rolf Parr spricht von verschiedenen "Faszinationstypen" des Monströsen.[8] Wo das Vergnügen über den Schauer dominiert, können Monster sogar sympathisch, ja niedlich werden. Oder es stellt sich heraus, dass einer monströsen Oberfläche ein nicht-monströses Inneres entspricht. Als Wesen mit einer Gestalt, die von vertrauten Bildern abweicht, haben Monster zumindest komische Potenziale. Dass sie neben anthropomorphen Tieren dazu dienen, Kinder (und Erwachsene) zu unterhalten, ist insofern keine Überraschung. Theorien des Komischen sind wiederholt als Theorien vom "Abweichenden" formuliert worden, sei es als Abweichung von einer Erwartung, die der Rezipient dem komischen Objekt entgegenbringt, sei es als Abweichung vom Vernünftigen, Rationalen. Ein sympathisches Monster ist etwa Shrek aus der gleichnamigen animierten Filmreihe, der alles Mögliche tut, was sich nicht gehört, keine Manieren kennt, sich mit ekelhaften Dingen befasst – und damit eine Art fröhliche Anarchie repräsentiert.

Monster-Konzepte 1: Fabelwesen

Monströse Fabelwesen treffen wir in antiken Mythen, in Sagen, Legenden und Märchen, in antiken und mittelalterlichen Reiseberichten und naturkundlichen Schriften. Die Gestalt mancher dieser Monster ist der des Menschen ganz unähnlich. Andere wiederum sind teilanthropomorph. Monströs sind teilweise auch Götter und Halbgötter: Hephaistos hat einen Klumpfuß und ist hässlich, der Zyklop ist einäugig, die Kentauren sind halb Mensch, halb Pferd, der Minotaurus ist halb Mensch, halb Stier. In der antiken Geschichts- und Reiseliteratur, in Epen und in naturkundlichen Werken wie der naturalis historia des Plinius sowie in theologischen, literarischen und künstlerischen Zeugnissen des Mittelalters werden vielfältige Ungeheuer erwähnt und beschrieben, so beispielsweise ein Volk der Hundsköpfigen (kynokephaloi), eine Rasse von Wesen mit Riesenfüßen, die ihnen Schatten spenden, wenn sie sie in die Luft halten (Skiapoden), Wesen mit Riesenköpfen (makrokephaloi), Einäugige und Zwerge (Pygmäen). Antik-mittelalterlichen Vorstellungen zufolge sind diese Wesen an den Rändern der Welt angesiedelt, wie auch mittelalterliche Weltkarten verdeutlichen. John Mandeville berichtet in seiner mittelalterlichen Reisebeschreibung von allerlei sagenhaften Wesen in fernen Ländern, so von Greifen, die es im (legendären) Land Baktrien geben soll. Halb tiergestaltige Gottheiten wie der ziegenfellige und bocksbeinige Pan und der hundköpfige Anubis, aber auch geläufige Beinamen der Hera ("kuhäugig") und der Athene ("eulenäugig") scheinen die Hypothese zu stützen, dass sich entsprechende Vorstellungen in einer Phase des Wechsels von tiergestaltigen zu menschengestaltigen Götterbildern herausbilden. Für antike Autoren wie Plinius ist die Vielzahl von unterschiedlichen Wesen Indikator für die Erfindungskraft der Natur;[9] das Abweichende, "Monströse" ist insofern keineswegs an sich schrecklich und bedrohlich – nur fremd und insofern erstaunlich.

Bereits in der christlich geprägten Spätantike werden allerdings viele Wesen aus der mythischen und exotischen Vorstellungswelt der vorchristlichen Kulturen dämonisiert. Die Fabelwesen der "Heiden" werden zu Repräsentanten der außerchristlichen Sphäre – und damit verdächtig, mit dem Diabolischen zumindest im Bunde zu sein. Konzepte des Bösen werden für den Monsterdiskurs prägend. Betroffen sind neben Fabelwesen auch Normabweichungen im Bereich der natürlichen Wesen ("Missgeburten"), wobei zwischen diesen ja ohnehin kategorial nicht unterschieden wird. Augustinus betrachtet die vom Vertrauten abweichenden hässlichen Wesen als Störfaktoren in der göttlichen Schöpfung. In seinen Überlegungen spielt bereits erkennbar die Frage eine leitende Rolle, woraus sich die "Monster" herleiten lassen – und das erscheint bei ihm dann als ein Widerstand gegen den göttlichen Willen, wenn Monstren hässlich und unordentlich sind, während Gott doch eine schöne und geordnete Welt will. Die "Monster" werden unter anderem von mittelalterlichen Theologen als Nachfahren des Noah-Sohnes Ham (Cham) interpretiert, der von Noah verflucht wurde, weil er sich seinem Vater gegenüber unehrerbietig zeigte.

Mittelalterliche Teufelsvorstellungen nähren sich aus Vorstellungen über Monströses. Teufel und Monstren werden als Widersacher der göttlichen Ordnung begriffen und darum miteinander identifiziert, Dämonen und höllische Versucher vorzugsweise im Bild fabelhafter Ungeheuer dargestellt. Die kollektive Vorstellungswelt um Monster wird erheblich angereichert in vielfältigen Darstellungen der Hölle oder solcher Dämonen, die Menschen nachstellen, um sie in Versuchung zu führen, wie etwa den Heiligen Antonius.[10] Mittelalterliche Teufel haben nicht nur Ziegenhörner, Pferde- oder Hahnenfüße, Schwänze und Krallen, sie heulen und schreien auch. Allerdings setzt das Mittelalter nicht alle fabelhaften Erscheinungen automatisch mit höllischen Wesen gleich. Wesen, die außerhalb der christlichen Welt leben, werden als fabelhafte Erscheinungen ausgemalt; sie sind nicht zwingend Widersacher Gottes, wohl aber gegenüber der Heilsgeschichte indifferent. Und es gibt sogar Theologen, die auch den Monstern zubilligen, Teil der göttlichen Schöpfung zu sein. Diese Vorstellung kann sich dann durchsetzen, wenn sich die Monstren unter dem Aspekt der Vielfalt und des Reichtums der Schöpfung zu positiven Belegen für die Schöpfermacht Gottes uminterpretieren lassen. Die Theologie des Augustinus – welche die Idee der Vollkommenheit göttlicher Schöpfung zum Kerngedanken macht – wird von seinen Nachfolgern in diesem Sinn erweitert.[11]

Einen noch wichtigeren Schritt fort von der Verurteilung der hässlichen, als monströs betrachteten Erscheinungen gehen jene Theologen des Mittelalters, die das Hässliche unter dem Aspekt seines latenten Zeichencharakters innerhalb menschlicher Zeichensprachen erörtern. Hier geht man so weit, das Hässliche zu legitimieren (wie vor allem Umberto Eco in seiner "Geschichte der Häßlichkeit" in Erinnerung ruft), und zwar mit dem Argument, es eigne sich besonders zur Darstellung des Göttlichen (gemeint ist: durch den Menschen). Da sich das Göttliche nicht angemessen durch die notgedrungen endlichen Zeichen der Menschen ausdrücken lasse, seien solche Zeichen vorzuziehen, die ihren defizitären Charakter erkennen lassen, statt sich fälschlicherweise als adäquate Darstellungen des Göttlichen auszugeben.[12]

In der Frühen Neuzeit greift man die These vom spezifischen Bezeichnungswert des Hässlich-Monströsen auf und bezieht sie auf die diesseitige Welt. Einflussreich wird die wirkungspsychologisch-pragmatische These, dass man sich ungewöhnliche Erscheinungen besser einprägen könne als gewöhnliche – je ungewöhnlicher (also monströser), desto besser.[13]

Monster-Konzepte 2: "Missgeburten"

Neben den Fabelwesen (als Produkten der Imagination, wie wir heute sagen würden) waren seit jeher Tiere und Menschen mit Abweichungen und Fehlbildungen, "Missgeburten" genannt, von prägender Bedeutung für die Vorstellungen über Monstren und die ihnen zugeschriebenen Bedeutungen. Vorstellungen und Sinnzuschreibungen unterliegen dem historischen Wandel. Sie stehen in engem Zusammenhang mit den Umgangsweisen der sich wandelnden Kulturen mit physischen Ausnahmeerscheinungen.

In klassisch-antiker Zeit sind Darstellungen missgebildeter Menschen ungebräuchlich. Man orientiert sich an kanonischen Schönheitsvorstellungen und stellt idealisierte Körper dar. Im sogenannten hellenistischen Realismus öffnet sich der Blick für individuelle Körpermerkmale und so auch für Spuren von Alter, Krankheit, Fehlbildung. Der Bezug der christlichen Theologie zu "Missgeburten" ist ambivalent und schwankend. Im Mittelalter begegnet man ihnen mit Misstrauen, da das Augustinische Verdikt über Monströses als Störung der göttlichen Ordnung über ihnen liegt und man das Wirken des Teufels vermutet. Mittelalterliche Legenden und Bilddarstellungen wiederum fordern allerdings oft dazu auf, sich Kranken und Missgebildeten gegenüber karitativ zu verhalten.

In der Renaissancezeit überlagern sich differente Konzepte des Monströsen. Sie beruhen einerseits auf neuen wissenschaftlichen Interessen am immanenten Funktionieren der Natur, andererseits aber auf weiterhin wirkungsmächtigen abergläubischen Vorstellungen – wie die des "Wechselbalgs", die sich etwa auch bei Luther findet und derzufolge missgebildete Säuglinge in Wahrheit Kinder von Hexen oder Teufeln seien, die diese gegen das echte Kind der Mutter ausgetauscht haben. Ungewöhnliche Erscheinungen faszinieren durch ihr Anderssein, das einem Interesse an der Vielgesichtigkeit und Wandelbarkeit der Natur entgegenkommt. Man beginnt, Missbildungen genauer zu beobachten, zu beschreiben und voneinander zu unterscheiden.

So gibt es aus dem 16. Jahrhundert Sammlungen mit Darstellungen solcher Phänomene. Im Allgemeinen gilt ein "Sich-Versehen" der Mütter als Ursache, bei dem die Mutter durch einen verstörenden Anblick, etwa von Leichen oder wilden Tieren, erschreckt wird und sich dieser Eindruck auf die Entwicklung des Säuglings auswirkt. Manche Naturforscher differenzieren zwischen verschiedenen Typen von Ausnahmeerscheinungen, gemäß den verschiedenen sie bedingenden Ursachen. So unterscheidet der französische Chirurg Ambroise Paré ("De monstres et prodiges", 1573) zwischen Missbildungen, die auf physische Ursachen zurückzuführen sind, und solchen, die durch das Wirken der (mütterlichen) Einbildungskraft zustande kommen. Generell zeichnet sich eine Tendenz ab, deformierte Wesen auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Damit werden sie zu einem wichtigen Thema der Medizin.

Dennoch sind fehlgebildet Geborene in der frühen Neuzeit noch oft mit Schande und Sünde konnotiert, mit Gottlosigkeit und Undankbarkeit. Erst im Zeitalter der Aufklärung wird das Monströse naturalisiert.[14] Abweichende Erscheinungen stimulieren den aufgeklärten Forscher dazu, den Grund solcher Devianz entweder im Körper selbst zu suchen oder sie aus natürlichen Gesetzen abzuleiten. Allerdings liegt gerade hier eine besondere Schwierigkeit im Gegenstand selbst, der per definitionem etwas vom Normalen, Gesetzmäßigen, Regelgerechten Abweichendes ist. Wie kann man darüber allgemeingültige Erkenntnisse gewinnen?

Im 18. Jahrhundert erstellt man umfangreiche Verzeichnisse von Wesen, die mit ungewöhnlichen Organen und Körperteilen geboren werden, und betrachtet sie dabei statt als "Wunderwesen" als natürliche Individuen, die körperlich verunstaltet sind und sich nicht "normal" entwickelt haben. Einzelne Naturwissenschaftler experimentieren mit Tieren, um deren Gestalt aktiv zu verändern. Hinter all dem steht die Grundüberzeugung von der Gesetzlichkeit natürlicher Phänomene, auch wenn, wie im Fall der "Missgeburten", auf der Erscheinungsebene eine Abweichung vom "Normalen" vorliegt.

Aber woher rühren Normabweichungen? Handelt es sich um etwas, das die Natur selbst, einer ihr immanenten Möglichkeit entsprechend, hervorbringt? Ist das Abnorme demnach auf randständige, aber konstitutive Weise Bestandteil des Natürlichen? Oder ist es das Produkt von Unfällen, die keinem Naturgesetz entsprechen? Diese Alternative – von unterschiedlichen Schulen unterschiedlich beantwortet – läuft auf die Frage hinaus, ob es in der Natur selbst angelegt sei, sich zu verwandeln (und das heißt zumindest lange Zeit: sich zu erneuern, sich zu optimieren), oder ob Modifikationen des Natürlichen nur von außen stattfinden, als Folge großer oder kleiner Katastrophen. Insbesondere gibt es konkurrierende Meinungen darüber, wie es individualgenetisch zu "Missgeburten" kommt. Ist die Deformation in den betroffenen Einzelwesen von vornherein angelegt oder kommt sie durch äußere (pränatale) Einflüsse zustande – wie etwa durch das "Sich-Versehen" der Mütter? Kontrovers diskutiert wurde unter anderem die Frage nach der Plausibilität der sogenannten Epigenesis-Theorie, derzufolge das einzelne Individuum nach seiner Zeugung einen Entwicklungsgang durchläuft, der aus verschiedenen Gründen unterbrochen und gestört werden kann.

Monster-Konzepte 3: Wahnsinnige, Verbrecher, "Sittenmonster"

Körperlich Missgebildete, Verrückte und Narren gelten bis in die Aufklärungszeit hinein gleichermaßen als Wundererscheinungen.[15] Darum werden sie seit der späten Renaissance öffentlich ausgestellt. Die "Freakshow" setzt bis ins 20. Jahrhundert hinein diese Tradition fort; die Präsenz kleinwüchsiger oder riesenwüchsiger Menschen im Zirkus ist teilweise bis heute üblich. Ambroise Paré führt Monstren und Geisteskrankheiten auf ähnliche Ursachen zurück. Als göttliche Zeichen müssten diese nicht notwendig etwas Negatives bedeuten; Geisteskranke könnten etwa unter "göttlicher Besessenheit" leiden. Allerdings seien sie vielleicht auch durch Gottes Zorn gezeichnet oder von Dämonen besessen. Aus theologisch fundierter Sicht jedenfalls illustrieren physisch und psychisch deviante Individuen die Allmacht Gottes zum Eingriff in die Schöpfung. Daneben sucht man im 16. und 17. Jahrhundert aber auch verstärkt nach natürlichen Erklärungen für physische Devianz und Geisteskrankheit. "Monstrosität" und "Wahnsinn" (vor allem in der Spielform der Bestialität und der Mordlust) werden seit dem 18. Jahrhundert oft kausal verknüpft, wenn nicht gar gleichgesetzt, scheint der Wahnsinn den Menschen doch zum Tier zu machen – oder zum allenfalls partiell humanen Zwischenwesen. Entsprechend grausam fällt lange Zeit die Behandlung solcher "Monster" aus, die an die Durchlässigkeit der Grenze zwischen dem Humanen und dem Animalischen erinnern.

Neben dem Geisteskranken wird auch der Verbrecher als Monster gedeutet. Akzentuiert wird dabei die von ihm repräsentierte Bedrohung für das soziale Leben, dessen Normen, Institutionen und Werte.[16] Im 19. Jahrhundert konstituiert sich die Kriminologie als Wissensdisziplin; zugleich wird die Vorstellung drohender Degeneration diskursprägend. Für die Modellierung des Verbrechers als Monster ist beides gleichermaßen wichtig. Das Interesse konzentriert sich vor allem auf Tätertypen als soziale Sonderphänomene. Die Diskussion über Tätercharaktere führen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Kriminalisten, Literaten, Theologen und Pönologen (auf die Erforschung der Wirkung von Strafen spezialisierte Psychologen). Seitdem nehmen sich dann eher Anthropologen, Mediziner und Strafrechtler der Thematik an.

Verbrechertum gilt einem weit verbreiteten Konsens zufolge als degenerative Abweichung von der Norm. Die Annahme, für die Verbrecherlaufbahn sei vor allem eine psychische Disposition entscheidend, verbindet sich dabei mit der Vorstellung, auch an physischen Merkmalen lasse sich das (degenerierte) soziale "Monster" erkennen. Vor allem der italienische Kriminologe Cesare Lombroso glaubt an eine angeborene Disposition zum Verbrechen als degenerativer Spielform des Menschen. Verbrecher sind demnach lebende Anachronismen, auf ihre Gesellschaft nicht abgestimmt. Unkultiviertes, Unzivilisiertes gilt als dem Bösen affin; diese Vorstellung prägt noch Robert Louis Stevensons Figur des Mr. Hyde, der als verborgene Kehrseite aus Dr. Jekyll heraus bricht (darauf deutet das in Hydes Namen anklingende Verb to hide, Englisch für verstecken). Naturhaftigkeit wird als Triebhaftigkeit und Wildheit beschrieben. Vor allem Lombroso prägt das Modell vom Straftäter als Monster – als "Missgeburt" – in wirkungsmächtiger Weise. Er muss zwar seine verallgemeinernde These vom angeborenen Verbrechertum revidieren, hält aber an der These fest, es gebe den geborenen Verbrecher als Typus.[17] Lombroso wird unter anderem berühmt für seine Darstellungen "typischer" Verbrecherphysiognomien. Dem Argument, ähnliche Gesichter finde man auch bei Normalbürgern, begegnet er mit der These, beim Verbrecher seien solche Erscheinungen aber häufiger, beim Normalbürger selten.

Der sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verwissenschaftlichende Blick auf abweichende Körpererscheinungen nimmt diesen zumindest teilweise ihre Schauerlichkeit. Dafür intensiviert sich das Interesse am Verbrecher als Sittenmonster. Erinnert sei an die großen Verbrechererzählungen Schillers ("Verbrecher aus verlorener Ehre", auch "Der Geisterseher"), Kleists ("Michael Kohlhaas") sowie die Schauerliteratur mit dem Typus des Schurken als Zentralfigur. In seiner vierten Vorlesung über "Die Anormalen" erörtert Michel Foucault entsprechend Erscheinungsformen des Monströsen, die nicht über physische Missbildungen oder hybride Körperlichkeit bestimmt sind: monstre moral nennt er den neuen Typus des Monsters, der in der Moderne entsteht und das Körpermonster als dominanten Monstertyp gleichsam ablöst.[18]

Das heißt natürlich nicht, dass die physisch monströsen Figuren verschwinden, sie bleiben vielmehr ein Faszinosum, aber die moralischen Monster ziehen als Indikatoren der Auseinandersetzung mit den Abgründen der Seele doch zunehmend größere Aufmerksamkeit auf sich. Zu ihnen gehören der Straftäter, der Tabuverletzer, aber auch der skrupellose Egoist.[19] Foucault nennt als wichtige Typen des Sittenmonsters vor allem den Kannibalen (das "menschenfressende Monster") und den Inzestuösen.

Monster und Menschwerdung

Den Menschen "gibt" es nicht; er muss sich selbst erfinden – in einem Prozess der Anthropogenese.[20] Wo er in der Geschichte zum Gegenstand der Diskurse, der Interpretationen und Beschreibungen wird, ist er das Produkt von Entwürfen, eine "Erfindung" – und dieser Konstruktionsprozess kommt an kein Ende, weil er sich als Suche nach einem Gegenstand darstellt, der hypothetischen Charakter hat. Den Menschen zu bestimmen heißt, ihn differenzierend zu bestimmen, ihn abzugrenzen gegen das, was er nicht ist – und das heißt historisch vor allem: gegen das Tier. Als Sinnbild dafür, dass und wie der Mensch sich selbst erfindet, nämlich indem er das in den Blick nimmt, was sein Gesicht mit Tierphysiognomien gemeinsam hat, um sich dann von diesem ihm Ähnlichen versuchsweise abzugrenzen, betrachtet der Philosoph Giorgio Agamben eine in Thomas Hobbes’ "Leviathan" beschriebene, aus einer Reihe von Spiegeln bestehende optische Maschine. Diese zeigt lauter Menschenbilder, aber jeweils als Fratzen, affenähnliche Physiognomien.[21]

Ähnlich erfinden wir uns auch mithilfe der Monster. Auch und gerade sie sind Spiegelbilder, mittels derer historisch-kulturell variierende Entwürfe des Menschen umstellt und "eingefangen" werden können. Die damit verbundenen Abgrenzungsversuche sind jedoch zum Scheitern verurteilt: Der Spiegel zeigt das Andere und das Eigene; und in der reflexiven Brechung durch verschiedene Spiegelbilder zeigt sich, wie vielgestaltig und wandelbar der Mensch selbst ist.
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Fußnoten

1.
Das griechische Äquivalent zu monstrum ist tératon, im Plural térata; davon leitet sich der Begriff "Teratologie", die Lehre der Ursachen von Fehlbildungen, ab.
2.
Johann Heinrich Zedler, Monsra (sic) oder Monstrum, in: ders., Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschafften und Künste. Bd. 21, Halle 1739, Sp. 1220f.
3.
Vgl. Werner Wunderlich, Dämonen, Monster, Fabelwesen. Eine kleine Einführung in Mythen und Typen phantastischer Geschöpfe, in: Ulrich Müller/Werner Wunderlich (Hrsg.), Dämonen, Monster, Fabelwesen, St. Gallen 1999.
4.
Vgl. Michel Foucault, Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt/M. 2007, S. 86f.
5.
Die Bestimmung des Monströsen allein als körperliche Erscheinung ist freilich reduktiv; es gibt noch andere Typen von Monstern. Allerdings kann die monströse körperliche Gestalt als sinnfälliges Bild anderer Dimensionen von Monstrosität fungieren beziehungsweise gedeutet werden.
6.
Hans Richard Brittnacher, Ästhetik des Horrors, Frankfurt/M. 1994, S. 183.
7.
Entelechie ist die im Organismus liegende Kraft, die seine Entwicklung und Vollendung bewirkt.
8.
Vgl. Rolf Parr, Monströse Körper und Schwellenfiguren als Faszinations- und Narrationstypen ästhetischen Differenzgewinns, in: Achim Geisenhanslüke/Georg Mein (Hrsg.), Monströse Ordnungen. Zur Typologie und Ästhetik des Anormalen, Bielefeld 2009, S. 19ff.
9.
Vgl. Naturalis historia, Buch 7, Kapitel 32.
10.
Vgl. Andres Hammer, Ordnung durch Unordnung. Der Zusammenschluss von Teufel und Monster in der mittelalterlichen Literatur, in: A. Geisenhanslüke/G. Mein (Anm. 8), S. 209–256.
11.
Vgl. Umberto Eco, Geschichte der Häßlichkeit, München 2007, S. 46.
12.
Vgl. ebd., S. 126–127.
13.
Vgl. ebd., S. 125.
14.
Vgl. Javier Moscoso, Vollkommene Monstren und unheilvolle Gestalten. Zur Naturalisierung der Monstrosität im 18. Jahrhundert, in: Michael Hagner (Hrsg.), Der falsche Körper. Beiträge zu einer Geschichte der Monstrositäten, Göttingen 1995, S. 56–72.
15.
Vgl. Roy Porter, Monster und Verrückte im Frankreich des 18. Jahrhunderts, in: M. Hagner (Anm. 14), S. 108–120.
16.
Vgl. zum Folgenden Peter Becker, Der Verbrecher als "monstruoser Typus". Zur kriminologischen Semiotik der Jahrhundertwende, in: M. Hagner (Anm. 14), S. 147–173; ferner Florian Beckerhoff, Monster und Menschen. Verbrechererzählungen zwischen Literatur und Wissenschaft (Frankreich 1830–1900), Würzburg 2007.
17.
Vgl. Peter Strasser, Verbrechermenschen. Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen, Frankfurt/M. 1984.
18.
Vgl. M. Foucault (Anm. 4), S. 108–142.
19.
Vgl. Rasmus Overthun, Das Monströse und das Normale. Konstellation einer Ästhetik des Monströsen, in: A. Geisenhanslüke/G. Mein (Anm. 8), S. 43–80, hier: S. 58; P. Becker (Anm. 16).
20.
Vgl. Giorgio Agamben, Das Offene. Der Mensch und das Tier, Frankfurt/M. 2003.
21.
Vgl. ebd., S. 37f.
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