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APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Birgit Stammberger

Monströse Körper. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf historische Deutungsmuster

Monströse Körper in den Humanwissenschaften des 19. Jahrhunderts

Eine Kulturgeschichte des Körpermonsters, das in ganz unterschiedlichen Konstellationen von kulturellen Vorstellungen, wissenschaftlichen Entwicklungen und symbolischen Ordnungen des Wissens seine Bedeutung erhält, ließe sich leicht und durchaus spannend in verallgemeinerten Begriffen fassen. Hier sollen jedoch einige Aspekte der epochenspezifischen Konstellation des Körpermonsters um 1900 vertieft werden.

Anders, als man vielleicht vermuten könnte, verschwindet trotz der naturwissenschaftlichen Fundierung der Wissenschaften in dieser Zeit das Monster nicht, die Humanwissenschaften wie die Medizin und Psychiatrie hielten an dem Begriff der Monstrosität fest. Im Gegensatz zum mythisch aufgeladenen Begriff des Monsters sollte die Monstrosität als ein wissenschaftlich formatierter Terminus seine Bedeutung beibehalten. Die Monstrosität wurde hier zum Sinnbild des fehlgebildeten, außergewöhnlichen und devianten Körpers, der zugleich eine konstitutive Bedeutung für das Wissen des "normalen" Körpers erhielt. In dieser historisch-spezifischen Konstellation wurde der monströse Körper zum exponierten Dissidenten in einer Gesellschaft, deren Ordnungsgefüge auf einem System von Wissenschaft und Populärkultur beruhte. Monstrositäten waren exilierte Dissidenten einer Normalität, indem bestimmte Körper als defizitär und anormal markiert wurden. Erst der Diskurs der Normalisierung hat, wie Michel Foucault schrieb, seine Monster geschaffen.[16]

Zu Beginn der 1920er Jahre beklagte der kunstbeflissene Berliner Chirurg Eugen Holländer in seiner Abhandlung "Wunder, Wundergeburt und Wundergestalten" das Hervortreten eines neuen Mystizismus und Fatalismus. Der monströse Körper stand für Holländer paradigmatisch für eine Manipulation des Wunderglaubens, mit dem vor allem die klerikalen Kräfte ihren Machtanspruch durchgesetzt hätten. Mit den frühneuzeitlichen Darstellungen von Körpermonstern habe vor allem die Kirche dem Volk die falschen Ideale aufgesetzt und damit zur "Dummgläubigkeit und Glaubensseligkeit" der breiten Bevölkerung beigetragen.[17] Eine prominente Stellung für den Beleg des Wunderglaubens nimmt für Holländer das "Absonderliche" in der Natur ein. Das Auftreten einer fehlgeleiteten Natur habe den Menschen zwar stets zum Nachdenken über sich selbst veranlasst, jedoch seien die mythischen Glaubenseffekte der "Missgeburt" auch der Gradmesser einer Zeit, die auf den Seelen- und Geisteszustand einer Kultur schließen lasse.[18]

In der mythisch und religiös motivierten Betrachtung von Wundergestalten sah Holländer demzufolge auch eine Figuration, die historisch jenseits von Rationalisierung und Objektivität stand, deren Betrachtung "heute vor dem Richterstuhl der anatomischen Wissenschaft" erfolge.[19] Gegenwärtig – so konstatierte Holländer für damalige Verhältnisse – seien die "Abnormitätenkabinette", die "Ansammlung solchen Mißwuchses", durch die "Demaskierung des Wunderbaren" weniger nachgefragt.[20] Erst die modernen Wissenschaften "zerlegen diese angeblichen Wunder heute anatomisch, reihen sie ein in ein System und werden wohl bald alle möglichen Varianten beisammen haben".[21]

Das anatomisch hergeleitete Menschenbild, auf dem Holländer sein programmatisches Ziel einer wissenschaftlichen Aufklärung begründete, beruht auf einer fortschrittsgeleiteten Kulturbetrachtung im Namen der Medizin. Diese Disziplin wurde hier zum Träger einer empirischen Eigentlichkeit des Körpers, die ihre Waffen gegen die Metaphysik des Wunders richtet.[22] Zugleich kündigte sich hier eine neue Anbindung an den Prozess der Verwissenschaftlichung und Rationalisierung an, die ihren Ausgang an den seltenen Fällen, dem Monströsen und Hässlichen nehmen. Es war gerade die Medizin als Wissenschaftsdisziplin des 19. Jahrhunderts, die sich für die Erkenntnis des Körpers mit ihren Methoden des Vergleichs auf die Suche nach dem Seltenen und Rätselhaften begab. Sie machte es sich zur Aufgabe, sich immer wieder auf die Dimension des Wunders und Monsters einzulassen, um die Austreibung dieser Dimension aus dem medizinischen Wissen zu bewirken.[23] So wechselten die Physiologen des 19. Jahrhunderts – wie beispielsweise der Mediziner und Begründer der Zellularpathologie Rudolf Virchow – in ihren Texten stets zwischen Wunderglauben und Mechanismus.

Rudolf Virchow war nicht nur überzeugter Mechanist, sondern auch leidenschaftlich engagiert in der Besprechung und Veröffentlichung sogenannter menschlicher Monstrositäten.[24] In zahlreichen Publikationen widmete er sich den auf öffentlichen Freakshows gezeigten Monstrositäten, der zweiköpfigen Nachtigall, den "siamesischen Zwillingen" Eng und Chang Bunker oder den Mikrozephalen Bartola und Maximo.[25] Im begrifflichen Wechsel von Wunder und Mechanismus, Rätsel und Zellaufbau, Naturgesetz und Ereignis propagierte Virchow mit der Besprechung außergewöhnlicher Körper stets auch seine Auffassungen einer wissenschaftlichen Anschauung oder medizinischer Theorien. Dieses Schwanken zwischen Wunder und Naturgesetz hat die Medizinerin Christiane Sinding als eine Abwehrstrategie gegen altes Wissens und als eine Strategie der Legitimation und des Anspruchs für den Aufbau einer neuen Wissensdisziplin bezeichnet, mit der sowohl die Wissenschaftlichkeit als auch die Innovationskraft des eigenen Vorgehens belegt werden sollte. Bei Virchow betrifft dies seiner Theorie gemäß die Eingliederung der menschlichen Monstrosität in die Zellularpathologie.[26] 1891 konstatierte er rückblickend auf die Arbeit der Berliner Anthropologischen Gesellschaft, der führende Mediziner, Anthropologen und Ethnologen angehörten: "Noch kein früheres Jahrhundert hat uns eine solche Fülle exotischer und absonderlicher Menschen zugeführt, wie das abgelaufene. Die wunderbarsten Monstrositäten sind vor uns aufgetreten."[27]

Der technologische Fortschritt bescherte auch der Medizin des 19. Jahrhunderts neue Möglichkeiten, so wurde zunehmend fotografiert, besprochen, veröffentlicht. Insbesondere die medizinische Fotografie, die in dieser Zeit entstand, widmete sich den als monströs bezeichneten Körpern. Sie wurden als "pathologische oder teratologische Fundstücke" in Lehrbüchern, Zeitschriften und wissenschaftlichen Abhandlungen zahlreich publiziert. Als einen "Überbietungsdiskurs" der Medizin hat der Kulturwissenschaftler Gunnar Schmidt diese Praktiken der Wissensgenerierung beschrieben, die die Vielfalt des menschlichen Körpers zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Wettbewerbs des Vergleichs, der Aufzeichnung und der Archivierung seiner Extremformen machten.[28]

Die Mediziner des 19. Jahrhunderts nahmen Vermessungen am Schädel, des Gehirns und seines Gewichtes vor; weibliche Genitalien, insbesondere afrikanischer Frauen, wurden untersucht, die Länge und Form der Schamlippen vermessen. Der ungeheure wissenschaftliche Aufwand diente dazu, aus den kleinsten Abweichungen menschlicher Körper und aus der genormten Variationsbreite der körperlichen Beschaffenheit Schlussfolgerungen auf eine psychophysische Wertigkeit des devianten Menschen zu ziehen. Monstrosität wurde in Modellen der Regression erklärt, um wissenschaftliche, auf quantitativen Verfahren der Vermessung beruhende Parameter zur "Kennzeichnung der Abweichung aus der Norm zu erhalten".[29] Die Popularisierung der darwinistischen Theorie der menschlichen Höherentwicklung und der Regression machte aus kleinsten Unterschieden eine Monstrosität, indem Zeichen eines Atavismus oder menschlicher Unterentwicklung hineingelesen wurden. Und vielleicht spiegelte sich in diesem Diskurs des monströsen Körpers die zunehmende Relativität menschlicher Vorherrschaft wider, was, wie der Historiker Urs Zürcher schreibt, "wohl eine der grundlegenden (biologischen) Erfahrungen des 19. Jahrhunderts" war.[30]

Ausblick

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging die Zahl der medizinischen Neuerscheinungen über menschliche Monstrositäten zurück und die Variationsbreiten des menschlichen Körpers verloren in epistemischer Hinsicht an Bedeutung. Doch der Überbietungsdiskurs, der in der Medizin um 1900 geführt wurde, scheint gegenwärtig in den Inszenierungen medialer Körperbilder wirksam, indem nach Figurationen des Monsters neu gefragt wird.

Der Literaturwissenschaftler Matthias Thiele hat die strukturelle Identität von Monster und Sensation betont und die medialen Bilder monströser Körper aus "der Perspektive ihres täglichen Spektakels der Normalisierung analysiert".[31] In Talkshows, Boulevardmagazinen, aber auch in Blogs werden übergewichtige, chirurgisch bearbeitete oder fehlgebildete Körper als Monstrositäten präsentiert, die "schlicht und einfach als Sensationen behandelt werden". Die Figur des Monsters als Sensation lasse sich "als eine Abweichung von der Normalität im Sinne einer verkehrten Welt oder einer unvermittelten Vereinigung von sich ausschließenden Gegensätzen" bestimmen.[32]

Hingegen fragt die Philosophin Rosi Braidotti mit dem Monster nach dem Verhältnis von Devianz und Normalität und problematisiert, ob die derzeitigen medialen Körperbilder eines "posthuman techno-teratological phenomen" das Deviante privilegieren und damit die konventionellen Konzepte des Humanen überschreiten.[33] Die permanente Ausstellung und stetigen Veröffentlichungen als monströs bezeichneter Körper könnten aber auch neue Formen der Normalisierung darstellen. Auf der einen Seite machen visuelle Repräsentationen die von Normierungen ausgeschlossenen Bereiche sichtbar und fügen sich in einen Diskurs der Selbstermächtigung ein. Auf der anderen Seite greifen mediale Repräsentationen auch auf traditionelle Interpretationsmuster und Körperbilder zurück, mit denen einst historisch wirksame Ausschlüsse und Marginalisierungen legitimiert wurden.

Wenn wir uns also gegenwärtig mit den Bildern und Praktiken der Repräsentation von Körperbildern beschäftigen, wird auch die Frage verhandelt, wie wir diesen Repräsentationen eine positive Richtung geben können. Rosi Braidotti hat betont, dass sich in den gegenwärtigen Trend pro Grenzüberschreitungen vielleicht neue Möglichkeiten für ein Denken des Humanen eröffnen, das sich der wirkmächtigen Forderung der Übereinstimmung mit einer einzigen Norm entzieht. Die aktuelle Faszination am Monströsen bette die medialen Ausstellungen eines "Freak-Body" in soziale, kulturelle und symbolische Praktiken ein. Während Attribute der Monstrosität, der Anomalie und der Abweichung historische Instrumente der Abwertung sind, so könnten mediale Repräsentationen gegenwärtig auch alternative Möglichkeiten bereitstellen, um Differenzen positiv anders zu denken. Wir können uns neu mit den vielfältigen, ambivalenten Praktiken divergierender Verkörperungen auseinandersetzen, mit den darin enthaltenen Identitätsansprüchen, mit denen das Eigene, das Selbst immer über Ausschlüsse und Abwertungen konstituiert wird. Die medialen Erzeugungen von Körperbildern erscheinen somit als ein interessantes Spiel mit Uneindeutigkeiten.

Dass wir auf die Frage, wie Differenz anders zu denken ist, keine eindeutigen Antworten liefern können, ist kein Defizit. Vielmehr sollten wir diese Frage offen halten, um die Möglichkeiten vielfältiger theoretischer und politischer Koalitionen nicht einzubüßen. Ohne Identitätspostulate und Normativitäten gibt es eben auch keine Kultur, doch Differenzen können auch so verstanden werden, dass sie die "Kohärenz eines jeden Identitätspostulats" zerstören.[34]

Heutige mediale Inszenierungen des Körpers schaffen vermutlich neue Figurationen des Monsters. Das Deviante, das Andere oder das Verdrängte als empirische Referenz für soziale Andersheit könnte über die Permanenz ihrer medialen Ausstellung normalisiert werden. Bleibt zu fragen, ob das Deviante von gestern das Normale von heute sein könnte und ob uns die medialen Inszenierungen monströser Körper vielleicht sogar toleranter machen für mannigfache Weisen der Differenzen, um die Vielfältigkeit menschlicher Existenzweisen anzuerkennen.

Fußnoten

16.
Michel Foucault, Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt/M. 2003, S. 144. Siehe auch die Passagen von Michel Foucault in diesem Heft (Anm. d. Red.).
17.
Eugen Holländer, Wunder, Wundergeburt und Wundergestalt in Einblattdrucken des fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts, Stuttgart 1921, S. IXI.
18.
Ebd., S. 1.
19.
Ebd., S. 63.
20.
Ebd., S. 68.
21.
Ebd., S. 370.
22.
Vgl. Gunnar Schmidt, Anamorphotische Körper. Medizinische Bilder vom Menschen im 19. Jahrhundert, Köln 2001, S. 81.
23.
Vgl. ebd., S. 28.
24.
Georges Canguilhem, Aspekte des Vitalismus, in: ders., Die Erkenntnis des Lebens, Berlin 2009, S. 149–182, hier: S. 168.
25.
Vgl. Rudolf Virchow, Über die sogenannte "Zweiköpfige Nachtigall", in: Berliner Klinische Wochenschriften, (1873) 13, S. 97–100; ders., Die Siamesischen Zwillinge, in: Berliner Klinische Wochenschrift, (1873) 16, S. 153–155; Britta Lange, "Aechtes und Unächtes". Zur Ökonomie des Abnormalen als Täuschung, in: Petra Lutz/Thomas Macho et al. (Hrsg.), Der [Im-]Perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung, Köln 2004, S. 214–235.
26.
Vgl. Christiane Sinding, Vitalismus oder Mechanismus? Die Auseinandersetzung um die forschungsleitenden Paradigmata in der Physiologie, in: Philipp Sarasin/Jakob Tanner (Hrsg.), Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1998, S. 93.
27.
Rudolf Virchow, zit. nach: B. Lange (Anm. 25), S. 215.
28.
G. Schmidt (Anm. 22), S. 44.
29.
Michael Hagner, Die Normalisierung der Monstrositäten, in: Christine Bartz/Marcus Krause (Hrsg.), Spektakel der Normalisierung, München 2007, S. 181–196, hier: S. 195.
30.
Urs Zürcher, Monster oder Laune der Natur. Medizin und die Lehre von den Missbildungen 1780–1914, Frankfurt/M. 2003, S. 234.
31.
Matthias Thiele, Boulevard und Magazin der Normalen und der Anormalitäten, in: C. Bartz/M. Krause (Anm. 29), S. 103–122, hier: S. 103.
32.
Ebd., S. 111.
33.
Vgl. Rosi Braidotti, Teratologies, in: Ian Buchanan/Claire Colebrook (Hrsg.), Deleuze and Feminist Theory, Edinburgh 2002, S. 156–172, hier: S. 157.
34.
Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen, Frankfurt/M. 2009, S. 324.
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