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Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
André Habisch
Pia Popal

Ethik und globaler Handel

Ethik und Welthandel

Die Zunahme internationaler Abkommen hat das globale Handlungsfeld auch unübersichtlicher gemacht. Zwar hat sich seit dem frühen 20. Jahrhundert und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg ein Netzwerk globaler handelspolitischer Institutionen zur Koordination internationaler Handlungs- und Zahlungsströme gebildet.[26] Die Welthandelsströme können aber faktisch kaum wirksam durch internationale Institutionen und Verträge reguliert werden: Zu komplex sind die Prozesse, zu schwierig ist die Kontrolle der Einhaltung vereinbarter Regeln. Hinzu kommt, dass es der Pluralismus von Wertetraditionen, Menschenbildern und weltanschaulichen Überzeugungen im globalen Maßstab schwieriger macht, gemeinsame Orientierungen für eine wirksame Regulierung zu finden. Schließlich produziert auch die Abwägung zwischen verschiedenen Werten und Gütern (wie etwa Schutz der natürlichen Umwelt einerseits gegenüber Wirtschaftswachstum und Wohlstandsmehrung andererseits) vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ausgangssituationen reicher und armer Länder sehr verschiedene Ergebnisse.

Angesichts dieser Grenzen globaler Regulierung des Welthandels durch handelspolitische Institutionen und Organisationen werden in den Jahren seit der Jahrtausendwende wieder verstärkt die Rolle und Verantwortung von Organisationen und Unternehmen, individualethische Orientierungen sowie das Wirtschaftsethos von Managern, Investoren, Verbrauchern und gesellschaftlichen Gruppen betont. Regierungen und internationale Organisationen errichteten nationale und internationale Plattformen für Kommunikation und Benchmarking (Makroebene); Handlungsprinzipien organisatorischer Verantwortung von Unternehmen und Körperschaften (corporate social responsibility) beziehungsweise des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen (corporate citizenship) zum gemeinsamen Nutzen von Anlegern (Shareholder) und übrigen Anspruchsgruppen (Stakeholder) wurden formuliert (Mesoebene).

Dies findet Niederschlag in Veranstaltungen, Preisverleihungen, Berichterstattungen von Unternehmen, aber auch in offiziellen politischen Dokumenten auf Ebene der Bundesländer, der Nationalstaaten[27] sowie der Europäischen Union[28]. Orientierungen für individuelles Handeln bieten Verhaltenskodizes von Unternehmen, Dokumente von Kirchen und spirituellen Gemeinschaften (wie das Dokument "Zum Unternehmer berufen" der Päpstlichen Kommission Justitia et Pax oder die Denkschrift zur Unternehmensethik der Evangelischen Kirche in Deutschland) sowie Leitbilder wie der "Ehrbare Kaufmann", die gegenwärtig etwa in den Industrie- und Handelskammern stark an Bedeutung gewinnen.

Deutlich wird die Neuorientierung weg von einem eher zentralistisch-bürokratischen Ansatz, der die Alleinzuständigkeit der Regierungen und internationalen Organisationen betont, hin zu einem bürgergesellschaftlichen Ansatz beispielsweise in der Gründung des UN Global Compact (UNGC). Er wurde im Anschluss an das World Economic Forum 1999 ins Leben gerufen. Der Global Compact versteht sich als "Vertrag" der internationalen Staatengemeinschaft mit den Unternehmen, die ihnen bei der Realisierung der Millenniumsziele zu Umweltschutz, Menschenwürde und medizinischer Versorgung der Menschheit helfen sollen. Selten fand die Einsicht, die globalen Ordnungsprobleme eines immer komplexer werdenden Welthandelssystems nicht mehr allein nationalstaatlich lösen zu können, so deutlich Eingang in Bestrebungen zur freiwilligen Selbstverpflichtung und in handlungsanweisende Leitsätze für Unternehmen. Der UNGC gilt daher als prominenteste Initiative für gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen.

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Unternehmen, die den UN Global Compact unterschreiben, sollen

  • die international verkündeten Menschenrechte respektieren und ihre Einhaltung innerhalb ihrer Einflusssphäre fördern;
  • sicherstellen, dass sie nicht bei Menschenrechtsverletzungen mitwirken;
  • die Rechte ihrer Beschäftigten, sich gewerkschaftlich zu betätigen, respektieren sowie deren Recht auf Kollektivverhandlungen effektiv anerkennen;
  • alle Formen von Zwangsarbeit beziehungsweise erzwungener Arbeit ausschließen;
  • an der Abschaffung von Kinderarbeit mitwirken;
  • jede Diskriminierung in Bezug auf Beschäftigung und Beruf ausschließen;
  • eine vorsorgende Haltung gegenüber Umweltgefährdungen einnehmen;
  • Initiativen zur Förderung größeren Umweltbewusstseins ergreifen;
  • die Entwicklung und die Verbreitung umweltfreundlicher Technologien ermutigen;
  • gegen alle Arten der Korruption eintreten, einschließlich Erpressung und Bestechung.

Der Leiter des UNGC, Georg Kell, definiert den Global Compact als wertbasierte Plattform, die wenige bürokratische Strukturen und Formalitäten aufweist und dadurch institutionelles Lernen ermöglicht.[29] Die zehn Prinzipien prägen maßgeblich den Handlungsrahmen privater Akteure, indem sie idealtypische und universalgültige Normen zur Orientierung vorgeben. Die Vorgabe von wertebasierten Orientierungspunkten wie die des UNGC ist ein relativ neues Phänomen von Normativität. Mit Blick auf Welthandelsbeziehungen kann also die Frage gestellt werden, welchen ethisch vertretbaren Handlungsmustern zu folgen ist, um einen faireren Austausch der beteiligten Akteure zu ermöglichen.

Ein weiteres Beispiel für die Prägung eines neuen globalen Ethos sind auch die Principles of Responsible Investment (PRI) und die Principles for Responsible Management Education (PRME), die ebenfalls durch die Vereinten Nationen (VN) angestoßen wurden. Wie der damalige VN-Generalsekretär Kofi Annan bei seiner Rede an der New Yorker Börse 2006 zur Verkündung der PRI betonte, sind in den vergangenen Jahren im Zuge der fortschreitenden Globalisierung und dem Handel umfangreiche Konvergenzen zwischen den Zielen der VN, dem privaten Sektor und den Finanzmärkten entstanden. Zwar stellte er fest, dass die VN-Ziele – Frieden, Sicherheit, Entwicklung – Hand in Hand mit Wohlstand und wachsenden Märkten gehen. Allerdings ist auch eine große Lücke augenscheinlich geworden: Mit wenigen Ausnahmen habe die Finanzwelt unternehmerische Anstrengungen zur Reaktion auf Umwelt-, Arbeits- und Menschenrechtsherausforderungen, so Annan, nicht ausreichend anerkannt[30] – auch wenn diese mittlerweile im Sinne der Corporate Social Performance sogar messbar sind.[31]

Dabei ist auch nicht zu unterschätzen, dass ethisch nachhaltiges Handeln selbst mit gewissen Kosten verbunden ist. Ein Grund, warum sich besonders ethisch vertretbarere Produktionsstandards in hoch industrialisierten Ländern nur zögerlich und mit teilweise erheblichem Gegenwind realisieren lassen, ist wohl auch, dass sie bis zu einem gewissen Grad die Exportchancen mindern – jedenfalls, insofern ausländische Konkurrenten sich nicht auch an ihnen orientieren. Hier lässt sich ein wesentliches Dilemma identifizieren: Steht fairer beziehungsweise ethisch vertretbarer Handel in direkter Konkurrenz zu unternehmerischen Handelsbestrebungen, wird sich unter Umständen zu Ungunsten von Ersterem entschieden. Die immer komplexer werdenden Handelsbeziehungen jenseits nationalstaatlicher Einflussnahme schüren dabei eine Ungewissheit über das Verhalten der zahlreichen Akteure im Feld des Welthandels. Initiativen wie der UNGC etablieren in Zeiten globaler Unsicherheit daher Vertrauensstrukturen. Auch wenn die Initiative nicht das Mandat besitzt, das Verhalten seiner teilnehmenden Unternehmen zu kontrollieren oder zu bewerten, so wird doch eine Plattform geschaffen, die das Formulieren von praktischen Lösungen und best practices ermöglicht.[32] Auf diesem Wege wird den Akteuren wie der Institution eine gewisse Autonomie verliehen, die gerade durch ihren freiwilligen Gehalt Stärke erfährt.[33]

Fußnoten

26.
Dazu zählen die Internationale Handelskammer (ICC) mit Sitz in Paris (gegründet 1919), die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mit Sitz in Basel (gegründet 1930), die WTO mit Sitz in Genf (gegründet 1995), die Vereinten Nationen (VN) mit Sitz in New York (gegründet 1945) und die OECD mit Sitz in Paris (gegründet 1948). Vgl. für detaillierte Ausführungen zu internationalen Kooperationen und Organisationen sowie die unterschiedlichen Formen der Handelskooperationen u.a.: C. Büter (Anm. 2), S. 16ff.
27.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Nationale Strategie zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility – CSR), Berlin 2010, http://www.csr-in-deutschland.de/fileadmin/user_upload/Downloads/BMAS/
CSR_Konferenz/Aktionsplan_CSR.pdf
(12.11.2013).
28.
Vgl. Europäische Kommission (Hrsg.), Grünbuch: Europäische Rahmenbedingungen für die Soziale Verantwortung von Unternehmen, KOM(2001)366; dies. (Hrsg.), Mitteilung der Kommission zur Umsetzung der Partnerschaft für Wachstum und Beschäftigung, KOM(2006)136; dies. (Hrsg.), Mitteilung der Kommission über eine neue EU-Strategie (2011–2014) für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR), KOM(2011)681.
29.
Vgl. Georg Kell/David Levin, The Global Compact Network, in: Business and Society Review, (2003) 108, S. 152.
30.
Vgl. Rede von Kofi Annan am 27.4.2006, http://www.un.org/sg/statements/?nid=2006« (1.11.2013).
31.
Vgl. Daniel W. Greening/Daniel B. Turban, Corporate Social Performance as a competitive advantage in attracting a quality Workforce, in: Business & Society, (2000) 39, S. 254–280; Mark Orlitzky/Frank L. Schmidt/Sara L. Rynes, Corporate Social and Financial Performance, in: Organization Studies, (2003) 24, S. 403–441; Marc Orlitzky/Gary R. Weaver, Institutional Logics in the Study of Organizations, in: Business Ethics Quarterly, (2011) 21, S. 409–444.
32.
Vgl. Dirk U. Gilbert/Michael Behnam, Trust and the United Nations Global Compact, in: Business & Society, (2013) 52, S. 136.
33.
Vgl. Deborah E. Rupp/Cynthia A. Williams/Ruth V. Aguilera, Increasing Corporate Social Responsibility Through Stakeholder Value Internalization (and the Catalyzing Effect of New Governance), in: Marshall Schminke (Hrsg.), Managerial ethics, New York 2010, S. 75.
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