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Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
André Habisch
Pia Popal

Ethik und globaler Handel

Engagement kleiner und mittlerer Unternehmen

Neuere Formen gesellschaftlicher Selbststeuerung (governance) jenseits supranationaler Abkommen beziehen weitere Akteure in Handlungsgeschehen mit ein, die vorher nicht oder nicht in dem Maße an Regulierungsabkommen beteiligt waren. Neben zivilgesellschaftlichen Akteuren und TNU sind dies zunehmend auch international agierende klein- und mittelständische Unternehmen (KMU). Das Auslandsengagement der KMU, etwa in Form von Direktinvestitionen in Ländern mit günstigeren Absatzmöglichkeiten und Produktionsbedingungen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Während die volkswirtschaftliche Relevanz des Mittelstands auf nationaler Ebene nie umstritten war,[34] ist deren neue Rolle in Bezug auf die Bewältigung der Herausforderungen der Globalisierung noch ausbaufähig.

Ein wesentliches Hindernis für ein aktiveres Engagement besteht in den beschränkten Human- und Kapitalressourcen der KMU. Aufgrund der umfassenderen Zuständigkeitsbereiche von Einzelpersonen in kleinen und mittleren Betrieben wird die Bewältigung von Alltagsaufgaben oftmals gegenüber sozialen Aktivitäten priorisiert. Auch wenn besonders in generationenübergreifenden, eigentümergeführten KMU das Prinzip des "Ehrbaren Kaufmanns" häufig bereits gelebte Realität ist, müssen ethische Wertmaßstäbe, sofern sie mit dem Kerngeschäft des Unternehmens inkompatibel sind, im Alltag einem gewissen Pragmatismus weichen. KMU sehen sich damit bei der Implementierung von ethisch nachhaltigen Prinzipien in ihren transnationalen Handelsaktivitäten weitaus höheren Hürden gegenüber als etwa international langjährig erfahrene und fest etablierte TNU. Im Einzelfall müssen gerade KMU die mitunter konkurrierenden Dimensionen ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit auf kreative Weise miteinander verbinden.

Dennoch: Der Trend zur freiwilligen Selbstverpflichtung wird bei stetig wachsenden Handelsbeziehungen zunehmen. So werden Unternehmen in der postnationalen Konstellation[35] auch weiterhin teilweise als ordnungspolitische Akteure auftreten und sich an deliberativen und demokratischen Willensbildungsprozessen jenseits des Nationalstaates beteiligen.[36] Auch wenn die Effektivität mancher Initiative fraglich ist und mitunter von einer zunehmend sensibilisierten Zivilgesellschaft kritisiert wird,[37] stellen sie doch eine nicht zu verkennende neue Form eines universell gültigen ethischen Anspruchs dar.

Notwendige Konkretisierung

Ethische Prinzipienkataloge für moralisches Handeln von Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen bilden sich gerade dort aus, wo sich der rasch anwachsende globale Welthandel einer wirksamen Regulierbarkeit entzieht. Aus sozialethischer Sicht besteht die Herausforderung darin, zwischen den teilweise miteinander konkurrierenden Werten und Normen der verschiedenen Dokumente und spirituellen Traditionen zu vermitteln.[38] Auffällig ist dabei die Vorgehensweise der beschriebenen Ansätze, Prinzipienkataloge ohne einen ausreichenden Bezug auf (gegebenenfalls konkurrierende) Normbegründungsüberlegungen zu formulieren.

Auf Begründungen dieser Prinzipien und Maßstäbe oder auch auf Argumentationen im Rahmen bestimmter weltanschaulicher oder spiritueller Traditionen wird bewusst verzichtet. Dieses Vorgehen erinnert an eine Naturrechtsargumentation, wie sie etwa die Sozialethik bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts geprägt hat und die insbesondere in den 1970er Jahren als ideologisch verurteilt wurde;[39] nun kehrt eine solche positive Setzung von Prinzipien in Form eines "überlappenden Konsenses"[40] unterschiedlicher normativer Traditionen gerade im Kontext pluraler Werteordnungen auf die politische Bühne zurück. Zu leisten wäre dabei aber vor allem auch eine weitere Konkretisierung der Prinzipien und insbesondere eine Erläuterung des Umgangs mit notwendigen Wertekonflikten im wirtschaftlichen und sozialen Alltag der Unternehmen.

Fußnoten

34.
In Deutschland beschäftigen KMU 70 Prozent aller Arbeitnehmer und bilden 80 Prozent der Auszubildenden aus. Vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 10), S. 129.
35.
Vgl. Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation, Frankfurt/M. 1998.
36.
Vgl. Michael Zürn, Regieren jenseits des Nationalstaates, Frankfurt/M. 1998; Tanja Brühl (Hrsg.), Unternehmen in der Weltpolitik, Bonn 2004; Thomas Risse, Transnational Actors and World Politics, in: Walter Carlnaes (Hrsg.), Handbook of international relations, London 2002, S. 255–274; ders. (Hrsg.), Regieren ohne Staat?, Baden-Baden 2007; Andreas G. Scherer/Guido Palazzo, Die neue politische Rolle von Unternehmen in einer globalisierten Welt, in: Reinhard Moser (Hrsg.), Internationale Unternehmensführung, Wiesbaden 2009, S. 1–31; Klaus D. Wolf, Private actors and the legitimacy of governance beyond the state, in: Arthur Benz/Yannis Papadopoulos (Hrsg.), Governance and democracy, London 2006, S. 200–227.
37.
Vgl. Jill G. Klein/Craig Smith/Andrew John, Why We Boycott: Consumer Motivations for Boycott Participation, in: Journal of Marketing, (2004) 68, S. 92–109; Donald Schepers, Challenges to Legitimacy at the Forest Stewardship Council, in: Journal of Business Ethics, (2010) 92, S. 279–290.
38.
Vgl. Christoph Stückelberger, Ethischer Welthandel: Eine Übersicht, Bern 2001, S. 109.
39.
Vgl. Franz Böckle/Ernst-Wolfgang Böckenförde, Naturrecht in der Kritik, Mainz 1973.
40.
John Rawls/Wilfried Hinsch, Politischer Liberalismus, Frankfurt/M. 2003.
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