Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Nikolaus Wolf

Kurze Geschichte der Weltwirtschaft

"Erste Globalisierung"

In England und den Vereinigten Niederlanden erlebten Handel und Gewerbe im 17. Jahrhundert eine Blütezeit, die wesentlich durch die Beteiligung des städtischen Bürgertums an politischer Macht und die militärische Absicherung des Handels gefördert wurde. London wuchs trotz einiger Rückschläge durch Epidemien und Feuer zur größten Stadt Europas heran, was durch die günstige Lage an einem Netz von Wasserstraßen, aber auch durch gut erreichbare Kohlevorkommen als Heizmittel erleichtert wurde. Hier wurden die höchsten Löhne gezahlt, es entstanden neue Berufe, es wurden Handels- und Geldgeschäfte für Europa und die ganze Welt abgewickelt.

Diese Entwicklungen strahlten auf andere Teile Englands und Regionen entlang des Ärmelkanals und des Rheins aus und beförderten dort das Wachstum von Städten und Gewerbe. Die englischen Kolonien in Nordamerika, die zunächst weniger Gewinne als die spanischen Kolonien versprachen, wurden zunehmend besiedelt und begannen, Rohstoffe und Getreide gegen Gewerbeerzeugnisse des englischen Mutterlandes zu handeln.

Die ständig wachsende Nachfrage nach Produkten und steigende Löhne schufen Anreize, die Arbeitskräfte durch den Einsatz mechanischer Hilfsmittel produktiver zu machen. Die seit der Renaissance fortschreitende Naturwissenschaft traf in England auf Gewerbetreibende, die nach praktischen Lösungen suchten, um Kosten zu senken und Gewinne zu erzielen. Das Ergebnis waren wegweisende Erfindungen für die industrielle Revolution, wie die mechanisierte Spinnmaschine und die Dampfmaschine mit ihren mobilen Anwendungen in Form des Dampfschiffs und der Dampflokomotive. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 verbreiteten sich diese neuen Technologien rasch in Europa, in den nordamerikanischen Kolonien und später über die ganze Welt. Mit der englischen Industrie begannen bald andere europäische Staaten wie Frankreich, seit 1861 Italien, seit 1871 das Deutsche Reich und bald auch die Vereinigten Staaten von Amerika zu konkurrieren, während Russland und China, die Mehrzahl der Kolonien oder auch das seit 1822 unabhängige Brasilien weitgehend landwirtschaftlich geprägt blieben.

Die neuen Transportmittel, deren Energieeffizienz ständig verbessert wurde, erlaubten es, riesige Landflächen vor allem in Nordamerika, Argentinien oder Russland, die bisher kaum besiedelt waren, wirtschaftlich zu erschließen. Mit der Vollendung der First Transcontinental Railroad von New York nach San Francisco 1869 und der Öffnung des Suezkanals im gleichen Jahr wurde es tatsächlich möglich, in 80 Tagen einmal um die Welt zu reisen, wie es Jules Verne in seinem Roman von 1873 beschrieb. Auch die Transportkosten von Gütern wie Rohstoffe oder Getreide, deren Wert pro Gewichtseinheit deutlich niedriger war als im Falle von Gewürzen oder Edelmetallen, sanken dramatisch.

Damit bekam der Fernhandel im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine grundlegend neue Bedeutung: Während bisher eher Güter des Luxusbedarfs über weite Strecken transportiert wurden, weil sie entweder im Absatzgebiet keine Konkurrenzprodukte hatten (etwa Gewürze oder Gold) oder weil ihr Stückwert so hoch war, dass die Transportkosten tragbar blieben (etwa mechanische Uhren), begann man nun, Güter des täglichen Bedarfs wie Getreide um die Welt zu transportieren. Der Außenhandel von Ländern hatte damit erstmals direkte Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse der einfachen Leute. Daher macht es Sinn, den Beginn der "Ersten Globalisierung" um 1870 anzusetzen. Nicht zufällig stimmt dies mit der Zeit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 überein, weil damit der europäische Kontinent in eine Phase politischer Stabilität eintrat, ohne die eine grenzüberschreitende wirtschaftliche Verflechtung nicht möglich war.

Das Zeitalter der "Ersten Globalisierung" blieb noch stark vom Austausch zwischen Europa, Nord- und Südamerika und den europäischen Kolonien geprägt. Allerdings behielt auch der Handel mit China seine Bedeutung, und Japan begann seinen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht. Charakteristisch für die "Erste Globalisierung" ist es, dass der Ort der Produktion und der Ort des Verbrauchs für eine immer größere Zahl von Waren weit voneinander entfernt lagen. Baumwolle aus den Südstaaten der USA wurde in England zu Kleidung verarbeitet und nach Europa und Indien weiterexportiert.

Insgesamt ist diese Zeit durch eine Tendenz zur Spezialisierung durch Handel gekennzeichnet, bei der im bevölkerungsreichen Europa die arbeitsintensive Industrieproduktion und in den Kolonien wie zunächst auch in den USA die Produktion von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Gütern zunahmen. Frühe Formen des Gewerbes wie das Verlagswesen, bei dem Verleger die in Heimarbeit erstellten Textilien vermarkteten, wurden durch Fabriken verdrängt, die sich durch Zuwanderung der Landbevölkerung teilweise zu eigenen Städten auswuchsen. Die Krise der europäischen Landwirtschaft und auch die Hoffnung auf ein besseres Leben brachten Millionen Menschen dazu, in die neuen Industriegebiete wie Manchester oder das Ruhrgebiet auszuwandern.

Unterstützt wurde diese Arbeitsteilung der ersten Weltwirtschaft von intensiven Bemühungen um internationale Standards und Regeln. Vermittelt über den Finanzplatz London verbreitete sich seit etwa 1870 der Goldstandard als Währungssystem, bei dem nationale Währungen über eine fixe Goldparität miteinander verknüpft und leicht handelbar wurden. In der Meterkonvention 1875 einigten sich Vertreter von 17 Staaten auf den Standardmeter und das Standardkilogramm als Maßeinheiten. Auf der Washingtoner Meridiankonferenz 1884 wurde von Vertretern von 26 Staaten der durch Greenwich verlaufende Meridian als Basis des internationalen Koordinatensystems festgelegt, um weltweit die Zeitmessung und die Erstellung von Karten abzustimmen.

Europa – und hier besonders die drei großen Staaten Frankreich, Großbritannien und Deutschland – dominierte diese "Erste Globalisierung". Der Anteil Europas an der Weltwirtschaft um 1913 wird auf enorme 45 Prozent geschätzt, während der Anteil an der Weltbevölkerung bei knapp unter 30 Prozent lag. Allerdings mehrten sich um die Jahrhundertwende die Anzeichen einer Krise Europas, die im Westen vom raschen Aufstieg der USA, im Osten von einer stetigen Entwicklung in Japan begleitet wurde.

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