Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Nikolaus Wolf

Kurze Geschichte der Weltwirtschaft

Deglobalisierung

Der Erste Weltkrieg markiert das Ende der europäischen Dominanz, sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen Bereich. New York löste London als wichtigsten Finanzplatz ab, US-amerikanische Unternehmen wie General Electric oder Ford lieferten den Europäern einen harten Wettbewerb. In Russland war das alte Zarenreich im Verlauf des Krieges in der Oktoberrevolution 1917 untergegangen, was den Keim zu einer neuen Weltmacht legte. Mit der Gründung des Völkerbunds 1920 wurden Hoffnungen auf die Durchsetzung einer stabilen internationalen Ordnung verbunden. Auf der Konferenz von Genua 1922 versuchten die europäischen Staaten noch einmal, die alte Ordnung wiederherzustellen, aber diese Bemühungen scheiterten an innen- und außenpolitischen Konflikten.

Dennoch kam es in den 1920er Jahren zu einer kurzen und intensiven Wiederbelebung der "Ersten Globalisierung", getrieben durch den Zufluss US-amerikanischen Kapitals und technologischen Neuerungen, die Aussicht auf ein stabiles, langfristiges Wachstum gaben. In dieser Zeit setzte sich die Nutzung der Elektrizität in der Produktion, in privaten Haushalten und im Transport durch, das Auto entwickelte sich allmählich vom Luxus- zum erschwinglichen Massenprodukt, die zivile Luftfahrt begann. Alle diese Neuerungen versprachen Flexibilität und nahezu grenzenlose Möglichkeiten, sowohl in der Produktion als auch für die Konsumenten.

Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde jedoch die Kehrseite der Globalisierung dramatisch sichtbar. Zwar hatte es schon vorher Krisen gegeben, die weite Teile der westlichen Welt erfassten, aber die Weltwirtschaftskrise hatte in ihrer Dauer und Intensität keinen Vorläufer und bis heute auch keinen Nachfolger. Die Wirtschaft der Industriestaaten schien in einen Strudel aus Preisverfall und Arbeitslosigkeit geraten zu sein, wobei sich negative Impulse aus Zusammenbrüchen von Unternehmen und Banken rasch von einem Land zum anderen ausbreiteten. Offenbar konnte die Wirtschaft daraus nicht befreit werden, ohne entweder die Grundlagen der grenzüberschreitenden Verflechtung zu zerstören, oder eben diese Verflechtung durch einen internationalen Rahmen substanziell zu vertiefen.

Mit der Auflösung des Goldstandards und massiver Intervention in einzelnen Staaten (auch in Form militärischer Aufrüstung) gelang es zwar schließlich, den Preisverfall zu stoppen, aber die Massenarbeitslosigkeit hatte Europa – insbesondere Deutschland – so radikalisiert, dass der Weg in einen neuen Krieg vorgezeichnet war. Es kam zur Entstehung von Währungsblöcken, multilaterale Zollverträge wurden durch ein Geflecht bilateraler Abmachungen ersetzt, Kapitalbewegungen und Migration begrenzt, und viele Staaten waren bestrebt, ihre Abhängigkeit von grenzüberschreitendem Handel zu reduzieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der Schwerpunkt politischer wie wirtschaftlicher Macht endgültig weg von Europa und hin zu den USA verschoben, denen allerdings mit der siegreichen Sowjetunion und China sowie ihrem Einflussbereich von Mitteleuropa bis an den Pazifik nun ein starker Gegenpol erwachsen war. Auch Asien wurde durch den Zweiten Weltkrieg grundlegend verändert. In weiten Teilen des Kontinents verstärkten sich die Unabhängigkeitsbewegungen gegen die europäischen Kolonialherren, während der Einfluss Japans als Kriegsverlierer zunächst schwand und sich in China mit der Kommunistischen Partei eine neue Macht und Wirtschaftsordnung etablierten.

Die USA wollten die Wirtschaft nach Prinzipien des Marktes weiterentwickeln, wie sie auch die "Erste Globalisierung" geprägt hatten. Dagegen vertraten die Sowjetunion und China den Ansatz einer Planwirtschaft, der Streben nach Gewinn und Konsumentennutzen durch staatliche Lenkung ersetzen wollte. Deutschland und Europa insgesamt verloren an Bedeutung. Neue Energiequellen (Öl, Gas, Atomkraft) versprachen einen wirtschaftlichen Aufschwung, der die Zukunftsvisionen der 1920er Jahre übertreffen sollte. Allerdings mussten dazu zunächst die Kriegsschäden und vor allem die zahlreichen institutionellen Barrieren beseitigt werden, die während der Kriege und in Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entstanden waren. Noch während des Krieges wurde eine neue Weltordnung entworfen, allem voran wurde mit der Moskauer Deklaration 1943 die Gründung der Vereinten Nationen als globaler Organisation zur Sicherung des Friedens und des Völkerrechts von allen führenden Mächten unterstützt.

Jedoch zeichnete sich nach dem Krieg ab, dass eine wirtschaftliche Re-Integration nicht global, sondern nur getrennt im Westen unter Führung der USA und im Osten unter Führung der Sowjetunion erfolgen konnte. Statt einer ursprünglich geplanten Internationalen Handelsorganisation entstanden im Westen das General Agreement of Tariffs and Trade (GATT) sowie aus den US-amerikanischen Wiederaufbauhilfen für Europa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die auf den Abbau von Handelsbarrieren und vertiefte Kooperation hinarbeiteten. Im Osten wurde 1949 als Gegenentwurf dazu der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW oder COMECON) begründet. Im Westen entstand das "System von Bretton Woods", das mit der Schaffung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank den Versuch darstellte, über eine Bindung des US-Dollars an Gold den internationalen Goldstandard in angepasster Form wiederzubeleben. Im Osten dagegen entstand ein System von Planwirtschaften mit Verrechnungswährungen.

Auf Grundlage dieser neuen institutionellen Ordnung konnten in vielen Teilen der Welt umfangreiche Infrastrukturprojekte realisiert werden. Beispielsweise wurde die Elektrifizierung vorangetrieben, es wurden Kraftwerke, Straßen, Eisenbahnen, neue Schiffs- und Flughäfen geschaffen und zahlreiche Schulen und Universitäten gebaut, die im Verbund mit den neuen Energieträgern und Technologien zu einem enormen wirtschaftlichen Aufschwung führten. Das "Golden Age of Growth" seit 1950, das in Europa als Wirtschaftswunder gefeiert wurde, brachte in Ost und West gleichermaßen reale Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent pro Jahr bis in die 1970er Jahre hinein.

Die Industrialisierung begann in dieser Zeit auch die ehemaligen europäischen Kolonien zu erreichen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit erlangten. Neben Japan, Australien und Neuseeland entwickelten sich Südkorea, Taiwan und Hongkong, Singapur und Malaysia zu industrialisierten Staaten, die auf ihre Umgebung ausstrahlten. Im Nahen Osten und in Teilen Afrikas, aber auch in Argentinien, Chile oder Venezuela setzte eine wirtschaftliche Dynamik ein, die im Wesentlichen durch den Export von Rohstoffen in die Industriestaaten getragen wurde.

Begleitet wurde diese Dynamik fast überall seit 1950 von einem starken Anstieg der Land-Stadt-Migration, die zur Entstehung von Megastädten mit vielen Millionen Einwohnern führte. Während sich jedoch zwischen 1950 und 1970 der materielle Lebensstandard in fast allen Teilen der Welt deutlich im Durchschnitt verbesserte, war dieser Wohlstand häufig sehr ungleich verteilt. Gerade in rohstoffexportierenden Ländern verblieb oft der allergrößte Teil der Bevölkerung in Armut, während sich kleine Eliten bereichern und ihre Macht weiter sichern konnten.

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