Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Till van Treeck

Globale Ungleichgewichte im Außenhandel und der deutsche Exportüberschuss

Globale Ungleichgewichte und die weltweite Finanzkrise

Das größte Defizitland bei Ausbruch der Krise waren mit großem Abstand die USA, gefolgt von Großbritannien und Spanien. In allen drei Ländern ist es in den Jahren vor der Krise zu einem binnenwirtschaftlichen Boom gekommen, der zum großen Teil über Kredite finanziert wurde. Vor allem die privaten Haushalte sparten nur noch wenig und steigerten ihre Nachfrage nach Konsumgütern und Immobilien auf Basis steigender Verschuldung. Ein immer größerer Teil der kräftig wachsenden Güternachfrage wurde über Importe aus dem Ausland bedient, die zunehmend die eigenen Exporte an das Ausland überstiegen.

Spiegelbildlich zur Entwicklung in den Defizitländern war die binnenwirtschaftliche Dynamik in den Ländern mit steigenden Leistungsbilanzüberschüssen relativ schwach. Die drei größten Überschussländer vor der Krise waren China, Japan und Deutschland. Hier sparten die privaten Haushalte, Unternehmen und Staat in der Summe einen zunehmenden Teil ihrer Einkommen und hielten sich mit Ausgaben zurück. Die im Vergleich zum Ausland schwächere binnenwirtschaftliche Dynamik bedeutete relativ niedrige Importe im Vergleich zu den kräftig wachsenden Exporten.

Als ab Sommer 2007 die privaten Kreditblasen zunächst in den USA ("Subprime-Krise") und bald darauf in weiteren Ländern platzten, brach in diesen Ländern, welche zumeist hohe Leistungsbilanzdefizite aufwiesen, die Nachfrage ein. Es kam zur "Großen Rezession" und einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit. Hiervon waren jedoch ebenfalls die Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen betroffen, da deren Wachstum und Beschäftigung ja in zunehmendem Maße von den kreditfinanzierten Importen des Auslands abhängig geworden waren. Diese externe Nachfragequelle versiegte nun plötzlich mit den privaten Schuldenkrisen in den Leistungsbilanzdefizitländern.

Seither ist die Weltwirtschaft auf der Suche nach einem neuen, stabileren Entwicklungsmodell. Die bisherigen Defizitländer sind bemüht, ihre Verschuldung und Leistungsbilanzdefizite abzubauen. Insofern dies eine Abschwächung der binnenwirtschaftlichen Entwicklung bedeutet, ist ein kräftigeres Wachstum der Exporte erforderlich, um eine dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit und entsprechende soziale Verwerfungen zu verhindern. Dies wiederum ist nur möglich, wenn die bisherigen Überschussländer eine kräftigere binnenwirtschaftliche Dynamik entfalten mit entsprechend höheren Importen und geringeren Leistungsbilanzüberschüssen. Dieser Prozess ist bisweilen durchaus konfliktreich, und zunehmend geraten auch die Überschussländer in die Kritik. Mittlerweile haben sowohl die chinesische als auch die japanische Regierung die Reduzierung ihrer Leistungsbilanzüberschüsse als klares Ziel ausgegeben. In Deutschland sind bisher kaum Schritte in diese Richtung erkennbar. Die Rolle Deutschlands für die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte ist daher auch im Hinblick auf die Krise des Euroraums weiterhin ein Dauerthema.

Eurokrise und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte

Der wichtigste Bestandteil der europäischen Finanzpolitik ist der Europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP). Bis zu seiner Reform 2011 fokussierte der SWP stark auf die Defizite in den Staatshaushalten. Kein Staat sollte ein Haushaltsdefizit von mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufweisen. Über den Konjunkturzyklus sollte der Staatshaushalt sogar ausgeglichen sein. Zudem sollte die staatliche Verschuldung insgesamt 60 Prozent des BIP nicht überschreiten.

Im Nachhinein ist offensichtlich, dass der alte SWP insofern falsch konstruiert war, als er die im Vorfeld der Krise gravierenden außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte im Euroraum nicht hinreichend in den Blick genommen hat. So hatten Länder wie Irland oder Spanien das Drei-Prozent-Kriterium zwischen 1999 und 2007 nicht ein einziges Mal verletzt. Die staatliche Schuldenstandsquote (Staatsverschuldung in Prozent des BIP) sank im gleichen Zeitraum von 49 Prozent auf 25 Prozent in Irland und von 62 Prozent auf 36 Prozent in Spanien. Der Staat erzielte in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch der Krise sogar Haushaltsüberschüsse. Dennoch stürzten Irland und Spanien neben Griechenland und Portugal schnell in die Krise, und für die Staatsanleihen dieser Länder wurden auf den Finanzmärkten nun hohe Risikoaufschläge verlangt, was eine Refinanzierung zunehmend schwierig machte. Dabei wurden die Staatshaushalte dieser Länder noch unmittelbar zuvor von der EU-Kommission und dem EU-Rat als vorbildlich gelobt.

Auffällig ist, dass in allen heutigen Krisenländern (insbesondere Griechenland, Irland, Portugal, Spanien) vor 2010 beträchtliche Leistungsbilanzdefizite entstanden waren. Diese waren Ausdruck von Finanzierungsdefiziten des Staates, vor allem aber des Privatsektors. Ähnlich wie in den USA entwickelte sich in diesen Ländern vor der Krise ein Wachstumsmodell mit relativ kräftiger Nachfrageentwicklung im Bereich des privaten Konsums und der Wohnungsbauinvestitionen. Dieses wurde begleitet durch private Kreditblasen und ein starkes Wachstum des weitgehend unregulierten Finanzsektors. Da die Leistungsbilanz des Euroraums insgesamt gegenüber dem Rest der Welt nahezu ausgeglichen war, standen den Leistungsbilanzdefiziten der jetzigen Krisenländer in etwa gleicher Höhe Leistungsbilanzüberschüsse in anderen Mitgliedsländern des Euroraums gegenüber. Das mit großem Abstand wichtigste Überschussland ist Deutschland, dessen Leistungsbilanz bei Einführung des Euro im Jahr 1999 noch leicht im Minus gewesen war, seit 2002 aber stark angestiegen ist bis auf etwa 7,5 Prozent des BIP im Jahr 2007. Zwischen 1999 und 2007 wies Deutschland neben Italien das schwächste Wirtschaftswachstum im Euroraum auf, und mehr als die Hälfte des gesamten Wirtschaftswachstums entfiel auf die Nettoexporte.

Scheinbar paradoxerweise gilt Deutschland heute als Land mit soliden Staatsfinanzen, obwohl die staatliche Schuldenstandsquote unmittelbar vor der Krise (2007: 65 Prozent) deutlich höher lag als etwa in Irland oder Spanien und etwa auf gleichem Niveau wie in Portugal. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass die außenwirtschaftliche Position eines Landes ein weitaus besserer Indikator für eine makroökonomische Schieflage ist als allein das staatliche Haushaltsdefizit.

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