Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Christoph Kleinschmidt

Semantik der Grenze

Grenzen aus philosophischer Perspektive

In der Philosophie kommt der Grenze als eigenem Phänomen lange Zeit keine Aufmerksamkeit zu. Vielmehr rückt sie eher unfreiwillig ins Blickfeld, da die zentrale Frage der Unterscheidung – sei es der zwischen Natur und Kultur, Sein und Nichtsein oder Kunst und Nicht-Kunst – zwangsläufig die der Abgrenzung einschließt. In diesem Sinne wird sie erstmals eingehender von Immanuel Kant thematisiert, dem es in seiner "Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik" (1783) um die Erfassung der Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit geht. Im Unterschied zu dem oben aufgezeigten Weder-noch der Grenze wendet Kant deren Bedeutung in ein Sowohl-als-auch. Eine Grenze ist für ihn "etwas Positives (…), welches sowohl zu dem gehört, was innerhalb derselben, als zum Raume, der außer einem gegebenen Inbegriff liegt".[11]

Der Grund für diese positive Konzeption liegt darin, dass es Kant um die Grenzen der Vernunft geht, und diese eröffnen seinem Verständnis nach zugleich eine Ahnung von dem, was außerhalb ihrer Reichweite liegt, und haben insofern – und sei es minimal – daran teil. Die äußersten Ränder der Erkenntnis als bestimmt durch etwas zu begreifen, das als Unbestimmtes ihren Horizont übersteigt, adelt die Vernunft in ihrer Kompetenz, die eigenen Grenzen überhaupt denken zu können. Kants terminologischer Versuch indes, mit der Grenze ausschließlich etwas Positives zu verbinden und die negativen Eigenschaften dem Begriff der Schranke zu übertragen, hat sich nicht durchgesetzt. Allerdings können seine Überlegungen dazu beitragen, jede Form der strikten Grenzziehung – insbesondere, wenn sie politisch motiviert ist – als Illusion zu entlarven. Denn über den Ausschluss bleibt das andere immer präsent.

In dieser dialektischen Weise konzipiert auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Grenze in seiner "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften" (1817/1830), wobei ihr eine weitaus existenziellere Bedeutung zukommt als bei Kant: "Die Negation ist im Dasein mit dem Sein noch unmittelbar identisch, und diese Negation ist das, was wir Grenze heißen. Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist. Man darf somit die Grenze nicht als dem Dasein bloß äußerlich betrachten, sondern dieselbe geht vielmehr durch das ganze Dasein hindurch. Die Auffassung der Grenze als einer bloß äußerlichen Bestimmung des Daseins hat ihren Grund in der Verwechslung der quantitativen mit der qualitativen Grenze. Hier ist zunächst von der qualitativen Grenze die Rede. Betrachten wir z.B. ein Grundstück, welches drei Morgen groß ist, so ist dies seine quantitative Grenze. Weiter ist nun aber auch dieses Grundstück eine Wiese und nicht Wald oder Teich, und dies ist seine qualitative Grenze. – Der Mensch, insofern er wirklich sein will, muß dasein, und zu dem Ende muß er sich begrenzen."[12]

Die besondere Rolle, die Hegel im Unterschied zur quantitativen der qualitativen Grenze zuspricht, hat mit ihrer bedeutungskonstitutiven Funktion zu tun: Während die eine nur das Maßverhältnis angibt, trägt die andere zur semantischen Unterscheidung der Phänomene bei. In seinen weiteren Ausführungen präzisiert Hegel die qualitative Grenze als ein widersprüchliches Phänomen, weil sie "einerseits die Realität des Daseins" ausmacht – eben in ihrer Sinnstiftung – und andererseits "dessen Negation".[13] Bezogen auf den Menschen ist damit gemeint, dass sich jede und jeder abgrenzen muss, um sich als Individuum entwerfen zu können, damit aber auf die Grenze angewiesen bleibt als etwas, welches das Abgegrenzte zum Anderen macht und seinerseits von beiden unterschieden ist.

Für die Grenze selbst hat dies zur Folge, dass sie nach Hegel nicht als ein "abstraktes Nichts", sondern als "seiendes Nichts"[14] aufgefasst werden muss. Diese Formulierung bringt auf den Punkt, dass Grenzen per se eigentlich nicht definiert werden können und doch eine existenzielle Bedeutung aufweisen. Sie zeigt allerdings auch das ganze Dilemma auf, das man sich mit dem Nachdenken über das Liminale einhandelt, weil es nur noch in einer paradoxen Wendung greifbar wird.

Dass gerade die Grenze als eine paradoxe Figur im Kontext postmoderner Philosophiekonzepte diskutiert wird, überrascht wenig. Neben generellen Infragestellungen – "No border is guaranteed, inside or out"[15] – bei Jacques Derrida, der mit seiner Dekonstruktion ohnehin Randgänge der Philosophie praktizierte,[16] findet sich eine aufschlussreiche Besprechung in einem Aufsatz des französischen Ideengeschichtlers Michel Foucault aus dem Jahr 1963 mit dem Titel "Préface à la transgression" (Vorrede zur Überschreitung). Schon die Überschrift deutet an, dass es auch hier um die Grenze als eine dialektische Figur geht, allerdings zielt Foucault nicht auf ihre negative Existenzform ab wie Hegel, sondern definiert sie über ihr anderes, nämlich ihre Missachtung: "Grenze und Übertretung verdanken einander die Dichte ihres Seins: Inexistenz einer Grenze, die absolut nicht überschritten werden kann; umgekehrt Sinnlosigkeit einer Übertretung, die nur eine illusorische, schattenhafte Grenze überschritte."[17] Als ein "Sich-Kreuzen von Seinsformen" in einer "sich spiralig einrollenden Beziehung"[18] sind Grenze und Übertretung über ein komplexes Zusammenspiel miteinander verbunden.

Foucaults Überlegungen scheinen auf den ersten Blick hilfreich zu sein, weil sie den Anstoß dafür geben, Grenzen als dynamische Gebilde zu begreifen. Was allerdings genau mit der Spiralbewegung gemeint sein soll, bleibt unklar. Auch die Definition von Übertretung als Seinsform ist nicht unproblematisch, handelt es sich dabei doch um einen Vorgang und nicht um einen Zustand. Und schließlich ist kritisch anzumerken, dass Foucaults Definition – trotz aller Dialektik – selbst zu eindimensional auftritt, weil sie übersieht, dass Grenzen verschiedene Formen der (geduldeten und nicht geduldeten) Übertretung aufweisen können. Insofern müsste präzisiert werden, wer wann wo und unter welchen Umständen Grenzen passieren darf und wer nicht. Damit ist grundsätzlich die Frage zu stellen, ob man der Grenze tatsächlich gerecht wird, wenn man sie ausschließlich theoretisch abhandelt, oder ob ihre Semantik sich nicht eher anhand ihrer jeweiligen Verfahren und Anwendungsweisen erschließt.

Praktiken der Grenze

Die Semantik der Grenze über ihre Praktiken zu bestimmen, heißt, sie als ein Instrument zu verstehen, mit dessen Hilfe soziale Beziehungen geregelt werden, die mitunter sehr ungleich erscheinen können. Bedenkt man beispielsweise, dass das Mittelmeer jährlich von zahlreichen europäischen Touristen überflogen wird und gleichzeitig die europäische Grenzschutzagentur Frontex Flüchtlinge von dessen Überquerung abhält, dann zeigt sich in zynischer Weise, dass Grenzen unterschiedliche Grade der Durchlässigkeit aufweisen. Man muss daher von einer "selektive(n) soziale(n) Wirksamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit von Grenzen"[19] sprechen, wodurch deutlich wird, dass sich die Ambivalenz der Grenze als strikter Abschluss und Ort der Übertretung an dem gleichen konstruierten Einschnitt zeigen kann. Da auch Grenzpraktiken nicht an bestimmte Orte gebunden sind – Festnahmen von illegal Eingewanderten geschehen trotz der Einreisekontrollen an den EU-Außengrenzen auch im Landesinneren –, zeigen sie sich nicht ausschließlich über fest installierte territoriale Markierungen, sondern als ein Zusammenspiel von Diskursen, Praktiken und Institutionen,[20] bei denen verschiedene Akteure im Sinne eines Machtapparates über Inklusionen und Exklusionen entscheiden.

Jenseits dieser politischen Beispiele finden im Zusammenleben der Mitglieder einer Gesellschaft ständig Grenzpraktiken statt, vom Bildungssektor über den Sportverein bis hin zum Gesundheitssystem. Immer geht es dabei um Statusfaktoren, die über Zugangsberechtigungen und Privilegien entscheiden. Jede und jeder besitzt eine ganze Reihe von Gruppenzugehörigkeiten, verfügt also über ein persönliches Konglomerat an Grenzöffnungen und -schließungen, welches das eigene soziale Leben strukturiert. Hegels Diktum, dass Grenzen durch das ganze Dasein hindurchgehen, hat hier seine ganz konkrete Bewandtnis.

Unter dem Gesichtspunkt der Vollzugsform lässt sich das Liminale als ein Akt der sozialen Verständigung bestimmen, wobei hierunter nicht das Ideal einer machtfreien Kommunikation gemeint ist, sondern im Gegenteil eine auf Machtfaktoren begründete Übereinkunft, mit deren Hilfe sich eine Gemeinschaft nach außen abgrenzt und nach innen die Verhaltensweisen im Zusammenleben reguliert. Diese Übereinkunft als Handlungsform kann als Akt verbaler Artikulation auftreten, etwa wenn jemand durch Beschimpfungen ausgegrenzt oder über einen Sprachritus in eine Gemeinschaft aufgenommen wird. Sie zeigt sich aber ebenso an internalisierten Verhaltensmustern.

Für alle Grenzpraktiken gilt, dass sie an das strukturelle Kriterium der Wiederholung gebunden sind. Denn es genügt nicht, dass Grenzen errichtet werden. Sie müssen immer wieder Sichtbarkeit erlangen, um Gültigkeit zu beanspruchen. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass sie veränderbar sind.

Damit sei zum Schluss angedeutet, dass das Nachdenken über die Ambivalenz der Grenze dazu beitragen kann, allzu strikte Grenzpraktiken kritisch zu hinterfragen. Es soll damit dem Liminalen keine moralische Relevanz zugesprochen werden, die es an sich gar nicht besitzen kann. Aber wenn es darum geht, seine identitätsstiftende Funktion in Anspruch zu nehmen, muss sie auch denjenigen zugesprochen werden, von denen man sich unterscheidet: Das eine und das andere werden durch die Grenze gleichermaßen in ihr Recht gesetzt.

Die Einsicht in den Konstruktionscharakter dieser Praxis braucht also nicht zu einem Pessimismus zu führen, dem zufolge Grenzen überall und nirgends zugleich anzutreffen sind. Vielmehr gilt es, in der Variabilität von Grenzen eine produktive Möglichkeit zu sehen, sich selbst und die Praktiken des sozialen Umgangs immer wieder neu zu entwerfen.

Fußnoten

11.
Immanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können, eingeleitet und mit Anmerkungen hrsg. von Konstantin Pollok, Hamburg 2001, §59, S. 150.
12.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke 8. Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), Erster Teil: Die Wissenschaft der Logik. Mit den mündlichen Zusätzen, neu editierte Ausgabe, Frankfurt/M. 1970, S. 197 (Hervorhebungen im Original).
13.
Ebd.
14.
Ebd.
15.
Jacques Derrida, Living On. Border Lines, in: Deconstruction and Criticism, hrsg. von Harold Bloom et al., London–Henley 1979, S. 78.
16.
So der Titel einer seiner Schriften. Vgl. Jacques Derrida, Randgänge der Philosophie, Wien 1996.
17.
Michel Foucault, Zum Begriff der Übertretung, in: ders., Schriften zur Literatur, München 1974, S. 73.
18.
Ebd.
19.
Andrea Komlosy, Zwischen Sichtbarkeit und Verschleierung. Politische Grenzen im historischen Wandel, in: C. Kleinschmidt/C. Hewel (Anm. 1), S. 87–104, hier: S. 90.
20.
Vgl. Sabine Hess/Bernd Kasparek (Hrsg.), Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa, Berlin–Hamburg 2010.
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