Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Mette Løvschal

Frühe Grenzziehungen

Entdeckung prähistorischer Grenzen

Archäologen stehen vor dem grundlegenden Dilemma, dass sie die Überreste von bereits gelebtem Leben erforschen – und nur in äußerst seltenen Fällen sind Grenzen auch nur annähernd so erhalten, wie sie in der Urgeschichte vorkamen. In einigen Brachlandschaften wie alten Heidelandschaften, Gemeindewiesen und Wäldern lassen sich bis heute mehrere Tausend Jahre alte Feldsysteme erkennen. Einige der am besten erhaltenen Systeme aus Erdwällen, niedrigen Steinmauern und Gräben, die vor mehr als 3500 Jahren errichtet wurden, finden sich in Südengland – in den Dartmoor Reaves und im Salisbury Plain. Darüber hinaus werden in seltenen Fällen Überreste von Zäunen bei Ausgrabungen in Feuchtgebieten und Sümpfen entdeckt – dort, wo die natürlichen Bedingungen das Holz konserviert haben.

Der größte Teil früher Umzäunungen und Grenzziehungen jedoch wurde schon vor langer Zeit durch moderne Pflug- und Bauarbeiten sowie den natürlichen Verfallsprozess zerstört. Deshalb stützt sich die Wiedererkennung archäologischer Überreste von Grenzziehungen in erster Linie auf andere Indizien. Im Zuge der Konvention von La Valletta (auch bekannt als die Konvention von Malta) – einer 1992 verabschiedeten Europäischen Übereinkunft zum Schutz des archäologischen Erbes – erlebte Europa seit Mitte der 1990er Jahre einen enormen Anstieg groß angelegter Ausgrabungen, die einen regelrechten Boom in der Entdeckung von Grenzverläufen mit sich brachten.

Abbildung 1: Umfriedete Eisenzeit-SiedlungLuftaufnahme von der Umfriedung der Eisenzeit-Siedlung Borremose in Nordjütland (Dänemark). (© L. H. Olesen)
Bei Ausgrabungen werden Überreste von Zäunen oftmals durch Unterschiede in der Farbe und der Beschaffenheit der Erde entdeckt, die als Resultat eines natürlichen Verfallsprozesses zutage treten. So lässt sich etwa anhand der Tiefe von Grenzpfostenlöchern rekonstruieren, wie hoch die Zäune gewesen sein könnten. Auch deshalb sind in jüngster Zeit Luftaufnahmen (vgl. Abbildung 1) und geophysikalische Prospektionsmethoden (dazu gehören etwa Verfahren zur Messung der Geomagnetik und des Bodenwiderstands) sowie neue Methoden der Fernerkundung wie Airborne-Laserscan-Verfahren (mithilfe von Flugzeugen und Hubschraubern) unter Archäologen beliebt. Diese Verfahren bieten hochauflösende digitale Oberflächenmodelle eines Gebiets, selbst dichter Wälder. Schon geringe Höhenunterschiede, die das menschliche Auge nicht erkennt, können auf diesen Modellen entdeckt werden – und das, ohne einen Spaten in die Erde zu stechen (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: Fossiles Eisenzeit-FeldsystemEin fossiles Feldsystem aus der Eisenzeit in Øster Lem Hede (Dänemark), dessen Erdwälle auf einer LIDAR-Karte (LIDAR ist eine Methode für optische Abstands- und Fernmessungen mithilfe von Laserstrahlen) erkennbar sind. Die kleinen "Punkte", etwa unten links im Bild, zeigen verstreute Hügelgräber am Rande des Feldsystems. (© GST)
Archäologische Daten zeichnen für den Verlauf der gesamten Vorgeschichte Grenzen und Landschaftslinien auf. Oft tauchen solche Grenzen in hoch ritualisierten Kontexten auf – etwa in Verbindung mit Bestattungsritualen; bisweilen erheben sie sich über älteren Gräbern oder weisen auf bedeutende Plätze in der Landschaft hin. Darüber hinaus sind einige sehr frühe Landschaftsunterteilungen bereits aus dem Neolithikum bekannt – und zwar in einigen der abgelegensten Regionen Europas.[4] Doch erst in der mittleren Bronzezeit gab es vermehrt radikale Landschaftsunterteilungen. Südengland erlebte sehr früh, etwa um 1650 v. Chr., deren Ausweitung durch groß angelegte gleichachsige Feldsysteme. Im Rest der Flachlandregionen sowie in Südskandinavien fand eine vergleichbare Ausweitung keltischer Felder erst knapp 1000 Jahre später statt.

Grenzen, wie wir sie heute kennen

Beim Übergang zur Bronzezeit wurden große Teile der Flachlandregionen und Südskandinaviens einer intensiven Untergliederung der Landschaft unterzogen; dieser Prozess markiert das Aufkommen der keltischen Felder.[5] Neben anderen bilden sie die frühesten sichtbaren Grenzen, die sich mit Feldgrenzen von heute dahingehend vergleichen lassen, dass sie – von oben betrachtet – ein größeres Gebiet schachbrettartig in kleine rechteckige, untereinander verbundene Parzellen unterteilen. Vom Boden aus gesehen scheinen sie nach schier unendlich verschiedenen Prinzipien angelegt worden zu sein: mal einer oder mehreren Hauptachsen folgend, mal parzellenweise und völlig unstrukturiert oder auch, indem ein größeres rechteckiges Gelände in kleine Parzellen unterteilt wurde. In den Flachlandregionen sowie in Südskandinavien erstrecken sich solche Vorkommen üblicherweise über Gebiete von jeweils 5 bis 200 Hektar. In Südengland dagegen durchziehen Feldsysteme dieser Art bis zu mehrere Tausend Hektar.[6] Sie bestehen aus rechteckigen Parzellen, die von 20 bis 50 Zentimeter hohen Erdwällen, Gräben oder Terrassen umgrenzt wurden. Die Größe der einzelnen Parzellen, so nimmt man an, entsprach der Erdmenge, die sich an einem Tag umpflügen ließ.[7]

Da keltische Felder in Landschaften angelegt wurden, die sich als Weideland eignen, nimmt man an, dass die Begrünung zum System gehörte. Zudem kennen wir aus Küstenregionen besonders unregelmäßige Feldsysteme, die den Charakter von Gemeinde-Viehweiden aufweisen oder aber deren Feldgrenzen der Entwässerung dienten. Feldsysteme stellten jedoch nicht nur eine ökonomische Nische jenseits des Lebens und der Fantasien der Menschen dar. Sie wurden auch für Rituale und verschiedene Begräbnisarten genutzt.[8] Gräber aus der Bronzezeit sowie Feuerbestattungen wurden an den Rändern von Feldsystemen oder auch innerhalb der Feldunterleitung nachgewiesen – was eindeutig auf die gesellschaftliche Einbindung der jeweiligen Landschaft hinweist. Darüber hinaus wird durch die Feldunterteilung ein Anspruch auf das jeweilige Gebiet erhoben, der durch den Grabhügel besiegelt und mit der Grenzziehung bestätigt wird.

Relativ häufig finden sich Siedlungsspuren auch innerhalb eines Feldsystems – obwohl eine exakte chronologische Beziehung sich oft nur schwer nachweisen lässt. Zudem spricht die Tatsache, dass Feldsysteme in erster Linie auf sandigen Böden zu finden sind – wo Nährstoffe schnell ausgewaschen werden –, für eine relativ kurze, intensive Landbauperiode mit zusätzlicher Düngung, der Perioden der Weidenutzung oder Brache folgten.

In den dänischen Orten Grøntoft, Klegod und Øster Lem Hede konnten zwischen Bewohnung und Bebauung wechselnde Nutzungsmuster nachgewiesen werden.[9] Sie werden gewiss die Inbeschlagnahme großer Teile der Landschaft bedeutet haben, um die jeweilige soziale Einheit zu versorgen. Durch den wachsenden Einsatz von natürlichem Dünger wird sich die Landbebauung aber auch immer stärker auf bestimmte Gebiete konzentriert haben. Die Ausweitung keltischer Felder über große Gebiete hinweg zog vermutlich auch eine bedeutende Verminderung des allgemeinen Ackerlandes nach sich – was im Laufe der Zeit den Wunsch genährt haben wird, den Zugang zu diesem Land sowie seine Besitzrechte zu sichern.[10]

Szenarien, in denen Viehhaltung das vorherrschende Merkmal einer Landschaft darstellt, sind kaum ohne Zäune oder Ähnliches vorstellbar – sie hielten die Tiere davon ab, die bebauten Felder zu verwüsten. Eine erste Umgehung dieser Gefahr bestand darin, Pfosten zum Anbinden der Tiere sowie natürliches Dickicht zu nutzen. Das in der englischen Stadt St. Ives, in der Grafschaft Cornwall, gefundene wasserdurchtränkte Holz von Sträuchern und Hecken stützt die These einer intensiven Landschaftsunterteilung mithilfe von Hecken, die entlang von Grubenreihen verliefen.[11] Eine andere Form, die Bewegungsfreiheit von Tieren einzuschränken, besteht natürlich darin, sie zu hüten. Das Fehlen von Zäunen und Landschaftseinfriedungen bis zu diesem Zeitpunkt erklärt sich wahrscheinlich auch aus der Tatsache, dass ihre Entwicklung in einzelnen Regionen in hohem Maße davon abhing, ob die Menschen dort einen Vorteil darin sahen, Grenzen zu errichten und dies auch in einem weiteren Kontext kulturell akzeptiert war.[12]

Fußnoten

4.
Vgl. Seamas Caulfield/Rory G. O’Donnell/Peter I. Mitchell, 14C Dating of a Neolithic Field System at Céide Fields, County Mayo, Ireland, in: Radiocarbon, 40 (1998), S. 629–640.
5.
Vgl. Michael Müller-Wille, Eisenzeitliche Fluren in den festländischen Nordseegebieten, Münster 1965.
6.
Vgl. Robert Johnston, Pattern without a plan: rethinking the Bronze Age coaxial field systems on Dartmoor, South-West England, in: Oxford Journal of Archaeology, 24 (2005) 1, S. 1–21.
7.
Vgl. Jan A. Brongers, Air Photography and Celtic Field Research in the Netherlands, Amersfoort 1976.
8.
Vgl. John C. Barrett/John S.C. Lewis/Ken Welsh, Perry Oaks – a history of inhabitation part 2, in: London Archaeologists, 9 (2001) 8, S. 221–227.
9.
Vgl. Carl Johan Becker, Früheisenzeitliche Dörfer bei Grøntoft, Westjütland, 3. Vorbericht: Die Ausgrabungen 1967/68, in: Acta Archaeologica, 42 (1972), S. 79–112, S. 101, Abb. 21.
10.
Vgl. Nico Roymans/Fokke Gerritsen, Landscape, Ecology and Mentalités: a Long-term Perspective on Developments in the Meuse-Demer-Scheldt Region, in: Proceedings of the Prehistoric Society, 68 (2002), S. 257–287.
11.
Vgl. Joshua Pollard, Iron Age Riverside Pit Alignments at St Ives, Cambridgeshire, in: Proceedings of Prehistoric Society, 62 (1996), S. 93–115.
12.
Vgl. Mette Løvschal, From neural synapses to culture-historical boundaries: An archaeological comment on the plastic mind (i.V.).
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