Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Mette Løvschal

Frühe Grenzziehungen

Vehikel für gesellschaftliche und politische Veränderungen

Landschaftsunterteilungen in keltische Felder markieren die frühesten Grenzziehungen in Nordwesteuropa. Umfriedete Feldsysteme wurden zum mächtigen Instrument einer gleichmäßigen Landverteilung und der Etablierung gemeinsamer Regeln. Zugleich muss dies aber auch ein extrem anfälliges Element gewesen sein, das relativ leicht Konflikte, etwa über den Zugang oder das Erbrecht, mit sich brachte – und aus dem, als zunächst räumlichem Prinzip, sich in anderen Zusammenhängen Vorteile ziehen ließen.

Deshalb sollen an dieser Stelle solche Grenzen nicht unerwähnt bleiben, die als Nachfolger der keltischen Felder errichtet wurden sowie offensichtlich als Vehikel für gesellschaftliche und politische Veränderungen dienten. Zu diesen Grenzziehungen gehören Gehöftzäune und durch Palisaden oder Wälle verstärkte Dörfer – bis hin zu groß und querfeldein angelegten Gräben und Schanzen. In zahlreichen Fällen wird deutlich, dass diese nicht nur der funktionalen Trennung eines Innen und Außen, sondern zugleich dem Ausdruck von Rechten und gesellschaftlicher Zugehörigkeit dienten. Grenzen waren bedeutsam und bildeten – wie heute – Brennpunkte für eine Reihe von Konflikten.

Symbole der Macht. Zahlreiche Beispiele zeigen, wie Grenzen dem Ausdruck von Macht dienten. In Südskandinavien sind Bauernhofumfriedungen bereits aus dem Übergang der späten Bronze- zur frühen Eisenzeit bekannt, sie verbreiteten sich aber erst in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten. Manche dieser Bauernhöfe waren von über 1,80 Meter hohen Palisadenzäunen umgeben. Diese Zäune waren gewiss äußerst arbeitsaufwendig – nicht nur im Bau, sondern auch in deren Erhaltung – und werden sich von vorangegangenen unterschieden haben. Bei dem aufwendig umzäunten Dorf Hodde in der Nähe der Kleinstadt Varde auf Jütland (Dänemark) vermutet man einen Zusammenhang mit dem auf der höchsten Erhebung gelegenen Hof – der den größten Stall und die feinsten Keramiken besaß.[13] Auch gehörten führende Familien und im Entstehen begriffene Stämme zu denjenigen, die sich am ehesten durch Handelsverbindungen und Plünderungen wertvolle keltische Objekte wie Kessel und Wagen, Schwerter und Juwelen beschaffen konnten.

Ausgangspunkt für neue gesellschaftliche Institutionen. In zahlreichen Fällen bilden Grenzen offensichtlich den Ausgangspunkt für neue gesellschaftliche Institutionen. In den Flachlandregionen sowie in Südskandinavien lässt sich eine besonders starke Betonung individueller Bauernhöfe feststellen. Hier erweist sich die Hofeinfriedung als Demarkationsprinzip – insbesondere mit Blick auf das Wohnhaus, die dazugehörigen Gebäude mit jeweils umzäunten Eingängen, einer separaten Scheune. Im Laufe der letzten vorchristlichen Jahrhunderte wurden solche individuellen Haushaltsumzäunungen manchmal jedoch zugunsten weiträumiger Einfriedungen ganzer Siedlungen aufgegeben.[14] Diese weisen oftmals aufwendige, weit über eine (Schutz-)Funktion hinausgehende Umgrenzungen durch Palisaden, tiefe Stadtgräben und Wälle auf. Mit solchen Grenzen wird die Umgebung explizit ausgeschlossen und die große Gemeinschaft gegenüber einzelnen Bauernhaushalten betont. Weitere Indizien für den Zusammenhang zwischen Abgrenzung und konfliktiven beziehungsweise unsicheren Zeiten offenbaren sich in den Sümpfen: Dort wurden zahlreiche mutmaßliche Kriegsopfer oder misshandelte menschliche Körper entdeckt.

Verteidigungsinstrumente. In wieder anderen Fällen wurden Umzäunungen dieser Art nicht nur auf optisch beeindruckende Weise, sondern auch mit einer eindeutigen Verteidigungsfunktion errichtet. Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Heidenschanze und Heidenstadt genannten Wallburgen der Ringwallanlage aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. bei Sievern im Landkreis Cuxhaven, die mit sogenannten Pfostenschlitzmauern umgeben wurden.[15] In der südholländischen Gemeinde Oss kommen, ebenfalls in dieser Zeit, angesichts einer hohen Siedlungsdichte aufwendige, manchmal mit Schleudergeschossen ausgestattete Graben- und Zaunkonstruktionen auf.[16] Und nur wenige Jahrhunderte zuvor wurden wahrscheinlich auch dänische Gruben-Befestigungsanlagen, bisweilen mit hölzernen Zinnen, zum Schutz von Mensch und Vieh vor Überfällen genutzt.[17] All diese Orte zeugen von instabilen Gesellschaften mit einem wachsenden Bedarf an Verteidigungsbauten und territorialen Markierungen.

Vehikel für Veränderungen in der Subsistenzwirtschaft. Schließlich scheint eine Reihe von Grenzen in direkter Verbindung mit Veränderungen in der Subsistenzwirtschaft zu stehen. Im Gebiet des späteren Königreichs Wessex – und insbesondere in der Hochebene des Salisbury Plain – waren zum Ende der Bronzezeit große Teile der englischen Landschaft von Gräben und Wällen durchzogen. Viele davon weisen durch eine Reihe von Merkmalen auf eine Überlagerung vorangegangener keltischer Feldsysteme hin.[18] Auf diese Weise wurden Grenzen in strategischer Absicht zur Einschränkung von Bewegungsfreiheit gezogen und ersetzten zugleich frühere Formen der Landschaftsaneignung. Ihr Aufkommen wird häufig als Indiz für eine veränderte Landschaftsorganisation betrachtet – hin zu wirtschaftlich orientierten Bauernhöfen und Ländereien. Desgleichen waren die beinahe parallel aufkommenden Ringwälle wahrscheinlich nicht als permanente Einrichtungen gedacht – sie werden im Zusammenhang mit der Viehhaltung eher als saisonale Versammlungsorte betrachtet.

Grenzen in historischer Sicht

In bestimmten Gebieten wird so das Vorfinden linearer Grenzen zum gemeinsamen Charakteristikum großer Teile der nordwesteuropäischen Landschaften – und zwar solcher, in denen sich die Mobilität und der Zugang zu bestimmten Gebieten, Ressourcen und Siedlungsplätzen durch diese Grenzziehungen entscheidend verändert haben.

In Südskandinavien findet sich eine generelle Tendenz zu wachsender Standardisierung in der Organisation der Bauernhöfe – die zunehmend homogene Grundrisse aufwiesen, auch wenn sie im Laufe der Zeit größer wurden. Immer häufiger wurden Zäune errichtet, um so die Grenzen des Gehöfts und die Einbindung dazugehöriger Gebäude und Arbeitsgelände bis hin zum Anspruch des religiösen Monopols in den angeschlossenen Kultstätten zu markieren.[19] Das dänische Wort für Bauernhof, gård, stammt aus dem Wort garth für Zaun oder einen umzäunten Hof. So bedeutete, in einem historischen Augenblick einen Hof zu bauen, fast automatisch auch, einen Zaun zu errichten. Auf diese Weise kamen parzellenförmige, umzäunte Bauernhöfe beinahe zeitgleich mit keltischen Feldern auf – und wurden zu einem politischen Phänomen, das im Laufe der Geschichte kontinuierlich nachgewiesen werden kann.[20]

Warum aber wurden diese Grenzen erstmalig gezogen? An dieser Stelle muss betont werden, dass es keine einheitliche Entwicklung irgendwelcher Arten von Grenzen gegeben hat, sondern dass sie zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Stellen in Nordwesteuropa – und unabhängig voneinander – auftauchten. An einigen Orten kamen sie als eigentümliches Phänomen auf, das relativ bald wieder verschwand; an anderen wurden sie zum Bestandteil einer sich zunehmend formalisierenden Langzeitentwicklung.

Vielleicht gibt es aber auch etwas in den generellen Landschaftsmerkmalen sowie den kulturellen Strömungen und Phasen, das eine Herausbildung von Grenzen an einem bestimmten Punkt der Entwicklungen wahrscheinlicher machte als zu anderen Zeiten. Entlang der Nordseeküstenlinien zeigen sich in dieser Periode vielerorts ähnliche Probleme – wie eine wachsende Bevölkerungsdichte sowie eine generelle Tendenz zu mehr Sesshaftigkeit. Solche Entwicklungen werden die Notwendigkeit einer expliziteren Unterscheidung zwischen "ihr" und "wir" sowie einer Klärung von Rechten und Beziehungen verstärkt haben. Hier boten sich Grenzziehungen als mögliche Lösung für eine Fülle von Problemen an – und schufen zugleich neue. Waren solche Grenzen erst einmal errichtet, ließen sie sich nicht mehr ignorieren: Man musste irgendwie damit umgehen.

Fußnoten

13.
Vgl. Steen Hvass, Hodde. Et vestjysk landsbysamfund fra ældre jernalder, Kopenhagen 1985.
14.
Vgl. Palle Eriksen/Per Ole Rindel, Eine befestigte Siedlung der jüngeren vorrömischen Eisenzeit bei Lyngsmose. Eine neuentdeckte Anlage vom Typ Borremose in Jütland, in: Archäologisches Korrespondenzblatt, 33 (2003), S. 123–143.
15.
Vgl. Werner Haarnagel, Die Grabung auf der Heidenschanze bei Wesermünde im Jahre 1958, in: Rafael von Uslar (Hrsg.), Studien aus Alteuropa II, Köln 1965.
16.
Vgl. Richard Jansen/Stijn van As, Structuring the landscape in Iron Age and Roman Period (500 BC–AD 205): the multi-period site Oss-Horzak, in: Corrie Bakels/Hans Kamermans (Hrsg.), The end of our fifth decade, Leiden 2012.
17.
Vgl. Esben S. Mauritsen/Brændgaards Hede, A settlement surrounded by pit zone fortifications from the early Pre-Roman Iron Age in Denmark, in: M. Meyer (Anm. 3); Mette Løvschal, Hulbælterne og de lange linjer i landskabet, in: Palle Eriksen/Per Ole Rindel (Hrsg.), De danske hulbælter (i.E.).
18.
Vgl. Barry Cunliffe (Hrsg.), The Danebury Environs Programme: the prehistory of a Wessex landscape, Volume 1: Introduction, Oxford 2000.
19.
Vgl. Lars Larsson/Birgitta Hårdh (Hrsg.), Centrala platser – Centrala frågor: samhällsstrukturen under järnålderen: en vänbok till Berta Stjernquist, Stockholm 1998.
20.
Vgl. Steen Hvass, Jernalderens bebyggelse, in: Peder Mortensen/Birgit M. Rasmussen (Hrsg.), Fra Stamme til Stat i Danmark I: Jernalderens stammesamfunds, Aarhus 1988.
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