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Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Henning Füller
Georg Glasze

Gated communities und andere Formen abgegrenzten Wohnens

Abgrenzung ohne Zaun

Studien zur Zuzugsmotivation in gated communities weisen darauf hin, dass die Fokussierung der medialen und wissenschaftlichen Debatte auf sichtbare Grenzziehungen zu kurz greift. So konnten Studien zu den hochpreisigen, bewachten Wohnanlagen in den USA, Südafrika und Lateinamerika zwar zeigen, dass die Angst vor Kriminalität und der Wunsch nach einem "Leben hinter dem Zaun" eine häufig genannte Antwort auf die Frage nach der Zuzugsmotivation ist.[9] Viele andere Fallstudien kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass Kriminalitätsangst und der vermeintliche Schutz durch Tore und Zäune keine große Rolle als Zuzugsmotive gespielt haben, wohl aber die Suche nach einem Wohnumfeld, das gewisse Erwartungssicherheiten bietet (je nach gesellschaftlichem Kontext beispielsweise die gesicherte Versorgung mit Elektrizität und Trinkwasser im Libanon, die Sicherheit, keine störenden Nachbarn aushalten zu müssen, in den USA, oder die Sicherheit, eine funktionierende Freizeitinfrastruktur vorzufinden, in Istanbul).[10]

Vielfach wird zudem die Erwartungssicherheit bezüglich der ästhetischen Gestaltung des Wohnumfeldes hervorgehoben. Als Ergebnis einer Untersuchung unterschiedlicher gated communities in Portugal stellt beispielsweise die Soziologin Rita Raposo heraus, dass das ästhetisierte Wohnumfeld der vielfach entscheidende Kaufanreiz für die Bewohner sei. Privat regulierte Nachbarschaften bieten in ihrer architektonischen Anlage, aber auch über die oftmals rigide Gestaltungssatzung die Sicherheit einer bestimmten Ästhetik. Zudem filtern die oft in einem ähnlichen Preissegment vermarkteten Häuser und die für Gemeinschaftseinrichtung fälligen Umlagen die möglichen Bewohner entlang eines bestimmten Einkommens vor. Zusätzlich zu dem Eigenheim erwerben die Käufer in einer solchen Siedlung relativ verlässlich auch eine ökonomisch homogene Nachbarschaft, zu einem bestimmten Lebensstil passende Sport- und Freizeitmöglichkeiten sowie das entsprechend gestaltete Wohnumfeld.[11]

Auch für den Geografen Choon-Piew Pow ist die Selbstversicherung eines bestimmten Lebensstils und nicht der Sicherheitsgedanke das entscheidende Merkmal der von ihm im Umkreis von Shanghai untersuchten gated communities. Pow bezeichnet gated communities in diesem Sinne als "erziehende Landschaft", welche es ökonomisch erfolgreichen Chinesen erleichtert, sich einen bestimmten westlichen Mittelschicht-Lebensstil anzueignen. "Gated communities in this context may be considered as prime sites for the performance of class identities and the development of a self-conscious middle-class aesthetic sensibility and ‚taste structure‘ cultivated through the appropriation of landscape and class narratives."[12]

Gated communities funktionieren in dieser Perspektive vor allem durch eine soziale Grenzziehung, das heißt durch die Herstellung eines bestimmten, klar identifizierbaren und abgegrenzten Wohnumfelds, und nur sekundär durch die physische Unüberwindbarkeit der Umzäunung.

Innerstädtisches Luxuswohnen

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis stellen einige Autorinnen und Autoren Bezüge zwischen den zumeist suburbanen gated communities und jüngeren Entwicklungen auf den innerstädtischen Immobilienmärkten heraus. Im Kontext einer vielbeschworenen "Renaissance der Innenstädte", das heißt einem gestiegenen Interesse an innerstädtischen Wohnlagen bei zahlungskräftigen Käufern, kommt es derzeit etwa in Metropolen der USA, aber auch in deutschen Großstädten verstärkt zur Entwicklung von hochpreisigen Wohnprojekten in zentralen Lagen. Diese Projekte weisen zwar in der Regel keine Schlagbäume und Umzäunungen auf, wohl aber definieren Architektur, städtebauliche Gestaltung, Serviceangebot und Vermarktung soziale Grenzen.[13]

Das neue hochpreisige Wohnen wird häufig mit dem Versprechen verkauft, dass mit der Wohnung eine bestimmte Lebensweise verbunden ist, und dass von Seiten der Entwickler umfassend Sorge getragen wurde, diesen Lebensstil wahrscheinlich zu machen. Inhaltlich ist der Lebensstil über die Projekte hinweg relativ eng gefasst und lässt sich als "abgesichertes urbanes Leben" zusammenfassen. Das Marketing für neues innerstädtisches Luxuswohnen sowohl in den USA als auch in Deutschland dreht sich fast immer um das Versprechen, das "Urbane" (in Form der vielfältigen, erlebnisreichen Angebote der Stadt) und das "Abgesicherte" (in Form eines über die Wohnung hinaus ausgeweiteten Bereichs privater Häuslichkeit) zu verbinden.

Entsprechend werden Lage und Architektur der Projekte gewählt. Im Idealfall liegt ein solches Wohnprojekt, teils explizit als urban village vermarktet, fußläufig zu einer Vielfalt von Konsum-, Gastronomie und Unterhaltungsmöglichkeiten (das Urbane) und erlaubt es zugleich, dem Chaos des städtischen Lebens in einen wohlgeordneten, abgeschiedenen und ästhetisch ansprechenden Raum zu entfliehen (das Abgesicherte).

Ein Beispiel für diesen auf einen abgesicherten urbanen Lebensstil ausgerichteten innerstädtischen Neubau bietet das Projekt "Marthashof" im Berliner Bezirk Pankow. Auf einem Areal von etwa 12.000 Quadratmetern sind dort U-förmig um einen begrünten Hof Townhouses und Geschosswohnungen entstanden, "mit allen Vorteilen, die eine lebhafte und kreative Stadt wie Berlin bietet", aber auch als "eine Idylle, wo Menschen sich beschützt und geborgen fühlen können", so der Entwickler in einem Interview.[14] Analog verspricht das Schwesterprojekt "b.nau" dem Bewohner "das intensive Berliner Leben (…). Gleichzeitig bietet das Innere einen privaten, ruhigen Rückzugsort, um wieder Kraft für die Erlebnisse der Stadt zu tanken."[15]

Damit das Versprechen abgesicherter Urbanität beziehungsweise eines urban village überzeugt, bedarf es vor allem einer Verschiebung der Grenze zwischen öffentlichen und privaten Räumen der Stadt. Die "intensive, lebhafte, kreative" Stadt gilt es, sich bei Bedarf vom Leib zu halten, und gleichsam als Puffer kehren die Projekte die gestaltete Außenanlagen und Gemeinschaftsflächen als Bereiche abgestufter Privatheit besonders heraus. Ein Hofbereich ist im Geschosswohnungsbau nichts unübliches, diese Bereiche bekommen in dem Marketing jedoch eine besondere Aufmerksamkeit als Verstärker des entworfenen Lebensstils. Bei "Marthashof" verdeutlicht gerade der Hofbereich jene angepeilte "Lebensqualität ohne Kompromisse", die "Freiraum und Geborgenheit, Sicherheit und gute Nachbarschaft, ökologischen Anspruch und Funktionalität" vereint.[16]

In dem Eigenmarketing des luxuriösen Apartmenthauses "yoo" am Spreeufer in Berlin-Mitte heißt es, "yooberlin ist vor allem ein Lebensstil"; die schlüsselfertigen Wohnungen sind bei Fertigstellung komplett möbliert in einer von vier urbanen Lebensstilvarianten durch den Star-Designer Philippe Starck. Auch der halböffentliche Bereich fällt hier "urbaner" aus als im Beispiel "Marthashof", gegenüber dem "ökologischen Anspruch" des begrünten Hofs zitiert "yoo" "Berlin als Weltbühne". Gemeinschaftsflächen sind hier nach außen abgeschlossene Atrien, ein hauseigenes Café sowie ein exklusiver Wellnessbereich.[17]

In beiden Fällen kommt der Gestaltung des Wohnumfelds besondere Aufmerksamkeit zu und unterstreicht die Funktion der Immobilie als Lebensstil-Accessoire. Nach außen wirkt die gestalterische Markierung als symbolische Abgrenzung gegenüber der restlichen Stadt.[18]

In der symbolischen Abgrenzung nach außen und einem klar markierten Lebensstilangebot nach innen weisen zahlreiche aktuelle Projekte innerstädtischen Luxuswohnens Parallelen zu klassischen gated communities auf. Auch das hochpreisige innerstädtische Wohnen schafft einen exklusiven "semi-privaten" Bereich mit klar vorgegebener Ästhetik. Die Wohnprojekte tragen in markanter Weise zu einer "Verhäuslichung" des Städtischen bei.[19] In den urban villages, Hofgärten und Atrien entstehen homogene, konsensuale, vorhersehbare und abgeschlossene Räume. Von der Anlage her kontrastieren die Räume innerstädtischen Luxuswohnens mit den idealtypischen Kennzeichen von Öffentlichkeit im Sinne von Pluralität, Begegnungen, Spontanität und Konflikt.

Fußnoten

9.
Vgl. Setha Low, Behind the Gates, London–New York 2003.
10.
Vgl. beispielsweise: Georg Glasze, Die fragmentierte Stadt, Opladen 2003.
11.
Vgl. Rita Raposo, Gated Communities, Commodification and Aestheticization: The Case of the Lisbon Metropolitan Area, in: GeoJournal, 66 (2006) 1–2, S. 56.
12.
Choon-Piew Pow, Neoliberalism and the Aestheticization of New Middle-Class Landscapes in: Antipode, 41 (2009) 2, S. 375.
13.
Vgl. Andrej Holm, Townhouses, Urban Village, Car Loft, in: Geographische Zeitschrift, 98 (2010) 2, S. 100–115; Nadine Marquardt et al., Shaping the urban renaissance: New-build luxury developments in Berlin, in: Urban Studies, 50 (2013) 8, S. 1540–1556; Henning Füller et al., Urbanität nach exklusivem Rezept. Die Ausdeutung des Städtischen durch hochpreisige Immobilienprojekte in Berlin und Los Angeles, in: Sub\urban, 1 (2013) 1, S. 1–18.
14.
Berliner Zeitung vom 30.8.2008, http://www.berliner-zeitung.de/archiv/berlins-immobilienmarkt-kennt-ein-neues-produkt–das–urban-village–soll-das-beste-aus-grossstadt–und-landleben-vereinen-dorfleben-fuer-grossstaedter,10810590,10583132.html« (2.12.2013).
15.
B.nau Konzept, http://bnau.de/index.php/konzept« (2.12.2013).
16.
Marthashof.de Urban Village, http://www.marthashof.de/index.php?filename=urbanvillage&lang=de« (2.12.2013).
17.
Yooberlin Styles, http://www.yooberlin.com/styles« (2.12.2013).
18.
Diese soziale Grenzziehung sehen Judit Bodnar und Virág Molnár bei der überwiegenden Zahl der derzeit von privaten Investoren entwickelten innerstädtischen Wohnprojekten in Berlin. Vgl. J. Bodnar/V. Molnár (Anm. 1).
19.
Der Geograf Alan Walks beobachtet eine solche Verhäuslichung und die Ausbreitung weiterer typisch suburbaner Merkmale in kanadischen Städten. Vgl. Alan Walks, Suburbanism as a Way of Life, Slight Return, in: Urban Studies, 50 (2013) 8, S. 1471–1488.
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