Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Sven Nickel

Funktionaler Analphabetismus – Hintergründe eines aktuellen gesellschaftlichen Phänomens

Herausforderungen

Aus Sicht der Ungleichheitsforschung ist die noch immer existente Individualisierung struktureller Problematiken der Chancenverteilung wenig zielführend und in der Sache kontraproduktiv. Die Forschung zu geringer Literalität unter Erwachsenen brachte ein vielschichtiges Gefüge hervor, bestehend aus individuellen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Faktoren. Demzufolge kann eine Reaktion auf dieses Phänomen nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Zuständigkeitsbereiche (bildungs-, sozial-, kultur-, arbeitsmarkt- und familienpolitisch) erfolgreich sein. Einige ausgewählte Aspekte sollen abschließend skizziert werden.

Das Bundesministerium für Bildung, Forschung und Wissenschaft hat der Forschung zum funktionalen Analphabetismus durch die Umsetzung von zwei Förderprogrammen wesentliche Impulse verliehen.[10] Dabei ging es in erster Linie um Grundlagen- und arbeitsplatzorientierte Forschung. Für die Zukunft sind Impulse wünschenswert, die unser Wissen um Lehr- und Lernprozesse mit Erwachsenen im Grundbildungssektor erweitern. Unser didaktisch-methodisches Wissen zu Lernprozessen dieser Zielgruppe ist zurzeit noch gering ausgebildet, dies gilt besonders im Hinblick auf die Beschreibung von Wirksamkeit bestimmter konzeptioneller Ansätze.

Das derzeitige Angebot an Alphabetisierungskursen muss flächendeckend ausgebaut und in eine Kultur des lebenslangen Lernens integriert werden. Dabei müssen strukturelle Veränderungen das Berufsbild des Alphabetisierungspädagogen oder der Alphabetisierungspädagogin etablieren. Denn die derzeit verbreiteten Honorarverhältnisse erscheinen in diesem sensiblen und gesellschaftlich bedeutsamen Handlungsfeld unzumutbar. Entsprechend werden die in den vergangenen Jahren geschaffenen Qualifikationsmöglichkeiten nicht greifen, solange die Beschäftigungssituation der Pädagoginnen und Pädagogen prekär bleibt.

Allerdings wird der Erwerb der Schrift im Erwachsenenalter nur eine Ausnahme bleiben, das zeigen schon die geringen Teilnahmezahlen. Die Vermittlung der Schrift bleibt die Aufgabe der Institution Schule. Wenn der Schule dies bisher nicht in zureichendem Maße gelingt, ist es – nicht zuletzt aus gesellschaftlichem und volksökonomischem Interesse – dringend ratsam, die entsprechenden Anstrengungen zu verstärken. Kinder mit Problemen beim Lesen- und Schreibenlernen profitieren nachweislich von strukturierten Förderangeboten, die förderdiagnostisch basiert individualisiert vorgehen. Hierfür sind personelle Ressourcen bereit- und das fachliche wie das fachdidaktische Wissen der Lehrkräfte sicherzustellen. Zudem weiß die Resilienzforschung um die Bedeutung der persönlichen Ebene: Kinder mit Lernschwierigkeiten benötigen eine Lehrperson, der sie Vertrauen entgegenbringen können und die ihnen Sicherheit geben kann.

Die Schule kann Schrift jedoch kaum gegen die Alltagswelt der Kinder durchsetzen. Es gilt daher, den Kindern bereits im Elementarbereich reichhaltige Erfahrungen mit Sprache und Schrift zu ermöglichen. Von diesen Möglichkeiten profitieren insbesondere die Kinder, die im Rahmen ihrer familialen Lesesozialisation eher ungünstigen Bedingungen ausgesetzt sind. Daneben kommt der Elternbeteiligung eine große Rolle zu. Die Familie wird als Schlüssel der schriftkulturellen Sozialisation gesehen. Eine familien- und sozialraumorientierte Grundbildung kann sowohl intervenierend wie auch präventiv wirken.

Überhaupt ist bei der Begründung entsprechender Lernangebote immer auch an systemische Effekte zu denken. Alphabetisierung von Eltern ist immer auch potenzielle Prävention von Illiteralität. Verändern sich durch das Erlernen der Schrift auch die literalen Kompetenzen und Gewohnheiten der Betroffenen, wachsen deren Kinder in einem veränderten Umfeld auf. Oder, in Anlehnung an die Worte der Botschafterin für Alphabetisierung Marion Döbert: Literalisierte Individuen schaffen literalisierte Familien, die wiederum einen Beitrag leisten zu literalisierten Kommunen und letztlich zu einer literalisierten Nation.

Vielfach aber, dies soll zum Abschluss betont werden, sind es vor allem arbeitsmarkt- und sozialpolitische Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Zwar wird gelegentlich argumentiert, dass ein höherer Literalitätsgrad vor Armut schützen würde. Doch diese Argumentationsfigur greift zu kurz: Ein im Erwachsenenalter vollzogener Lese- und Schreiberwerb beseitigt nicht ohne Weiteres die sozioökonomische Unsicherheit, welche die Lebenswelt prägt. Armut ist der Nährboden für Bildungsbenachteiligung. Wenn der Illiteralität der Nährboden entzogen werden soll, dann muss das Hauptaugenmerk der Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaft gelten.

Fußnoten

10.
Vgl. etwa: http://www.alphabund.de« (13.2.2014).
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Autor: Sven Nickel für bpb.de
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