Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Bettina Fackelmann

Legitim? Herrschaft durch Sprache in Politik und Wissenschaft

Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.

Konfuzius (551–479 v. Chr.)

Menschen verständigen sich vorrangig durch Sprache, beachten dieses Medium jedoch oft nicht bewusst. Das ist insbesondere in Politik und Wissenschaft bedauerlich, denn Sprache ist ein mächtiges Instrument, das die Komplexität von Information mindern oder steigern kann – somit auch die Attraktivität politischer und wissenschaftlicher Mitteilungen.

Unter Sprache wird üblicherweise ein für die Bewohnerinnen und Bewohner eines Kulturraums geteilter Wortschatz und Grammatik verstanden, wie Deutsch in Deutschland, Österreich und der Schweiz – auch Ethnosprachen genannt. Doch unterscheidbare Sprachen gibt es bei näherer Betrachtung auch innerhalb der Ethnosprachen. So bilden soziale Systeme in der Regel "Fachsprachen" aus – wobei Systeme hier nicht als Gruppen oder schlichte Ansammlung von Individuen aufgefasst werden sollten. Im Sinne der Systemtheorie gelten sie als kollektive Konstrukte mit auch von außerhalb des Systems erkennbaren Eigenleben, Identitäten, Regeln, Sprachen und Codes, wie etwa die Wissenschaft und ihre Subsysteme der Physik, Soziologie oder Sprachwissenschaften. Zwar ist die Akzeptanz von Fachsprachen, vor allem in der Wissenschaft, relativ weit verbreitet, aber der Erfolg von Initiativen wie washabich.de[1] oder Fernsehsendungen wie "Quarks & Co"[2] zeigen, dass es ein zunehmendes Bedürfnis gibt, Fachsprachen, die persönlich relevant sind, zu verstehen.

Obwohl Sprache per se ein linguistisches Thema ist, wird sie im Folgenden aus soziologischer Sicht behandelt: Die öffentlich wirksamen Fachsprachen, vor allem in Politik und Wissenschaft, sind angesichts ihrer gesellschaftlich durchdringenden Wirkung – man könnte auch "Herrschaft" sagen – bedeutsam in Bezug auf die "demokratische Reife" eines Staates. Dieses seit Jahrzehnten diskutierte Konzept kann hier nur auszugsweise gestreift werden. Neuere Ansätze[3] verstehen unter demokratischer Reife die Partizipation kompetenter und selbstbewusster Bürgerinnen und Bürger in möglichst vielen Lebensbereichen, die über eine bloße Wahlbeteiligung hinausreicht.

Sprache dient der Verständigung, grenzt aber auch ab

Die mögliche Teilhabe an den genannten Systemen ist demnach eine wesentliche demokratische Funktion, die durch eine systemspezifische sprachliche Kompetenz erst möglich wird – oder eben auch nicht.

Hier wird bereits ein wesentlicher Aspekt des "Herrschaftsinstruments" Sprache deutlich: Wer auch immer die Sprache in sozialen, auch formal demokratischen Systemen durch Kommunikation mitbestimmt oder gar bewusst festlegt und dadurch gegen andere abgrenzt, übt einen erheblichen Einfluss aus.[4] Der heute so gängige Begriff "Nachhaltigkeit" etwa, der maßgeblich in das politische System Einzug gehalten hat, kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft.[5] Sein Einzug ins politische System seit Anfang der 1970er Jahre kann gut nachvollzogen werden.[6] Der Diskurstheoretiker Michel Foucault hat diese Entwicklung beschrieben, "die darauf verweist, wie die Subjekte und die Gegenstände der Wirklichkeit untereinander und miteinander vermittelt sind".[7] Ein Diskurs funktioniert ihm zufolge schrittweise: "1. Durch das Auftauchen einer Aussage an einem Ort und einem Zeitpunkt, 2. durch die Position des sprechenden Subjekts, 3. durch die Beziehungen zwischen den Aussagen, 4. durch die Wiederholung und Beständigkeit, die den Aussagen ihre materielle Existenz verleihen."[8]

Öffentliche Machtpositionen haben eine besondere Verantwortung für Sprache

Nun könnte man pragmatisch sein und sagen, dass die Wechselbeziehung zwischen Sprache, sozialen Systemen und Herrschaftsausprägung offenbar unvermeidbar ist, und sich beruhigt anderen Themen zuwenden. Für jene sozialen Systeme, die auf eine Gesellschaft großen Einfluss haben, wie beispielsweise Politik und Wissenschaft, darf dies jedoch nicht gelten. Denn Demokratie, die "Herrschaft des Volkes", kann nur dann gegeben sein, wenn auch komplexe politische Entscheidungen von den Betroffenen verstanden werden – wie beispielsweise die Bewältigung der Bankenkrise, Entscheidungen zur Bioethik, Bildungs- oder Arbeitsmarktreformen.

An dieser Stelle ist es notwendig, sich den Begriff "Herrschaft" genauer anzusehen. Er wirkt zunächst im Zusammenhang mit Sprache eher grob und zu groß: Wieso und wie sollten bloße Worte, unter Umständen nicht einmal niedergeschrieben, Herrschaft demonstrieren und ausüben können? Der Herrschaftsbegriff und seine soziologischen Definitionen lassen dies jedoch durchaus zu: Nach Max Weber ist Herrschaft "die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden".[9] Er gliedert sie in drei "reine Typen": Der erste ist rationalen Charakters und beruht auf dem Glauben an die Legalität gesetzter Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft Berufenen (legale Herrschaft). Der zweite ist traditionalen Charakters; die Basis ist der Alltagsglaube an die Heiligkeit von jeher geltenden Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Autorität Berufenen (traditionale Herrschaft). Den dritten sieht der durch charismatischen Charakter geprägt. Grundlage ist hier die außeralltägliche Hingabe an die Heiligkeit, die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen (charismatische Herrschaft).[10] Als Legitimationsmittel für die legale Herrschaft führt Weber "sachliche Kompetenz" an.[11]

Anhand der Politik lässt sich "die Legalität gesetzter Ordnungen" gut darstellen: Die Herrschaft des Volkes wird an gewählte Repräsentanten übertragen – im Vertrauen auf deren Kompetenzen inklusive Führungsfähigkeiten. Ähnliches gilt für die Berufungsordnungen von Professorinnen und Professoren, Institutsleitungen sowie anderen Führungspositionen in der Wissenschaft. Kompetenz wiederum vermittelt sich maßgeblich über Sprache – sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik. Zum einen wurde bereits deutlich, dass Zugang und Anerkennung in einem sozialen System durch die sprachlich demonstrierte Fachkompetenz mitbestimmt werden. Zum anderen benötigen sämtliche beruflich bezogenen Kompetenzen (Fach- und Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Personalkompetenz[12]) Sprache, um sich anderen zu vermitteln und zur weiteren Ausbildung der Kompetenzen.

Ralf Dahrendorfs Modell von Herrschaft lässt sich noch unmittelbarer auf Sprache beziehen: Herrschaft befähigt aus seiner Sicht, Normen und Sanktionen zu formulieren beziehungsweise umzusetzen. Man kann dies so lesen, dass Normen durch Sprache verhandelt werden und dadurch gleichzeitig sprachliche Normierungen geschaffen werden. "Hartz IV" kann beispielsweise als "Norm" in Gestalt eines Gesetzes gesehen werden, der Begriff als solcher wurde im Verlauf der Entwicklung dieser Gesetzgebung jedoch ebenfalls "normiert".

Dahrendorfs Herrschaftsmodell bezieht Schichten und Klassen mit ein, zwischen denen es in Bezug auf Normen und Sanktionen zu Konflikten kommen kann. Entsprechend unsicher wird die Herrschaft, gegebenenfalls bricht sie zusammen, und es entsteht eine neue Herrschaftsordnung. Auch in Konflikten ist Sprache ein wesentliches Element, um Positionen zu verdeutlichen oder Herrschaftsansprüche (zum Beispiel die Deutungshoheit der bestehenden Verhältnisse) zu unterstreichen – wie beispielsweise der Titel eines Nachrichtenbeitrags "Armutsmaschine oder gelungene Reform?"[13] zur Bestandsaufnahme fünf Jahre nach der Einführung der "Hartz-IV"-Reform verdeutlicht. Beide Modelle, Webers Ausprägungen einer eher statisch begriffenen Herrschaftsstruktur und Dahrendorfs eher dynamisches Modell vom Wandel der Herrschaftsstrukturen, können gut im Verbund miteinander gesehen werden.

Fußnoten

1.
Auf der Webseite heißt es: "Hier können Sie Ihren ärztlichen Befund kostenlos von Medizinstudenten in eine für Sie leicht verständliche Sprache übersetzen lassen." https://washabich.de« (13.1.2014).
2.
Auf der Webseite der Sendung heißt es: "Quarks & Co (…) beleuchtet 45 Minuten lang ein wissenschaftliches Thema aus verschiedensten, oft ungewöhnlichen Blickwinkeln. Ihr besonderes Augenmerk legen die Macher darauf, Wissenschaft unkompliziert zu vermitteln. (…) Und bei Quarks & Co soll Wissenschaft unterhalten." http://www.wdr.de/tv/quarks« (13.1.2014).
3.
Vgl. Wolfgang Merkel/Alexander Petring, Partizipation und Inklusion, in: Demokratie in Deutschland 2011, http://www.wzb.eu/sites/default/files/zkd/dsl/partizipation_und_inklusion.pdf« (20.1.2014).
4.
Vgl. Herbert Ammon, Politische Semantik: Zur Durchsetzung von Begriffen im herrschenden Diskurs, 24.3.2008, http://www.globkult.de/herbert-ammon/568-politische-semantik-zur-durchsetzung-von-begriffen-im-herrschenden-diskurs« (20.1.2014); George Lakoff/Elisabeth Wehling, Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht, Heidelberg 2009.
5.
Vgl. Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Nördlingen (Hrsg.), Von der Eis- bis in die Neuzeit, http://www.aelf-nd.bayern.de/forstwirtschaft/41317/index.php« (9.1.2014).
6.
Vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit, http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/erste_verwendungen_von_sustainable_im_20_jh_1727.htm?sid=f390df6c9f2ec7f0f1c8261e4a908cad« (20.1.2014).
7.
Siegfried Jäger, Dispositiv, in: Marcus S. Kleiner (Hrsg.), Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken, Frankfurt/M. 2001, S. 82.
8.
Brigitte Kerchner, Diskursanalyse in der Politikwissenschaft, in: dies./Silke Schneider (Hrsg.), Foucault: Diskursanalyse der Politik, Wiesbaden 2006, S. 49.
9.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Studienausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe, Tübingen 2009, S. 217.
10.
Ders., Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1985, S. 123.
11.
Vgl. ders. (Anm. 9).
12.
Vgl. Andreas Schelten, Begriffe und Konzepte der berufspädagogischen Fachsprache, Stuttgart 2000, S. 36.
13.
Vgl. Beitrag vom 19.2.2010, http://www.tagesschau.de/inland/hartzbilanz100.html« 18.2.2010 (20.1.2014).
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Autor: Bettina Fackelmann für bpb.de
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