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Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Bettina Fackelmann

Legitim? Herrschaft durch Sprache in Politik und Wissenschaft

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt"

Das Zitat des Philosophen Ludwig Wittgenstein verweist auf die naheliegende Frage: Wie anschlussfähig sind die gegenwärtigen (Sprach-)Normen in den jeweiligen Schichten und Klassen? Werden sie überhaupt verstanden? Wissen Angehörige verschiedener Bildungsschichten, was mit "Exzellenzinitiative", "Genom", "bilateralem Handelsvolumen" oder "progressivem Steuerverlauf" gemeint ist? Welche Auswirkungen haben diese Begriffe und die damit verbundenen Entscheidungen auf sie?

Im Rahmen der Studie "Sprichst du Politik?" wurden im Jahr 2011 deutschlandweit 16- bis 19-Jährige zu ihrem Interesse an und Verständnis von politischer Kommunikation befragt. Demnach erachteten 42,4 Prozent der Befragten mit angestrebt niedrigem Schulabschluss, 47,2 Prozent derer mit einem avisierten mittleren Schulabschluss und immerhin noch 28,1 Prozent derjenigen, die mit dem Abitur die Schule abschließen wollten, die schriftliche politische Berichterstattung als zu kompliziert.[14] Die Kritik ist nicht neu und wurde bereits vor Jahren auch an die Wissenschaft gerichtet.[15]

Sprachliche Alleinherrschaft ist zunehmend nicht mehr haltbar

Doch auch unabhängig von einer Bildungs- und Milieubetrachtung wird die Frage der Verständlichkeit zusehends wichtiger: Immer deutlicher wird der Anspruch, das, was einen persönlich betrifft, auch zu verstehen, um gegebenenfalls mitentscheiden zu können. Es gibt bislang keine vergleichenden Langzeitbetrachtungen, doch die zunehmende Zahl von Bürgerhaushalten und -initiativen, der Begriff "Wutbürger" als Wort des Jahres 2010 und die Debatte um den Volksentscheid auf Bundesebene zeigen auch ohne Zahlen, dass Bürgerinnen und Bürger eine selbstbewusstere und anspruchsvollere Haltung gegenüber ihren Volksvertreterinnen und Volksvertretern an den Tag legen.

Bezogen auf Weber kann man sagen: Sie testen die Kompetenz der legitimierten Herrscher. In Dahrendorfs Modell beanspruchen sie einen Teil der Herrschaft selbst, nämlich den, Normen und Sanktionen mit auszuhandeln – in der Hoffnung, wirksamere Lösungen und gleichzeitig weniger Konflikte zu erzeugen. Die Studie "Sprichst du Politik?" zeigte jedoch auf, dass die Wahrnehmung der Sprache von politischen Akteuren dem entgegensteht: 59,1 Prozent der Befragten nahmen an, dass Politiker absichtlich eine "abgehobene" Sprache sprechen.[16]

Aus dem Unverständnis der Sprache heraus (durch zu geschliffene und dadurch wenig nachvollziehbare Sprache, beschönigende Kunstbegriffe sowie viele Fachbegriffe) entsteht also eine Distanz, die schon der Soziologe Pierre Bourdieu mit seinen Ausführungen zum "Habitus"[17] beschrieben hat. Bourdieus Kernaussage lautet: "Die Menschen verstehen in der Praxis mitgeteilte Informationen durch den Habitus auf die ‚richtige‘, d.h. sozial gewünschte und passende Weise. ‚Das ist nichts für uns‘ oder: ‚Für wen hält die sich eigentlich?‘ bezeichnen zwei der prominenten Beispiele für sozial geregeltes, selektives Verstehen, das auf wundersame Weise die subjektive (…) mit der objektiven Definition der Situation (… Klassenzugehörigkeit) in Übereinstimmung bringt."[18] Der Mensch denkt, spricht und handelt demnach nicht per se frei, sondern gebunden an seine soziale Klasse. So verfestigt sich die Distanz zwischen den Klassen in hohem Maße durch Sprache.

Je nach Kultur sind diese Distanzen mehr oder weniger leicht überbrückbar. Für Deutschland bestätigt die Bildungsforschung, dass es nach wie vor einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungsgrad, mithin dem sozialen Milieu des Erwachsenen gibt.[19]

Die naheliegende Schlussfolgerung, dass formal höher Gebildete sich demnach eingeladener fühlen müssten, sich über Politik zu informieren und am politischen Geschehen teilzuhaben, kann jedoch laut "Sprichst du Politik?" nicht gelten: 44,9 Prozent mit angestrebtem niedrigem Schulabschluss, 44,2 Prozent derjenigen, die einen mittleren Schulabschluss erreichen wollen, und 45,9 Prozent derjenigen, die auf einen höheren Abschluss hinsteuern, stimmten sinngemäß dieser prototypischen Aussage aus der qualitativen Befragung zu: "Ich denke, es liegt alles daran, dass der Staat nicht will, dass wir uns politisch engagieren. Die Regierung profitiert davon, wenn die Leute möglichst wenig wissen. (…) Wenn sie wirklich nachfragen und ständig Kontra geben würden, gäbe es ja den reinsten Reformsturm."[20] Die Skepsis gegenüber dem politischen System ist in dieser Generation also bildungsunabhängig.

Dieses Argument soll politische Programme wie die Bildungsoffensive der Vereinten Nationen "Bildung für nachhaltige Entwicklung" und viele andere Bildungsinitiativen nicht kleinreden – aber es soll verdeutlichen, dass auch das politische und das wissenschaftliche System ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Verbesserung der demokratischen Reife leisten müssen.

Da Bildung allein nicht reicht, ist es die demokratische Aufgabe des politischen und des wissenschaftlichen Systems, anschlussfähiger zu werden, indem sie mit den Bürgerinnen und Bürgern erfolgreich kommunizieren. Denn ohne Kommunikation mit ihrer Umwelt sterben soziale Systeme – in dieser Betrachtung: die demokratische Gesellschaft mit den politischen und gesellschaftlichen Systemen als Subsysteme.[21] Kommunikation ist bei Luhmann aber nicht einfach die Mitteilung von A an B ohne Rückkopplung von Erfolg oder Misserfolg. Erfolgreiche Kommunikation im Sinne Luhmanns (vgl. Abbildung in der PDF-Version) umfasst Anschlusskommunikation. Ein Gelingen dieser Art von Kommunikation betrachtet er zwar als durchaus möglich, doch tendenziell "unwahrscheinlich".[22] Mit anderen Worten: Anschlusskommunikation ist bedroht von der immerwährenden Möglichkeit der Kommunikationspartner, die Mitteilungen der anderen zur Kenntnis zu nehmen oder nicht, sie inhaltlich anzuerkennen oder nicht, zu antworten oder nicht. Das heißt, dass Kommunikation nur stattfindet, wenn Anschlusskommunikation stattfindet, wenn auch nicht notwendigerweise mit dem Absender. Ebenso könnte die Erörterung eines Fernsehgesprächs zwischen Politikern mit Bekannten eine erfolgreiche Kommunikation im Sinne der Systemtheorie darstellen – womit wir wieder bei der Verantwortung politischer Akteure wären.

Das bedeutet, dass, wenn erfolgreich kommuniziert werden soll, die Akteure sich gerade bei komplexeren Themen mehr anstrengen müssen. Dies gilt auch dann, wenn es bei den Adressaten ohnehin eine Bereitschaft gibt, zu kommunizieren, etwa beim Besuch einer politischen Veranstaltung oder dem Aufruf einer digitalen Plattform zu wissenschaftlichen Themen. Denn die Herrschaft bei dieser Auffassung von Kommunikation ist geteilt. Man hört zunächst lieber zu, wenn das Gegenüber in der Kommunikation im Sinne Webers kompetent erscheint. Doch wenn dessen Sprache das Zuhören erschwert, kann man auch jederzeit wieder damit aufhören, also die Annahme der Information verweigern. Oder man kann die Information als solche zwar annehmen (wie etwa politische Berichterstattung durch Massenmedien), die Nichtakzeptanz des Inhalts aber für sich behalten und diese nicht mit dem Absender oder anderen teilen – also keine Anschlusskommunikation herstellen.

Fußnoten

14.
Vgl. Nina Arnold et al., Sprichst du Politik?, Berlin 2011, S. 40.
15.
Vgl. Matthias Ballod, Verständliche Wissenschaft. Ein informationsdidaktischer Beitrag zur Verständlichkeitsforschung, Tübingen 2001, S. 11.
16.
Vgl. N. Arnold et al. (Anm. 14), S. 39.
17.
Habitus verstanden als "Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen". Pierre Bourdieu, Grundlagen einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1976, S. 165, zit. nach: Markus Schwingel, Pierre Bourdieu zur Einführung, Hamburg 2005, S. 61.
18.
Gerd Nollmann, Luhmann, Bourdieu und die Soziologie des Sinnverstehens. Zur Theorie und Empirie sozial geregelten Verstehens, in: Armin Nassehi/ders. (Hrsg.), Bourdieu und Luhmann. Ein Theorienvergleich, Frankfurt/M. 2004, S. 122.
19.
Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.), Bildung in Deutschland 2010, Bielefeld 2010, S. 86, http://www.bmbf.de/pubRD/bildung_in_deutschland_2010.pdf« (3.1.2014).
20.
N. Arnold et al. (Anm. 14), S. 35.
21.
"Bewusstseinssysteme und Kommunikationssysteme hören mithin auf, wenn ihre Operationen nicht fortgesetzt werden." Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Wiesbaden 1995, S. 41.
22.
"Wie soll jemand auf die Idee kommen, einen anderen, dessen Verhalten ja gefährlich sein kann oder auch komisch, nicht nur schlicht wahrzunehmen, sondern es im Hinblick auf Information und Mitteilung zu beobachten (…) wie soll jemand sich ermutigt fühlen, eine Mitteilung (und welche?) zu wagen, wenn gerade das Verstehen des Sinnes der Mitteilung den Verstehenden befähigt, sie abzulehnen? Geht man von dem aus, was für die beteiligten psychischen Systeme wahrscheinlich ist, ist also kaum verständlich zu machen, dass es überhaupt zu Kommunikation kommt." Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M. 1997, S. 191.
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