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Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Bettina Fackelmann

Legitim? Herrschaft durch Sprache in Politik und Wissenschaft

Unheilvolle Kette: Unverständnis, Desinteresse, Dysfunktion

Genau dies geschieht auf breiter Front: Gleichwohl in der Studie "Sprichst du Politik?" 53,1 Prozent der jungen Frauen und 76,3 Prozent der jungen Männer angaben, dass sie sich in hohem Maße für Politik interessieren, waren sie auch der Ansicht, dass politische Sprache zu kompliziert sei. Die als distanziert empfundene Sprache mindere ihr Interesse und führe dazu, dass weniger hingehört und letztlich weniger diskutiert wird.

Eine gewisse Widersinnigkeit dieses Handelns ist den Befragten durchaus bewusst, denn sie könnten ja durch mehr persönliche Informationen die empfundene Komplexität der politischen Sprache mindern. Doch das Vertrauen in diesen Mechanismus ist – auch in die Medien, die ihres Erachtens die Übersetzung der komplizierten Fachsprache nicht leisten[23] – geschwunden.

Die gegenwärtig sinnvollste Reaktion, um die Komplexität zu reduzieren, ist aus Sicht der Mehrheit der Jugendlichen, nicht länger zuzuhören. Denn das politische System laufe ja auch ohne ihr Zuhören oder gar Mitwirken weiter: "Ich glaube, wenn das System so lange funktioniert, wird auch niemand daran etwas ändern wollen. Zurzeit funktioniert es noch, und Lösungen für unsere Probleme bestehen nicht. Wieso sollte jemand was ändern wollen, solange es noch funktioniert?"[24]

Auch dieser Aussage könnte man sich anschließen, die Zeichen der Zeit (wie etwa eine seit Jahren sinkende Wahlbeteiligung[25] sowie stetig abnehmende Mitgliederzahlen der Parteien) als Ausdruck der Zufriedenheit deuten und sich anderen Problemen zuwenden. Doch die für viele Bürgerinnen und Bürger unverständlichen Fachsprachen von Wissenschaft und Politik sind Ursachen für weitere Probleme: einerseits fruchtlose, mühsame, inner- und außerhalb des politischen Systems Desinteresse erzeugende Auseinandersetzungen,[26] andererseits ein von vielen so empfundener Mangel an Energie für konstruktive und kreative Lösungsansätze – ganz wie eingangs von Konfuzius beschrieben.

Fazit

Eine verständliche Sprache reduziert Komplexität. Sie vermittelt idealerweise den Sinn der Aussage, statt ihn – gewollt oder ungewollt – zu verschleiern. Hier greift auch Luhmanns Definition von mündlicher Sprache als Medium mit akustischen Zeichen für Sinn.[27] Sie ermöglicht Anschlussfähigkeit und damit Sinn auf der Seite der Adressaten. Gemeint ist hier ein ganz praktischer, sozialer Sinn. Für Bourdieu "besteht der Unterschied darin, ob dem Handeln eine gedankliche Vorstellung über den Zweck und die Mittel der Handlung vorausgeht oder ob es unmittelbar auf die soziale Praxis reagiert."[28] Ohne populistische Handlungen befürworten zu wollen: Auch hier kann man die Aufforderung zur Anschlussfähigkeit herauslesen, indem sprachlich idealerweise bei der aktuellen sozialen Praxis angesetzt wird; wenn mit Jugendlichen beispielsweise nicht über "Konflikte durch divers ausgebildete Migrationshintergründe an Schulen" gesprochen, sondern einfach an ihren persönlichen Begegnungen mit Gleichaltrigen anderer Herkünfte angeknüpft wird.

Sicher ist eine verständliche Sprache gleichermaßen Aufgabe aller Beteiligten in der Gesellschaft, auch der Bürgerinnen und Bürger. Doch sie ist umso mehr Verpflichtung für diejenigen, denen "legale Herrschaft" zugeschrieben wird. Sicher ist auch, dass ein soziales System allein eine wirksame Umkehr und sprachliche Selbstdisziplinierung nicht wird leisten können. Dazu sind die sozialen Systeme gesellschaftlich zu sehr verwoben. Politik und Wissenschaft (wie auch Medien) gemeinsam könnten dies leisten – zu ihrem eigenen wie auch zum gesellschaftlichen Vorteil.

Fußnoten

23.
Vgl. N. Arnold et al. (Anm. 14), S. 40.
24.
Ebd.
25.
Vgl. Interview mit Bundestagspräsident Norbert Lammert, in: DJI Impulse 3/2013, S. 4ff., http://www.dji.de/bulletin/d_bull_d/bull103_d/DJI_3_13_Web.pdf« (10.1.2014).
26.
So etwa Peter Struck im Interview auf die Frage, ob er "die Lust an der Politik verloren" habe: "Nicht an der Politik generell. Aber ich kenne die Debatten hinlänglich. Die immer gleichen Themen, die immer gleichen Argumente bei den eigenen Leuten und beim politischen Gegner, diese Rituale. Davon habe ich jetzt genug." SZ-Magazin 23/2009, http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29518/Kanzler-War-ich-nie-der-Typ-dafuer« (10.1.2014); Karin Jäger, Politik als Droge – wie Politiker mit dem Druck umgehen, 4.9.2013, http://www.dw.de/politik-als-droge-wie-politiker-mit-dem-druck-umgehen/a-17052465« (10.1.2014).
27.
Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1984, S. 220.
28.
Eva Bärlösius, Pierre Bourdieu, Frankfurt/M. 2006, S. 32.
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