Fans aus Hamburg halten am 23.07.2013 während des Testspiels zwischen dem Hamburger SV und West Ham United ein Banner gegen Rassismus in die Höhe.

18.3.2014 | Von:
Heiner Geißler

Anmerkungen zur Rassismus-Debatte - Essay

Produkt der Angst

Allen Formen des Rassismus ist gemeinsam, bestimmte Gruppen von Menschen von der eigentlichen Gemeinschaft auszuschließen, über sie Herrschaftsregeln anzuwenden und durchzusetzen. Rassismus ist vor allem das Produkt der Angst einer Mehrheit vor einer Minderheit, die gleichzeitig zum Sündenbock für alle negativen Entwicklungen erklärt wird. Nun werden Menschen von vielen Ängsten geplagt. In Deutschland gab es die Russenangst, die Kommunistenangst, die Raketenangst. Hutu und Tutsi, Tamilen und Singhalesen haben auch Angst, aber nicht vor Raketen, sondern davor, dass sie von den jeweils anderen abgeschlachtet werden. Diese Ängste haben wir hier in Europa mit Ausnahme vom Kosovo seit 60 Jahren nicht mehr. Angesichts dieser Themenliste könnte man meinen, der Bedarf an Ängsten sei für ein normales Menschenleben gedeckt. Aber das ist eine Täuschung.

Die in Deutschland heftigste Angst ist die Angst vor Fremden, vor Ausländern, Andersfarbigen, Ungläubigen, also die Angst vor anderen Menschen. Nun kommen und gehen die Ängste, und es gibt begründete und unbegründete, rationale und irrationale Ängste. Eine begründete Angst ist die Todesangst. Da von 100 Menschen 100 sterben und der Tod total demokratisch ist, ist die Todesangst weit verbreitet. Das hat sie mit der Fremdenangst gemeinsam. Aber die eine ist begründet und die andere grundsätzlich unbegründet. Deutschland ist seit Jahrzehnten ein klassisches Einwanderungsland und muss es auch bleiben. Rassismus und Fremdenangst gehen ineinander über. Auf dem Höhepunkt der Asyldebatten Anfang der 1990er Jahre wurden Ausländer als "fremdartig" bezeichnet. Das galt schon 200 Jahre früher in den USA: "Warum wollen wir es zulassen, dass die pfälzischen Bauern in unsere Siedlungen strömen und dadurch, dass sie sich zusammentun, ihre Sprache und Sitten durchsetzen und uns verdrängen? Warum sollte Pennsylvania, von Engländern begründet, eine Kolonie von Ausländern werden, die schon bald so zahlreich sein werden, dass sie uns germanisieren, statt dass wir sie anglifizieren, und die niemals bereit sein werden, unsere Sprache und Gewohnheiten anzunehmen?" Der Autor dieser Zeilen ist der Erfinder des Blitzableiters und der Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, Benjamin Franklin. Die xenophoben Argumente haben sich, wie man sieht, kaum verändert. Warum erregten die Deutschen in Pennsylvania den Zorn Franklins? Weil die Pfälzer sonntags mit ihren Frauen öffentliche Feste feierten, Wein und Bier tranken und dies den Puritanern in Pennsylvania ein Gräuel war. Der Begriff "fremdartig" für Ausländer ist ein gefährlicher Begriff, denn von dort ist es ein kurzer Weg zu "andersartig" und von dort zu "abartig". Und dann ist die Xenophobie, die Fremdenangst, im Rassismus gelandet.

Autonomie des Menschen

Es gibt eine zunächst plausible These der Verhaltensforscher, dass sich das friedliche Zusammenleben mit Menschen schwieriger gestalte, die "im Aussehen stark von der einheimischen Bevölkerung abweichen" (Irenäus Eibl-Eibesfeldt), also etwa in der Haar- und Augenfarbe. Aber kann man daran immer einen Deutschen erkennen? Der Bundesgrenzschutz betrieb Mitte der 1990er Jahre so etwas wie eine visuelle Rasterfahndung. Man gab den Beamten an den Grenzen typisierte Physiognomien an die Hand, mit deren Hilfe sie deutsche beziehungsweise nordische, sagen wir germanische Typen herausfinden sollten. Das Vorhaben musste scheitern. Denn ist "der Deutsche" eher dunkelhaarig wie Sigmar Gabriel und Andrea Nahles oder blond wie Ursula von der Leyen und Edmund Stoiber?

Offenkundig sind die Gene nicht unbedeutend für das menschliche Leben. Unsere Erbanlagen ähneln aber nicht so sehr einem Computerprogramm, sondern eher einer Partitur, die von Menschen zum Klingen gebracht werden kann, sagt der Evolutionsbiologe Hubert Markl. Der Mensch kann selbst entscheiden, was er aus den Möglichkeiten macht, die ihm gegeben sind. Dazu gehört das Verhalten anderen Menschen gegenüber, das weder ausschließlich erlernt noch völlig angeboren ist. Aber das muss nicht heißen, dass es nicht durch Lernprozesse veränderbar wäre. Was ist denn mit der freien Assoziation von Informationen, einem Grundvorgang jeder Intelligenzleistung, und der Fähigkeit, Gedächtnisinhalte kombinieren und spontan verwirklichen zu können? Im Gegensatz zum Tier verfügt der Mensch über Fantasie und Kreativität. Er ist eben nicht total genetisch vorprogrammiert, und er kann lernen, Informationen aufnehmen und verarbeiten. Er kann intelligenter werden als seine Vorfahren, er kann dichten, komponieren, Bücher schreiben, moralisch handeln und politisch gestalten. Das ist die wissenschaftliche Begründung und Voraussetzung für die Integrationspolitik auch in der Bundesrepublik Deutschland.

Das Argument der Überbevölkerung ist absolut lächerlich. Hat der neu aufgeflammte Antisemitismus etwas mit Überbevölkerung zu tun? Es gibt in Deutschland ungefähr 100.000 Juden. Zur Zeit des Judenpogroms 1938 waren es 400.000. Es gäbe Antisemitismus in Europa und in Deutschland auch ohne einen einzigen Juden. Die Juden wurden im "Dritten Reich" verfolgt, ohne dass damals jedes Jahr 100.000 oder 200.000 Einwanderer ins Land kamen. In Deutschland wurde der Rassismus unter der Herrschaft des Nationalsozialismus zur Staatsideologie, war Staatsräson. Juden, aber auch Sinti und Roma, wurden als "kulturzersetzende Rassen" definiert im Gegensatz zur "kulturstiftenden nordisch-arischen Rasse", die sogenannte Herrenrasse. Auch die Slawen galten als "Untermenschen". Diese Ideologie hat für das deutsche Volk zum größten Kataklysmus der Weltgeschichte geführt. Es sieht so aus, als ob die Deutschen daraus gelernt hätten.

Aber es gab schon in den 1990er Jahren Ansätze rassistisch motivierter Pogrome und Anschläge. Die Anschläge haben stattgefunden in Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Magdeburg. Und immer wieder gibt es Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen oder rassistische Graffiti an den Häuserwänden. Das Internetportal "Monitoring Agitation against Refugees in Germany" zählt allein für 2013 insgesamt 113 Angriffe oder rassistische Aktionen gegen Ausländerheime. Es gibt den unglaublichen Vorgang der NSU-Morde, die im Frühjahr 2014 immer noch nicht gerichtlich abgeklärt und entschieden worden sind. "Dönermorde" wurde 2013 zum Unwort des Jahres. Es hat selten ein Wort gegeben, das Tatsachen so verdreht und vernebelt hat wie dieser Begriff. Es wurde amtlich und publizistisch der Eindruck erweckt, es handele sich um die Mordserie einer "Türkenmafia". Die Ermittlungsbehörden setzten die Angehörigen jahrelang diesem Verdacht aus – mit schlimmen seelischen und gesellschaftlichen Folgen für diese Menschen. In Wirklichkeit aber waren es Serienverbrechen einer neonazistischen Terrorzelle mit Verbindungen ins rechtsextremistische Milieu. 32 Landeskriminal- und Verfassungsschutzämter hatten es nicht geschafft, den "Nationalsozialistischen Untergrund", wie die Mörder sich nannten, aufzudecken und diese Mordserie zu verhindern. Die Ermittlungsbehörden, das heißt Polizei und die Schlapphüte der Verfassungsschutzämter, waren offensichtlich auf dem rechten Auge blind.

Die NPD ist das Flaggschiff des Rechtsextremismus in Deutschland. Während des Berliner Wahlkampfes 2011 hatte sie Plakate mit dem Slogan "Gas geben" rund um das Denkmal für die ermordeten Juden aufgestellt. Die Berliner Verwaltung sah keinen Anlass, einzuschreiten. Offenbar haben einige Verwaltungen in Deutschland unsere braune Vergangenheit noch nicht abschütteln können.

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