Fans aus Hamburg halten am 23.07.2013 während des Testspiels zwischen dem Hamburger SV und West Ham United ein Banner gegen Rassismus in die Höhe.

18.3.2014 | Von:
Heiner Geißler

Anmerkungen zur Rassismus-Debatte - Essay

Tödliche Intoleranz

Die widerwärtigste und perverseste Form der Intoleranz, der sich rassistische Regime bedienen, ist die Folter, die gegenüber Untergebenen oder Gefangenen erlaubt und von Behörden ausgeführt wird. Weltweit werden täglich Tausende von Menschen bestialisch misshandelt und zu Tode gequält. In Deutschland ist die Folter nicht deswegen ein Problem, weil die deutschen Sicherheitsbehörden Gefangene oder Asylbewerber foltern würden – Misshandlungen von Gefangenen und Asylbewerbern sind selten und werden in der Regel strafrechtlich verfolgt –, sie ist deswegen ein Problem, weil Ausländerbehörden und Gerichte in Deutschland nicht in der Lage sind, mit den Folteropfern, die zu uns geflüchtet sind, rechtsstaatlich einwandfrei umzugehen. Immer wieder werden Folteropfer in die Länder abgeschoben, in denen sie gefoltert worden sind. Dies gilt vor allem für Kurden aus der Türkei.

Seit dem 11. September 2001 wird in den USA eine Diskussion geführt, die auch zu uns herüberschwappte: ob Menschenrechte nicht ein Luxusgut der Zivilisation seien, auf die man in Notzeiten schon mal verzichten könne. Und in der Tat haben die USA durch Guantanamo und Abu Ghraib das rechtsstaatliche Ansehen der gesamten westlichen Welt schwer beschädigt. Vielleicht könnte für die christlichen Fundamentalisten der republikanischen Partei, auch der Tea-Party-Bewegung, die dies akzeptieren und billigen, von Bedeutung sein, dass der Gründer ihrer Religion zehn Stunden lang systematisch gefoltert wurde bis er schließlich elend zugrunde ging. Wenn die westlichen Demokratien anfangen zu foltern, haben sie kein Recht mehr, die Verbrechen der Despoten und der Tyrannen dieser Erde zu brandmarken und zu verfolgen. Dass gilt auch für die Zustände im jetzigen Russland. Folterer werden, auch wenn sie mit Messer und Gabel essen, nicht zu zivilisierten Menschen.

Dem klerikalen Rassismus, wie er sich in den Scheiterhaufen und den Hexenverbrennungen in Europa oder der Steinigung und den Todesurteilen gegenüber Frauen in arabischen und islamischen Ländern äußert, liegt ein grundsätzlicher Fehler mit geschichtlichen Dimensionen zugrunde. Vereinigten sich in der Menschheitsgeschichte Religion und Politik, Staat und Kirche in einer Hand, waren die Menschen immer die Leidtragenden. Sokrates wurde von staatlichen Stellen zum Tode verurteilt, die Verbrennung der Ketzer auf dem Scheiterhaufen wurde vom damaligen Justizapparat angeordnet. Und iranische Polizisten vollstrecken heute die Todesstrafe aufgrund des religiösen Gesetzes der Scharia. Die iranischen Ajatollahs und die damalige römische Inquisition haben eines gemeinsam: Sie wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit und wollen alle Menschen zwingen, ihren moralischen Vorgaben zu folgen.

Die Methoden sind heute allerdings unterschiedlich. Im Iran werden Homosexuelle, auch Minderjährige, an Baukränen erhängt. In Deutschland wird Homosexualität zwar nicht mehr bestraft, aber in den Gemeinden hintenherum von Piusbrüdern und religiösen Eiferern an den Pranger gestellt. Sie sehen sich als Verbündete im Kampf gegen den "Sittenverfall" der westlichen Welt. Sie kämpfen gegen die Meinungs- und Pressefreiheit auch bei religiösen Themen, gegen das Recht auf Ehescheidung, Verhütungsmittel, Sterbehilfe und gleichgeschlechtliche Liebe. Damit stehen sie auf einer Ebene mit den Ajatollahs und Mullahs, die ihre Anhänger ebenfalls gegen den angeblichen Sittenverfall des Westens mobilisieren. So haben die Verabsolutierung von Religionen und die Vergötzung von Ersatzreligionen wie Kommunismus, Nationalsozialismus und Nationalismus oder auch fundamentalistische Moralvorstellungen schon immer extremen Rassismus produziert. Großinquisitoren traten auf den Plan, Bücher wurden auf den Index gesetzt, Frauen als Hexen verbrannt und ganze Völker exterminiert.

Die Rassismen gleichen einer Epidemie und einer Geisteskrankheit, die immer wieder ausbrechen. Die Krankheit ist keineswegs beschränkt auf den modernen Konflikt zwischen der westlichen Welt und der Welt des Islams. In den USA erschießen christliche Fundamentalisten Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. In Spanien definiert ein von Männern beherrschtes Parlament wieder das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Frauen. In Ostdeutschland proklamieren Neonazis erfolgreich ausländerfreie Zonen. Hindufundamentalisten zerstören muslimische Gotteshäuser, Muslimbrüder in Ägypten koptische Kirchen, und in Palästina blockieren jüdische und arabische Extremisten jede gerechte und friedliche Lösung des Konflikts. Wenn der klerikale Rassist Macht über Menschen besitzt und diese zwingt, ihn oder seine Lehre anzubeten, entsteht der Ajatollah, früher der Großinquisitor.

Ängste, die in den Rassismus münden, entstehen aber auch dann, wenn Menschen sich in ihrer Not und Hoffnungslosigkeit angesichts eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, das über Leichen geht, gegen Fremde wenden, die ihnen mit "marktgerechten" Hungerlöhnen, mit Lohndumping, die Arbeitsplätze wegnehmen. Eine Politik, die sich als unfähig erweist, den Prozess der Globalisierung human zu gestalten, und vor den Finanzmärkten in die Knie geht, ist ebenso mitverantwortlich für Hass, Rassismus und Terrorismus wie eine Politik, die sich durch Gewaltandrohung islamistischer Terroristen einschüchtern lässt und sich selbst kriminell macht. Die Befreiung der Menschen von der Angst als einer wichtigen Ursache des Hasses und des Rassismus setzt deshalb voraus, dass das jetzige kapitalistische Wirtschaftssystem und die daraus folgende Ökonomisierung der Gesellschaft ersetzt wird durch eine humane Wirtschaftsordnung, eine ökosoziale Marktwirtschaft, und dass die autoritären Machthaber dieser Erde von den westlichen Demokratien nicht noch wegen ihrer ökonomischen und sozialen Ausbeutung der Natur und der Menschen bewundert, sondern vor der Weltöffentlichkeit als unaufgeklärte Kriminelle an den Pranger gestellt werden.

Gleichberechtigung aller Menschen

Die Geschlechtsapartheid ist die größte rassistische Herausforderung dieser Zeit. Die Diskriminierung, Verachtung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts ist neben der Folter weltweit die schwerwiegendste Menschenrechtsverletzung. Waren es früher Hexenprozesse, so gehören gegenwärtig Massenvergewaltigungen, Zwangsheiraten, Zwangsprostitution, Witwenverbrennungen, die Beschneidung der Mädchen, das Aussetzen und Vernachlässigen weiblicher Säuglinge sowie das gezielte Abtreiben weiblicher Föten zu diesen Unmenschlichkeiten, die perverserweise durch männerorientierte Theologien auch noch legitimiert werden.

Den Schutz der Menschenwürde auch für Frauen einzufordern heißt nicht, Kulturimperialismus zu betreiben. Frauen, die man steinigen oder verstümmeln will, werden sich den "Menschenrechtsimperialismus" oder auch "Eurozentrismus" gerne gefallen lassen, der sie vor solchen Grausamkeiten bewahrt. Aber ohne eine tiefgreifende Veränderung der islamischen Gesellschaften mithilfe der geistlichen Führer der Weltreligionen wird die Diskriminierung der Frauen langfristig nicht beseitigt werden können. Statt immer neue theologische Gründe für eine Bevormundung der Frauen zu finden und ihre heiligen Schriften gegen die Frauen auszulegen, sollten die Imame, Mullahs, Ajatollahs und Ulemas, der Papst – Franziskus ist eine Hoffnung –, seine Kardinäle und Bischöfe endlich die Gleichberechtigung aller Menschen zu verkünden beginnen und im gemeinsamen Weltethos der Religionen verankern.

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