Fans aus Hamburg halten am 23.07.2013 während des Testspiels zwischen dem Hamburger SV und West Ham United ein Banner gegen Rassismus in die Höhe.

18.3.2014 | Von:
Norbert Herriger

Empowerment-Landkarte: Diskurse, normative Rahmung, Kritik

Aktuelle Diskurse

Ein Blick auf die aktuelle Literaturproduktion zum Thema und die bunte Vielfalt der Praxisprojekte verdeutlicht, dass das Empowerment-Konzept in sehr unterschiedlichen "Arenen" diskutiert wird. Im Folgenden werden drei aktuelle Diskurse skizziert.

Empowerment und subjektive Identitätsarbeit. Ein erster Diskurs verknüpft das Nachdenken über Empowerment mit jener Gegenwartsdiagnose, die in der Literatur unter den Stichworten Individualisierung, Enttraditionalisierung und reflexive Modernisierung geführt wird. Wir Menschen der Moderne – so die Lesart dieses Diskurses – sind eingebunden in eine beschleunigte Dynamik von Individualisierungsprozessen.

Individualisierung[2] wird gedeutet als ein gesellschaftlicher Prozess, der Menschen aus den traditionalen Mustern ihrer sozialen Herkunft wie auch aus den Sicherheiten von Glauben, Werten, gemeinschaftlichen Lebensorientierungen herauslöst. In immer schnellerem Tempo vollzieht sich eine Freisetzung der Menschen aus traditionsbestimmten Lebensformen, Geschlechterkonstruktionen oder Milieubindungen. Es zerfällt die Bindungskraft sozialkulturell überlieferter Modelle "normaler" Lebensführung. Die Lebensgestaltung wird offen, die Subjekte werden zu Regisseuren der eigenen biografischen Geschichte.

Diese Biografisierung von Lebenskonstruktionen verknüpft sich mit einem zweiten Umbruch: Der ökonomische Boden, auf dem Menschen ihre Lebensentwürfe bauen, wird sandiger. Die "Normalarbeitsbiografie", die für frühere Generationen noch selbstverständliche Koordinate des Lebens war, wird für immer weniger Menschen erreichbar. Traditionelle Erwerbsbiografien werden bunten Patchwork-Berufsbiografien weichen, in denen vielfältige Statusinkonsistenzen und Karrierebrüche, lebenslange Zwänge zu Nach-, Weiter-, Neu-Lernen, das Oszillieren zwischen Branchenwechsel, Arbeitslosigkeit, Umschulungen und beruflichen Neuanfängen miteinander verwoben sind.

Diese Umbrüche konstituieren ein neues Profil von Anforderungen an das modernisierte Subjekt: Soziales Handeln im Zeichen der Individualisierung ist stets Handeln in Situationen der Unsicherheit. Verlässliche normative und ökonomische Sicherheitsleitplanken für einen individualisierten Lebensentwurf stehen nicht mehr zur Verfügung. In dem Maße aber, in dem ehemals verlässliche Basissicherheiten zerfließen, wird der Einzelne selbst zum Planungs-, Entscheidungs- und Aktionszentrum seiner Lebensführung.

Soll diese selbstbestimmte Lebensführung aber gelingen und nicht an Divergenz und Widersprüchen scheitern, so setzt dies eine veränderte psychosoziale Ausstattung des Subjektes voraus – ein Leben mit Fähigkeiten, das den Anspruch der Moderne auf Selbstbemächtigung des Subjektes lebensalltäglich einlöst.

Hier nun ist das Verbindungsstück zwischen Individualisierung und Empowerment: Individualisierung – konsequent zu Ende gedacht – bedarf eines Subjekts, das auf Vorräte von (selbstreflexiven, psychischen, sozialen) Ressourcen zurückgreifen kann, die für eine produktive Nutzung der riskanten Chancen einer individualisierten Lebensführung unentbehrlich sind. In der Literatur ist hier die Rede vom "Identitätskapital" der Person.[3] Es umfasst Ich-Stärke, Selbstwirksamkeitserfahrungen, Lebenssinn und kritische Denkfähigkeit. Der Einsatz dieses Identitätskapitals macht es dem Einzelnen möglich, die offenen Horizonte der Individualisierung produktiv zu nutzen wie auch Lebensbrüche und kritische Lebensetappen ohne Schaden an Körper und Seele zu bewältigen. Die Selbstbemächtigung des Subjekts – hier verstanden als biografischer Prozess der Aneignung des beschriebenen identitären Kapitals – ist somit notwendige Voraussetzung einer gelingenden Individualisierung.

Empowerment und neue psychosoziale Professionalität. Ein zweiter Diskurs führt uns in das Praxisfeld von Diensten und Einrichtungen der psychosozialen Arbeit. Empowerment-Gedanken sind heute fester Bestandteil der Dienstleistungsprogrammatik von Einrichtungen in den Feldern von Beratung, Alltagsbegleitung und sozialer Unterstützung. Dieser Wechsel der fachlichen Sprachspiele ist freilich mehr als nur "modische Attitüde". Hierin artikuliert sich ein markanter Paradigmenwechsel in der psychosozialen Dienstleistungsgestaltung, der durch drei Stichworte gekennzeichnet werden kann:

Abkehr von einer grundlegenden Defizitorientierung: Der Ausgangspunkt des Empowerment-Konzeptes ist eine Kritik an dem tradierten Klientenbild, das die Dienste und Einrichtungen der psychosozialen Hilfe anleitet. Dieses Klientenbild ist bis heute vielfach von einem Defizitblick auf den Menschen geprägt. Dies bedeutet: Menschen, die psychosoziale Dienstleistungen nachfragen, ihre Lebenserfahrungen und biografischen Geschichten werden allzu oft allein in Kategorien von Defizit, Mangel und Ungenügen wahrgenommen. Die Folge dieses Defizitblicks aber ist, dass die vorhandenen Lebensfähigkeiten der Menschen, ihre produktiven Ressourcen zur Lebensbewältigung, aus dem Blick geraten. Psychosoziale Arbeit ist so vielfach eine "Buchhaltung von Lebensschwächen".

Das Empowerment-Konzept bricht mit diesem Blick auf die Schwächen und Abhängigkeiten. Menschen, die psychosoziale Unterstützung in Anspruch nehmen, werden hier nicht mehr (ausschließlich) als hilfebedürftige Mängelwesen angesehen. Im Gegenteil: Sie werden – auch in Lebensetappen der Belastung und der Demoralisierung – in der Rolle von kompetenten Akteuren wahrgenommen, die über das Vermögen verfügen, ihren Lebensalltag in eigener Regie zu gestalten. Dieses Vertrauen in die Stärken der Menschen, in produktiver Weise die Belastungen und Zumutungen der alltäglichen Lebenswirklichkeit zu verarbeiten, ist Leitmotiv einer jeden Empowerment-Praxis.

Der helfende Dialog als Ko-Konstruktion: Ein leitendes Motiv der Empowerment-Arbeit ist die Anerkennung der "Expertenschaft des Klienten in eigener Sache" vor dem Hintergrund seiner individuellen Lebenserfahrungen. Mit dieser Wertschätzung der lebensgeschichtlich geschöpften Expertise des Klienten geht zugleich eine signifikante Veränderung der Machtbalance in der helfenden Beziehung einher: An die Stelle des Expertenurteils des psychosozialen Fachpersonals (das heißt der Unterstellung, "sicher zu wissen, wessen der andere bedarf") tritt das offene und machtgleiche Aushandeln von Lebensperspektiven.

In den Mittelpunkt der helfenden Beziehung rückt so der biografische Dialog, in dem die Lebensdeutungen des Klienten und die (durchaus auch abweichenden und konträren) stellvertretenden Lebensdeutungen des pädagogischen Experten zusammengeführt und in einer gemeinsamen Verständigung über lebbare Lebenszukünfte miteinander verknüpft werden.

Obwohl Muster struktureller Macht in die institutionelle Arbeitsbeziehung unlösbar eingelassen sind, ist das Ziel die Konstruktion einer (weitgehend) symmetrischen Arbeitsbeziehung. Sie verzichtet auf die Attribute einer bevormundenden Fürsorglichkeit, verteilt die Verantwortung für den Arbeitskontrakt gleich und lässt sich auf einen Beziehungsmodus des partnerschaftlichen Aushandelns ein. Der helfende Dialog wird so zu einer Ko-Konstruktion "auf Augenhöhe".

Zukunftsorientierung: Der traditionelle pädagogische Blick auf den Klienten ist ein biografisch-retrospektiver Blick. Die analytische Aufmerksamkeit wandert zurück in die Lebensvergangenheit des Adressaten sozialer Unterstützung auf der Suche nach signifikanten biografischen Schlüsselereignissen der Entmutigung.

Im Empowerment-Konzept gilt die pädagogische Aufmerksamkeit nicht den erfahrenen Lebensniederlagen, sondern der Lebenszukunft und den Schritten, die in diese Zukunft hinein ein Mehr an Selbstbestimmung und produktivem Lebensmanagement möglich machen können. Ausgehend von hier und jetzt erschließbaren Ressourcen sollen den Klienten neue Möglichkeitsräume eröffnet werden, in denen sie die eigenen Fähigkeiten zur Selbstorganisation entdecken, Vertrauen in die eigenen Kräfte gewinnen und damit neue Territorien von Unabhängigkeit erobern können.

Empowerment, Entstigmatisierung und Antidiskriminierungsbewegung. Ein dritter kritischer Diskurs vollzieht sich im Feld der aktuellen Antidiskriminierungspolitik und -bewegung. Ausgangspunkt sind hier die Befunde der Diskriminierungs- und Stigmaforschung. Stigmatisierung bezeichnet die Zuschreibung negativ bewerteter Eigenschaften und entehrender Etikette, welche die sozialen Teilnahmechancen der Betroffenen reduzieren und ihre Identität beschädigen. Mit anderen Worten: Stigmatisierung bezeichnet einen Prozess der Diskreditierung, in dem einer Person und/oder einer Gruppe die soziale Akzeptanz im Sinne eines positiven Normalseins verweigert wird.[4]

Menschen werden zur Projektionsfläche von Stigmatisierungen überall dort, wo sie aus den Toleranzzonen lebensweltlich eingeübter "Normalität" herausfallen – dort also, wo sie ihr "Anders-Sein" entlang der Dimensionen von Ethnie, sozialer Herkunft, Gender, Alter, Religionszugehörigkeit und sexueller Orientierung öffentlich präsentieren. Die Folgen der Stigmatisierung für Betroffene sind vielfach empirisch nachgewiesen.

Generalisierung des negativen Merkmals: Die Diskreditierung wird typisierend auf die Gesamtheit der Person übertragen ("Abstempeln"; generalisierende Negativbeurteilung). Dies bedeutet, dass die gesamte Person, alle ihre Merkmale, Eigenschaften und Qualitäten im Lichte des negativen Merkmals stehen; das Stigma wird zum master status der Person.

Soziale Ausgrenzung: Die Stigmatisierung führt – auf der Ebene der sozialen Interaktion – zur sozialen Ausgrenzung des Stigmatisierten wie mangelnde soziale Beachtung, soziale Meidung, Ausschluss von Statuschancen in Bildung und Beruf bis hin zu Angriffen auf die Unversehrtheit der Person. Sie bedeutet für den Betroffenen vielfach einen "stillen sozialen Tod".

Entwicklung einer negativen Identität: Die Stigmatisierung führt – auf der Ebene der Selbstwahrnehmung – schließlich zu einer Negativprägung der eigenen Identität. Den Betroffenen wird es auf Dauer unmöglich sein, das Selbstbild gegen die machtvollen Diktate der Fremdzuschreibung aufrechtzuerhalten. Am Ende steht so oftmals die Übernahme der negativ geprägten sozialen Bewertungen in das Selbstbild und eine signifikante "Beschädigung der Identität" (spoiled identity).

Die Antidiskriminierungsbewegungen und die sie begleitenden Politiken auf Bundes- und Länderebene haben das Ziel, die hier beschriebenen Spiralen von Entmachtung (disempowerment) und verinnerlichter Unterdrückung zu durchbrechen. Die Politikwissenschaftlerin Natascha Nassir-Shahnian formuliert dieses Ziel programmatisch in folgender Weise: "Empowerment bedeutet die Freiheit, als Selbst existieren zu können, ohne sich Handlungszwängen zu beugen, die von außen aufgrund sozialer Kategorien (wie "Rasse", Klasse, Gender, Disability u.a.) an uns herangetragen werden und die uns in unserer Sozialisation prägen. Empowerment (richtet sich) an Menschen, die durch diese Herrschaftsverhältnisse (Rassismus, Klassismus, Sexismus, Heteronormativität u.a.) unterdrückt werden."[5]

Die Empowerment-Arbeit folgt hierbei einem Routenplan, der bereits von dem Pädagogen Paulo Freire mit dem Konzept des critical consciousness vorgezeichnet worden ist. Nach Freire sind es drei Schritte, die Auswege aus struktureller Benachteiligung und entmächtigender Diskriminierung möglich machen: die Überwindung der Sprachlosigkeit, die kritische Reflexion unterdrückender Fremdkonstruktionen und die kollektive widerständige Aktion. Konkret wird diese Schrittfolge in der Praxis der Beratung von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Die (in der Regel selbstorganisierte) Antidiskriminierungsberatung versteht sich als eine parteiliche Beratung von Betroffenen für Betroffene. Sie folgt fünf Prinzipien:

Austritt aus der Sprachlosigkeit: Das Beratungssetting bildet einen geschützten Vertrauensraum, in dem Menschen mit Diskriminierungserfahrungen in der Gemeinschaft mit Gleichbetroffenen ermutigt werden, aus der lebenslang geübten "Kultur des Schweigens" (Freire) auszutreten und für die verinnerlichte Ohnmacht eine Sprache zu finden.

Kontextualisierung: Sie erfahren – gespiegelt in den Lebenserzählungen der anderen – die eigenen Diskriminierungserfahrungen als strukturelle Repräsentationen von Ungleichheit, begegnen entmutigenden Selbstzuschreibungen von Schuld und Scham und gewinnen ein kritisches Wissen um rechtliche und politische Formen des Widerstands.

Subjektive Gegenwehr: Die Beratung ermutigt und begleitet Betroffene auf dem Weg der Beschwerde, der Klage und der gerichtlichen Wiedergutmachung. Dieser Akt der Klage und damit die Konfrontation der Täterinnen und Täter mit der Diskriminierung stärken die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und aktiver Gegenwehr.

Kollektives Stigmamanagement: Die Selbstorganisation von Widerstand ist Gegengift gegen die Vereinzelung der von Stigmatisierung Betroffenen. Sie schafft einen stärkenden Solidaritätsraum und (auf der Bühne der Medien) eine kritische Gegenöffentlichkeit. Sie ist zugleich Fundament für politische Kampagnen und den kollektiven Kampf um die soziale Anerkennung des "Anders-Seins" (etwa in Form einer positiven Diskriminierung oder einer Affirmative-action-Gesetzgebung).

Agents of change: Die beschriebenen personalen und politischen Prozesse schließlich reichen über den einzelnen "Fall" hinaus. Menschen, die sich in der Auseinandersetzung mit diskreditierenden Benachteiligungen erfolgreich erleben, werden auch in anderen Lebenssektoren Handlungsfähigkeit gewinnen. Und sie können zu Mut machende Aktivposten in ihrem Umfeld werden, die andere auf deren "Reise in die Stärke" begleiten und unterstützen.[6]

Fußnoten

2.
Vgl. Matthias Junge, Individualisierung, Frankfurt/M.–New York 2002; Werner Schneider/Wolfgang Kraus (Hrsg.), Individualisierung und die Legitimation sozialer Ungleichheit in der reflexiven Moderne, Opladen 2013.
3.
Vgl. James E. Cote/Charles G. Levine, Identity formation, agency, and culture, Mahwah, NJ 2002.
4.
Vgl. Erving Goffman, Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt/M. 201221.
5.
Natascha Nassir-Shahnian, Dekolonisierung und Empowerment, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Empowerment, Berlin 2013, S. 16–25.
6.
Vgl. Nuran Yigit, Empowerment in der Antidiskriminierungsberatung, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Anm. 5), S. 42–52.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Norbert Herriger für bpb.de

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