Fans aus Hamburg halten am 23.07.2013 während des Testspiels zwischen dem Hamburger SV und West Ham United ein Banner gegen Rassismus in die Höhe.

18.3.2014 | Von:
Norbert Herriger

Empowerment-Landkarte: Diskurse, normative Rahmung, Kritik

Normative Rahmung: Menschenbild und Wertebasis

Empowerment ist ein "werthaltiges Konzept", eingespannt in einen Rahmen von handlungsleitenden normativen Überzeugungen und Werthaltungen. Die Grundrisse dieser Praxisethik für die psychosoziale Arbeit können als "die Philosophie der Menschenstärken" beschrieben werden.[7] Folgende ethische Grundüberzeugungen können unterschieden werden:

Autonome Lebensgestaltung und Agency. Empowerment formuliert ein optimistisches Menschenbild. Allen Empowerment-Gedanken ist die Konstruktion einer Subjektivität gemeinsam, welche die Kraft findet, für sich und für andere "ein besseres Leben" zu erstreiten. Hier werden Vorstellungsbilder und Argumentationsmuster aufgegriffen, die auch in anderen (historisch vorangehenden) normativen Entwürfen gesellschaftlicher Praxis enthalten sind: Autonomie, Mündigkeit, Emanzipation, gelingende Lebensbewältigung, die Suche nach einer authentischen und kohärenten Identität. All diese Begriffe und die hinter ihnen stehenden paradigmatischen Denkmodelle sind Wahlverwandtschaften des Empowerment-Konzepts.

In der aktuellen Debatte verknüpft sich die normative Figur Empowerment zunehmend mit dem Begriff Agency. Agency kann hier verstanden werden als die subjektive Erfahrung von "Handlungsmächtigkeit", welche die Akteure befähigt, mit sozialen Herausforderungen, Konflikten, belastenden Lebenslagen gelingend umzugehen und ihre persönliche "Agenda" zu verwirklichen. Agency zeichnet die Menschen also als handlungsfähige, eigenwillige und gestaltende Akteure, die in der Lage sind, "eigene Vorstellungen über ihre Lebensbedingungen, Bedürfnisse und Interessen (zu) entwickeln, ihr Leben aktiv (zu) führen, eigensinnig sich mit den Zwängen und Bedingungen auseinanderzusetzen, mit denen sie konfrontiert sind".[8]

Das Agency-Konzept reflektiert zugleich die Eingebundenheit dieser Handlungsmächtigkeit in Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit. Die autonome Lebensgestaltung des Einzelnen ist stets gebunden an den Zugang zu Ressourcen (Bildung, ökonomisches Kapital, Beziehungs- und Netzwerkressourcen), die jedoch gesellschaftlich ungleich verteilt sind. Kurzum: Agency begreift Menschen als immer schon vergesellschaftete Subjekte, deren Chancenräume zu Selbstbestimmung sozial hervorgebracht und strukturiert werden.

Diese strukturelle Kontextgebundenheit aber – so das Verständnis – ist nicht gleichzusetzen mit sozialer Determination, der Vorstellung also, Menschen seien in ihren biografischen Entwicklungshorizonten allein "Marionetten an den Fäden gesellschaftlicher Verhältnisse". Agency vertraut auf die kreative und eigensinnige Fähigkeit der Subjekte, in ihren Alltagsroutinen und Identitätsprojekten alternative ("bessere") Lebensmöglichkeiten zu imaginieren und zu realisieren sowie auf ihr Vermögen, die begrenzenden Qualitäten sozialer Strukturen zu überwinden und deren ermöglichende Qualitäten produktiv zu nutzen.

Grundlegende Ressourcenorientierung. Das Empowerment-Konzept vertraut auf Talente, Fähigkeiten und Stärken der Akteure. Leitfaden ist ihm die Bekräftigung jener Ressourcen, die es Menschen möglich machen, ihr Leben auch in kritischen Lebenslagen erfolgreich zu meistern. Ausgangspunkt ist eine präzise Diagnose der verfügbaren, aber brachliegenden und noch zu entwickelnden (personalen und sozialen) Ressourcen der Klienten ("Ressourcendiagnostik"). Auf dieser Grundlage zielt der pädagogische Arbeitskontrakt sodann auf eine Erweiterung dieser Ressourcenhaushalte ("Ressourcenförderung") sowie auf eine Vernetzung der vielfältigen Unterstützungsressourcen in privater und institutioneller Lebenswelt.

Dort aber, wo Menschen aus dem Schneckenhaus erlernter Hilflosigkeit ausziehen und die Erfahrung von produktiver Gestaltungskraft machen, vollziehen sich ermutigende Prozesse einer Stärkung von Eigenmacht – sie fühlen sich ihrer Umwelt weniger ausgesetzt und gewinnen Mut für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung.[9]

Wahrung von Selbstbestimmungsrechten. Menschen haben ein Recht auf Eigensinn, Unterschied und Diversität. Sie haben das Recht, diese Eigensinnigkeit (dort, wo sie die Freiheit der anderen nicht gefährdet und verletzt) auch gegen gesellschaftliche Normalitätsstandards zu behaupten und zu leben. Aus diesem Glauben an das unveräußerliche Recht auf Autonomie erwachsen für die Empowerment-Arbeit zwei ethische Verpflichtungen: ein stetig wachsames parteiliches Eintreten für Mündigkeitsrechte und gegen Eingriffe in das Recht der Adressaten auf Eigenverfügung ("ein streitbares advokatorisches Engagement") sowie die sensible selbstreflexive Eingrenzung der eigenen Expertenmacht, sodass der helfende Dialog nicht in ein bevormundendes Diktat von Normalität und in eine fürsorgliche Kontrolle von Lebenssouveränität umschlägt ("der Abschied von expertokratischen Mustern der sozialen Hilfe").

Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Ein weiterer Grundwert thematisiert die politischen Horizonte: die gesellschaftlichen Strukturen sozialer Ungleichheit (Niveau und Sicherheit des verfügbaren Einkommens und Vermögens) und die ungleiche Verteilung immaterieller Lebensgüter (Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Inklusion in Anerkennungsgemeinschaften). Die Philosophie des Empowerments bleibt hier einem sozialaufklärerischen Programm verpflichtet.

Ziel der Arbeit ist es, Menschen ein kritisches Bewusstsein für die Webmuster sozialer Ungleichheit zu vermitteln, ihnen ein analytisches Wissen um die Veränderbarkeit dieser übermächtig erscheinenden Strukturmuster an die Hand zu geben und sie zu sozialer Aktion anzustiften.

Einlösen von Rechten auf demokratische Partizipation. Der letzte normative Grundpfeiler ist das Prinzip Bürgerbeteiligung. Empowerment-Prozesse zielen auf die Stärkung der Teilhabe an Entscheidungsprozessen, welche die eigene Lebensgestaltung und soziale Lebenswelt betreffen. Ziel sind hier Verfahren einer partizipatorischen Demokratie, die Wünschen und Bedürfnissen nach Teilhabe, Mitgestaltung, Einmischung in Dienstleistungsproduktion und lokale Politik Rechnung tragen und eine eigenverantwortliche Gestaltung von lokalen Umwelten zulassen.

Die Strategie sozialpolitischer Einmischung der Empowerment-Philosophie verknüpft sich mit aktuellen Diskussionen über zivilgesellschaftliches Engagement und eine neue Kultur bürgerschaftlicher Solidarität: Gemein sind beiden die Forderungen, die Eigenverantwortung und die Eigenbeteiligung der Bürger in der politischen Besorgung lokaler Angelegenheiten zu stärken, neue zivile Verbindlichkeiten ("Gemeinsinn") zu etablieren und Verantwortungspartnerschaften zwischen bürgerschaftlichem und staatlichem Handeln in der Selbstgestaltung der kleinen politischen Kreise zu implementieren.

Fußnoten

7.
Die folgende Argumentation bezieht sich vor allem auf die professionalisierte Empowerment-Arbeit im institutionellen Kontext sozialer Dienste und Einrichtungen. Vgl. N. Herriger (Anm. 1), S. 72ff.
8.
Albert Scherr, Agency – ein Theorie- und Forschungsprogramm für die Soziale Arbeit?, in: Gunther Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency, Wiesbaden 2013, S. 229–242.
9.
Vgl. zu den Methoden der ressourcenorientierten Beratung: Jillian Werner/Frank Nestmann, Ressourcenorientierte Beratung, in: Alban Knecht/Franz-Christian Schubert (Hrsg.), Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit, Stuttgart 2012, S. 292–305.
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