Fans aus Hamburg halten am 23.07.2013 während des Testspiels zwischen dem Hamburger SV und West Ham United ein Banner gegen Rassismus in die Höhe.

18.3.2014 | Von:
Norbert Herriger

Empowerment-Landkarte: Diskurse, normative Rahmung, Kritik

Kritik

Das Empowerment-Konzept ist im Verlauf seiner Rezeptionsgeschichte nicht ohne Einsprüche und kritische Zurückweisungen geblieben. Die wohl bedeutsamste Kritik thematisiert seine neoliberale Umarmung und verweist damit auf die sozialpolitische Rahmung dieser konzeptionellen Denkfigur. Wir sind gegenwärtig – so die Argumentation – Zeugen eines radikalen Umbaus sozialstaatlicher Strukturen. Der programmatische Leitbegriff für das neue Paradigma sozialstaatlichen Handelns lautet: der aktivierende Sozialstaat (Stichwort "Agenda 2010"). Die Politik des aktivierenden Sozialstaates setzt all ihre Bemühungen auf die Karte der Arbeitsmarktintegration der Bürger und zielt vor allem auf die Förderung von arbeitsmarktbezogenen Qualifikationen, auf Konkurrenzvermögen und Eigenverantwortung (employability).

Diese "Politik der Aktivierung" kennt vor allem eine Strategie: mehr Markt. Der Staat schafft die Rahmenbedingungen, deren faire Chancen die Bürger in individueller Verantwortung wahrnehmen sollen. Die Konzepte Chancengerechtigkeit, Qualifikation und Eigenverantwortung werden so zu Schlüsselthemen dieses neuen sozialpolitischen Referenzrahmens. Auch und gerade Menschen in Exklusionslagen sollen zu "Unternehmern im Hinblick auf die eigene Arbeitskraft und Daseinsvorsorge" werden, sie sollen sich in ihrer Motivation, Kompetenz und Eigenverantwortung stärken, um in der Lage zu sein, den sich rasch verändernden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt zu genügen.[10]

Im Kontext des hier beschriebenen Paradigmenwechsels der Sozialpolitik sieht sich das Empowerment-Konzept mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Schon heute ist der Empowerment-Begriff ein fester Bestandteil der Reformrhetorik der sozialpolitischen Akteure; Empowerment-Gedanken und die Rede von der "Hilfe zur Selbsthilfe" werden bruchlos in neoliberale Denkgebäude eingemeindet.

Mit diesem Einzug vollzieht sich eine in ihren Folgen kaum abzuschätzende Instrumentalisierung: Das Konzept wird ordnungspolitisch vereinnahmt, es wird zum Kürzel für eine soziale Praxis, die unter der Leitformel "Fördern und Fordern" ihre Bemühungen ausschließlich in die (Wieder-)Herstellung von marktfähigem Arbeitsvermögen investiert und auf diese Weise arbeitsstrukturelle Zwänge ungefiltert in die lebensweltliche Rationalität "durchschaltet".

Mit dieser Indienstnahme für eine Politik autoritärer Fürsorglichkeit – so die Kritik – verliere das Empowerment-Konzept seine emanzipatorische Kraft. Es werde zu einer neuen Sozialtechnologie der Anpassung, zum bloßen Kontrollwächter an den Grenzlinien zwischen Inklusion und Exklusion.[11]

Daher bleibt hier festzuhalten: Will Empowerment-orientierte Arbeit nicht zum Erfüllungsgehilfen einer sozialstaatlichen Zwangsprogrammatik werden, muss sie auf dem Eigensinn der Lebensentwürfe ihrer Adressaten beharren. Sie muss offen bleiben für unkonventionelle Lebensgestaltungen, muss Raum lassen für Widerspenstiges und sich einlassen auf ergebnisoffene Entwicklungsprozesse und Identitätsverläufe, die sich nur allzu oft an den exkludierenden Strukturen sozialer Ungleichheit brechen und jenseits der Arbeitsmarktrationalität verbleiben.

Resümee

Empowerment bezeichnet einen Arbeitsansatz, der Menschen ermutigt, Regie über das eigene Leben zu führen und Lebenssouveränität zu erstreiten. Die Förderung von Selbstgestaltung und Handlungsmächtigkeit hinterlässt dort, wo sie erfolgreich ist, psychische und soziale Spuren. Die stärkende Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Autonomie und Bewältigungskompetenz kräftigt und erweitert das Kapital der psychischen Ressourcen des Einzelnen – sie führt zu Gesundheit und einem umfassenden psychosozialen Wohlbefinden. Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweisen sich diese psychischen Ressourcen als bedeutsame präventive Kraftquellen der Gesunderhaltung und Identitätssicherung.

Empowerment weist vielfach über die Ebene der Selbstveränderung hinaus. Sichtbar wird dies im sozialen Engagement der Bürgerinnen und Bürger: in Aktionen bürgerschaftlicher Einmischung, in öffentlicher Teilhabe an der politischen Willensbildung, im strittigen Engagement in Solidargemeinschaften und Bürgerprojekten.

In dieser politischen Dimension spiegelt sich ein engagiertes, kontextorientiertes Konzept von politischem Empowerment wider, das auf kollektive Prozesse der Stärkung verweist. Menschen verlassen die ausgetretenen Pfade erlernter Hilflosigkeit. Sie gewinnen – gemeinsam mit anderen – Zuversicht und werden zu kollektiven Aktivposten in der Gestaltung der lokalen sozialpolitischen Landschaft.

Fußnoten

10.
Vgl. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen, Bielefeld 20092; Michael Buestrich et al., Die Ökonomisierung Sozialer Dienste und Sozialer Arbeit, Baltmannsweiler 20122.
11.
Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst, Frankfurt/M. 2007, S. 180–214.
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