Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Björn Opfer-Klinger

Der Krieg an der Peripherie – Mittelasien und Nordafrika

Operationen in Ägypten und Abessinien

Eine andere deutsch-jungtürkische Hoffnung richtete sich auf Nordafrika, insbesondere Ägypten. Das Land am Nil war bereits seit 1882 von britischen Truppen besetzt und die Macht des ägyptischen Khediven Abbas II. immer stärker beschnitten worden. Mit ganz ähnlichen Ideen, wie sie die Jungtürken im Osmanischen Reich hatten, entwickelte sich in diesem Umfeld eine spürbare, wenn auch zersplitterte ägyptische Nationalbewegung. Unmittelbar nach dem osmanischen Kriegseintritt setzten die Briten Abbas II. unter dem Vorwand ab, mit antibritischen Nationalisten in Kontakt zu stehen. An seiner Stelle installierten sie den machtlosen Sultan Hussein Kamil. Von ihm erzwangen sie die Umstellung der ägyptischen Wirtschaft auf britische Bedürfnisse, was zu einer Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führte. Dieser soziale und politische Sprengstoff, so die Hoffnungen in Berlin und Istanbul, musste explodieren, wenn es gelänge, militärisch über den Suezkanal hinweg vorzustoßen.

Bereits im August 1914 hatten die deutsche und jungtürkische Diplomatie versucht, sich sowohl die Unterstützung des zu diesem Zeitpunkt noch im Amt befindlichen Abbas II. zu sichern, als auch ihre Kontakte zur jungägyptischen Bewegung zu intensivieren. Allerdings kam man bald zu der Einschätzung, dass Abbas II. zu unzuverlässig sei und auch die Jungägypter nicht über ausreichend Rückhalt im Land verfügten. Zudem scheiterte Anfang Februar 1915 der osmanische Angriff in Richtung Suezkanal. Anders als nach Ausrufung des "Heiligen Krieges" erhofft, kam es zu keinen Rebellionen unter den muslimischen Soldaten der britisch-indischen Truppen in Ägypten. Ebenso blieb die einkalkulierte Erhebung der arabischen Beduinenstämme auf dem Sinai auf Seiten der Osmanen aus. Ohne eine Destabilisierung Ägyptens, so wurde klar, konnte der Suezkanal nicht unter Kontrolle gebracht werden.

An dieser Stelle kam ein bis dahin von Deutschland wenig beachteter neutraler Staat ins Blickfeld, das nordostafrikanische Kaiserreich Abessinien. Dieses alte christliche Reich im äthiopischen Hochland hatte in den Jahrzehnten zuvor die imperialistischen Rivalitäten zwischen Frankreich (Djibuti, Zentralafrika), Großbritannien (Nordsomalia, Ostafrika) und Italien (Eritrea, Somalia) geschickt zu nutzen gewusst, um seine Unabhängigkeit zu verteidigen. Ja mehr noch, unter der Herrschaft von Menelik II. (1889–1913) hatte Abessinien selbst eine Rolle als expandierende Regionalmacht eingenommen. Der Sieg über italienische Kolonialtruppen in der Schlacht von Adwa 1896 hatte nicht zuletzt in Deutschland dazu geführt, Menelik als den "Bismarck Afrikas" zu verklären. Wenn auch in seinen Möglichkeiten stark überschätzt, so stellte Abessinien doch einen ernstzunehmenden Faktor an der Peripherie dar. Walter Zechlin, der vor dem Krieg deutscher Gesandter in Addis Abeba gewesen war und später als Konsul in Tétouan die deutschen Revolutionierungsversuche in Marokko steuerte, schätzte 1912 die Schlagkraft der abessinischen Streitkräfte auf immerhin 200.000 Mann.

Zudem waren die Beziehungen zu Großbritannien seit Jahren stark belastet, da Abessinien eine wichtige Basis für Waffenschmuggler in den unruhigen Sudan und zu der seit 1899 sehr erfolgreichen muslimischen Aufstandsbewegung von Mohammed Abdullah Hassan ("Mad Mullah") in Somalia darstellte.[16] Von großer strategischer Bedeutung war jedoch, dass in Abessinien eine der beiden Quellen des Nils lag. Nicht zuletzt die Briten selbst waren sich bewusst, dass eine Blockade des Blauen Nils schwerwiegende Folgen für die sozioökonomische Situation für alle Regionen flussabwärts haben musste. Ein Eingreifen Abessiniens auf deutscher Seite hatte das Potenzial, aus vielen schwelenden Bränden ein großes Feuer zu entfachen. In Somalia waren die Briten 1915 bereits bis auf wenige Küstenbastionen zurückgewichen. Der Sudan war seit der Zerschlagung des fundamentalistischen Mahdi-Staates 1898 nie zur Ruhe gekommen. Ausgehend von Libyen bekämpfte der einflussreiche sufistische Senussi-Orden auch die britische Kolonialherrschaft in Westägypten und drohte zudem, das weiter südlich gelegene autonome Fur-Sultanat auf seine Seite zu ziehen.[17]

Zünglein an der Waage?

Deutschland stand nicht im Verdacht, imperiale Interessen gegenüber Abessinien zu verfolgen. Hinzu kam der günstige Umstand, dass Iyasu V., der junge Enkel des verstorbenen Meneliks, der 1913 die Herrschaft in Abessinien übernommen hatte, deutliche Sympathien für das Deutsche und Osmanische Reich zeigte. Während die Senussi durch deutsche Waffenlieferungen und jungtürkische Offiziere unterstützt wurden, nahmen nun auch die deutschen Bemühungen zu, den jungen Herrscher zu einem Kriegseintritt zu bewegen. Zu diesem Zweck entsandte das Auswärtige Amt, ähnlich der Afghanistan-Expedition, im November 1914 unter Leitung des Ethnologen Leo Frobenius eine geheime Mission in Richtung des äthiopischen Hochlands. Allerdings endete diese in Eritrea, wo ihr die italienischen Kolonialbehörden die Weiterreise verweigerten.[18] Auch spätere Unternehmungen kamen nie über das Rote Meer hinaus.

Die gegnerische Spionageabwehr war über derartige Versuche indes genug erschreckt, um die Regierungen zum Handeln zu veranlassen. In den deutschen Gesandtschaftsberichten fanden sich bald vermehrt Beobachtungen, wonach vor allem die britische Gesandtschaft ihre Bemühungen intensivierte, die antiroyalistische Opposition in Abessinien durch große Geldschenkungen für sich zu gewinnen. Zusätzlich wurden Gerüchte geschürt, dass Iyasu V. das alte christliche Kaiserreich islamisieren wolle.[19] Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der Anteil der muslimischen Bevölkerung des Landes infolge der Eroberungen unter Menelik II. seit den 1880er Jahren erheblich angestiegen war. Ob aber Iyasu wirklich plante, die muslimischen Eliten maßgeblich in den Staat einzubinden, ist umstritten.

Im Spätsommer 1916 kam es schließlich zum Sturz Iyasus: Zusammen mit einem Großteil der Minister erklärten die höchsten Kirchenvertreter ihn für abgesetzt. Zum vorläufigen Regenten und zukünftigen Thronerben erklärten die Putschisten den 18-jährigen Sohn eines einflussreichen Provinzgouverneurs, Tafari Makonnen, später bekannt als der letzte äthiopische Kaiser Haile Selassie I. Die deutschen Staatsbürger im Land wurden interniert. Zwar führte der abgesetzte Iyasu noch über mehrere Jahre mit Unterstützung somalischer Stämme einen Kleinkrieg, spielte aber als Machtfaktor keine Rolle mehr. Sollte die britische Diplomatie jedoch Hoffnungen auf einen aktiven Kriegseintritt Abessiniens unter der neuen Führung gehegt haben, so wurden diese enttäuscht. Der neue Regent Tafari Makonnen bewahrte Distanz zu den ausländischen Mächten und lockerte sogar schon bald die Internierungsbedingungen für die deutsche Gesandtschaft. Auf das wiederholte Drängen der Entente auf eine unmittelbare Kriegsbeteiligung und Entsendung abessinischer Truppen an die syrische Front ging er nicht ein.[20]

Revolutionierungspolitik: Geschichte des Scheiterns?

Zum Zeitpunkt des Sturzes von Iyasu V. waren die jungtürkisch-deutschen Ambitionen in Nordafrika eigentlich bereits gescheitert. Spätestens seit der Gallipoli-Schlacht 1915 war das osmanische Militär nicht mehr in der Lage, an der Sinai-Front größere Operationen zu unternehmen. Hinzu kamen die zunehmend erfolgreichen Bemühungen des von Kairo aus operierenden britischen Geheimdienstes, Aufstände auf der Arabischen Halbinsel gegen das jungtürkische Regime zu schüren.

Zwar hatte sich der Herrscher des Fur-Sultanats Sultan Ali Dinar Ende 1915 offen dem "Heiligen Krieg" gegen die Briten angeschlossen, war allein aber zu schwach. Zwischen Mai und November 1916 wurde der Widerstand Darfurs mit einer britischen Interventionstruppe gebrochen. Ähnlich erging es den Senussi. Diese hatten – nach einigen Erfolgen gegen die Italiener in Libyen – den britischen Truppen seit Ende 1915 mehrere Niederlagen in Westägypten und im Sudan beigebracht. Auf Dauer waren sie jedoch militärisch zu schwach. Da halfen auch die spärlichen Waffenlieferungen mittels deutscher U-Boote wenig.[21] Im August 1918 wurden die letzten Senussi-Truppen eingekesselt. Der Führer des Ordens, Ahmad asch-Scharif, floh auf einem deutschen U-Boot. Trotzdem gelang es seinem Cousin Muhammad Idris, dem späteren König von Libyen, in Verhandlungen dem Orden einen Teil seines Einflusses zu bewahren.

Auch die Entente betrieb Ansätze einer Revolutionierungspolitik, sei es mit der Unterstützung von arabischen Aufständen (Lawrence von Arabien) oder von nationalistischen Kräften gegen den habsburgischen Vielvölkerstaat.[22] Diese Politik war in der Anfangszeit des Krieges nicht minder improvisiert und von geringem Erfolg beschieden. Erst 1917, als der Erschöpfungskrieg innere Zerfallsprozesse hervortreten ließ, zeigten diese Operationen nennenswerte Erfolge und trugen 1918 mit zum Zerfall Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches bei.

Die deutsche und die jungtürkische Politik waren zwar hoch ambitioniert, doch mangelte es nicht nur an einer in sich stimmigen Strategie, sondern auch an den personellen und materiellen Mitteln. Besonders das Deutsche Reich verfügte über nur wenige orienterfahrene Spezialisten. Hinzu kam das nicht minder große Problem der Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten. Die Entfernungen waren riesig. Alle wichtigen Telegrafenleitungen waren in der Hand von Gesellschaften aus gegnerischen Staaten. Telegramme von Berlin bis in die Hauptstadt des neutralen Persiens dauerten fast eine Woche. Ost- und Südpersien oder gar Afghanistan waren damit so gut wie nicht erreichbar. Eine Alternative wurde in der neuen Funktechnik gesucht. Ausgehend von der ab 1916 stark ausgebauten Großfunkstelle im brandenburgischen Nauen wurde eine zweite Großfunkstation am Bosporus errichtet. Diese wiederum wurde gekoppelt mit Telegrafenstationen und kleinen, neu errichteten Funkeinrichtungen im Nahen Osten. 1917 existierten zudem mobile Funkstationen in Westpersien, die eine brüchige Nachrichtenübermittlung nach Afghanistan erlaubten. Das Bemühen, eine dauerhafte Kommunikation bis Mittelasien, Arabien und Nordostafrika aufzubauen war aber nicht von Erfolg gekrönt.

Ohnehin erwies sich die bereits in den Vorkriegsjahren aufkeimende Vorstellung eines Zusammenbruchs der britischen und französischen Kolonialherrschaft in den muslimischen Regionen durch einen "Heiligen Krieg" als Wunschtraum. Weder politisch noch religiös war das Osmanische Reich noch in der Lage, mit der Ausrufung eines Ğihād Einfluss zu nehmen. Der Aufruf verpuffte weitgehend wirkungslos und hatte auch nichts mit dem religiös motivierten antikolonialen Widerstand in Libyen oder Somalia zu tun. Entsprechend wertet auch der Historiker und zeitweilige deutsche Botschafter in Kabul Hans-Ulrich Seidt die Revolutionierungspolitik als "Krieg der Amateure".[23] Der einzige Erfolg wurde 1917 in einer ganz anderen Region, in Russland, erzielt. Dort gelang es mit der Einschleusung von Lenin und anderer im Schweizer Exil befindlicher Revolutionäre, den Sturz der Regierung durch die Oktoberrevolution und der darauf folgenden Ausscheidung Russlands aus dem Krieg herbeizuführen. Allerdings sollte sich dieser Erfolg schon bald als Bumerang für die deutsche Reichsregierung erweisen.

Militärisch mögen die Geheimoperationen an der Peripherie kaum entscheidend zum Verlauf des Krieges beigetragen haben, doch waren die Folgen vielfältig. Die vom britischen Geheimdienst in Arabien geschürte Aufstandsbewegung entwickelte eine starke Eigendynamik und prägte die politischen Verhältnisse im Nahen Osten nachhaltig mit. Afghanistan verweigerte sich zwar dem deutschen Drängen zu einem Kriegseintritt, suchte aber seit 1919 immer wieder engere Kontakte nach Deutschland. In Abessinien provozierten die deutschen Aktivitäten in erheblichem Maße den dortigen Putsch im Herbst 1916 mit, wodurch die sich abzeichnende Annäherung des Herrscherhauses an die große islamische Bevölkerung des Reiches ein abruptes Ende fand. Stattdessen begann der Aufstieg des späteren Kaisers Haile Selassie I., der versuchte, Abessinien in einen modernen, christlich-amharischen Nationalstaat zu transformieren. Weiter im Westen erlosch das Sultanat von Darfur und wurde nun Teil des anglo-ägyptischen Sudans. Auch dieses Erbe sollte noch Folgen haben. Bis heute konnte Darfur nicht in den Sudan integriert werden; seit der Eskalation 2003 bleibt der Darfur-Konflikt ein ständiger Brandherd.

Insgesamt jedoch zeigt die Kriegspolitik an der Peripherie, dass ein neuer Typus des modernen Krieges heranwuchs. Dank neuer Kommunikationsmittel, moderner Propaganda und neuer Waffen wie dem U-Boot und bald auch der Luftstreitkräfte entstand eine globale Kriegsführung, der sich zukünftig auch Kolonien und neutrale Staaten nicht mehr entziehen konnten.

Fußnoten

16.
Vgl. Ray Beachey, The Warrior Mullah: The Horn Aflame (1892–1920), London 1990; Abdi Sheik-Abdi, Divine Madness. Mohammed Abdulle Hassan (1856–1920), London 1993; Gerardo Nicolosi, Imperialismo e Resistenza in Corno d’Africa. Mohammed Abdullah Hassan e il derviscismo somalo (1899–1920), Rubbettino 2002. Zum Waffenhandel in und über Abessinien vgl. Jonathan A. Grant, Rulers, Guns and Money. The Global Arms Trade in the Age of Imperialism, London 2007, S. 65–77.
17.
Das seit 1650 bestehende Fur-Sultanat, auch Dar Fur ("Haus der Fur") genannt, war 1874 von Ägypten erobert, im Zuge der britischen Zerschlagung des Mahdi-Staates 1898 aber als autonomes Sultanat unter anglo-ägyptischem Protektorat wiederbegründet worden. Dieses näherte sich unter Sultan Ali Dinar dem sufistischen Orden der Senussi an. Vgl. Jay Spaulding/Lidwien Kapteijns, An Islamic Alliance: Alī Dīnār and the Sānūsiyya, 1906–1916, Evanston, IL 1994.
18.
Vgl. A. Will (Anm. 14), S. 236–240.
19.
Vgl. Bundesarchiv des Auswärtigen Amtes (BA AA) PA Addis Abeba 1, handschriftlicher Bericht des deutschen Gesandten in Addis Abeba, v. Syburg, 19.10.1916.
20.
Vgl. BA AA PA Addis Abeba 1, Bericht des deutschen Gesandten 23.7.1918.
21.
Vgl. Russell McGuirk, The Sanusi’s Little War: The Amazing Story of a Forgotten Conflict in the Western Desert, 1915–1917, London 2007, S. 263f.
22.
Vgl. David Bullock, The Czech Legion 1914–20, Oxford 2008; Edvard Beneš, Der Aufstand der Nationen. Der Weltkrieg und die Tschechoslowakische Revolution, Berlin 1928.
23.
Hans-Ulrich Seidt, Berlin, Kabul, Moskau. Oskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands Geopolitik, München 2002, S. 50.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Björn Opfer-Klinger für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.