Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Bernd Kleinhans

Der Erste Weltkrieg als Medienkrieg: Film und Propaganda zwischen 1914 und 1918

Kriegsspielfilm: Krieg als individuelle Bewährungsprobe

Wie die filmischen Kriegsdokumentationen narrative Strukturen der Fiktionalität übernahmen, integrierten umgekehrt die Spielfilme Muster der Authentizität aus den Kriegsberichten. Das betraf zunächst die Sujets: Befassten sich die Kinofilme vor 1914 vor allem mit dem Alltagsleben, historischen Stoffen und Literaturadaptionen, wurde Krieg jetzt ein zentrales Spielfilmthema.[23] Da die Kriegsspielfilme ihre Handlungen häufig im Kontext realer Ereignisse ansiedelten, konnten sie sich ungeachtet der fiktionalen Handlung auch als authentische Dokumente aus dem Krieg präsentieren. Die Filme trugen Titel wie "Schwert und Herd" (1916), "Wie Max sich das Eiserne Kreuz erwarb" (1914), "Hoch klingt das Lied vom U-Boot-Mann" (1917) oder schlicht "Das Vaterland ruft" (1914). Sie konnten dabei ebenso als Drama wie als Komödie angelegt sein, immer aber wurden Identifikationsfiguren angeboten, und immer erschien der Krieg als Bewährungsfeld für das Individuum.

Das lässt sich exemplarisch am deutschen Spielfilm "Das Tagebuch des Dr. Hart" (1916) zeigen. Gedreht wurde der rund 70 Minuten lange Film im Auftrag des Bufa.[24] Der Plot ist schnell erzählt: Der Arzt Robert Hart besucht im Juli 1914 seine Bekannte Ursula von Hohenau in Sachsen. Beide verlieben sich, kommen aber nicht zueinander, weil Hart nach dem Ultimatum Österreichs an Serbien in seine Heimatstadt, in das Kurbad Oos, zurückfährt, um sich pflichtbewusst für die Mobilmachung bereitzuhalten. Natürlich meldet er sich freiwillig und wird als Feldarzt an der Ostfront eingesetzt. Nahe der polnischen Front befehligt der Graf Bronislaw, den Hart aus Friedenszeiten kennt, russische Truppen. In einem Gefecht wird dieser schwer verletzt. Hart, zufällig am gleichen Ort, rettet dem Russen das Leben, wird dabei heimtückisch von Kosaken niedergeschlagen und nun selbst ins Lazarett eingeliefert. Schon zuvor war er selbstlos einem polnischen Bauern zu Hilfe gekommen, der ebenfalls von Kosaken niedergeschlagen worden war, nachdem sie den Brunnen auf seinem Hof vergiftet hatten. Am Ende freilich wird das mustergültig ehrenhafte Verhalten des Dr. Hart belohnt: Im Feldlazarett trifft er seine Ursula wieder, die sich ebenfalls freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat und als Krankenschwester arbeitet. Jetzt bekennen sie sich ihre Liebe und werden ein glückliches Paar.

Der Krieg in diesem Film ist so kein sinnloses Geschehen, dem der Einzelne hilflos ausgeliefert ist. Er erweist sich vielmehr als eine Herausforderung für individuelles Pflichtbewusstsein und Ehrenhaftigkeit. Der Film, so "Der Kinematograph", zeige "den Segen der ärztlichen Hilfe und Tätigkeit im Felde, andererseits aber auch den Opfermut, die freudige Hingabe an den Beruf und die Strapazen des Feldarztes".[25] Und wer diese Probe besteht, wird wie in der klassischen Heldenreise am Ende belohnt – im Fall von Dr. Hart mit der Liebe seines Lebens und künftigem Glück. Während also der Dokumentarfilm den Krieg in seiner Totalität deutet, zeigt der Kriegsspielfilm seine Bedeutung für die jeweilige individuelle Lebensführung. Aus beiden Perspektiven erscheint er aber, ohne Grausamkeiten und Härten völlig leugnen zu müssen, als schicksalhaft, notwendig und vor allem als legitim.

Wahrheit der Filmbilder

Eines sollte nicht vergessen werden: Die Filmbilder, die aus dem Ersten Weltkrieg überliefert sind – ob mit dem Anspruch der Dokumentation oder der Absicht der Propaganda produziert –, sind hoch artifiziell. So authentisch sie dem heutigen Betrachter noch immer und gerade aufgrund ihrer aus heutiger Perspektive beinahe unbeholfenen Inszenierung erscheinen mögen: Jedes Bild der Wochenschauen, der Kriegsdokumentationen und erst recht der Spielfilme ist das Ergebnis einer sorgfältigen Selektion aus unendlich vielen Ereignissen und Motiven, die auch gefilmt hätten werden können. Und jedes Bild ist das Ergebnis einer durch technische Beschränkungen und sorgfältige Planung der Kameraoperateure erzeugten Inszenierung.

Der Erste Weltkrieg im Film ist ein konstruierter Krieg. Für eine seriöse Auseinandersetzung mit diesen Kriegsbildern genügt es daher nicht – wie das in den zurzeit geradezu inflationär verbreiteten Fernsehdokumentationen zum Ersten Weltkrieg oftmals geschieht – die historischen Filmsequenzen aus ihrem propagandistischen und sinndeutenden Kontext herauszulösen und sie in Umkehrung der ursprünglichen Herstellungsintention nun als visuellen Beleg für die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des "Großen Krieges" zu zeigen. Das kann trotz bester Absicht nie vollständig gelingen, denn das Bildmaterial sperrt sich gegen eine beliebige Neuinterpretation: Die Grausamkeit des Ersten Weltkrieges verbirgt es weiterhin und suggeriert auch dem modernen Zuschauer noch immer das Bild eines sauberen Krieges – unabhängig davon, was die neuen kommentierenden Texte erläutern.

So stark der Wunsch in unserer von visuellen Medien geprägten Gegenwart auch ist, selbst weit zurückliegende Ereignisse visuell und authentisch zu erfahren, so sehr ist ein solches Unterfangen zum Scheitern verurteilt: Ein Zurück hinter die konstruierten Bilder der Zeit gibt es nicht. So wenig sie damals ein Fenster zur Front waren, so wenig sind sie uns heute ein Fenster in die Vergangenheit. Was bleibt, ist wichtig genug: die sorgfältige Analyse der Entstehungs- und Produktionsbedingungen und die hermeneutisch präzise Rekonstruktion des Bildes vom Krieg, das sich in diesen frühen Filmen widerspiegelt.

Fußnoten

23.
Vgl. Thomas Elsaesser/Michael Wedel (Hrsg.), Kino der Kaiserzeit. Zwischen Tradition und Moderne, München 2002.
24.
Alle Credits zum Film auf http://www.filmportal.de/film/das-tagebuch-des-dr-hart_e5cfa084a96d4e6387fc7c851fc0dc15« (19.3.2014).
25.
Der Kinematograph vom 23.1.1918.
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