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Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Martin Bayer

Der Erste Weltkrieg in der internationalen Erinnerung

Sensibilitäten

Angesichts der beschriebenen Vielschichtigkeit überrascht es nicht, dass der Erste Weltkrieg weiterhin mit diversen sensiblen, in der Regel national konnotierten Aspekten behaftet ist. Die Frage nach der Kriegsschuld ist erneut zu einem Thema geworden. Während zunehmend anerkannt wird, dass die hoch komplexe Entstehungsgeschichte dieses Krieges keine einfachen Antworten zulässt, bleibt die individuelle Wahrnehmung der jeweiligen nationalen Beteiligung am Kriegsausbruch höchst unterschiedlich. Gavrilo Princip, der Mörder des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie, wird je nach Sichtweise als Volksheld verehrt oder als Terrorist verachtet.

Insbesondere in Großbritannien wird diskutiert, ob der Krieg eine sinnlose Katastrophe mit Millionen von Opfern oder ob er gerecht und notwendig war. Konservative Positionen verweisen auf die Eindämmung des deutschen Expansionsdrangs und die Sicherung imperialer Interessen des Vereinigten Königreichs. Der Publizist Max Hastings geht noch weiter, indem er den Feind des Ersten mit dem des Zweiten Weltkrieges gleichsetzt, der 1945 endlich und endgültig niedergerungen werden konnte.[6] Hieraus ließe sich jedoch eine gefährliche Relativierung der durch Ideologie und Rassenwahn getriebenen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ableiten.

Die baltischen, zentral- und südosteuropäischen Nationen wurden nach dem Krieg mit dem Verweis auf nationale Selbstbestimmung in die Unabhängigkeit entlassen. Davon ausgenommen waren aber die Kolonien (auch die Deutschland abgenommenen Gebiete in Afrika und im Pazifikraum) sowie die aus der Zerschlagung des Osmanischen Reiches entstandenen Gebiete des Nahen Ostens: Jene waren 1916 im geheimen Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt worden – entgegen den Autonomieversprechungen an die arabischen Volksgruppen. Doch auch die Staatsgründungen in Europa verliefen nicht problemlos; bisweilen bestehen weiterhin Ansprüche auf Gebiete, die durch die verschiedenen Friedensverträge anderen Staaten zugeordnet worden sind.

Der Antisemitismus im Europa des frühen 20. Jahrhunderts wurde auch durch den Einsatz jüdischer Soldaten nicht gemindert. Die "Judenzählung" in den deutschen Truppen (ab November 1916) sollte vorgeblich dazu dienen, antisemitische Propaganda zu entkräften, Juden würden sich dem Kriegseinsatz entziehen. Trotz des eindeutigen Ergebnisses (die Anzahl jüdischer Soldaten entsprach ihrem Bevölkerungsanteil) war die Aktion kontraproduktiv: Jüdische Soldaten empfanden sie als entwürdigend, es kam zu antisemitischen Übergriffen, und statt die antisemitische Hetze zu beenden, entstand später die "Dolchstoßlegende", der zufolge "jüdische Bolschewisten" an der "Heimatfront" den Sieg des deutschen Heeres verhindert hätten. Andersgläubige wie Muslime wurden ohnehin kaum akzeptiert oder integriert, auch wenn im "Halbmondlager" in Wünsdorf bei Berlin für muslimische Kriegsgefangene die erste Moschee auf deutschem Boden errichtet wurde und sich in der k.u.k. Armee auch Feldrabbiner und Feldimame befanden. International wurde der Umgang mit Soldaten aus den Kolonien bisher nur wenig aufgearbeitet: In den nationalen Erinnerungsnarrativen sind sie kaum vorhanden, und bei Pensionsleistungen und im Invaliditätsfall waren sie oft schlechter gestellt, ganz abgesehen von den häufigen Zwangsrekrutierungen.

Zu den sensiblen Themen gehören auch Kriegsverbrechen und Massaker an der Zivilbevölkerung. So exekutierten insbesondere die k.u.k. Streitkräfte in der Ukraine, in Galizien und auf dem Balkan zahllose Menschen für deren angebliche Unterstützung des Feindes und vernichteten ganze Dörfer als "präventive Disziplinierungsmaßnahme". Jene Verbrechen und die Verachtung, die der oft ärmlichen Bevölkerung, insbesondere den sogenannten "Ostjuden", entgegengebracht wurde, waren deutliche Schritte zur Akzeptanz der nationalsozialistischen Ideologie der "slawischen Untermenschen" und für den späteren Vernichtungskrieg. Ähnliches gilt für die Kriegsverbrechen der deutschen Invasionstruppen im Westen: In den ersten Kriegswochen wurden allein in Belgien bis zu 6500 Zivilisten ermordet.

Der Einsatz chemischer Waffen, der uneingeschränkte U-Boot-Krieg und der Krieg aus der Luft gegen Zivilisten stellen weitere Kriegsverbrechen dar. Hier ist auch der türkisch-kurdische Umgang mit den Armeniern und Assyrern zu nennen, der durchaus genozidalen Charakter trägt: Während die Türkei der Deutung als Völkermord in aller Entschiedenheit widerspricht, steht dessen Leugnung in diversen Staaten unter Strafe. Weitere sensible Aspekte betreffen militärische Exekutionen und Meutereien, den Umgang mit Traumatisierten und Kriegsgefangenen, den Einsatz von Gräuelpropaganda sowie die Konstruktion von Heldenmythen.

Gemeinsame Botschaft?

Geschichte wird immer aus der Wahrnehmung der jeweiligen Gegenwart betrachtet; ungeachtet der "Fakten", bleibt sie doch ein fluides, sich im Verlauf der Zeit ständig wandelndes Konstrukt. Zudem sind Wahrnehmung, Einordnung und Bewertung von historischen Ereignissen stets national geprägt. Jeder Versuch, eine global-verbindliche kollektive Deutung zu erzeugen, wird scheitern, zumal bei einem solch komplexen Ereignis wie dem Ersten Weltkrieg. Dennoch können über die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg gemeinsame Lehren gezogen werden, die über die triviale Erkenntnis hinausgehen, dass Krieg immer grausam ist und Leid und Trauer verursacht.

Etwa: Frieden und Versöhnung sind möglich. Die einstigen "Erbfeinde" sind heute trotz aller leidvollen Erfahrungen freundschaftlich und partnerschaftlich miteinander verbunden. Hierbei sind internationale Rechtssysteme und kollektive Sicherheitsstrukturen wichtige Instrumente, um Frieden und Entwicklung gemeinsam zu realisieren. Der 1920 gegründete Völkerbund war trotz seiner Unzulänglichkeiten ein wichtiger Schritt hin zu den Vereinten Nationen und zur Europäischen Union, deren integrative Wirkung trotz aller Schwierigkeiten und Krisen nicht unterschätzt werden sollte.

Wahrer und nachhaltiger Frieden, der nicht den Keim des nächsten Krieges in sich tragen soll, baut auf die Chance für einen Neubeginn, der auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen basiert. Dies fällt durch das erzeugte Leid und die immensen Kosten nach jedem Krieg schwer, ist jedoch für einen tatsächlichen Frieden zentral. Der "Frieden in den Köpfen" kann allerdings nicht staatlich verordnet werden; vielmehr handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung und Herausforderung. Die Gedenkjahre zum Ersten Weltkrieg sind somit als Chance zu verstehen, sich der Zäsur dieses globalen Ereignisses gemeinsam anzunähern, nicht zuletzt über den Austausch und die Anerkennung individueller Erfahrungen und Wahrnehmungen.

Fußnoten

6.
Vgl. Max Hastings, Catastrophe 1914: Europe Goes to War, London 2013, S. XIX.
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