Ein Luxus-Neubau steht in der Pappelallee Ecke Buchholzer Strasse im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg neben einem Altbau.

5.5.2014 | Von:
Isabel Finkenberger
Christoph Schlaich

Mehr als Wohnen. Vom Zusammenleben in integrierten Nachbarschaften

Die Pflanze als kleinste Einheit der Transformation

Im Gegensatz zu den Neugründungen der Ökodörfer werden im Rahmen sogenannter transition towns – auf Deutsch "Städte im Wandel" – Initiativen zusammengefasst, die sich mit der nachhaltigen Transformation von Städten und Dörfern, aber auch ganzer Regionen auseinandersetzen. Die Bewegung wurde 2006 unter anderem von dem Permakulturalisten Rob Hopkins ins Leben gerufen und basiert auf lokalen Gemeinschaftsprojekten, die von städtisch initiierten Ansätzen bis hin zu bürgerschaftlichen Projekten reichen. Der Verbrauch fossiler Energie soll reduziert und gleichzeitig ein nachhaltiges Wirtschaften auf Basis einer regionalen Landwirtschaft und relokalisierten Wirtschaft etabliert werden, das gängige Verhaltensmuster aufbricht und durch Teilhabe und solidarische Netzwerke sukzessive ablöst.[14]

Die Stadt Andernach beispielsweise setzt auf ein alternatives Konzept im Rahmen ihrer kommunalen Grünraumplanung. Einerseits sollen die Unterhaltskosten für den öffentlichen Grünraum reduziert, andererseits die Ökobilanz der Stadt durch die Integration von Nahrungsmittelproduktion in den städtischen Kontext verbessert werden. Rund um die Schlossruine im Zentrum sowie auf einer 13 Hektar großen Fläche am Stadtrand wurden Obst- und Gemüsebeete anstelle der bisherigen Zierpflanzungen angelegt und für die Bewirtschaftung durch die Stadt und ihre Bewohner vorgesehen.

Neben dem ökologischen Mehrwert und neuen Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose liegt der Erfolg insbesondere in dem neu entfachten Gemeinsinn der Andernacher Bevölkerung. Ein Grund hierfür ist unter anderem der niedrigschwellige Zugang zur Teilhabe an dem Prozess.[15]

Raum für neue Nachbarschaften

Die "Nachbarschaft Samtweberei" in Krefeld, eine Initiative der Montag Stiftung Urbane Räume, agiert auf mehreren Maßstabsebenen an der Schnittstelle zwischen öffentlichem, unternehmerischem und bürgerschaftlichem Engagement.

Neben unterschiedlichen Investitionsvolumen für Projekte mit gemeinschaftlichem Wohnen und Arbeiten in einer ehemaligen Samtweberei werden Entwicklungsperspektiven für den gesamten städtischen Block und dessen Innenbereich entworfen. In diesem soll, angrenzend an ein zentral gelegenes Nachbarschaftshaus, ein für das gesamte Quartier zugänglicher öffentlicher Raum mit vielfältigen Programmen entstehen.

Entwickelt und bewirtschaftet wird das Grundstück von einer gemeinnützigen Projektgesellschaft, die dieses durch einen Erbpachtvertrag von der Stadt Krefeld übernommen hat. Neben "nicht-rentierlichen" Investitionen durch die Stiftung sollen, wie im Pachtvertrag mit der Stadt festgeschrieben, die zu erwartenden Erträge aus der Immobilienbewirtschaftung in die Gemeinwesenarbeit im Quartier reinvestiert werden. Auf Quartiersebene sollen so bereits vorhandene Initiativen gestärkt und das Viertel mit den heutigen und zukünftigen Bewohnern sozial, kulturell und ökonomisch weitergebaut werden.

Zukünftig könnten in einer Art Quartiersfonds "Handlungsspielräume und Mittel für den noch unscharfen Bereich des Gemeinwesens zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft"[16] ausgelotet und mit Fragen der Stadtteilarbeit und des sozialen Raummanagements verknüpft werden. Weitere Projekte und die Verwendung von Mitteln sollen auf der "Plattform Samtweberviertel", die auch räumlich auf dem Grundstück verortet wird, von Bewohnern, lokalen Akteuren und der Stadt Krefeld gleichberechtigt diskutiert werden.

Im Rahmen eines innovativen Nutzungs- und Finanzierungskonzeptes für ein Bürogebäude, dessen Mieten durch geringe Investitionen in den Bestand niedrig gehalten werden, sind die Nutzer per Vertrag angehalten, eine Stunde ihrer Kompetenz pro Quadratmeter und Jahr zu investieren (sozusagen als "erweiterte" Muskelhypothek[17]). Diese Art der Mischfinanzierung soll breiten Bevölkerungsschichten den Zugang zum Projekt ermöglichen und schafft zugleich eine Schnittstelle zum und eine hohe Identifikation mit dem Quartier. Der Betrieb von Gemeinschaftseinrichtungen in der Samtweberei durch Dritte und die Entwicklung weiterer genossenschaftlicher oder selbstverwalteter Projekte in der Nachbarschaft werden bewusst gefördert, um mittel- bis langfristig das Samtweber-Areal in eine sozial verträgliche Transformation der gesamten Krefelder Südweststadt einzubetten.[18]

Die Parallelität von Steuerung (Montag Stiftung Urbane Räume, Stadt Krefeld) und Ko-Produktion (Quartierbewohner), zwischen Anstoßen und Mitgestalten löst die häufig beschworene Dialektik zwischen Top-down und Bottom-up auf und hat damit Modellcharakter für die Entstehung integrativer Nachbarschaften. Klare, aber flexible Strukturen laden zum Mitmachen ein und bilden den Kern einer Kultur des Ermöglichens. Die Rücksichtnahme auf lokale Identitäten, seien es ethnische Hintergründe der Anwohner, Interessen schon bestehender Gruppierungen oder auch stadthistorische Charakteristika, ist ein Schlüssel für die breite Akzeptanz einer Raumstrategie, die auf Reichhaltigkeit und Heterogenität basiert.

Ein Haus aus dem Quartier

Im Gegensatz zur Strategie einer sukzessiven baulichen Umwandlung und prozesshaften Aufwertung eines Quartiers verfolgt die Neubebauung des Kalkbreite-Areals in Zürich durch die gleichnamige Genossenschaft das Ziel, einen innovativen Quartiersbaustein mit hohem sozioökonomischem und ökologischem Anspruch auf Basis der 2000-Watt-Gesellschaft zu realisieren.[19] Seit 2011 entsteht dort ein städtischer Block mit 88 Wohnungen für insgesamt 230 Personen und Gemeinschaftsräumen wie Büro- und Gewerbeflächen, Kinderkrippe, Kantine, Waschsalon, Schulungs- und Sitzungsräume sowie einem differenzierten Freizeit- und Freiraumangebot. Das "Wohnzimmer des Quartiers" bildet eine große öffentlich zugängliche Terrasse, die wiederum über eine "Rue Intérieure" mit den kollektiven Räumen verknüpft ist.

Kriterien der Nachhaltigkeit werden durch eine kompakte Bauweise (Minimierung der privaten Nutzfläche um 15 Quadratmeter des Schweizer Durchschnitts auf 35 Quadratmeter pro Person) im Niedrigenergiestandard mit geringen Lebenszykluskosten und den vollständigen Verzicht auf Autos erreicht. Das reduzierte Flächenangebot der Wohnungen wird durch zumietbare "Jokerräume", die zum Beispiel für Gäste genutzt werden können, sowie einen zentralen Gefrierraum und Waschräume aufgefangen. Durch diese effektive Art der synergetischen Raumnutzung können die individuellen Mietpreise niedriggehalten und eine hohe soziale Durchmischung erreicht werden. Eine Reihe von Räumen ist nutzungsneutral und erlaubt die Aneignung des Gebäudes durch die Bewohner im Laufe der Zeit.

Obwohl die Bebauung des Areals ein eigenständiges Neubauprojekt darstellt, wurden neben den Genossenschaftsmitgliedern auch Quartierbewohner, soziale Initiativen und Stiftungen intensiv in den Entwicklungsprozess des Areals eingebunden. In diesem Sinne steht eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft und das dadurch erworbene Recht, die gemeinschaftlichen Raumangebote zu nutzen, auch außerhalb des Gebäudes wohnenden Personen offen.[20]

Eine Internetplattform, die "Anleitung Kalkbreite", wurde in einem partizipativen Prozess über Wikispace[21] von den zukünftigen Bewohnern entwickelt und erläutert die Nutzung der gemeinschaftlichen Räume. Die "Drehscheibe" wiederum, eine Art Gebäudemanagement, begleitet das Zusammenleben der Gemeinschaft, leistet Hilfestellung zum Beispiel beim energiesparenden Betrieb des Gebäudes und motiviert zur Teilhabe.[22]

Radikaler Pragmatismus

Die Schnittstelle zwischen Gemeinschaft und Individuum wird derzeit neu verhandelt, und zwar auf politischer, sozialer, ökonomischer und räumlicher Ebene. Alternative Modelle des Zusammenlebens durch integrierte Raumsysteme und nutzergetragene Nachbarschaften werden zukünftig an Bedeutung gewinnen und ermöglichen eine Stadtentwicklung jenseits von expansivem Wachstum und hohem Ressourcenverbrauch.

Die aufgeführten Projekte, die oft auf ungewöhnlichen Akteurskonstellationen zwischen Politik und Verwaltung, Planern und Experten sowie einer Vielzahl lokaler Initiativen beruhen, zeigen beispielhaft mögliche Potenziale und Bedingungen einer koproduktiven Raumentwicklung auf.

Auf regionaler Ebene wird es eine große Herausforderung sein, die vielfältigen Dynamiken und Projekte, die auf unterschiedlichen Maßstabsebenen entstehen, miteinander zu vernetzen und in das Instrumentarium der Stadt- und Raumplanung einzubetten. Kommunen werden neben der Rolle des Entwicklers immer mehr auch die eines Moderators übernehmen müssen. In der strategischen Planung sollte sich zukünftig eine Kultur des Ermöglichens etablieren, die Eigeninitiative und parallele Entwicklungsdynamiken fördert und als Chance begreift. Hierfür sind auch die Mauern zwischen den unterschiedlichen Akteuren abzubauen und eine verlässliche, auf Vertrauen basierende Partnerschaft zu etablieren. In einer vorausschauenden und zukunftsfähigen Entwicklungspolitik gilt es außerdem, Liegenschaften so zu vergeben, dass die Produktion von Wohnraum nicht wie bisher größtenteils kommerziellen Interessen folgt, sondern vielmehr nicht-profitorientierte Bauträger fördert.

Auf Projektebene wiederum wird es immer wichtiger, durch niedrige Zugangsschwellen alle Gruppen der Bevölkerung einzubinden. Dies erfordert innovative Kommunikationsstrategien, die auch Menschen außerhalb der Bildungsbürgerschaft ansprechen und eine neue Mehrklassengesellschaft aus Aktiven und Nicht-Aktiven abwendet.

Auch ist es wesentlich, das Konzept für einen zukunftsfähigen Umgang mit unserer Umwelt im alltäglichen Handeln zu verankern. Einen wichtigen Beitrag dazu können Bildungseinrichtungen leisten. Vor allem an Hochschulen, insbesondere an denjenigen, die zukünftige Planer, Entwickler, Umwelt- und Gesellschaftswissenschaftler ausbilden, sollten neue Strategien für integrative Raumentwürfe, Partizipation und Entwurfsprozesse, die nicht-linearen Mustern folgen, gelehrt werden.

Visionäre Antworten auf grundlegende Herausforderungen der Stadtentwicklung wurden in der Vergangenheit immer wieder gesucht. All diese Entwürfe hatten große Auswirkungen auf unsere Siedlungsstrukturen und das Wohnen, wie wir es heute kennen. Die aktuellen Initiativen und Projekte, die mit großer Radikalität gedacht und mit viel Pragmatismus realisiert werden, entstehen jedoch aus der Mitte der Gesellschaft und Bewohnerschaft. Wir sollten sie als Katalysatoren begreifen, die, einmal gezündet, erst der Beginn für viele mögliche Zukünfte sind.

Fußnoten

14.
Vgl. Rob Hopkins, The Transition Handbook. From Oil Dependency to Local Resilience, White River Junction 2008.
15.
Vgl. Lutz Kosack, Essbare Stadt Andernach, http://www.wesentlich-gmbh.de/unsere-projekte/andernach« (17.4.2014); Stadt Andernach, Essbare Stadt, http://www.andernach.de/de/leben_in_andernach/essbare_stadt.html« (17.4.2014).
16.
Klaus Overmeyer, Fonds Samtweberei, Präsentation im Rahmen einer Planungswerkstatt für die Samtweberei am 20. und 21.2.2014 in Krefeld.
17.
Unter Muskelhypothek versteht man die Eigenleistung beim (Um-)Bau einer Immobilie.
18.
Vgl. Stadt Krefeld/Montag Stiftung Urbane Räume (MUR)/Wohnstätte Krefeld, Zukunft für das Samtweberviertel. Aktive Gemeinwesenarbeit und die Erneuerung der Alten Samtweberei als Impuls für den Stadtteil, Entwurf eines gemeinsamen Handlungsprogramms (24.10.2013); MUR, Allesamt fürs Samtweberviertel, http://www.samtweberviertel.de« (17.4.2014).
19.
Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein energiepolitisches Modell, das an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entwickelt wurde und den Primärenergiebedarf pro Person pro Jahr auf 2000 Watt zu senken sucht. Vgl. 2000-Watt Gesellschaft, http://www.2000watt.ch« (23.4.2014).
20.
Vgl. Genossenschaft Kalkbreite, Die Kalkbreite. Ein neues Stück Stadt. Projektdokumentation, Zürich 2011, http://www.kalkbreite.net/projekt/bauprojekt/20110417_Kalkbreite_Doku2011_web.pdf« (23.4.2014).
21.
Wikispace ist eine Internetplattform, die das gemeinsame Bearbeiten eines Textes erlaubt.
22.
Vgl. Anleitung Kalkbreite, http://anleitung.kalkbreite.net« (17.4.2014).
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