Ein Luxus-Neubau steht in der Pappelallee Ecke Buchholzer Strasse im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg neben einem Altbau.

5.5.2014 | Von:
Janice Perlman

Urbanisierung, Megastädte und informelle Siedlungen

Das Beispiel der Favelas in Rio de Janeiro

In Lateinamerika leben 77 Prozent der Bevölkerung in Städten – mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Allein in Brasilien, dem am stärksten urbanisierten Land der Erde, leben 84 Prozent in Städten (in den USA 80,5 Prozent). Während die Wachstumsrate brasilianischer Städte von 2000 bis 2010 auf 1,63 Prozent sank, wuchsen die Favelas jährlich um 4,2 Prozent, was einem Anwachsen der Favela-Bevölkerung von 6,5 auf 11,4 Millionen Menschen entspricht. 161 Länder der Erde weisen niedrigere Bevölkerungszahlen auf als die brasilianischen Favelas.

In jeder der neun Metropolen Brasiliens lebt eine beträchtliche Anzahl von Menschen in Favelas; unter ihnen gebührt Rio de Janeiro die zweifelhafte Auszeichnung, nicht nur die größten, sondern auch die meisten Favelas und Favela-Bewohner zu beherbergen: In Rio lassen sich etwa 1.200 Favelas identifizieren, die sich in 763 größere Komplexen zusammenfassen lassen. Dort leben rund 1,4 Millionen Menschen; das sind 23 Prozent der Stadtbevölkerung. Die nächstgrößere Favela-Population lebt in São Paolo (rund 1,3 Millionen Menschen).

Rios Wachstum schnellte seit den 1950er Jahren in die Höhe – und seither hat die Wachstumsrate der Favelas die der Stadt insgesamt in jedem Jahrzehnt weiter hinter sich gelassen. Einzige Ausnahme: In den 1970er Jahren wurden unter der Militärdiktatur geschätzte 700.000 Menschen aus den Favela-Gemeinschaften vertrieben. Selbst als im vergangenen Jahrzehnt Rios Wachstumsrate auf drei Prozent herabsank, wuchs die Favela-Bevölkerung der Stadt noch um 28 Prozent.

Seit 1985 die Re-Demokratisierung einsetzte und politische Parteien und Kandidaten um Stimmen rangen, erwies sich die Räumung von Favelas als schwierig. Und so wichen Räumungspläne politischen Aufwertungsstrategien vor Ort: Das 1995 in Rio de Janeiro gestartete Programm zur Stadtteilverbesserung, "Favela-Bairro", gilt als eines der ambitioniertesten und erfolgreichsten Aufwertungsprogramme weltweit. Im Rahmen des Programms wurden 180 Millionen US-Dollar investiert, um durch die Verbesserung der Infrastrukturen und städtischen Versorgungsleistungen die Favelas in das urbane Gesamtgefüge zu integrieren. Auf diese Weise wurden 253.000 Menschen in 73 kleineren und mittleren Favelas unterstützt.

Die neue Verfassung von 1988 sowie die Satzung der Stadt von 2001 garantieren das Recht auf menschenwürdigen Wohnraum, führten das "Recht auf die Stadt" ein (das erst jüngst durch die Einbeziehung des "Rechts auf das Stadtzentrum" eine Erweiterung erfuhr) und verfügten Planungsverfahren mit örtlicher Teilhabe. Einmal mehr erwies sich Brasilien als führende Nation zukunftsweisender Stadtentwicklungspolitik.

Erst vor wenigen Jahren setzten zwei massive Investitionsprogramme in den Favelas der brasilianischen Hauptstadt an: das PAC (Programm for Accelerated GrowthProgramm zur Wachstumsbeschleunigung) und das UPP (Units of Pacifying Police – Einheiten einer Befriedungspolizei). 2007, auf dem Zenit brasilianischer Wirtschaftsüberschüsse, investierte das Land im Rahmen des dreijährigen PAC-Programms erstmals 306 Milliarden US-Dollar, um fällige Infrastrukturprobleme zu lösen und die anstehenden Mega-Events – die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 – vorzubereiten. Die darin enthaltene Komponente zur Aufwertung der Armutsviertel zielte auf die größten Favela-Komplexe der Stadt; allerdings gab sie auch Anlass zu Kontroversen, da die Bewohner kein Mitspracherecht darin hatten, wofür das Geld im Einzelnen verwendet werden sollte. Die zweite Phase – PAC 2 – begann im März 2010 und sieht bis Ende 2014 Investitionen von insgesamt 582 Milliarden US-Dollar vor.

Die Einheiten der Befriedungspolizei wurden erstmals 2008 durch Sérgio Cabral Filho, Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, und seinen Sekretär für Öffentliche Sicherheit, José Beltrame, mit dem Ziel eingesetzt, die Favelas mithilfe ausgebildeter und bewaffneter Militärpolizisten der Kontrolle durch den Drogenhandel zu entziehen. Gegenwärtig verrichten diese Einheiten in 38 Favelas ihren Dienst – und kosten jährlich 360 Millionen US-Dollar.

Heute, fast 20 Jahre nach dem Start des "Favela-Bairro"-Programms und mit Blick auf die großen Investitionen der vergangenen Jahre, sehen wir die Anfälligkeit des Existenzrechts der Favelas. Wieder einmal wehren sich Favela-Bewohner verzweifelt gegen eine Räumung – wie derzeit in Rios ältester Favela, der Morro de Providencia, sowie in zahlreichen anderen Favelas nahe der Sportanlagen für Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele. Mit dem Abriss der Vila Autodromo – einer Favela, die seit drei Jahren für ihr Bleiberecht und ihre Kooperation mit Studenten der Universität von Rio und NGOs kämpft – wurde bereits begonnen. Ihr alternativer Plan zur Standortkonsolidierung und Aufwertung hatte erst im vergangenen Jahr den mit 80.000 US-Dollar dotierten Deutsche Bank Urban Age Award gewonnen. Dennoch sind die Bulldozer jetzt da.

Den Entrechteten eine Stimme geben

Als Anthropologiestudentin unternahm ich in den 1960er Jahren Feldstudien in den ländlichen Gebieten im Nordosten Brasiliens. Damals versuchte ich zu verstehen, wie junge Leute in den Dörfern ihre Weltsicht entwickelten, welche Ziele sie sich für ihr Leben steckten. Dabei wurde ich Zeugin eines dramatischen Wandels, der sich während meines Aufenthalts durch den Einzug des Transistorradios in die Dörfer vollzog. Von nun an redeten die jungen Leute nur noch über eines: darüber, in die großen Stadt zu gehen – dorthin, wo "was los" war. Diese Erfahrung ließ mich den Weg einer 40 Jahre währenden Forschungstätigkeit einschlagen; er begann 1968/1969 mit meiner Doktorarbeit, für die ich Migranten auf ihrem Weg nach Rio de Janeiro folgte.

Damals lebte ich, für jeweils sechs Monate, in drei verschiedenen Favelas in Rio (unter anderem in der Catacumba-Favela, vgl. Abbildungen 1 bis 3 in der PDF-Version). Zusammen mit einer Gruppe brasilianischer Studenten interviewte ich 750 Personen: je 200 zufällig ausgewählte Männer und Frauen (zwischen 16 und 65 Jahren) sowie in jeder Favela 50 "Führer" (Sprecher). Kurz vor dem Ende der Studie – es war die Hochzeit der Militärdiktatur – musste ich das Land verlassen, als ich erfuhr, dass man mich für eine "internationale Agentin der Subversion" hielt. Das war offenbar die einzig mögliche Erklärung dafür, dass eine Amerikanerin so viel Zeit in den Favelas verbrachte.

Die Ergebnisse der Studie bildeten die Basis für mein Buch "The Myth of Marginality". Ich blieb mit den Freunden und den Familien, bei denen ich gewohnt hatte, in Verbindung. 30 Jahre später bereitete ich eine erneute Studie vor, die zunächst mit der mühsamen Lokalisierung der noch lebenden Teilnehmer an der ersten Studie begann. Mithilfe einiger unkonventioneller Methoden gelang es, 41 Prozent der ursprünglich 750 Interviewpartner ausfindig zu machen.

Unsere Wiederbegegnung wurde für beide Seiten eine äußerst bewegende Erfahrung und war ebenso erfreulich wie ergreifend. Wir lachten und weinten. Die Leute hatten in den 30 Jahren eine Menge durchgemacht und brannten darauf, ihre Geschichte zu erzählen – und gehört zu werden. Sie wollten Zeugnis ablegen und verstanden werden. Zusammen mit einem brasilianischen Wissenschaftlerteam führte ich noch einmal mit jedem ein Interview und benutzte dafür aktualisierte Versionen der Erhebung sowie der Matrix zur Erfassung der Lebensgeschichte von damals. Anschließend interviewten wir 368 ihrer Kinder (die etwa so alt waren wie ihre Eltern seinerzeit in der ersten Erhebung) sowie 208 Enkel.

Eine meiner ersten Beobachtungen war: Die Favelas waren keinesfalls eine Sackgasse, sondern für viele eher ein Sprungbrett zu einer formellen Existenz. Nur ein Drittel der ursprünglichen Studienteilnehmer lebte nach wie vor in der Favela, in der ich sie seinerzeit besucht hatte; etwa ein Viertel war in Sozialwohnungen umgesiedelt, ihre Siedlungen zerstört worden. In der Generation der Enkel lebte etwa die Hälfte im formellen Sektor der Stadt – entweder zur Miete oder in Eigenheimen an der Peripherie.

Zudem waren enorme Verbesserungen offensichtlich – durch Haushaltsgüter auf der Ebene des individuellen Konsums und durch städtische Versorgungsleistungen in kollektiver Hinsicht. Nahezu alle Häuser hatten Strom, fließendes Wasser, Innentoiletten (auch wenn diese nicht immer an das Abwassersystem angeschlossen waren) und waren fast ausnahmslos aus beständigem Baumaterial errichtet. Viele waren sogar mit Klimaanlagen, Plasma-Fernsehern, Waschmaschinen und anderen Komfortgeräten ausgestattet.

Auch in Sachen Bildungsniveau gab es beeindruckende Fortschritte zu verzeichnen. Der Analphabetismus sank von 72 Prozent bei den Vätern und 94 Prozent bei den Müttern meiner ersten Studie auf jeweils 45 Prozent, auf 6 Prozent bei den Kindern und auf Null bei den Enkelkindern. Ein Viertel der interviewten Enkelgeneration hatte eine Sekundarschule abgeschlossen (1968 niemand) und elf Prozent von ihnen besuchten eine Universität. Diese Fortschritte spiegelten sich in ihren Jobs jedoch nicht vollständig wider: Obwohl 85 Prozent der Kinder eine bessere Bildung als ihre Eltern besaßen, hatten nur 56 Prozent auch bessere Jobs. Und unter ihnen herrschte eine größere Arbeitslosigkeit. Wie Abbildung 4 (vgl. PDF-Version) zeigt, stieg die Einkommensdifferenz zwischen Favela-Bewohnern und sonstigen Einwohnern der Stadt nach den ersten drei Bildungsjahren mit jedem weiteren Jahr weiter an.

Das ist einer der Gründe, weshalb in der neuen Erhebung weniger Interviewte der Aussage zustimmten, Bildung sei der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben, dafür mehr Arbeit als solchen ansahen – egal, ob es sich um geregelte oder ungeregelte Arbeit handelte. Das Stigma, in einer Favela zu leben, erwies sich als große Einstellungsbarriere. Tatsächlich verringerten sich Ungleichheitsfaktoren hinsichtlich des Geschlechts oder der Hautfarbe im Laufe der Generationen beträchtlich; demgegenüber blieb das Stigma des Wohnorts unverändert groß und bildete den Hauptgrund für Diskriminierung. Noch schlimmer wurde es nur nach der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie 1985, als Drogenkriminalität und -gewalt Einzug in die Favelas hielten. Die Revierkämpfe zwischen den Drogenbanden und die Gefechte zwischen den Banden und der (schlechter ausgerüsteten) Polizei führten zu ungemein vielen Toten. Rund 20 Prozent meiner Interviewpartner hatten ein Mordopfer in der Familie zu beklagen.

In dieser Zeit wurde die Angst vor einer Zwangsräumung von der Angst abgelöst, im Kreuzfeuer zu sterben durch das, was in Brasilien eine bala perdida (eine "verirrte Kugel") genannt wird. Diese Angst führte zu einem drastischen Niedergang des Gemeinschaftssinns und des Vertrauens in der Nachbarschaft: beides Faktoren, die den Favela-Bewohnern halfen, mit den täglichen Widrigkeiten eines Lebens am Rande zurechtzukommen. Die Menschen nahmen begierig die Ideale der Demokratie auf; doch sie blieben nur "Pseudo-Bürger", da die Polizei sie weder schützte noch ihre gesetzlich verankerten Rechte anerkannte. Junge Leute, die die beste Ausbildung und am ehesten Zugang zum Internet haben, zeigen sich gegenüber der Politik oftmals zynisch und sind am wenigsten bereit, sich an ihr zu beteiligen.

In meinem Buch "Favela: Four Generations of Living on the Edge in Rio de Janeiro" verfolge ich diese Muster durch das Leben der Menschen und Familien, die mir in jeder der Gemeinschaften besonders nahe sind.[3] Das letzte Kapitel darin widmet sich dem Verlangen nach Würde und Menschsein. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins ist im Laufe der Zeit stärker geworden – und nicht etwa geringer. Einer meiner Freunde aus der ersten Studie hat es so formuliert: "Als ich dich zum ersten Mal traf, Janice, dachte ich: Wenn ich einen guten Job finde, hart arbeite, gut heirate und nicht mehr als zwei Kinder in die Welt setze und ihnen eine gute Ausbildung ermögliche und, wenn ich in Rente bin, weiter arbeite – dann bin ich gente. Ich habe alles gemacht … und bin doch Lichtjahre davon entfernt."

Eine der zentralen Herausforderungen für unsere urbane Zukunft besteht darin, die "Kunst der integrierten Stadt" zu meistern und dafür zu sorgen, dass die "unsichtbaren" jungen Männer und Frauen in den Slums von heute wie gente, wie Bürger, behandelt werden – damit sie morgen in unsere Führungsriege aufsteigen können.

Fußnoten

3.
Vgl. Janice Perlman, Favela: Four Generations of Living on the Edge in Rio de Janeiro, New York 2011.
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