Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Angela Siebold

1989 – eine Zäsur von globaler Reichweite?

Deutungen der "Zäsur 1989"

1989 war ein Jahr der Bewegung, aber auch eines der Widersprüche. Der Blick über den Rand Europas hinaus zeigt die Komplexität dieser Zeit. Narrative wie das der "demokratischen Revolution"[12] dagegen sind eingängig – ihre Anziehungskraft ist groß und ihre Übernahme als globale Meistererzählung für die "Zäsur 1989" verlockend. Wie aber verhalten sich solche gefestigten Deutungen, die vom Ende der bipolaren Weltordnung und offener Grenzen über Demokratisierung, Liberalisierung und Globalisierung bis hin zur Vorstellung eines friedlichen Umbruchs reichen, zu Entwicklungen außerhalb Europas?

Nach dem Ende des Kalten Krieges entstanden zunächst euphorische Erwartungen an eine neue Weltordnung. Deutlich machte dies der US-amerikanische Präsident George Bush, der 1990 vor den Vereinten Nationen seine Vision von einer freien Welt verkündete.[13] Gleichzeitig wurden Stimmen laut, die von einer unipolaren Weltordnung unter der nun einzig verbliebenen Supermacht, den Vereinigten Staaten, sprachen. Die Vereinigung Europas – in der Folgezeit sogar unter dem Dach der gerade gegründeten Europäischen Union (EU) – sowie die weltweiten politischen und ökonomischen Transformationen nach westlichem Modell verstärkten das Bild einer globalen Vereinheitlichung. Wie bereits jenes der zweigeteilten Welt eine Reduktion der zeitgenössischen Wirklichkeit darstellte, so entwickelte sich aus diesem Erfahrungsraum heraus ein an dieser Zweiteilung ausgerichteter Erwartungshorizont.[14] Das bedeutete freilich nicht, dass nun ein Ganzes entstand: Gerade weil die Umbrüche um 1989 so unerwartet kamen, führte das in der Folge auch zu Verunsicherungen. Was häufig unter dem Schlagwort der Liberalisierung zusammengefasst wurde – Meinungsfreiheit, Freizügigkeit, Marktwirtschaft und demokratischer Pluralismus – überforderte viele gerade aufgrund der Offenheit der neuen Situation. Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer kündigte bereits 1990 an, dass wir die Gewissheiten des Kalten Krieges bald vermissen würden.[15] Das "Verunsicherungspotential",[16] das die "Zäsur 1989" in sich trug, zeigte sich rasch nach dem Abschwellen der ersten Begeisterung über die demokratischen Erhebungen und ließ die neue Weltordnung als "chaotic disorder"[17] erscheinen. Rasch wurde deutlich, dass man nun mit noch nicht abzusehenden Dynamiken umzugehen hatte. Neue Zentren und neue Peripherien entstanden, andere rückten nun, da die Vorstellung einer zweigeteilten Welt sie nicht mehr überdeckte, wieder ins Blickfeld.

Im Bewusstsein über die Offenheit der Situation zeigte sich rasch das Bedürfnis nach neuen Definitionen und Grenzziehungen in der Welt. Diese vollzogen sich – parallel zur Umsetzung der Freizügigkeit innerhalb Europas – in zweierlei Hinsicht: Erstens entstanden neue Zäune und Mauern,[18] vor allem entlang der EU-Außengrenze sowie zwischen den USA und Mexiko. Gemeinsam mit einer protektionistischen Handels- und Migrationspolitik erschufen sie gated communities, in welchen sich die wohlhabenden Industriestaaten vor ökonomischen, sozialen und politischen Bedrohungen der restlichen Welt zu schützen versuchten.[19] Infolge dessen verschoben sich auch globale Fluchtwege,[20] was wiederum Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Migration und Fremdheit in Transitstaaten und Aufnahmegesellschaften hatte. Alte Mauern blieben überdies bestehen: Korea ist bis heute – trotz des 1991 geschlossenen Nichtangriffspaktes – ein geteiltes Land, und auch dem Nahostkonflikt verschaffte das Ende des Kalten Krieges keine neuen Lösungswege. Zweitens verstärkten sich durch den Wegfall der kommunistischen Alternative weltweit kulturelle Grenzwahrnehmungen: Der Historiker Frank Bösch diagnostizierte bereits für die späten 1970er Jahre eine "Rückkehr der Religion"[21] auch in ihrer politischen Bedeutung; nun avancierte der Islam ab den frühen 1990er Jahren – gestützt durch die einprägsame Formel vom "Clash of Civilizations" (Samuel Huntington) – zur vermeintlichen Gegenideologie einer sich als frei und demokratisch verstehenden westlichen Welt. Diskussionen um den Universalismus der Menschenrechte trafen auf kulturrelativistische Positionen. Gleichzeitig mit der Hinwendung verschiedener afrikanischer Staaten, etwa Sudans oder Somalias,[22] zum politischen Islam, begaben sich der "alte Westen" und das "neue Europa" nach 1989 auf die Suche nach einer kulturellen und religiösen Identität,[23] die im Innern integrierend und nach außen abgrenzend wirken sollte. Der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 verfestigte diese neue Weltenteilung weiter, die auch als westliche Suche nach einem neuen Antagonisten gedeutet werden kann.

Nach dem Ende der Sowjetunion schlug sich der weltweite Aufstieg des Neoliberalismus zum obersten ökonomischen Prinzip auf allen Kontinenten nieder. Der Sieg der "freien Welt" eröffnete politisch-moralisch legitimierte Handlungsstrategien zum Ausbau des Kapitalismus und seiner Ausweitung besonders auf die südlichen Weltregionen. Gestärkt wurde dies beispielsweise im Washington Consensus, der 1990 in Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Welthandelsorganisation (WHO) und der US-Regierung die ökonomische Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung in Ländern vorgab, deren Wirtschaft vornehmlich durch ihre Schuldenlast gebremst war.[24] Die "Vorstellung von einer anderen Gesellschaft", so erklärte der Historiker François Furet mit Blick auf den Bedeutungsverlust des Kommunismus, sei nach der Zäsur 1989 "praktisch undenkbar geworden".[25] Die Folgen dieser Anpassungspolitik dagegen sind hoch umstritten;[26] die weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrisen der vergangenen Jahre führen außerdem zur Sorge um einen Legitimationsverlust demokratischer Ordnungen. Solche Entwicklungen verdeutlichten auch das Spannungsverhältnis von nationaler Wirtschaftspolitik und globalisierten Märkten. Bereits vor der "Zäsur 1989" bestehende Prozesse erfuhren so eine Beschleunigung, Ausweitung oder größere Sichtbarkeit und der Begriff der "Globalisierung" eine neue Schubkraft.[27] Globale Herausforderungen wie etwa der Klimawandel oder die Knappheit der Ressourcen, aber auch grenzüberschreitende Dynamiken der Massenkultur, des Konsums oder der Kommunikation erhielten eine neue räumliche Dimension. Dennoch sollte die Bedeutung der "Zäsur 1989" hier nicht überbewertet werden: Während seit den späten 1970er Jahren verschiedene solcher Trends transnational wirkten und "die beschleunigte ‚Globalisierung‘ verstärkt wahrnehmbar machten",[28] entstanden nach 1989 vor allem neue Räume und Akteure, die aber wiederum regionalspezifische und teils gegenläufige Dynamiken provozierten.

1989 war ein Jahr der Demokratisierung und Redemokratisierung – aber wie und nach welchem Vorbild? Um 1989 setzten weltweit vielschichtige Reformprozesse ein, doch anstatt eines Modells nach westlich-liberalem Vorbild erwuchsen verschiedene Demokratietypen. Ihr qualitativer Gehalt ließ sich nicht allein an freien Wahlen festmachen. Diktaturen vererbten häufig Elitennetzwerke und Korruption. Dabei entstanden "hybride Regime", die kompetitiv ausgelegt, aber von autoritärer Grundstruktur gezeichnet waren. Statt zu einer flächendeckenden Demokratisierungswelle kam es zudem auch zu Destabilisierungen in scheinbar gefestigten Regionen.[29] In einigen afrikanischen Staaten gingen Demokratisierungsprozesse mit einer Stärkung der sozialen Ungleichheit unter dem Deckmantel einer Re-Traditionalisierung einher.[30] Zuletzt verstärkten sich die bereits vorhandenen Diskussionen im Zuge des "Arabischen Frühlings" um die Frage, ob Demokratisierungen, die nicht mit einer "Verwestlichung" einhergingen, erfolgreich sein könnten. Angesichts dieser Entwicklungen und neuer daraus entstehender Spannungen sprach der US-amerikanische Politikberater Robert Kagan bereits 2008 in Abgrenzung zu Fukuyamas These von einem "Return of History"[31] und der Journalist Josef Joffe jüngst von einer "Rückkehr der Autoritären"[32] nach dem vermeintlichen "Ende der Geschichte" von 1989.

Die auf den weitgehend gewaltfreien Systemwechseln Mittel- und Osteuropas beruhende Vorstellung der friedlichen "Zäsur 1989" trifft von allen dominierenden Narrativen am wenigsten zu, wenn man den Blick räumlich wie zeitlich weitet. Das Ende des Kommunismus bedeutete kein Ende der Gewalt. Belege hierfür finden sich bereits in Europa – vom gewaltsamen Diktatorensturz in Rumänien und den Jugoslawienkriegen, den Anschlägen der IRA in England oder rassistisch motivierten Gewalttaten im gerade vereinten Deutschland bis hin zum Tschetschenienkrieg in den 1990er Jahren. Über die genannten Bürgerkriege und militärischen Interventionen außerhalb Europas hinaus wäre es zudem lohnenswert, mögliche strukturelle Zusammenhänge zwischen neuen Formen der Zwangsmigration (Menschenhandel, Prostitution) und dem Fall des Eisernen Vorhangs zu untersuchen.

Fußnoten

12.
Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012, S. 19–53.
13.
Vgl. U.S. Department of State, Address to the United Nations General Assembly by President George H.W. Bush, 1.10.1990, http://www.state.gov/p/io/potusunga/207268.htm« (20.5.2014).
14.
Vgl. Reinhart Koselleck, "Erfahrungsraum" und "Erwartungshorizont" – zwei historische Kategorien, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeit, Frankfurt/M. 1989, S. 349–375, hier: S. 352.
15.
Vgl. John J. Mearsheimer, Why We Will Soon Miss the Cold War, in: The Atlantic Monthly, 266 (1990) 2, S. 35–50.
16.
A. Wirsching (Anm. 12), S. 54.
17.
Ivan T. Berend, Europe Since 1980, Cambridge u.a. 2010, S. 42.
18.
Vgl. Edgar Wolfrum, Die Mauer. Geschichte einer Teilung, München 2009, S. 158–162.
19.
Vgl. Henk van Houtum/Roos Pijpers, Towards a Gated Community, in: Eurozine vom 12.1.2005, http://www.eurozine.com/articles/2005-01-12-houtumpijpers-en.pdf« (20.5.2014).
20.
Vgl. unter anderem Cedric Audebert/Nelly Robin, L’externalisation des frontières des "Nords" dans les eaux des "Suds". L’exemple des dispositifs frontaliers américains et européens visant au contrôle de l’émigration caribéenne et subsaharienne, in: Cultures & Conflits, (2009) 73, S. 35–51.
21.
Frank Bösch, Umbrüche in die Gegenwart. Globale Ereignisse und Krisenreaktionen um 1979, in: Zeithistorische Forschungen, 9 (2012) 1, http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Boesch-1-2012« (21.4.2014), Textabschnitt 10.
22.
Vgl. Manthia Diawara, Afrika und der Fall der Berliner Mauer, in: S. Stemmler (Anm. 3), S. 209.
23.
Vgl. A. Wirsching (Anm. 12), S. 365.
24.
Vgl. Jacques Rupnik, The World After 1989 and the Exhaustion of Three Cycles, in: ders. (Anm. 3), S. 17.
25.
François Furet, Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996, S. 625.
26.
Zur Diskussion vgl. Saskia Sassen, The Return of Primitive Accumulation, in: G. Lawson (Anm. 3), S. 51–75.
27.
Vgl. Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen – Prozesse – Epochen, München 2003, S. 7–10.
28.
F. Bösch (Anm. 21), Textabschnitt 2.
29.
Vgl. J. Rupnik (Anm. 24), S. 14f.
30.
Vgl. Richard Banégas: ‚Tropical Democracy‘, in: J. Rupnik (Anm. 3), S. 108.
31.
Robert Kagan, The Return of History and the End of Dreams, London 2008.
32.
Josef Joffe, Die Rückkehr der Autoritären, 24.4.2014, http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-04/autoritaer-vorbild-demokratie« (24.5.2014).
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