Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Angela Siebold

1989 – eine Zäsur von globaler Reichweite?

Perspektiven und Zugänge

Globale Phänomene sind weder homogen, noch müssen sie "die ganze Welt flächendeckend erfassen",[33] sondern sie entstehen in Wechselwirkung lokaler Prozesse und ihrer überregionalen Vernetzung. Hier gilt es also zunächst, einige Einschränkungen vorzunehmen: Bereits bestehende Prozesse der Technologisierung, der ökonomischen Globalisierung oder der Massenkommunikation verstärkten sich teilweise durch die "Zäsur 1989", teilweise vergrößerten sie ihren Wirkungsradius oder erfuhren eine neue Interpretation. Reformprozesse – wie etwa in Polen, der UdSSR, aber auch die transición in Südamerika hatten zudem schon deutlich vor 1989 begonnen. In manchen dieser Länder waren zudem innere Spannungen ausschlaggebender als überregionale Vernetzungen.[34] Andere Regionen waren kaum oder gar nicht von der "Zäsur 1989" betroffen.[35] Auch stellt sich die Frage, ob imperiale Ordnungen nach 1989 nicht eher Kontinuitäten als Brüche aufzeigten,[36] oder inwiefern Gegentendenzen zu Globalisierungsprozessen aufkamen. Aus welchen Perspektiven heraus ließe sich also ein "globales 1989" untersuchen?

Ein möglicher Zugang sind direkte Bezugnahmen, die etwa verstärkend oder legitimierend wirkten. So erleichterte das Ende des Kalten Krieges dem südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk, sich dem ANC und Nelson Mandela zu öffnen. Für den Historiker Andreas Eckert stellte die Entlassung Mandelas im Februar 1990 einen "Moment von globaler Bedeutung"[37] dar – das Ende des Kalten Krieges sei aber nur einer der Faktoren für den Wandel des südafrikanischen Regimes und weniger bedeutend als etwa der Soweto-Aufstand von 1976 gewesen. Mandelas Freiheit wurde allerdings weltweit wahrgenommen, und es wäre lohnenswert zu untersuchen, inwiefern Freiheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen in anderen Regionen hiervon inspiriert wurden. Die Bedeutung des Massakers von Tian’anmen im Juni 1989 für die SED-Führung und die Oppositionsbewegung in der DDR hat Bernd Schäfer aufgezeigt. Demnach trug die Wahrnehmung der "chinesischen Lösung" zu Solidaritätsaktionen und "zur weiteren Delegitimierung der amtierenden DDR-Führung"[38] bei. Bezüge werden überdies immer wieder zwischen der deutschen und der koreanischen Teilungsgeschichte diskutiert und dienen dem Erfahrungsaustausch wie auch der geschichtspolitischen Selbstpositionierung.[39] War auch der Kaschmir-Aufstand im Wissen um die Ereignisse in Berlin oder Rumänien motiviert? Der Journalist Muzamil Jaleel bezeichnete die Line of Control zwischen Indien und Pakistan als "so etwas wie de(n) Eiserne(n) Vorhang des südlichen Asien"[40]; hier wie auch in China seien die Fernsehbilder aus Europa 1989 verfolgt worden. Es kann also möglich gewesen sein, dass über weite Entfernungen hinweg "das Bewusstsein der Zeitgenossen, einen epochalen Umschwung zu erleben, selbst zum Katalysator des Wandels"[41] wurde und die Ereignisse in Mittel- und Osteuropa wie auch das retrospektive Herstellen solcher Vergleiche das Selbstverständnis in anderen Weltregionen beeinflussten.

Ein weiteres Beispiel stellt der Umgang mit postdiktatorischen und postkommunistischen Vergangenheiten, im Austausch besonders zwischen Südamerika, Afrika und Europa seit den späten 1980er Jahren, dar. Unterschiedliche Umgangsweisen mit Diktaturerfahrungen, beispielsweise durch die Bildung von Wahrheitskommissionen, dienten als transnationale Referenzpunkte in der globalen Entwicklung der transitional justice. [42] Daraus folgte auch eine wechselseitige Beeinflussung nationaler vergangenheitspolitischer Diskurse. Hier eröffnete das Ende des Kalten Krieges auch Handlungsspielräume. Das zeigte sich ebenfalls im neuen Selbstverständnis der Vereinten Nationen, als Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali die historische Chance nutzte und in seiner "Agenda für den Frieden" 1992 mit dem Argument des überwundenen Kalten Krieges "die absolute und exklusive Souveränität" von Staaten für beendet erklärte.[43]

Trotz solcher direkter Bezugnahmen wäre es verkürzt zu behaupten, der Fall der Berliner Mauer habe direkt oder gar ursächlich zu signifikanten weltweiten Veränderungen geführt. Stattdessen gilt es, indirekte und langfristige Wechselwirkungen in den Blick zu nehmen, die bis heute präsent sein können.[44] Wenn man sich also einem "globalen 1989" nähern möchte, so bietet es sich an, die Zäsur nicht als punktuellen Einschnitt, sondern als langen Übergang zu begreifen,[45] der auch Abweichungen und nicht beabsichtigte Folgen mit sich brachte. Der Historiker Karl Schlögel hat das Jahr 1989 als "Marke" beschrieben, "um die herum ein spezifischer historischer Raum zusammenbrach und sich ein ganz neuer zu bilden begann".[46] Dazu gehörte beispielsweise die Verschiebung geopolitischer Interessen der westlichen Industriestaaten an den im Kalten Krieg umkämpften Einflusssphären und eine Neuorientierung der dort gelegenen Staaten jenseits der Kategorien von "West" und "Ost". Das Ausspielen von west-östlichen Konfliktlinien in Afrika endete, und damit wandelte sich auch das Verhalten der betroffenen Staaten gegenüber der "westlichen Welt". Das chinesische Engagement in Afrika und auf der arabischen Halbinsel beeinflusst mittlerweile auch die europäische Politik in diesen Regionen. Ziele, Strategien und Handlungsfelder internationaler Bündnisse wie der NATO mussten neu verhandelt werden. Solche wie auch die oben genannten politischen und ökonomischen Reformen nach der "Zäsur 1989" sollten verstärkt unter dem Aspekt der globalen Vernetzung in den Blick genommen werden. Sie stehen nicht zuletzt im Spannungsfeld der Beständigkeit von mental maps, also wahrgenommener Welt- und Raumordnungen. So zeigt sich 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Der Kalte Krieg prägt noch immer Weltvorstellungen und Argumentationsmuster, was aktuell durch die Diskussionen um die Position der Ukraine zwischen Europäischer Union und Russland deutlich wird.

1989 als Moment der Irritation

Die zeitgenössischen Erwartungen an eine gemeinsame, freie Welt stellten sich nach 1989 rasch als Illusion heraus. Festzustellen bleibt: "The post-1989 world has left us ambiguous legacies and no master narratives."[47] Wie aber hat sich die Welt nach 1989 entwickelt? Die Meinungen sind eher kritisch: Im globalen Maßstab habe seit 1989 – trotz aller Veränderungen von regional unterschiedlicher Tiefe und Tragweite – das Kontinuierliche gegenüber qualitativen Veränderungen überwogen.[48] Wenn jedoch weltweite Tendenzen festgestellt werden, überwiegt der skeptische Blick: Aus der Demokratisierungswelle seien eine demokratische Legitimationskrise und der Aufstieg autoritärer Regime, aus der Globalisierung der Märkte eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise entstanden; der Vereinigung Europas stehen mittlerweile neue Bedrohungen gegenüber.[49]

Ist dies nun, nachdem sich die Euphorie und der Optimismus einer nachrevolutionären Zeit gelegt haben, die Zeit der großen Desillusionierung und Enttäuschung? Keinesfalls sollte hier der Rückschluss gezogen werden, alle gegenwärtigen Krisenphänomene seien der "Zäsur 1989" und den damals verpassten Chancen zuzuschreiben. Gleichfalls wäre es verfehlt, die gegenwartsnahe Zeitgeschichte im Sinne einer Ausweitung des Krisennarrativs der 1970er Jahre auf die 1990er Jahre zu deuten. Aber skeptische Einschätzungen demonstrieren auch einen nüchternen Blick auf die globalen Entwicklungen des vergangenen Vierteljahrhunderts, der sich von der mitreißenden Kraft der "demokratischen Revolution" zu distanzieren vermag und das Augenmerk auf komplexe historische Prozesse anstatt auf ein einzelnes Jahr lenkt.

Für eine solche differenzierte Einschätzung bedarf es der Historisierung der "Zäsur 1989" in ihrem breiten räumlichen, thematischen und zeitlichen Kontext.[50] Nur so stellt sich die Zäsurgeschichte 1989 mit ihren Kontingenzen, Widersprüchen und Uneindeutigkeiten genau als das dar, was Zeitgeschichte ausmacht: einen komplexen und vieldeutigen Prozess, um dessen Deutung weiterhin gestritten wird. In der zeitgenössischen Erfahrung gerieten 1989 feste Weltbilder ins Wanken. Gerade aufgrund der unerwarteten Beschleunigung und Verdichtung kann die "Zäsur 1989" aber auch für die Historiografie ein produktives Moment der Irritation darstellen, um vermeintliche Zwangsläufigkeiten und die verlockend klare Zweideutigkeit des Kalten Krieges zu überdenken. 1989 stellte eingeschliffene Wahrnehmungen, feste Grenzziehungen und scheinbare Selbstverständlichkeiten in Frage. Heute bietet die Zäsur die Chance, mehrdeutige Prozesse sichtbar zu machen, das Auftreten neuer Phänomene und Gegenkonzepte in ihren strukturellen Vorbedingungen zu untersuchen und – gerade im globalen Blick – Perspektiven aufzubrechen, ohne sie freilich unter der Sogwirkung der "Zäsur 1989" zu überdeuten. Erkenntnisse solcher Untersuchungen könnten wiederum positiv auf verfestigte nationale und europäische Sichtweisen rückwirken und neue Fragen an eine Zäsur stellen, die noch lange nicht "ausgeforscht" ist – weder in Europa noch darüber hinaus.

Fußnoten

33.
Charles Bright/Michael Geyer, Globalgeschichte und die Einheit der Welt im 20. Jahrhundert, in: Sebastian Conrad et al. (Hrsg.), Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt/M. 2007, S. 53–80, hier: S. 78.
34.
Vgl. Katja Naumann/Michael Mann, 1989 in a Global Perspective. International Conference, Leipzig 14.–16.10.2009 (Tagungsbericht), http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2976« (20.5.2014).
35.
Vgl. George Lawson, Introduction: the ‚What‘, ‚When‘ and ‚Where‘ of the Global 1989, in: ders. (Anm. 3), S. 17; M. Sabrow (Anm. 2), S. 123.
36.
Unter anderem diskutiert bei: Partha Chatterjee, Empire After Globalization, in: Stephen Howe (Hrsg.), The New Imperial Histories Reader, London 2010, S. 448–460.
37.
Andreas Eckert, Das Ende der Apartheid in Südafrika als globaler Moment, in: S. Stemmler (Anm. 3), S. 217.
38.
Bernd Schäfer, Die DDR und die "chinesische Lösung". Gewalt in der Volksrepublik China im Sommer 1989, in: Martin Sabrow (Hrsg.), 1989 und die Rolle der Gewalt, Göttingen 2012, S. 153–172, hier: S. 158.
39.
So beispielsweise die Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur "Unüberwindbar? Vom Umgang mit der Teilung in Korea" am 19.10.2009 in Berlin.
40.
Muzamil Jaleel, Eine blutende Wunde – Kaschmir seit 1989, in: S. Stemmler (Anm. 3), S. 257f.; zu China vgl. Yang Lian: Was haben wir aus dem Sterben gelernt?, in: ebd., S. 131.
41.
Manfred Berg, Der 11. September 2001 – eine historische Zäsur?, in: Zeithistorische Forschungen, 8 (2011) 3, http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Berg-3-2011« (20.5.2014), Textabschnitt 1.
42.
Vgl. Anne K. Krüger, Transitional Justice. Ein Forschungsbericht; in: Jahrbuch für Politik und Geschichte, (2013) 4, S. 237–258.
43.
Vereinte Nationen, Agenda für den Frieden. Vorbeugende Diplomatie, Friedensschaffung und Friedenssicherung. Bericht des Generalsekretärs gemäß der am 31. Januar 1992 von dem Gipfeltreffen des Sicherheitsrats verabschiedeten Erklärung, S. 5, http://www.un.org/Depts/german/friesi/afried/a47277-s24111.pdf« (20.5.2014).
44.
So betonen auch Timothy Garton Ash und Eckart Conze, dass die "Zäsur 1989" bis heute nicht abgeschlossen sei. Vgl. Timothy Garton Ash, Jahrhundertwende. Weltpolitische Betrachtungen 2000–2010, München 2010, S. 86; Eckart Conze, Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009, S. 748.
45.
Zur "Zäsur 1989" als langem Transformationsprozess in Europa vgl. Philipp Ther, Das "neue Europa" seit 1989. Überlegungen zu einer Geschichte der Transformationszeit, in: Zeithistorische Forschungen, 6 (2009) 1, http://www.zeithistorische-forschungen.de/site/40208898/Default.aspx« (20.5.2014).
46.
Karl Schlögel, Kartenlesen, Raumdenken. Von einer Erneuerung der Geschichtsschreibung, in: Merkur, 56 (2001) 4, S. 308–318, hier: S. 311.
47.
J. Rupnik (Anm. 24), S. 23.
48.
Vgl. G. Lawson (Anm. 35), S. 19.
49.
Vgl. J. Rupnik (Anm. 24), S. 8f.
50.
Vgl. Marcus Böick/Angela Siebold, Die Jüngste als Sorgenkind? Plädoyer für eine jüngste Zeitgeschichte als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen, in: Deutschland Archiv, 44 (2011) 1, S. 105–113, hier: S. 110ff.
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