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Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Stefan Troebst

Das andere 1989: Balkanische Antithesen

Dorfvernichtungspläne, Hungerrebellion, Tyrannenmord: Rumänien

Das Rumänien Ceauşescus war 1989 das Armenhaus Europas. Lebensmittel, Kleidung und Schuhe waren, wenn überhaupt, nur mit Zuteilungskarten und in schlechter Qualität zu bekommen, die Fernheizungssysteme blieben auch im Winter abgeschaltet, Elektrizität, Gas und Benzin wurden strengstens rationiert und medizinische Versorgung nur gegen Schmiergeldzahlung geleistet. Zugleich dröhnte die Parteipropaganda unvermindert weiter, und die Geheimpolizei Securitate war allgegenwärtig.

Am 15. Dezember 1989 lief das Fass über, als es in Temeschwar, der zweitgrößten Stadt des Landes und Zentrum der multiethnischen Grenzregion Banat, zu einem regelrechten Volksaufstand gegen das kommunistische Regime kam. Vom 17. Dezember an schossen die Sicherheitskräfte gezielt auf Demonstranten, was zu einem Überschwappen der Proteste auf die Hauptstadt führte.[8] In den folgenden Tagen fielen über tausend Menschen der Gewalt der Securitate zum Opfer. Bereits am 22. Dezember war der Diktator Ceauşescu geflohen, wurde aber gefasst und am 25. Dezember gemeinsam mit seiner Ehefrau vor ein Schnellgericht gestellt und hingerichtet. Eine Parteifraktion um Ion Iliescu, die gemeinsam mit in Ungnade gefallenen Altkommunistinnen und -kommunisten, Militärs, Geheimdienstoffizieren und einigen Alibi-Dissidentinnen und -Dissidenten als "Front der nationalen Rettung" auftrat, übernahm jetzt staatsstreichartig die Macht und bildete am 27. Dezember eine provisorische Regierung.

Die Erinnerung an Hungerrebellion, Palastrevolte und die vielen Toten der beiden letzten Wochen des Jahres 1989 überlagert in Rumänien heute jene an die landesweite Welle von Zukunftsangst, welche die Verlautbarungen des Regimes über die Intensivierung der "Systematisierung" jetzt auch im ländlichen Bereich ausgelöst hatte.[9] Die Umsetzung des 1974 verabschiedeten "Gesetzes 58/1974 zur Systematisierung des Territoriums sowie urbaner und ruraler Ortschaften" war ab 1. März 1978 mittels Einebnung historischer Stadtzentren erfolgt, um Platz für Neubauten zu schaffen. Der Historiker Dinu C. Giurescu konstatierte 1989, dass damals in 29 rumänischen Städten bereits 85 Prozent der historischen Bausubstanz (einschließlich Kirchen und Friedhöfe) zerstört waren, darunter auch die der Hauptstadt, und in 37 weiteren Städten die Abrissarbeiten begonnen hatten.[10] Auf dem Land hingegen war die "Systematisierungskampagne" nur schleppend verlaufen. Daher erließ das Regime 1988 mehrere Dekrete zu ihrer Beschleunigung. Bis zu 6.000 der 13.000 Ortschaften Rumäniens, so Ceauşescu in einer Rede am 3. März 1988, sollten jetzt "systematisiert" werden. Anstelle dieser Dörfer sollten 550 "agro-industrielle Zentren" mit Wohnraum für jeweils mindestens 5.000 Menschen gebaut und die vormaligen Dorfbewohnerinnen und -bewohner dorthin zwangsumgesiedelt werden.[11] Allein diese Ankündigungen lösten landesweit Verunsicherung bis hin zu Panik aus.

Auch wenn das gesamte Land unter Ceauşescus zerstörerischem Modernisierungswahn litt, sahen kritische Beobachterinnen und Beobachter innerhalb und außerhalb Rumäniens die ungarische, deutsche und Székler-Minderheit in Siebenbürgen sowie die serbische und deutsche im Banat als Hauptzielgruppen für die Umsiedlungen in Agrostädte. Damit, so die Befürchtung, sollten kompakte rurale Siedlungsgebiete der Minderheiten, die damals neun Prozent der Bevölkerung ausmachten, aufgelöst werden. Die Neubelebung der "Systematisierungsmanie" im Jahr 1988 löste entsprechend vehemente Proteste in den Nachbarstaaten aus.[12] Im Mai 1988 protestierte die neue Staats- und Parteiführung Ungarns gegen Ceauşescus Pläne und im Juli verurteilten die Außenminister Österreichs und der Bundesrepublik Deutschland, Alois Mock und Hans-Dietrich Genscher, diese als gravierende Menschenrechtsverletzung. Am 9. März 1989 verurteilte die UN-Menschenrechtskommission mit der Stimme des Warschauer Pakt-Mitglieds Ungarn und bei Stimmenthaltung der UdSSR, der DDR und Bulgariens den Abriss von Dörfern in Rumänien und die dortige repressive Minderheitenpolitik. Eine Woche später verabschiedete auch das Europäische Parlament eine Resolution gegen die Verletzung elementarer Menschenrechte durch das Ceauşescu-Regime, in der an erster Stelle die Politik ruraler Zwangsumsiedlung firmierte – neben der Unterdrückung nationaler Minderheiten, der repressiven Bevölkerungspolitik, die Geburtenkontrolle und Abtreibung unter Strafe stellte, und der Zwangseinweisung von Dissidenten in psychiatrische Anstalten.

So konfliktträchtig und widersprüchlich die rumänische "Wende"-Variante samt ihrer Folgen auch war, so positiv hat sich der Regimewandel doch in puncto "Systematisierung" ausgewirkt – für die Bevölkerungsmehrheit wie für die Minderheiten: Die Umsetzung des megalomanen Plans, nach den Städten Rumäniens auch seine Dörfer zu zerstören, konnte in letzter Minute verhindert werden.

Fußnoten

8.
Vgl. hier und im Folgenden Peter Ulrich Weiss, Traumatische Befreiung. Die rumänische Revolution von 1989/90 als unbewältigte Gewalterfahrung, in: M. Sabrow (Anm. 2), S. 304–337 sowie Dragoş Petrescu, Explaining the Romanian Revolution of 1989. Culture, Structure, and Contingency, Bukarest 2010.
9.
Vgl. Dietmar Müller, Strategien des öffentlichen Erinnerns in Rumänien nach 1989: Postkommunisten und postkommunistische Antikommunisten, in: Ulf Brunnbauer/Stefan Troebst (Hrsg.), Zwischen Amnesie und Nostalgie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa, Köln u.a. 2007, S. 47–69.
10.
Vgl. Dinu C. Giurescu, The Razing of Romania’s Past, Washington, DC, 1989, S. X.
11.
Vgl. Dennis Deletant, Social Engineering in Romania: Ceauşescu’s Systematization Program, 1965–1989, in: Romanian Civilization, 2 (1993) 1, S. 53–74.
12.
Vgl. Cristina Petrescu, From Robin Hood to Don Quixote. Resistance and Dissent in Communist Romania, Bukarest 2013, S. 93–215.
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