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Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Stefan Troebst

Das andere 1989: Balkanische Antithesen

Sezession, Apartheidsregime, Staatszerfall: Serbien in Jugoslawien

Anders als für Bulgarien und Rumänien brachte das Jahresende 1989 für Jugoslawien keinen Systemwechsel, sondern irreparable Risse in seiner föderalen Struktur, sodass die Systemkrise in der gesamten Osthälfte Europas dort die Form von Staatszerfall annahm. Der italienische Politikwissenschaftler Daniele Conversi hat dabei die landläufige Sicht einer 1989 beginnenden Abspaltung Sloweniens sowie sukzessive Kroatiens vom Gesamtstaat durch eine gegenläufige Deutung konterkariert: Ihm zufolge hat sich das politische Zentrum der Föderation, nämlich die Teilrepublik Serbien samt der auf ihrem Territorium gelegenen Bundeshauptstadt Belgrad und der von ihr kontrollierten Bundesorgane – wie Jugoslawische Volksarmee, Bundespolizei und Zoll – durch mehrfachen Bruch der Bundesverfassung aus dem Staatsverband hinaus katapultiert.[13] Auch der US-kroatische Historiker Ivo Banac teilt diese Sichtweise, wobei er insbesondere auf die verfassungswidrige Aufhebung der Territorialautonomie der beiden Sozialistischen Autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo innerhalb der Teilrepublik Serbien im März 1989 verweist.[14] Desgleichen markiert für die deutsche Südosteuropahistorikerin Marie-Janine Calic "1989 (den) Anfang vom Ende",[15] wobei auch sie auf den Autonomieverlust der beiden Provinzen abhebt.

Als treibende Kraft dieser "Sezession des Zentrums" nutzte der 1987 an die Spitze des Bundes der Kommunisten Serbiens gelangte Slobodan Milošević seine im Mai 1989 gewonnene Stellung als Präsident der Teilrepublik Serbien, um den jugoslawischen Föderalismus im serbischen Sinne unter dem Schlagwort einer "antibürokratischen Revolution" umzugestalten: Statt des Konsensprinzips sollte von nun an auf Bundesebene das Mehrheitsprinzip gelten – was einer serbischen Hegemonie gleichkam. Denn von den acht Stimmen im Föderationsrat kontrollierte Milošević vier: die Serbiens, diejenigen der formal weiterbestehenden Föderationssubjekte Vojvodina und Kosovo sowie die des kurz zuvor gleichgeschalteten Montenegro. Angesichts der schwankenden Haltung von Mazedonien, Bosnien und Herzegowina gerieten die beiden nördlichen Republiken Slowenien und Kroatien so in eine strukturelle Minderheitenposition. Der Bruch, den der Verfassungsstreit zwischen den Protagonisten Serbien und Slowenien ausgelöst hatte, wurde auf dem außerordentlichen 14. Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens im Januar 1990 offenkundig. Serbien und Montenegro drängten auf stärkere Zentralisierung, Slowenien und Kroatien auf mehr Selbstständigkeit und Mazedonien und Bosnien versuchten das Titosche Prinzip von "Brüderlichkeit und Einheit" der "Völker und nationalen Minderheiten Jugoslawiens" zu retten. Der Kongress endete mit dem Zerfall der Gesamtpartei.[16]

Verstärkt wurden die zentrifugalen Kräfte durch das Ende des Kalten Krieges, fiel doch jetzt der den blockfreien Bundesstaat zusammenhaltende äußere Druck weg. Und mit dem Ende des Kommunismus in Ostmittel- und Südosteuropa sowie in Eurasien hatte sich auch das als "Dritter Weg" vermarktete jugoslawische Sozialismusmodell mit seinen marktwirtschaftlichen Spurenelementen überlebt. Die raison d’être einer (fast) alle Südslawinnen und -slawen umfassenden Bundesrepublik war nicht mehr gegeben – dies war Ende 1989 unübersehbar. 1990 begann daher ein erst 2008 abgeschlossener und in den Jahren 1991 bis 1995 sowie 1998 bis 1999 überaus blutiger Prozess der Dekomposition der Titoschen Föderation in sieben Nachfolgestaaten.

Die dramatischste Form nahmen 1989 die innerjugoslawischen Gegensätze im Südteil Serbiens, der Provinz Kosovo, an. Milošević setzte beim Ausbau seiner Machtstellung vor allem auf Nationalismus. Das Tito zugeschriebene Prinzip "Serbien muss schwach sein, damit Jugoslawien stark ist!" galt es ihm zufolge ein für alle Mal mittels serbischer Dominanz über die anderen Teilrepubliken außer Kraft zu setzen. Die Region Kosovo bot sich gleich aus zwei Gründen als Exempel an. Zum einen konnte hier die "Schmach" beseitigt werden, dass mit der Tito-Verfassung von 1974 Serbien als einzige Teilrepublik autonome Provinzen tolerieren musste. Zum anderen aber griff er auf den mittelalterlichen Kosovo-Mythos zurück, demzufolge diese Region das Herzland aller Serbinnen und Serben sei. So zielte Miloševićs Streben nach Hegemonie innerhalb Jugoslawiens zu Beginn der 1990er Jahre auf ein aus großen Teilen des implodierten Bundesstaates bestehendes Großserbien.

Für die Kosovo-Albanerinnen und -Albaner begann im Frühjahr 1989 eine zehnjährige Leidenszeit, die im Frühsommer 1999 in der massenhaften ethnischen Säuberung von über 900.000 von ihnen über die Landesgrenzen hinweg nach Mazedonien und Albanien, durchgeführt von regulären wie irregulären serbischen Sicherheitskräften, kulminierte. Mindestens 5.000 albanische Kosovarinnen und Kosovaren wurden dabei getötet. Bereits im November 1988 hatte Milošević als serbischer Parteichef ihm hörige Funktionäre an die Spitze des ZKs des Bundes der Kommunisten des Kosovo gesetzt, was zum einen Massendemonstrationen in Prishtina, zum anderen nationalistische Gegenkundgebungen in Belgrad auslöste. Im Februar 1989 traten die kosovo-albanischen Bergleute in einen Hungerstreik, der umgehend zu einem die gesamte Provinz erfassenden Generalstreik auswuchs. Am 23. März zwang die serbische Republikführung unter Androhung von Gewalt durch Armee und Miliz die Provinzparlamente des Kosovo und der Vojvodina, einer Änderung der Verfassung Serbiens zuzustimmen, die die beiden autonomen Provinzen abschaffte. Im Zuge neuerlicher Massendemonstrationen und der Verhängung des Ausnahmezustandes gab es im Kosovo mindestens 29 Tote und zahlreiche Verletzte. Milošević krönte seinen Triumph mit der 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld am symbolträchtigen St. Veitstag, dem 28. Juni 1989, an der Gedenkstätte Gazimestan bei Prishtina vor einer Million Menschen. In seiner Rede identifizierte er "Heldentum" als Hauptcharakteristikum der Geschichte Serbiens und der Serben von der Schlacht 1389 bis zur Gegenwart und forderte Heroismus auch für die Zukunft: "Heute, sechs Jahrhunderte später, stehen wir wieder in Schlachten und vor Schlachten".[17]

Vom Frühjahr 1989 bis zum Abkommen von Kumanovo am 9. Juni 1999 zwischen der serbisch kommandierten Jugoslawischen Volksarmee und der NATO über den Rückzug serbischer Sicherheitskräfte befand sich der Kosovo unter einem apartheidähnlichen serbischen Okkupationsregime, in dem Albaner praktisch rechtlos waren. Dennoch blieb der albanische Widerstand gegen Belgrad lange Zeit gewaltfrei. Unter der Leitung der von Ibrahim Rugova geführten Demokratischen Liga des Kosovo bauten die Albaner ihren "Schattenstaat" mit eigenen Bildungs- und Gesundheitsstrukturen auf. Eine der bittersten Lektionen der Gewaltfreiheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts ist, dass sich die pazifistische Option für die Albaner im Kosovo nicht ausgezahlt hat. Außer Lob für ihre Friedfertigkeit erhielten sie von der Staatengemeinschaft nichts. Erst als Militante die Befreiungsarmee des Kosovo UÇK formierten und Rugova beiseite drängten, realisierte die Weltöffentlichkeit 1998, dass Handlungsbedarf bestand.[18]

In der Erinnerung der Kosovo-Albaner endeten 1989 die mit dem Namen Tito verbundenen 15 Autonomie-Jahre in der jugoslawischen Periode ihrer Nationalgeschichte. Was folgte, waren serbische Okkupation, passiver Widerstand, bewaffneter Kampf und schließlich Eigenstaatlichkeit. Das dramatische Jahrzehnt von 1989 bis 1999 lässt dabei wenig Raum für Jugo-Nostalgie.[19]

Fazit

Auch wenn die Wirkungen des Jahres 1989 in Bulgarien und Rumänien in der Folgezeit eine Liberalisierung und eine partielle Demokratisierung mit sich brachten, sind die Unterschiede zum Entwicklungsverlauf in Ostmitteleuropa eklatant – mit bis heute erkennbaren Folgen. In der zerbrechenden jugoslawischen Föderation kam es zu Staaten- und Bürgerkriegen, die 1995 nur teilweise durch internationale Intervention und das Dayton-Abkommen beendet wurden. Denn die 1989 einsetzende serbische Repressionspolitik im Kosovo eskalierte 1998/1999 in einer gigantischen ethnischen Säuberung, die eine weitere Militärintervention der Staatengemeinschaft auslöste. Für viele, wenn nicht für die meisten Menschen in Südosteuropa, gleicht 1989 daher vielmehr einem annus horribilis.

Fußnoten

13.
Vgl. Daniele Conversi, The Dissolution of Yugoslavia: Secession by the Centre?, in: John Coakley (Hrsg.), The Territorial Management of Ethnic Conflicts, London 2003², S. 264–292.
14.
Vgl. Ivo Banac, Post-Communism as Post-Yugoslavism: The Yugoslav Non-Revolutions of 1989–1990, in: ders. (Hrsg.), Eastern Europe in Revolution, Ithaca-London 1992, S. 168–187.
15.
Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 297.
16.
Vgl. Holm Sundhaussen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Wien u.a. 2012, S. 253–277.
17.
Zit. nach: ebd., S. 262.
18.
Vgl. Stefan Troebst, Chronologie einer gescheiterte Prävention: Vom Konflikt zum Krieg im Kosovo, 1989–1999, in: Osteuropa, 49 (1999) 8, S. 777–795.
19.
Vgl. Stephanie Schwandner-Sievers/Isabel Ströhle, Der Nachhall des Sozialismus in der albanischen Erinnerung im Nachkriegskosovo, in U. Brunnbauer/S. Troebst (Anm. 9), S. 216 -235.
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