Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Thomas Lindenberger

Ist die DDR ausgeforscht? Phasen, Trends und ein optimistischer Ausblick

Was bleibt (zu erforschen): DDR als "Fall"

Welche Fragestellungen und Problematiken könnten das sein? Bereits 2003 hat Jürgen Kocka anlässlich der Vorstellung des erwähnten Bilanz-und-Perspektiven-Bandes in einem aufsehenerregenden Vortrag vor einer Selbstisolierung der DDR-Forschung gewarnt.[13] Seitdem vertrete ich mit einem Teil der Fachkolleginnen und -kollegen die Ansicht, dass sich die weitere Erforschung der DDR-Geschichte vor allem dort wissenschaftlich lohnt, wo sie systematisch in vergleichende und internationale Bezüge im weitesten Sinne des Wortes eingebettet ist.[14] Nur so kann dieses Spezialgebiet den mittlerweile erreichten Grad an Integration und Anerkennung in der Gemeinschaft der historischen Subdisziplinen aufrechterhalten. Andernfalls droht ihm die Herabstufung zu einer Spielart der Landesgeschichte neben anderen. Das wäre in Deutschland gar nicht mal so ehrenrührig, denn dass die vergangene Eigenstaatlichkeit der Bayern, Sachsen, Hannoveraner etc. bis heute Subdisziplinen und Lehrstühle rechtfertigt, ist fester Teil der Geschichtskultur in unserem föderalen Gemeinwesen. Ob allerdings das Innovationspotenzial des Forschungsfeldes "DDR" in einem solchen Reservat gut aufgehoben wäre, darf füglich bezweifelt werden.

Was ist hier mit vergleichenden und internationalen Bezügen gemeint?

1. Die sich sofort aufdrängenden Blickrichtungen einer Vergleichs- und Verflechtungsgeschichte sind der Osten und Südosten, hin zu den anderen ehemaligen kommunistischen Ländern. Auch dort ist die Forschung mittlerweile in etlichen Bereichen so weit, dass mehr möglich ist als jenes für internationale Konferenzen der 1990er und 2000er Jahre typische unverbundene Nebeneinander von Forschungsergebnissen, die mangels konzeptioneller Gemeinsamkeiten nicht zueinander "sprechen" können. Insbesondere das von der Volkswagenstiftung von 2001 bis 2011 aufgelegte Förderungsprogramm "Einheit in der Vielfalt" hat nicht nur die enge Zusammenarbeit deutscher Osteuropahistoriker mit Kollegen in der Region ermöglicht und neue Standards in der Förderung internationaler Forschungsnetzwerke gesetzt, sondern auch zur keineswegs selbstverständlichen Einbeziehung der DDR als Vergleichsfall beigetragen. Die deutschen Forschungen zur DDR-Geschichte genießen in diesen Kooperationen einen exzellenten Ruf, und dies nicht nur unter den Kollegen im erweiterten EU-Raum, sondern auch in den anderen postkommunistischen Ländern. Den "Fall DDR" in derartige Projekte einzubringen, befördert vor allem das systematische Verständnis der je relativen, national bedingten Eigenheiten kommunistischer Regime im Verhältnis zum sowjetischen Modell und deren Bedeutung für das letztendliche Scheitern des kommunistischen Projekts als alternatives Weltsystem. Die Erkenntnischancen dieser Vergleichsperspektive sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

2. In einem weiteren Schritt spricht einiges dafür, die Blickrichtung des Vergleichs auch nach Westen zu richten. Damit meine ich nicht nur die alte Bundesrepublik – dazu unten mehr – sondern durchaus auch das übrige Europa. Die DDR wird in der sozialhistorischen Forschung nicht nur als ein Fall der europäischen Diktaturgeschichte, sondern zugleich als eine Variante moderner Sozialstaatlichkeit diskutiert. Sie war, in noch größerem Umfang als die Sowjetunion selbst, von Ideen und Wertvorstellungen geprägt, die sich um 1900 in der Epoche der europäischen Hochindustrialisierung in der modernen Arbeiterbewegung herausgebildet hatten und auch nach dem leninistischen Schisma in der Fürsorgediktatur (Konrad Jarausch) virulent geblieben waren.[15] Eine andere Lesart diskutiert die DDR mit ihrer zentralistischen Wirtschaftsplanung und der institutionellen Fusionierung von produktiven und reproduktiven Steuerungsinstrumenten im sozialistischen Großunternehmen als Teil der fordistischen Phase der Industriegesellschaft, deren Scheitern in erster Linie aus der politisch bedingten Unfähigkeit zum Übergang in die nach-fordistische Informations- und Dienstleistungsgesellschaft resultierte.[16] Die DDR als "Fall" in diese systematische Vergleichsperspektive einzubringen, birgt die Chance, ihre widersprüchliche Stellung zwischen nachholender industrieller Entwicklung in weiten Teilen des "Ostblocks" und dem in Mitteldeutschland bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichten Modernisierungsniveau genauer zu bestimmen.

3. Schließlich ist der oft beschworene, aber noch lange nicht ausgereizte innerdeutsche Vergleich anzuführen. Dass die DDR als Gemeinwesen ein Nebenprodukt der Geschichte internationaler Beziehungen war, das nach Wegfall der sowjetischen Bestandsgarantie noch schneller von der Bildfläche verschwand, als es gegründet wurde, ist nur ein Teil davon, obgleich ein wesentlicher. Die innerdeutsche Perspektive hat lange dazu tendiert, in der DDR vor allem das "ganz Andere" der Bundesrepublik zu sehen. Das hat sich etwa in exotisierenden Metaphern wie "sowjetische Satrapie"[17] geäußert. Als deren spiegelbildliche Variante kann die – zumeist in Abwehr von westdeutschen Pauschalabwertungen vorgebrachte – Rede von der DDR als ein legitimer Versuch angesehen werden, eine ganz eigene, "andere" Moderne zu realisieren.[18] Gegenüber beiden Vorstellungen unterstreichen jüngere Forschungen die konstitutive Zwischenlage der DDR: Wohl war die SED als Staatspartei so abhängig von der sowjetischen Bestandsgarantie wie keine der anderen "Bruderparteien", zugleich aber blieb die von ihr gelenkte Wirtschaft immer auf Geschäftsbeziehungen zu westdeutschen Firmen angewiesen. Um innerer Unruhe vorzubeugen, musste das Regime auch nach dem Mauerbau immer wieder Konzessionen an das auf den Westen gerichtete Zusammengehörigkeitsgefühl "seiner" Menschen machen. Innerhalb der sowjetischen Hemisphäre ermöglichte seine "Wirtschafts- und Sozialpolitik" den DDR-Bürgerinnen und -Bürgern das im Ostblock höchste Lebensniveau sowie ein vergleichsweise gut funktionierendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Doch zugleich konnten diese im Fernsehen und bei Verwandtenbesuchen ganz genau beobachten, wie seit den 1980er Jahren der Abstand zur Entwicklung in der Bundesrepublik immer schneller wuchs.

Und dennoch: Zivilisatorisch repräsentierte die DDR den "westlichsten" Fall innerhalb des Ostens, weshalb sie bei vergleichenden Forschungen über die sechs Satellitenstaaten häufig als Sonderfall verbucht wird. Sie war mit Sicherheit das kommunistische Land mit den häufigsten und am weitesten ins Innere von Land und Leuten hineinwirkenden Kontakten mit dem Westen, konkret der Bundesrepublik. Für diesen Umstand hat Christoph Kleßmann die treffende Formel der "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte"[19] der beiden deutschen Staaten gefunden. Den verschlungenen Pfaden dieser Geschichte zu folgen, bringt mit westdeutschen Firmen, Regierungsstellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zugleich zusätzliche Brisanz ins Spiel. Hinter den sensationell aufgemachten Medienberichten über Arzneimittelforschung im Auftrag westlicher Pharmakonzerne, die in volkseigenen Betrieben von politischen Strafgefangenen geleistete "Zwangsarbeit" für westliche Möbelfabriken oder über den Verkauf von "Häftlings-Blut" an das Bayerische Rote Kreuz erhebt sich die Frage nach dem gewollten oder ungewollten Beitrag der Alt-Bundesrepublik zur ökonomischen und politischen Stabilisierung des SED-Regimes. Dieser kritische Blick vom Osten her auf die Geschichte der Bundesrepublik ist erst in Ansätzen erprobt und noch lange nicht "ausgeforscht".

DDR in weiter Ferne – und doch so nah

Abschließend bleibt festzuhalten: Der Charme der Entdeckerfreude von Pionieren, die unbekanntes Terrain im eigenen Land erschließen, gehört der Vergangenheit an, unwiderruflich. Gemessen an den damaligen Geländegewinnen sinkt der Grenznutzen der in die DDR-Geschichte investierten Forschungsmittel – ein unvermeidlicher Normalisierungsprozess. Wird damit die DDR als Gegenstand historischer Forschung uninteressant, wird sie endlich eine Fußnote der Weltgeschichte (Stefan Heym)? Meine Prognose lautet: solange man den Blick starr und ausschließlich auf die DDR heftet, nicht rechts und nicht links schaut, und solange dieser Blick in erster Linie durch die gebetsmühlenartig wiederholte Bekräftigung des mittlerweile allgemein Anerkannten, nämlich des Diktaturcharakters der DDR, motiviert ist – ja.

Aber: Die DDR der Quellen ist mehr als der schriftliche Niederschlag einer perfiden und menschenverachtenden Diktatur. Sie ist nicht zuletzt dank der MfS-Überlieferung eine der am dichtesten in Archivquellen dokumentierten modernen Gesellschaften unserer Epoche. Die Fragen, die sich mit diesem Material bearbeiten lassen, weisen weit über die DDR um der DDR willen hinaus, sie betreffen – wie ich an einigen Beispielen aufzuzeigen versucht habe – grundlegende Fragen der Entwicklung moderner Industriegesellschaften, die sich nur in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektive bearbeiten lassen.

Die Friedliche Revolution ist 25 Jahre her, und dennoch – nimmt man den unablässigen Ausstoß an Publikationen, Veranstaltungen und Medienereignissen zum Maßstab – in Deutschland noch ganz "nah". Irgendwann aber geht alles einmal zu Ende, auch die "gefühlte" Nähe zu diesem "Gebilde" des Kalten Krieges. Angesichts der erfolgreichen Eingemeindung der vereinigten Deutschen in das westliche Lager und der EU-Osterweiterung wird die damals durch Deutschland verlaufende Systemgrenze des Kalten Krieges nach und nach ihre identitätsstiftende Sonderstellung einbüßen. Sie wird sich mit anderen, durch das europäische Projekt forcierten beziehungsweise dieses herausfordernden Bruchlinien verbinden. Das müssen wir zum Beispiel dieser Tage in der Auseinandersetzung um Ansprüche russischer Hegemonie in nicht zur EU gehörenden Ländern des ehemaligen Sowjetimperiums erleben.

Innerhalb eines um solche und andere globale Bezüge erweiterten Geschichts- und Selbstbildes der Deutschen wird die DDR eines fernen Tages eines von etlichen anderen untergegangenen Gemeinwesen darstellen, deren Geschichten je individuelle Eigenheiten und Idiosynkrasien aufweisen. Sie wird den Deutschen aber auch mit wachsendem zeitlichen Abstand immer noch als die eine der beiden Diktaturerfahrungen im Gedächtnis haften bleiben. Darüber hinaus werden ihre immensen und frei zugänglichen archivalischen Hinterlassenschaften weiterhin die Neugierde der historischen Forschung auf dieses untergegangene Land lenken. Hinzu kommt eine Nachfolgegesellschaft, die fest entschlossen scheint, aus dieser Überlieferungssituation das Beste für ihre politische Kultur, für das Geschäft der Aufklärung und nicht zuletzt fürs Histotainment herauszuholen.

Wenn die DDR als heuristischer "Fall" für die wissenschaftliche Forschung, als Anschauungsfall für den Demokratieunterricht, als nie versiegender Quell unterhaltsamer "authentischer" Geschichten weiterhin Geltung beanspruchen kann, ist sie noch lange nicht ausgeforscht. Im Gegenteil, dann steht ihr noch viel "Erforschtwerden" bevor.

Fußnoten

13.
Vgl. Jürgen Kocka, Der Blick über den Tellerrand fehlt, in: Frankfurter Rundschau vom 22.8.2003.
14.
Vgl. Thomas Lindenberger/Martin Sabrow, Das Findelkind der Zeitgeschichte. Zwischen Verinselung und Europäisierung. Die Zukunft der DDR-Geschichte, in: Frankfurter Rundschau vom 12.11.2003.
15.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 699f.; Konrad H. Jarausch, Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur, in: APuZ, (1998) 20, S. 33–46.
16.
Vgl. Ulrich Busch/Rainer Land, Ostdeutschland: Vom staatssozialistischen Fordismus in die Entwicklungsfalle einer Transferökonomie, in: Peter Bartelheimer et al. (Hrsg.), Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2012, S. 153–183.
17.
Hans-Ulrich Wehler, Bundesrepublik und DDR. 1949–1990, Bonn 2010.
18.
Vgl. Christian Lannert, "Vorwärts und nicht vergessen"? Die Vergangenheitspolitik der Partei Die Linke und ihrer Vorgängerin PDS, Göttingen 2012, S. 106–117.
19.
Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung – Umrisse einer gemeinsamen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Klaus Schönhoven/Dietrich Staritz, Sozialismus und Kommunismus im Wandel. Hermann Weber zum 65. Geburtstag, Köln 1993, S. 486–499.
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