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Vietnamesische Matrosen auf den Spratly-Inseln, Vietnam

22.9.2014 | Von:
Claudia Derichs

Grundzüge der Geschichte Südostasiens

Schachbrett des internationalen Machtgefüges

Jede der genannten Kolonialmächte (inklusive Japan während des Zweiten Weltkriegs) war darauf bedacht, das kontrollierte Territorium von den anderen abzuschotten. Dem Politologen Benedict Anderson zufolge wusste die junge Generation Batavias – das niederländisch besetzte Gebiet des heutigen Jakarta in Indonesien – mehr über Holland und seine Geschichte als über die der eigenen Nachbarländer.[8] Und während die schon vor dem 15. Jahrhundert vielfach aus China nach Südostasien eingewanderten Menschen sich je nach lokaler Provenienz, Clan, Beruf oder Sprache als Gemeinschaften identifizierten, wurden sie nun auf der Basis sichtbarer Merkmale unter ethnische Kategorien gefasst und nach "Heimatnationen" bezeichnet. Diese Migranten, die sich nie auf eine nationale Identität berufen hatten, wurden, da die Europäer ihre Sprachen nicht verstanden und stattdessen auf Physiognomie- und Kleidungsmerkmale fokussierten, zu "Chinesen" erklärt.[9] In Malaysia gilt die gesellschaftliche Strukturierung entlang ethnischer Gruppen bis heute als folgenschweres Erbe der britischen Kolonialzeit.

Siam (heute Thailand) blieb als einziges Land von kolonialer Herrschaft verschont, wenngleich auch dies wesentlich auf einer Absprache zwischen Frankreich und Großbritannien beruhte. Alle anderen heutigen ASEAN-Mitglieder gerieten unter britischen (Brunei, Malaysia, Myanmar), französischen (Kambodscha, Laos, Vietnam) oder holländischen (Indonesien) Einfluss. Die Philippinen waren für lange Zeit spanische, ab 1898 US-amerikanische Kolonie. Zwischen 1942 und 1945 besetzte Japan die Länder der Region – im Bestreben, eine "großostasiatische Wohlstandssphäre" zu schaffen. Als Portugal 1975 Osttimor in die Unabhängigkeit entlassen wollte, rückte Indonesien in den kleinen Staat ein und beherrschte ihn durch mitunter schwerste Repression. Erst 2002 konnte die Unabhängigkeit durch ein von den Vereinten Nationen begleitetes Referendum erreicht werden.

Die Kolonialzeit hat politische Institutionen (etwa Regierungsformen, Wahlsysteme), administrative Apparate, das Bildungswesen, gesprochene und geschriebene Sprachen, Weltordnungsvorstellungen und vieles andere mehr geprägt. Sie hat auch die einheimische wissenschaftliche Befassung mit der Region und ihrer Geschichte bestimmt, sodass Forderungen nach einer Dezentrierung und Verlagerung der Südostasienwissenschaften in die Region selbst (statt einer Konzentration der Wissensproduktion über Südostasien in den akademischen Zentren der westlichen Welt) in zunehmendem Maße artikuliert werden.[10]

Dass der Blick auf die Region deren Realität häufig nur unzureichend erfasst, wird vielfach der hegemonialen Kraft des Konzepts "Nationalstaat" zugeschrieben. Die Genese der europäischen Nationalstaaten und der Siegeszug des europäischen industriellen Kapitalismus sind zu Meistererzählungen geworden, welche die Erklärung der Entstehung der modernen Welt bis heute entscheidend prägen. Alle anderen historischen Phänomene von regionalen Verbindungen, Kommunikation und Assoziation werden ausgeblendet oder können nur noch vor dem Hintergrund dieser narrativen Vergleichsfolie interpretiert werden.[11] Die heutige Sicht auf die Geschichte anderer Weltregionen wird demzufolge durch die Vorstellung bestimmt, dass sich eine Region aus Einzeleinheiten zusammensetzt, die durch Grenzen definiert sind. Konzepte wie die Willem van Schendels versuchen dieser Sicht entgegenzuwirken: Der Historiker hat seine Forschung auf Gebiete Südostasiens konzentriert, die sich über Jahrhunderte hinweg der Kontrolle von nationalstaatlichen Regierungen weitgehend entzogen haben.[12] Er bezeichnet diese als Region Zomia, die im Kern das Hochland und die Berggebiete von Vietnam, Laos, Myanmar und im Südwesten Chinas umfasst. Die dort lebenden Bergvölker sind kulturell, sprachlich und ökonomisch eng verbunden. Ihre Verbundenheit wurde aber bei den Grenzziehungen in der Region ignoriert, sodass Zomia nie als eine eigene regionale Einheit anerkannt wurde. Van Schendels Konzeption stellt einen völlig neuen Zugang zur Idee von Region dar und verdeutlicht, wie stark der Blick auf Südostasien bislang von der westlichen und postkolonialen Wahrnehmung bestimmt war.

Unabhängigkeit und Kalter Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte die Dekolonisierung Südostasiens für enorme politische und wirtschaftliche Bewegung. Einige Staaten erreichten ihre Souveränität nach Befreiungskämpfen (Myanmar, Indonesien, Vietnam), andere durch Verhandlungen (Kambodscha, Laos, Malaysia). Eine gemeinsame Verortung in der Weltordnung gelang den 25 in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten Asiens und Afrikas mit der vom indonesischen Präsidenten Sukarno einberufenen Konferenz von Bandung 1955. Sie bildete eine Basis der 1961 gegründeten Blockfreienbewegung, die für Asien und Afrika einen wichtigen Bezugsrahmen darstellte. Während ihre Relevanz im Westen insbesondere nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation als sehr gering betrachtet wird, halten ihre heute 118 Mitglieder den antikolonialen Geist der Bewegung aufrecht.

Dem Einfluss des Kalten Krieges aber konnte sich Südostasien weder über die Blockfreienbewegung noch mit der dezidiert als sicherheitspolitischen Zusammenschluss gegründeten ASEAN entziehen. Der Vietnamkrieg stellt eines der bedrückendsten Ereignisse in diesem Kontext dar. Doch auch innerhalb einzelner Staaten vollzogen sich Massaker und systematische Verfolgungen von (angeblichen) Kommunisten. Indonesien hat dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet, und auch in Malaysia hat das Thema im offiziellen öffentlichen Diskurs keinen Platz. Allein in Indonesien fielen 1965/1966 Hunderttausende den Morden des Militärs zum Opfer – entweder, weil sie als Mitglieder der Kommunistischen Partei Indonesiens galten, oder schlichtweg aufgrund ihrer ethnisch chinesischen Herkunft, die sie kollektiv als Kommunisten markierte.

In politisch-systemischer Hinsicht entwickelten sich die Staaten Südostasiens nach 1945 in höchst unterschiedliche Richtungen. Das Spektrum reicht von (Militär-)Diktaturen in Myanmar oder Kambodscha über autokratische Systeme in Singapur und Malaysia bis hin zu Demokratien auf den Philippinen und im heutigen Indonesien. Monarchen üben in unterschiedlicher Intensität Einfluss aus – sehr starken in Brunei, sporadisch starken in Thailand und kaum spürbaren in Malaysia. Auf den Philippinen (1986) und in Indonesien (1998) fanden "demokratische Revolutionen" zum Sturz von Diktatoren statt, während andernorts die Transition Zeit braucht, so etwa in Myanmar, Kambodscha oder Malaysia. Demokratische Hoffnungsträger wie Thailand fallen in nahezu regelmäßigen Abständen Militärputschen anheim, und auch die Philippinen stellen nur mehr eine elektorale Demokratie dar. Korruption und Nepotismus hemmen den demokratischen Prozess.

In den meisten Ländern Südostasiens sind Religion und Politik miteinander verwoben. Buddhistische, islamische und christliche (katholische) Akteure sind sowohl in politischen Organisationen (Parteien) als auch in der Gesellschaft aktiv. Als religiöse Autoritäten genießen sie häufig eine höhere Glaubwürdigkeit als Repräsentanten des (säkularen) Staates. In den mehrheitlich muslimischen Staaten Indonesien und Malaysia ist die Islamisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens in den vergangenen Jahren rasant vorangeschritten. Religiöse Bürokratien (Malaysia) oder selbsternannte Hüter von Recht und Ordnung (etwa die Front zur Verteidigung des Islam in Indonesien, FPI) sanktionieren moralisches Fehlverhalten. Die brutale Verfolgung und Unterdrückung von Minderheiten wie Schiiten oder Ahmadiya-Anhängern in Indonesien ist nicht nur augenfällig, sondern für den friedlichen religiösen Pluralismus, den das Land gerne für sich reklamiert, auch bedrohlich.

Auf den Philippinen sorgt die mächtige Stellung der katholischen Kirche teilweise für ein beharrliches Festhalten an überkommenen gesellschaftlichen Normen: Scheidung und Abtreibung sind bis heute verboten. Während der religiöse Einfluss auf Politik und Gesellschaft einerseits die individuellen Freiheiten der Bürger einzuschränken scheint, bietet die Religion andererseits auch den oftmals einzigen Kanal, um politischen Protest artikulieren zu können. Die Proteste der buddhistischen Mönche in Myanmar illustrieren dies genauso wie die von buddhistischer Symbolik durchdrungene Performanz der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. In Vietnam oder Singapur hingegen haben religiöse Bindungen nie einen für die politische und gesellschaftliche Entwicklung maßgeblichen Stellenwert erreicht.

Die Erklärungen dafür sind unterschiedlicher Natur. Einerseits blicken Buddhismus und Islam auf eine lange Geschichte in der Region zurück, die damit begann, dass die königlichen Herrscher ihre Macht nicht mehr über Rituale sicherten und aus ihrer "Vergöttlichung" heraus rechtfertigen konnten. Dem Indologen Hermann Kulke zufolge war es "letztlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die Bevölkerung der spätmittelalterlichen Reiche den neuen religiösen Bewegungen der Zeit zuwandte und damit den Großkönigen und ihrer aufwendigen Ritualpolitik die Legitimation entzog. Es waren dies der volksnahe Theravada-Buddhismus, der sich seit Beginn des 13. Jahrhunderts in festländisch Südostasien ausbreitete, und der Islam, der ein Jahrhundert später durch Händler aus Indien und dem Vorderen Orient zunächst in den küstennahen Gebieten von Malaya und Indonesien Fuß fasste."[13] Auch die antikolonialen Befreiungsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert nutzten die Religion als Mobilisierungsinstrument. Gleichwohl wäre es unzulässig, daraus im Umkehrschluss auf eine geringe Mobilisierungskraft des Konfuzianismus zu schließen, der in Vietnam und Singapur tiefe Spuren hinterließ. Vielmehr sind die unmittelbaren politischen und demografischen Kontexte hier ein entscheidendes Moment für die vergleichsweise untergeordnete Rolle der Religion in der postkolonialen Zeit. Dies gilt für das kommunistisch orientierte Vietnam ebenso wie für den Stadtstaat Singapur, in denen die Staatsräson alles andere als Appelle an religiöse Gefühlslagen nahelegte.

Wirtschaft und Migration

Die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung, die Südostasien nach 1945 vollzog, spiegelt sich in den Migrationsbewegungen wider. "Traditionell" bewegt sich die Arbeitsmigration aus den ärmeren in die wohlhabenderen Staaten, so etwa aus Myanmar, Indonesien und den Philippinen nach Malaysia und Singapur. Frauen wie Männer verdingen sich dabei meist ohne arbeitsrechtlichen Schutz im informellen Sektor der Zielländer. Während in neutraler Diktion von einer nationalstaatlichen Regulierung von Migrationsflüssen gesprochen werden kann, legen die realen Entwicklungen die Interpretation nahe, dass die schiere Masse an arbeitssuchenden Einwanderern es erlaubt, sie für politische Zwecke zu instrumentalisieren. In Malaysia reichen die Maßnahmen zur "Sicherheit" der Bevölkerung von punktuellen Razzien bis hin zu Internierungen und erzwungenen "Rücksendungen" indonesischer Arbeitsmigranten – bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel in den betroffenen Branchen (vornehmlich im Bausektor). Indonesien wiederum sprach 2009 ein Entsendeverbot für Haushaltshilfen nach Malaysia aus, weil diese allzu oft brutalen Übergriffe seitens ihrer Arbeitgeber ausgesetzt waren. Nach einer Einigung der Regierungen über einen Mindestlohn wurde das als maid ban bekannte Verbot aufgehoben.

Die Migration im Niedriglehnsektor zeigt indes nur eine Seite der Medaille. Im Bereich der hochbezahlten Berufe zeichnet sich eine neue Art der "Elitenmigration" – vor allem nach Singapur – ab, die zu einem veränderten Beziehungsgefüge zwischen den Einwanderern aus Asien geführt hat. Hier zeigt sich das wirtschaftliche Gefälle im postkolonialen Südostasien besonders deutlich. Den migrierten Eliten auf gut dotierten Posten steht ein unterbezahlter, oft informeller Dienstleistungs- und Versorgungssektor gegenüber, der sich aus Arbeitsmigranten derselben Herkunftsländer rekrutiert. Die Logik, so der Historiker Prasenjit Duara, folge dabei nach wie vor den nationalistischen Interessen der jeweiligen Staaten: "Das neue Asien erweckt nicht den Anschein eines nachlassenden Nationalismus, sondern eher den einer Refigurierung oder Restrukturierung des Nationalstaates, um sich den Bedingungen des globalen Kapitalismus anzupassen."[14]

Dieser Befund bekräftigt den Eindruck der ungebrochenen Wirkmächtigkeit des Konzepts Nationalstaat. Das transregionale Handelsgeschehen der frühen Jahrhunderte ist durch technische Fortschritte erleichtert worden. Die Reiche der frühen Jahrhunderte, die Mandala-Staaten und die Kolonialgebiete sind dem heutigen Format des Nationalstaates gewichen, dessen erfolgreiches Narrativ zumindest das politische Geschehen in Südostasien nach wie vor maßgeblich beeinflusst.

Fußnoten

8.
Vgl. Benedict Anderson, The Spectre of Comparisons. London–New York 1998, S. 13.
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. etwa Beng-Lan Goh, Decentring and Diversifying Southeast Asian Studies, Singapur 2011.
11.
Vgl. Roy Bin Wong, Comparing States and Regions in East Asia and Europe: Is Southeast Asia (Ever) Part of East Asia?, in: Southeast Asian Studies, 48 (2010) 2, S. 115–130, hier: S. 122.
12.
Vgl. Willem van Schendel, Geographies of Knowing, Geographies of Ignorance, in: Paul Kratoska/Raben Remko/Henk Schulte Nordholt (Hrsg.), Locating Souhteast Asia: Geographies of Knowledge and Politics of Space, Leiden 2002, S. 275–306.
13.
Hermann Kulke, Die Geschichte Südostasiens. Die frühen Reiche vom 5. bis 15. Jahrhundert, in: Bernhard Dahm/Roderich Ptak (Hrsg.), Südostasien-Handbuch, München 1999, S. 98–111, hier: S. 109.
14.
Vgl. Prasenjit Duara (Anm. 6), S. 28.
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