Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Henner Fürtig

Historisch gewachsene Symbiose: Das Haus Saud und die Wahhabiyya

"Zweifrontenkrieg"

War die Periode bis zum Zweiten Golfkrieg vor allem von politischen Mitteln beherrscht, um den Spagat zwischen Tradition und Moderne zu meistern, so waren die folgenden Jahrzehnte zunehmend von gewaltsamen Mitteln gekennzeichnet. Diese Entwicklung trägt in gewisser Hinsicht einen Namen: Osama bin Laden. Osama, Angehöriger einer der reichsten Familien Saudi-Arabiens, war in den 1980er Jahren – mit Billigung der Regierung – nach Afghanistan gegangen, um gegen die sowjetischen Besatzer zu kämpfen. Obwohl er Guerillas aus vielen islamischen Ländern organisierte und bezahlte, stellten doch Landsleute 80 Prozent seiner Verbände. Nach ihrer Rückkehr kurz vor und nach dem Zweiten Golfkrieg stellten sie fest, dass die Verhältnisse in Saudi-Arabien so gar nicht den Vorstellungen entsprachen, für die sie in Afghanistan gekämpft hatten.[12] Dort war die fremde, "ungläubige" Rote Armee vertrieben worden, während die Al Saud gerade eine andere "ungläubige", nur diesmal westliche Streitmacht in das Land der Heiligen Stätten gerufen hatten. Bin Laden formte aus seinen Anhängern das Advice and Reform Committee (ARC) und forderte König Fahd am 3. August 1995 in einem offenen Brief zunächst auf, zu den ursprünglichen Lehren Ibn Wahhabs zurückzukehren und die westlichen Soldaten aus dem Land zu weisen.[13] Als er darauf keine Antwort erhielt, erklärte er den Al Saud den Krieg, weil sie "hartnäckig gegen die Gebote Gottes verstießen".[14] Der Krieg begann am 13. November 1995 mit der Explosion einer Autobombe vor einem Ausbildungslager der Nationalgarde in Riad, bei der sieben Menschen, darunter fünf US-Amerikaner, getötet und 60 verletzt wurden, und erreichte am 25. Juni 1996 einen vorläufigen Höhepunkt, als einer Bombenexplosion in al-Khobar bei Dahran 19 US-Amerikaner zum Opfer fielen und mehr als 500 Einheimische verletzt wurden. Das anschließend deutliche Abflauen der Anschläge erleichterte es aber den Al Saud, die Existenz eines einheimischen Terrorproblems hartnäckig zu leugnen. Dabei hatten sie die "Ruhe" nur einem Strategiewechsel Osama bin Ladens zu verdanken. Dieser war zu der Überzeugung gelangt, dass es wenig Sinn ergebe, die Marionette anzugreifen und den Puppenspieler zu verschonen. Wenn die USA besiegt würden, wäre auch das Regime der Al Saud verloren. Die Strategie mündete direkt in den 11. September 2001.

Die Tatsache, dass 15 der 19 Attentäter auf das World Trade Center und das Pentagon aus Saudi-Arabien stammten, bescherte den Al Saud im Herbst 2001 die zweite spürbare Legitimitätskrise nach 1990. Das betraf zunächst das Verhältnis zu ihrer "Garantiemacht" USA. Nicht zuletzt, weil Osama bin Laden seiner Strategie ein enges Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien zugrunde gelegt hatte, trafen seine Terroranschläge gegen das World Trade Center und das Pentagon letztlich auch Riad. Allein die Tatsache, dass Saudi-Arabien der weltgrößte Erdölexporteur ist und die USA der größte Erdölkonsument sind, begründete außerordentlich enge Beziehungen zwischen beiden Staaten, seit sich US-Präsident Roosevelt und König Ibn Saud 1945 auf dem Kreuzer "Quincy" getroffen hatten. Dreißig Jahre später erhob US-Präsident Jimmy Carter die Sonderbeziehungen in den Rang einer Doktrin, als er der Golfregion eine "vitale Bedeutung" für die USA zuschrieb. Diese Doktrin – formalisiert durch bilaterale Militärabkommen – bildete auch die Grundlage für die Stationierung von US-Truppen in Saudi-Arabien nach 1990. Dazwischen und danach lagen Jahre des gemeinsamen Kampfes gegen Kommunismus, arabischen Sozialismus und Islamismus in der Version Ayatollah Khomeinis. Die Interessenübereinstimmung war so stark, dass sie außerordentlich unterschiedliche Wertvorstellungen in beiden Ländern überdeckte. Ein weiterer wesentlicher Grund für die Kohäsion lag in der enormen Summe von etwa 700 Milliarden US-Dollar, die saudische Investoren in den USA anlegten.[15] Damit ist Saudi-Arabien unmittelbar am Wohlergehen der US-Wirtschaft interessiert. Es entstand quasi ein Kartell aus Erzeugern und Verbrauchern, die beide einen Preis anstreben, der der Gegenseite nicht schadet.

Nach dem 11. September schien es nun bisweilen, als würde alles in Jahrzehnten Gewachsene infrage gestellt. Wirtschaftliche Interessenübereinstimmungen bestanden zwar fort, aber Politiker und Medien in den USA fragten sich jetzt, wie zuverlässig ein verbündetes Land sein kann, aus dem die übergroße Mehrheit der Attentäter stammte.[16] Im Juli 2002 gelangten Ergebnisse einer Studie der Rand Corporation für das Pentagon an die Öffentlichkeit, in der Saudi-Arabien zum Feind erklärt und die USA zu einem Kurswechsel aufgerufen wurden.[17] Vor diesem Hintergrund fand auch eine Verlagerung von 6000 US-Soldaten aus Saudi-Arabien in die "gastfreundlicheren" Emirate Kuwait und Katar statt. Zudem machte die US-Regierung unmissverständlich klar, dass sie klare und nachhaltige Schritte im Kampf gegen den Terror von Saudi-Arabien erwartete.[18] Dazu gehörten aus ihrer Sicht die Bekämpfung, Festsetzung, gegebenenfalls Auslieferung von Terroristen und die Unterbindung jeglicher finanzieller Unterstützung für "dubiose" Empfänger.

Auch im Inland häuften sich die Probleme. Am 6. Oktober 2001 begannen die seit Jahren unterbrochenen Bombenanschläge wieder, als – ein weiteres Mal in al-Khobar – zwei Ausländer, darunter ein US-Amerikaner, getötet und vier verletzt wurden. Autobomben zündeten auch in den folgenden Monaten. Immerhin gestand die Regierung nun Aktivitäten von al-Qaida im Inland ein und damit das Vorhandensein eines erheblichen Terrorproblems. Die Reaktion erfolgte auf zwei Ebenen: zum einen durch den massiven Einsatz des Repressionsapparates und zum anderen durch die Mobilisierung der geistlichen Verbündeten. Am 14. November 2002 lud Kronprinz und Regent Abdallah die höchsten geistlichen Würdenträger zu einer Audienz und verlangte von ihnen, sich öffentlich vom Extremismus zu distanzieren, keine Hassgefühle zu schüren und alle Worte und Taten zu unterlassen, die dem Königshaus schaden könnten.[19] Prediger, die sich nicht an die Abmachung hielten, wurden zu Tausenden gemaßregelt und erhielten Redeverbot. Königshaus und Regierung waren auf der anderen Seite bestrebt, durch ostentative Frömmigkeit die islamistischen Eiferer zu beschwichtigen und eine Art "Wagenburgmentalität" mit den Regierten herzustellen. Mit mindestens ebenso viel (unfreiwilligem?) Zynismus wie beschwörender Hoffnung erklärte der damalige Verteidigungsminister Sultan, der Terror von al-Qaida und anderer Zellen richte sich nicht gegen saudi-arabische Bürger und Institutionen, sondern ausschließlich gegen Ausländer.[20]

Der verheerende Anschlag vom 12. Mai 2003 schien ihm Recht zu geben. Er zielte auf eine überwiegend von Ausländerinnen und Ausländern bewohnte Appartementanlage in Riad und forderte 35 Todesopfer sowie etwa 80 Verletzte. Gleichzeitig kündete der Anschlag aber auch vom Scheitern der Strategie Osama bin Ladens. Die USA zeigten sich durch den 11. September keinesfalls so "ins Mark" getroffen, wie beabsichtigt. Im Gegenteil, sie schlugen – zuerst in Afghanistan – zurück. Es muss daher als Zeichen von Schwäche gelten, wenn al-Qaida auf "weiche" Ziele wie die in Saudi-Arabien auswich. Aber selbst dort blieben Ausländer im Allgemeinen und US-Amerikaner im Besonderen im Visier des Terrorismus. Der Selbstmordanschlag vom 9. November 2003, der in einem vorwiegend von Einheimischen bewohnten Viertel von Riad 17 arabische Opfer forderte, nährte deshalb einen neuen Verdacht. Eine am 5. Januar 2004 veröffentlichte Tonbandbotschaft Osama bin Ladens verschaffte Gewissheit: Ziel von al-Qaida war ab jetzt nicht nur der Puppenspieler, sondern auch die Marionette, weil die Al Saud dem wahren Glauben abgeschworen hätten und unfähig seien, die Muslime zu verteidigen.

Fußnoten

12.
Vgl. BBC-World, Sendung vom 19.6.2002.
13.
Vgl. M. Fandy (Anm. 4), S. 186.
14.
Mit der Kriegserklärung waren Attentate wie das Abd al-Salam Farajs auf den ägyptischen Präsidenten Sadat ausdrücklich auch gegen Angehörige der Al Saud gerechtfertigt. Benjamin Orbach, Usama Bin Ladin and al-Qa’ida: Origins and Doctrines, in: Middle East Review of International Affairs, 5 (2001) 4, S. 19.
15.
Vgl. Moin Siddiqi, The Rise and Rise of an Equity Culture, in: The Middle East, (2005) 11, S. 44.
16.
Vgl. Roula Khalaf, in: Financial Times vom 11./12.9.2004.
17.
Vgl. Washington Post vom 6.8.2002.
18.
Sie stand dabei unter erheblichem Druck seitens des Kongresses, in den im November 2003 ein "Saudi Arabia Accountability Act" eingebracht worden war, der Saudi-Arabien Sanktionen androhte, wenn der US-Präsident nicht "maximale Anstrengungen" der saudischen Regierung im Kampf gegen den Terrorismus bestätige. Vgl. International Crisis Group, Can Saudi Arabia Reform Itself?, ICG Middle East Report Nr. 28 vom 14.7.2004, S. 8.
19.
Vgl. Neue Zürcher Zeitung vom 16.11.2001.
20.
Vgl. Gulf News vom 23.6.2002.
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