Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Henner Fürtig

Historisch gewachsene Symbiose: Das Haus Saud und die Wahhabiyya

Lernprozesse

Osamas Botschaft fand allerdings kaum noch den erhofften Widerhall. Das ist zum einen darauf zurückzuführen, dass die Königsfamilie mit einer unnachsichtigen Verfolgung der gewaltbereiten Islamisten begann. Schon 2004 gelangten spektakuläre Erfolge: Von den zu Jahresanfang veranschlagten 500 bis 600 in Saudi-Arabien wirkenden al-Qaida-Mitgliedern wurden bis Jahresende zwischen 400 und 500 gefangen genommen oder getötet. Das interne Terrorproblem gilt seitdem als unterdrückt. Die nicht getöteten, verwundeten und gefangen genommenen Kämpfer verschwanden nicht, sondern wichen mehrheitlich vor dem Druck ins Ausland aus. Zum anderen zeigte sich, dass die Herrschenden erneut flexibel und lernfähig waren.

Als unmittelbare Reaktion auf den 11. September hatte US-Präsident Bush die Demokratisierung des Nahen Ostens zum Credo seiner Außenpolitik erklärt. Washington sah in Saudi-Arabien besonderen Nachholbedarf. Regent Abdallah wies nun Forderungen der einheimischen Opposition nach demokratischen Umgestaltungen nicht mehr a priori zurück, sondern legte sie auf seine Weise aus. 2003 lud er erstmals die Verfasser einer Petition zum Gespräch ein. Dem damit wieder eröffneten Reigen von Petitionen unterschiedlicher Interessengruppen (unter anderem auch der diskriminierten Schiiten) wurde mit weitaus größerer Offenheit als in der Vergangenheit begegnet. Unmittelbar nach den Anschlägen vom Mai 2003 entstand ein "Konvent zum nationalen Dialog". Damit wurde der Grundstein für ein permanentes "Nationales Dialogforum" gelegt, das bis heute regelmäßig tagt. Ab der dritten Sitzung erhielten auch die Medien Zutritt. Form und thematischer Zuschnitt der Foren zeigten, wie die Al Saud im Allgemeinen und Abdallah – seit 2005 als König – im Besonderen gedachten, den Reformprozess zu gestalten. Der gelenkte Dialog mit auserlesenen Reformern gestattete es der Herrscherfamilie, den Kurs und die Geschwindigkeit der Umgestaltungen selbst zu bestimmen, und demonstrierte der kritischen Weltöffentlichkeit gleichzeitig, dass sie sich ernsthaft um Reformen bemühten.

Nunmehr als König macht sich Abdallah dabei zunutze, dass die liberalen Oppositionellen und Schiitenführer gegenwärtig den Schulterschluss mit ihm suchen, weil die von al-Qaida vertretene ultrawahhabitische Alternative ihren Ansichten und Interessen noch mehr zuwiderlaufen würde. Gegenwärtig bestehen die "Liberalen" nicht einmal mehr auf freie Wahlen, weil sie einen Erfolg der Ultraislamisten fürchten. Insgesamt kommt den Al Saud letztlich entgegen, dass die saudische Gesellschaft zutiefst konservativ eingestellt ist und Bestand dem Wandel vorzieht. Vor diesem Dilemma stehen alle Umstürzler. Die Opposition ist zersplittert und weitgehend unorganisiert, keine Gruppe ist so tief in der Gesellschaft verwurzelt, wie es die Al Saud allein durch Größe, Tradition und Nutzung der verzweigten Klientelbeziehungen sind. Das zeigte sich nicht zuletzt 2011, als zaghafte Versuche, im Gefolge des "Arabischen Frühlings" auch in Saudi-Arabien gesellschaftliche und politische Veränderungen herbeizuführen, im Sande verliefen. Unruhepotenzial ist gegenwärtig noch am ehesten mit den weiterhin diskriminierten Schiiten zu verbinden.

Fazit

In Saudi-Arabien besteht nicht nur schlechthin eine Koexistenz zwischen System und Religion, Königshaus und höchste Geistlichkeit leben sogar in einem fast symbiotischen Verhältnis. Die namhaftesten Rechtsgelehrten bescheinigen den Al Saud, in Übereinstimmung mit den Lehren Ibn Abd al-Wahhabs zu leben und zu herrschen und ihrer Aufgabe im Weltislam gerecht zu werden: zum einen als Hüter der beiden heiligsten Stätten des Islam und zum anderen als Förderer und Finanzier islamischer Institutionen in aller Welt. Der Geistlichkeit verhilft der Kontrakt hingegen zu politischen, sozialen, kulturellen, selbst wirtschaftlichen Privilegien in der Gesellschaft, die im internationalen Maßstab wohl nur in Iran übertroffen werden.

Bei der eher zu- als abnehmenden Bedeutung des Islam für Identitätsgefühl und Lebensgestaltung der Saudis geht Gefahr für die religiöse Legitimierung der Al Saud eher von dem Vorwurf aus, den selbst gestellten und von Tradition und Gesellschaft vorgegebenen Maßstäben nicht gerecht zu werden, als etwa zu "fundamentalistisch" oder orthodox zu sein. Seit den ersten Petitionen der Geistlichkeit unmittelbar nach dem Zweiten Golfkrieg sind immer wieder Forderungen einzelner Rechtsgelehrter, politischer Oppositionsgruppen und Prediger nach einem Umdenken der Al Saud beziehungsweise ihrer Rückkehr zu den Fundamenten des Wahhabismus laut geworden. So lange aber die Mehrheit der Bevölkerung davon ausgeht, dass der Vorwurf die Al Saud nicht grundsätzlich trifft, sondern allenfalls in Einzelaspekten beziehungsweise einzelne Mitglieder, und so lange die Königsfamilie durch ostentatives Entgegenkommen in dieser Frage Lernfähigkeit beweist, bleibt diese Legitimitätsgrundlage ihrer Herrschaft stabil.

Insgesamt haben die Al Saud jedenfalls eine erstaunliche politische Regulierungsfähigkeit und Flexibilität entwickelt und bewiesen. Seit dem Beginn des Erdölbooms durchliefen Land und Gesellschaft, über die sie herrschen, einen rapiden Wandel. Die Bevölkerung wuchs rasant, ebenso wie der Grad der Urbanisierung und der allgemeinen Bildung. Gleichzeitig hat Saudi-Arabien aber auch Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Rezession erfahren. 1990/91 war es durch den Zweiten Golfkrieg mit seiner bisher größten Herausforderung konfrontiert. "If as a result of all these changes (…) and the outcome of the Gulf War there is no more dissent than the current opposition, then the system is likely to survive for quite some time."[21] Auch gegenwärtig kann ein Resümee kaum anders lauten.

Fußnoten

21.
Vgl. M. Fandy (Anm. 4), S. 243.
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