Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Nora Derbal

Zwischen Reformversprechen und Status quo: Frauen in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien müssen sich Frauen verschleiern. Ob Muslima oder nicht, Einheimische oder Ausländerin – Frauen sind dazu aufgefordert, außerhalb des Privaten die ‘abaya, ein schwarzes Ganzkörpergewand, zu tragen.[1] Kaum ein Aspekt Saudi-Arabiens erzeugt so viel Aufmerksamkeit außerhalb der Landesgrenzen und erhitzt die Gemüter ähnlich wie die Frauenfrage. Der "orientalistische"[2] Blick vieler westlicher Medien suggeriert, dass der Ganzkörperschleier ein Sinnbild dafür ist, wie auf der Arabischen Halbinsel eine patriarchale, vormoderne Stammeskultur zusammen mit einer ultraorthodoxen, puritanischen Auslegung des Islam Frauen entrechtet, unterdrückt und aus dem öffentlichen Leben verbannt. Gegenüber dieser vermeintlich rückwärtsgewandten Kultur zeigt sich das Herrscherhaus als Emanzipator und Beschützer saudischer Frauen, indem es sich für liberale Reformen ausspricht, zugleich jedoch davor warnt, dass die Gesellschaft "Zeit für Veränderung" benötige. Weibliche saudische Intellektuelle wehren sich indes dagegen, auf ein Opferdasein reduziert zu werden. Aus der Mitte der Gesellschaft fordern Graswurzelinitiativen eine Ausweitung von Frauenrechten, während saudische Frauen auf den Arbeitsmarkt drängen.

Was verrät dieses komplexe und widersprüchliche Bild über die Situation saudischer Frauen in Saudi-Arabien?[3] Deuten die staatlichen Reformen der vergangenen Jahre auf eine Liberalisierung der Geschlechterpolitik und mehr weibliche Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben? Oder ist das Festhalten am Ganzkörperschleier ein Ausdruck für das gesellschaftliche Festhalten an einem erzkonservativen Frauenbild und damit verbundenen Einschränkungen von Frauenrechten? Frauen sind in Saudi-Arabien vielfach Repressionen ausgesetzt. Dennoch greift eine kulturalistische Darstellung der saudischen Frau als Opfer ihrer Kultur und Gesellschaft, die mit Prädikaten belegt wird wie "patriarchal", "tribal" und "beduinisch" zu kurz, um die Geschlechterordnung im Königreich zu verstehen.[4] Wie die folgenden Ausführungen zeigen, muss die Frauenfrage im historisch gewachsenen politischen Gefüge des Landes verortet und diskutiert werden.

Ein Leben lang unmündig

Spricht man mit Frauen in Saudi-Arabien über ihre Ansichten zu ‘abaya und Verschleierung, so verweisen sie auf die relative Bedeutungslosigkeit von Kleidungsvorschriften im Vergleich zu anderen geltenden und die Geschlechterordnung betreffenden Gesetzen. Die saudische Gesellschaftsordnung wurde 1992 in einer Grundgesetzverordnung beschrieben, welche den Koran und die Prophetentradition (Sunna) als Verfassung und die Scharia als Rechtsrahmen des Landes proklamiert.[5] Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Frauen unter der Obhut eines männlichen, legalen Vormunds (mahram) stehen. Als solcher gilt üblicherweise der Ehemann oder ein männlicher Verwandter der Frau wie der Vater, ein Bruder oder Sohn.

Befürworter des bestehenden Vormundschaftssystems verweisen darauf, dass dieses Frauen beschütze – ähnlich dem Sorgerecht in Deutschland, das als höchstes Prinzip das Wohl von Schutzbedürftigen verfolge. Seine Gegner kritisieren, dass saudische Frauen nur mit der Zustimmung ihres Vormunds eine Fülle von Grundrechten wahrnehmen können. Beispielsweise braucht eine Frau das Einverständnis ihres mahram, um einen eigenen Personalausweis zu beantragen, höhere Bildungseinrichtungen zu besuchen sowie für eine Vielzahl medizinischer Eingriffe. Frauen können ohne seine Unterschrift keine Verträge abschließen, zum Beispiel keinen Miet-, Arbeits- oder Handyvertrag. Nur mit seiner schriftlichen Zustimmung dürfen sie verreisen. Die Ungleichheit vor dem Gesetz, die das Vormundschaftssystem besiegelt, benachteiligt saudische Frauen im Erb- und Wirtschaftsrecht, in Scheidungsprozessen und in Sorgerechtsprozessen um ihre Kinder.[6]

Diese lebenslange Entmündigung wird durch die wörtliche Auslegung eines unter muslimischen Gelehrten höchst umstrittenen Koranverses gerechtfertigt, der besagt: "Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat."[7] An dieser Stelle muss ausdrücklich betont werden: Nicht "der Islam" entmündigt Frauen in Saudi-Arabien. Vielmehr hält das saudische Regime eine Gesellschaftsordnung aufrecht, die Frauen vor dem Gesetz marginalisiert. Selektiv stützt sich die Regierung in Angelegenheiten des Zivilrechts auf die Scharia, eine spezifisch islamische, "umfassende Rechts- und Werteordnung"[8] auf der Grundlage von Koran und Sunna. In Saudi-Arabien sind die Modalitäten ihrer Auslegung maßgeblich von einer Gruppe männlicher religiöser Rechtsgelehrter geprägt: dem "Rat der hochrangigen Gelehrten" (Hay’at kibar al-‘ulama’) und dem obersten Mufti (Dar al-ifta’). Beide Instanzen werden, staatlichen Behörden ähnlich, von der Regierung finanziert und mit von ihr ernannten hanbalitischen Rechtsgelehrten besetzt. Indem sich diese Gelehrten an die Wahhabiyya anlehnen, die eine zeitgenössische und plurale Auslegung des Islam verurteilt, beansprucht ihre Interpretation überzeitliche Geltung,[9] derer sich die saudische Regierung bedient – etwa um eine "schariagerechte" Geschlechterordnung durchzusetzen. Andere Bereiche wie das inländische Finanz- und Wirtschaftswesen sollen zwar in Vereinbarkeit mit der Scharia abgewickelt werden, fallen aber in der Regel unter nichtreligiöse Instanzen der Rechtsprechung.[10]

Kulturgut Frau

Die rechtliche Bindung der Frau an ihren mahram gehört zu den Maßnahmen einer symbolischen Geschlechterpolitik, die sich bewusst "islamisch" geriert, jedoch vielmehr als ein wirkungsmächtiges Instrument der Herrschaftssicherung des Königshauses angesehen werden muss.[11] Rechtlich und räumlich werden Frauen von der herrschenden Politik eingegrenzt und auf die Kategorie Frau reduziert. Um den "islamischen" Charakter der Regierungsführung zu betonen, inszeniert diese die saudische Frau als idealtypische Muslima – eine weithin sichtbare Haltung, die zeigen soll, dass sich das Königshaus für den "islamischen" Charakter des Landes und sein "traditionelles" Erbe einsetzt. Gleichzeitig dient die saudische Frau als Symbol nationaler Einheit und als Distinktionsmerkmal saudischer Identität, das es – gleich einem Kulturgut – zu erhalten gilt. Das konservative Frauenbild, dessen sich die politische Leitkultur dabei bedient, bezieht sich auf religiöse und lokale Bräuche der zentralarabischen Region Najd, dem Ursprungsland der Königsfamilie. So ist beispielsweise die ‘abaya, die heute im ganzen Land von Frauen getragen und in westlichen Darstellungen häufig als "islamisch" und "saudisch" per se präsentiert wird, ein Kleidungsstück, das noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur von Frauen der Stämme Zentralarabiens getragen wurde. Etwa im Westen der Arabischen Halbinsel verschleierten sich Frauen lediglich mit einem weiten Tuch, das um die Körpermitte getragen und entlang der Unterarme eingeschlagen wurde.[12]

Dass die saudische Regierung durch eine gezielt "islamische" Regierungspraxis unter maßgeblicher Einbindung von religiösen Gelehrten Legitimität erfährt, geht auf eine historische Allianz zwischen politischer Führung und religiöser Doktrin im 18. Jahrhundert zurück.[13] Verschiedene sozioökonomische Entwicklungen haben außerdem zur Durchsetzung des idealtypischen Rollenbilds der saudischen Frau als Muslima, Hausfrau und Mutter beigetragen: zum einen die Erdölförderung und die damit einhergegangenen rapiden Veränderungen der Gesellschaft seit den 1960er Jahren. Erst die Modernisierung der Arbeits- und Lebenswelt bei gleichzeitig wachsendem Wohlstand ermöglichten es, auf Frauen als Arbeitskräfte zu verzichten und ihnen das "Privileg" der häuslichen Familienwelt zu gewähren. Zum anderen erlaubten die Einnahmen aus der Erdölförderung den Aufbau staatlicher Institutionen, die gleichsam die Institutionalisierung von als islamisch propagierten Normen verkörperten und vorantrieben. Hier ist besonders die geschlechtergetrennte Bildungslandschaft zu nennen, die im 1969 erlassenen Verbot von gemischtgeschlechtlichen Arbeitsplätzen fortgeschrieben wurde.

Die politisch verordnete Segregation der Geschlechter und die Bindung der Frau an ihren mahram wirken sozialen Veränderungen entgegen und fangen eine häufig damit einhergehende gesellschaftliche Verunsicherung ab, indem sie ein als "traditionell" und "islamisch" inszeniertes Familienbild verordnen. Beispielsweise rechtfertigte in den 1960er Jahren König Faisal gegenüber Kritikern im Land die Einführung der Schulbildung für Mädchen im Königreich damit, dass sie Mädchen ermögliche, bessere Hausfrauen und Mütter zu sein, da ihre Bildung letztlich den Kindern der saudischen Nation zugutekomme. Die Inszenierung der "traditionellen" saudischen Familie, in der die saudische Frau auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert wird, verkennt die historische Tatsache, dass Frauen vor der Erdölrevolution unter anderem aufgrund der ökonomischen Notwendigkeit auch außerhalb des familiären Haushalts arbeiteten.[14] Um darüber hinaus die Konformität der Mädchenbildung mit "islamischen" Werten zu bekräftigen, wurde diese an das Ministerium für Islamische Angelegenheiten, Stiftungen, Missionstätigkeit und Rechtleitung ausgelagert, im Gegensatz zur Bildung männlicher Schüler, die von Anfang an dem Bildungsministerium unterstand.

Ähnlich ausgelagert erfolgt die Überwachung der Geschlechterordnung und damit verbundener Normen wie das angemessene Verschleiern durch eine Sittenpolizei (hay’a), auch Religionspolizei genannt. Dabei handelt es sich komplementär zur zivilen Polizei um eine Art moralisches Organ, dessen Vorsitzender den Rang eines Kabinettsministers bekleidet. Aufgrund ihrer häufigen Übergriffe fördert sie gerade unter jungen Frauen eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit im öffentlichen Raum. Obwohl die tatsächliche Wirkungsmacht der Sittenpolizisten begrenzt ist und regional sehr unterschiedlich ausfällt, ist sie ein bedeutungsstarkes Symbol für die "islamische" Staatsführung der saudischen Regierung.

Fußnoten

1.
Ohne ‘abaya toleriert werden Angestellte an Krankenhäusern und Pilgerinnen während der Hajj. Außerdem herrschen eigene Kleiderregeln beispielsweise innerhalb westlicher Compounds, an der König Abdallah Universität für Technologie und Naturwissenschaften und bei der Erdölgesellschaft Aramco.
2.
"Orientalismus" beschreibt nach Edward Said ein politisches Projekt, das den Islam als Determinante muslimischer Gesellschaften festschreibt, der als das exotische Andere und Negativfolie einer vermeintlich überlegenen, fortschrittlichen westlichen Zivilisation konstruiert wird. Vgl. Edward Said, Orientalism, New York 1979.
3.
Die hohe Präsenz nicht-saudischer Frauen in Saudi-Arabien sollte bei der Betrachtung saudischer Frauen mitbedacht werden, ihre Lebenswelten unterscheiden sich jedoch stark.
4.
Vgl. Lila Abu Lughod, Do Muslim Women Really Need Saving?, in: American Anthropologist, 104 (2002) 3, S. 783–790.
5.
Al-nizam al-asasi lil-hukm, http://www.saudiembassy.net/about/country-information/laws/The_Basic_Law_Of_Governance.aspx« (17.9.2014).
6.
Vgl. Human Rights Watch, Perpetual Minors, April 2008, http://www.hrw.org/reports/2008/04/19/perpetual-minors-0« (17.9.2014).
7.
Sure 4, Vers 34.
8.
Gudrun Krämer, Skripte, http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/islamwiss/_media/Dateien/Kraemer_Skripte« (1.10.2014).
9.
Zur eigenständigen Urteilsbemühung (ijtihad) in der saudischen Rechtsprechung vgl. Frank E. Vogel, Islamic Law and Legal System. Studies of Saudi Arabia, Leiden 2000.
10.
Vgl. Esther van Eijk, Sharia and National Law in Saudi Arabia, in: Jan Michiel Otto (Hrsg.), Sharia Incorporated, Leiden 2010, S. 139–180.
11.
Vgl. Eleonor A. Doumato, Gender, Monarchy and National Identity in Saudi Arabia, in: British Journal of Middle Eastern Studies, 19 (1992) 1, S. 31–47.
12.
Vgl. Mai Yamani, Cradle of Islam: The Hijaz and the Quest of an Arabian Identity, London 2004.
13.
Siehe auch Henner Fürtigs Beitrag in diesem Heft (Anm. d. Red.).
14.
Vgl. beispielhaft Soraya Altorky/Donald Cole, Arabian Oasis City: The Transformation of ‘Unaiza, Texas 1989.
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Autor: Nora Derbal für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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