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Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Nora Derbal

Zwischen Reformversprechen und Status quo: Frauen in Saudi-Arabien

Staatliche Reformen im Kontext politischer Instabilität

Besonders in Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderung und politischer Instabilität dient Geschlechterpolitik der saudischen Regierungsführung als ein wichtiges Instrument. Als Reaktion auf die heftige Kritik an der Verwestlichung der Königsfamilie und des saudischen Alltags, die 1979 in der Besetzung der Großen Moschee in Mekka gipfelte, verschärfte die Regierung ihre Geschlechterpolitik sichtbar, unter anderem indem sie Ausländerinnen verpflichtete, ihre Körper zu verschleiern. Ebenso reagierte König Fahd auf die Kritik am proamerikanischen Kurs der saudischen Regierung während der Golfkrise 1990 unter anderem mit einem demonstrativen Autofahrverbot für Frauen. Andererseits gab sich die Regierung unter dem internationalen Druck in Folge des 11. September 2001 prowestlich und dem "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" zugewandt, indem sie gezielt in einen Reformdiskurs investierte, dessen Aushängeschild die Ausweitung der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen ist. Ähnlich reagierte das saudische Herrscherhaus auf den als Bedrohung empfundenen sogenannten Arabischen Frühling und präsentierte sich als "liberale" und "reformorientierte" Monarchie, indem es Frauen in den Schura-Rat, eine beratende Versammlung ohne (legislative) Machtbefugnisse, ernannte und ihnen die Beteiligung an den Gemeinderatswahlen 2015 in Aussicht stellte.

König Abdallah, seit 1995 de facto Herrscher über Saudi-Arabien, erscheint im Rahmen des Reformdiskurses der Regierung als liberaler Reformer und Emanzipator saudischer Frauen. Entgegen seinem Ruf sind die tatsächlichen Reformschritte, die im Namen des 91-jährigen, seit Jahren schwerkranken Königs angestoßen wurden, bislang größtenteils rein symbolischer Natur. Durch Initiativen wie eine Sitzung im Nationalen Dialogforum zu den Rechten und Pflichten der Frau 2004 hat sich das Regime des "Themas Frau" bemächtigt und diktiert die Leitlinien der Diskussionskultur. Im Rahmen von Reformmaßnahmen ernennt es bestimmte Frauen in auffallend sichtbare, symbolische Positionen, deren Funktion es ist, die Gesamtheit saudischer Frauen zu repräsentieren, ohne sie tatsächlich mit ausführenden Machtbefugnissen auszustatten. Diese "Vorzeigefrauen"[15] sind jedoch nur bedingt repräsentativ: Zum einen wurden sie nicht gewählt, sondern vom König ernannt, zum anderen handelt es sich vornehmlich um Mitglieder einer kleinen, wohlhabenden Elite, die auf diesem Weg bedient und kooptiert wird. Der Regierung gelingt es, sich reformorientiert darzustellen, wie das positive Echo auf ähnlich gesteuerte symbolhafte Maßnahmen, etwa die Beteiligung saudischer Frauen am Nationalen Dialogforum oder die Berufung von Nura al-Faiz zur ersten Vizeministerin für Mädchenbildung 2009, zeigt.[16]

Innersaudische Diskurslinien in der Frauenfrage

Die saudische Regierung erlaubt zwar, die Frauenfrage zu diskutieren, zugleich setzt sie jedoch die Grenzen des Sagbaren, indem sie die Institutionen kontrolliert, in denen sie verhandelt werden darf, etwa die Presse, das Internet und die von ihr geschaffenen Menschenrechtsorganisationen.

Wenngleich der in Saudi-Arabien häufig verwendete Begriff "Frauenfrage" aus einem Diskurs stammt, der im 19. Jahrhundert in Europa maßgeblich von feministischen Bewegungen geprägt wurde, distanzieren sich saudische, insbesondere islamistische Akteure in der Regel von einer Bezeichnung als "feministisch", weil sie mit der ungewollten Übernahme westlicher Werte gleichgesetzt wird. Normativer Referenzpunkt in der Frauenfrage ist vielmehr der Islam.[17] Sogenannte liberale Intellektuelle, die in Saudi-Arabien meist als "Säkularisten" (‘ilmaniyun) bezeichnet werden, da sie nicht für eine Islamisierung der Gesellschaft eintreten, diskutieren "Frauenrechte" ebenso häufig im Kontext von Koran und Sunna wie sogenannte islamistische Feministinnen, die sich darüber definieren, dass sie in der Islamisierung der Gesellschaft die Verwirklichung einer gerechten Gesellschaftsordnung sehen. Anhängerinnen und Anhänger beider Lager argumentieren beispielsweise für das Recht von Frauen auf selbstständiges Autofahren mit der Begründung, dass der Koran Frauen Autofahren nicht verbiete. Das Beispiel Aischas, der Frau des Propheten, die für ihre Beteiligung an der "Kamelschlacht" im Jahr 656 bekannt ist, zeige, dass Autofahren – analog zum Kamelreiten – mit der Scharia vereinbar sei. Selbst autofahrende Aktivistinnen bleiben damit innerhalb einer politischen Leitkultur, in der das Gemeinwohl darüber bestimmt wird, was als "islamisch" anerkannt wird.

Graswurzelinitiativen wie der Protest autofahrender Frauen kratzen am vorhandenen gesellschaftlichen Rollenbild der idealtypischen saudischen Frau als unmündiger Hausfrau. Ähnlich bemerkenswerte Initiativen mit weitreichenden Folgen sind beispielsweise die Forderung der seit 2005 zugelassenen Jurastudentinnen, als rechtmäßige Anwältinnen zugelassen zu werden; eine 2010 an den König gerichtete Petition für die Aufnahme von Studentinnen an der prestigeträchtigen König Fahd Universität, die Frauen für die Arbeit im Erdölsektor befähigen würde; private Frauenuniversitäten, die Frauen zu Ingenieurinnen und Architektinnen ausbilden – Bereiche, die bis vor kurzem Männern vorbehalten waren; und schließlich Frauen, die durch ihr Erscheinen bei Stadtverwaltungssitzungen in Jidda 2013 mehr weibliche Teilhabe an politischen Prozessen forderten.

Frauen äußern sich vornehmlich zu sogenannten Frauenthemen und Frauenrechten. Das gilt auch für den Bereich Kunst und Kultur, wo sich saudische Frauen in Literatur, Film und Malerei kritisch mit ihrem Leben im Königreich auseinandersetzen und Tabus und Missstände wie sexuelle Selbstbestimmtheit und häusliche Gewalt, die Abhängigkeit vom mahram und wirtschaftliche Existenzangst thematisieren. Umgekehrt diskutieren auch Männer über die Frauenfrage, und sei es, um ihre Solidarität zu bekunden. Aufgrund der ihnen auferlegten strukturellen Zwänge sind insbesondere Frauen von der schleichenden Verarmung betroffen, die zunehmend in der saudischen Gesellschaft um sich greift. Hohe Arbeitslosenzahlen bei stetig hohen Geburtenraten erlauben jungen saudischen Familien längst nicht mehr, auf das Einkommen von Frauen zu verzichten. Frauen drängen auf den Arbeitsmarkt und ergreifen Anstellungen, die noch vor kurzem undenkbar waren, etwa als Verkäuferinnen oder Journalistinnen.[18]

Fußnoten

15.
Vgl. zur Rolle von exceptional women Madawi al-Rasheed, A Most Masculine State, Cambridge 2013.
16.
Vgl. Amélie Le Renard, "For Women Only": Women, the State, and Reform in Saudi Arabia, in: Middle East Journal, 62 (2008) 4, S. 610–629.
17.
Vgl. dies., Personal Development and "Women’s Rights": Women’s Appropriation of Religion in Saudi Arabia, in: Critique Internationale, (2010) 46, S. 67–86.
18.
Siehe auch Sebastian Sons' Beitrag in diesem Heft (Anm. d. Red.).
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Autor: Nora Derbal für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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