Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Nora Derbal

Zwischen Reformversprechen und Status quo: Frauen in Saudi-Arabien

Weibliche (Frei-)Räume und Mobilität

Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt können zu einer Neuaushandlung von gesellschaftlichen Normen führen: Zum Beispiel haben sie Debatten darüber angestoßen, ob das Aufeinandertreffen von nichtverwandten Männern und Frauen (ikhtilat) nur dann unrechtmäßig sei, wenn eine Frau allein auf einen Mann in einem geschlossenen Raum (khulwa) trifft. Wie in keinem anderen Land ist der saudische Alltag durch eine Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum geprägt. Die rechtlich verordnete und gesellschaftlich sanktionierte Geschlechtertrennung wird aufgrund der Annahme durchgesetzt, dass das Aufeinandertreffen von Männern und Frauen, die in keinem direkten familiären Verhältnis zueinander stehen, zu Schande (‘ib) und Sittenverfall beitrage.

Bei der Geschlechtertrennung handelt es sich jedoch nicht um eine Aufteilung der Gesellschaft in einen männlich-öffentlichen Raum einerseits und einen weiblich-privat-häuslichen Raum andererseits. Es wäre ein Fehlschluss zu glauben, Frauen seien vom gesellschaftlichen Leben gänzlich ausgeschlossen. Vielmehr zeichnet sich die städtische Lebenswelt Saudi-Arabiens zunehmend durch die Existenz paralleler öffentlicher Räume aus: zum einen ein männlich dominierter öffentlicher Raum, der von saudischen Männern und Ausländern frequentiert wird, zum anderen ein häufig verschlossener, aber nichtsdestotrotz öffentlicher Raum saudischer Frauen, in dem nichtverwandte Saudi-Araberinnen aufeinandertreffen und zueinander in Beziehung treten.[19] Bestes Beispiel für diese Art der geschlechtergetrennten parallelen Öffentlichkeiten ist die saudische Bildungslandschaft.[20] So hat beispielsweise die staatliche König Abd al-Aziz Universität in Jidda jeweils einen Campus für Männer und Frauen. Obwohl räumlich nur wenige hundert Meter voneinander getrennt, sind die Mauern des Frauencampus für Studenten kaum zu überwinden. "Gemeinsame", das heißt gemischtgeschlechtliche Seminare, finden über Video- beziehungsweise Audioliveschaltung statt.

Die Bereiche des öffentlichen Lebens, die ausschließlich Frauen vorbehalten sind,[21] wachsen seit den 1960er Jahren stetig: Heutzutage existieren eigens für Frauen eingerichtete ministerielle Behörden, Wartehallen und Beratungsstellen, Geschäfte, Bankfilialen, Fitnessstudios und Festhallen für die üblicherweise getrenntgeschlechtlichen Hochzeitsfeste. Des Weiteren haben Frauen Zugang zu Bereichen, die Familien vorbehalten sind. Dabei handelt es sich um Räume, zu denen Frauen de facto allein (beziehungsweise in Frauengruppen) Zutritt haben, Männern ohne weibliche Begleitung jedoch der Zugang verwehrt wird. Unter diese Regelung fallen viele Restaurants und Cafés, Vergnügungsparks und Museen.[22] Die Entwicklung hin zum stetigen Ausbau von rein weiblichen öffentlichen Räumen in den Städten Saudi-Arabiens fordert unser westliches Gesellschaftsbild heraus, in dem gesellschaftliche Teilhabe von Frauen daran bemessen wird, inwiefern diese an einer – nach wie vor in weiten Teilen der Welt – männlich dominierten Öffentlichkeit partizipieren.

Dass trotz dieser verschiedenen Entwicklungen häufig der Eindruck entsteht, Frauen könnten in Saudi-Arabien nur bedingt am gesellschaftlichen Leben teilhaben, mag unter anderem an ihrer eingeschränkten Mobilität liegen. Saudi-Arabien hat kaum öffentliche Verkehrsmittel – und wo es diese gibt, ist Frauen deren Nutzung untersagt.[23] Dies erklärt die Bedeutung des vielzitierten Autofahrverbots für Frauen. Tatsächlich findet sich kein Gesetz, das Frauen das Autofahren verbietet. Indirekt sind Frauen jedoch vom selbstständigen Fahren ausgeschlossen, da ihnen im Land kein Führerschein ausgestellt wird. Somit beschränkt sich die Mobilität von Frauen, die sich keinen eigenen Fahrer leisten können, auf die Nutzung von Taxis, was viele als potenzielle Schande (‘ib) und Gefahr ansehen, da Frauen im geschlossenen Raum des Autos dem fremden Taxifahrer ausgeliefert seien. Die meisten Frauen sind deshalb in ihren Bewegungen von männlichen Angehörigen abhängig, was für Familien eine enorme auch zeitliche Belastung darstellt.

Kann ökonomischer Zwang Freiheit schaffen?

In den Metropolen des Landes zeichnet sich eine Veränderung des gesellschaftlichen Rollenbilds der idealtypischen saudischen Frau ab.[24] Durch ihr selbstbestimmtes Auftreten gewinnen saudische Frauen auf dem Arbeitsmarkt Freiräume außerhalb der Familie. Die Notwendigkeit zu arbeiten und der Wunsch, am globalen Konsum teilzuhaben, der ebenso wie Fernsehen und Internet die saudische Alltagskultur stark beeinflusst, schaffen gleichzeitig neue Zwänge, denen sich Frauen unterworfen sehen. Etwa bedeutet eine berufliche Karriere häufig Einschränkungen in der Familienplanung und nicht selten werden Anforderungen des Arbeitsmarktes, wie Pünktlichkeit und Disziplin als unerwünschte Einschränkungen wahrgenommen.

Die Rolle des saudischen Staates bleibt höchst ambivalent. Wenngleich sich dieser hinsichtlich der bestehenden Gesellschaftsordnung reformorientiert inszeniert, waren die tatsächlichen Reformen bislang kosmetischer Natur. Der Furor, der sich im Internet vor allem über Twitter in Saudi-Arabien entlädt und die Religionsgelehrten des Regimes scharf für die Gängelung von Frauen kritisiert,[25] sollte hellhörig machen, wenn es heißt, die saudische Gesellschaft stehe hinter einer Marginalisierung von Frauen, der Staat hingegen beschütze diese. Vielmehr organisieren sich Frauen zunehmend in staatsunabhängigen Graswurzelinitiativen, die mehr Frauenrechte fordern. Trotz staatsfeministischer Fassade marginalisiert die Geschlechterpolitik des Regimes nach wie vor Frauen in Saudi-Arabien. In diesem Sinne werden Frauen von Politik und Gesetz unmündig und entrechtet gehalten – und haben damit, obwohl saudi-arabische Männer ebenfalls nicht den Schutz ihrer Menschen- und Bürgerrechte genießen, besonders unter den undemokratischen Strukturen des saudischen Staates zu leiden.

Fußnoten

19.
Vgl. Amélie Le Renard, Femmes et espaces publics en Arabie saoudite, Paris 2011.
20.
Vgl. Eleanor Abdella Doumato, Education in Saudi Arabia: Gender, Jobs, and the Price of Religion, in: Eleanor Abdella Doumato/Marsha Pripstein Posusney (Hrsg.), Women and Globalization in the Arab Middle East, Boulder 2003.
21.
Praktische Gründe, Gebäudeinstandhaltung oder Gartenarbeiten erlauben regelmäßig männlichen Angestellten den Zugang zu vielen Räumen, die an sich Frauen vorbehalten sind.
22.
Bereiche mit weniger klar definierten Grenzen zwischen den Geschlechtern finden sich im urbanen Raum häufig in ärmeren Stadtteilen, aber je nach Landesteil spezifisch.
23.
Hiervon ausgenommen sind Flugzeuge, ein verbreitetes und relativ günstiges Verkehrsmittel zwischen den Städten des Landes.
24.
Vgl. Amélie Le Renard, A Society of Young Women, Stanford 2014.
25.
Aktuelle Beispiele in Joseph A. Kechechian: Legal and Political Reform in Sa‘udi Arabia, London–New York 2013, S. 43–51, S. 59ff., S. 214–217.
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Autor: Nora Derbal für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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