Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Guido Steinberg

Saudi-Arabien als Partner deutscher Politik

Der Widersacher

Die sehr pragmatische und prowestliche Außenpolitik der Herrscherfamilie stand immer im Widerspruch zur inneren Verfasstheit des Königreichs. Die politische Kultur des Landes wird bis heute durch die enge Bindung zwischen dem Herrscherhaus und den wahhabitischen Religionsgelehrten geprägt. Ihren Ursprung hat diese Bindung im Jahr 1744, als der Begründer und Namensgeber der Wahhabiyya, Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, sich mit dem Stammvater der saudischen Herrscherfamilie, Muhammad Ibn Saud, verbündete.[4] Während der Herrscher von der Legitimierung durch eine besonders wirkmächtige religiös-politische Ideologie profitierte, erhielten die Gelehrten ein politisches Mitspracherecht und dominierten Justiz, Erziehung und den religiösen Lebensbereich.

Ibn Abd al-Wahhab und seine Anhänger waren der Überzeugung, dass sich die zentralarabische Gesellschaft vom wahren Islam abgewandt hatte und durch eine Rückkehr zum Glauben und Leben der frühen Muslime im siebten Jahrhundert reformiert werden müsse. Die Wahhabiten glaubten, die Gesellschaft des Propheten und seiner Gefährten in Mekka und Medina wiederaufleben lassen zu können und bezogen daraus ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das mit einer strikten Abgrenzung von Nichtmuslimen einherging. Als Muslime galten den Wahhabiten aber nur jene, die ihre Glaubenslehre und ihre strikten Verhaltensvorschriften vorbehaltlos übernahmen. Dies führte nicht nur dazu, dass sie eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Christen und Juden entwickelten und die Schiiten ebenso wenig als Muslime akzeptierten, sondern sie betrachteten auch nichtwahhabitische Sunniten als Abtrünnige, die in einem "Heiligen Krieg" bekämpft werden durften. So wurde die Wahhabiyya zur perfekten Ideologie für den expandierenden saudi-arabischen Staat, der innerhalb von wenigen Jahrzehnten große Teile der Arabischen Halbinsel eroberte. In den folgenden zwei Jahrhunderten gelang es den Gelehrten in Saudi-Arabien wie in keinem anderen arabischen Land, ihre starke Stellung in Gesellschaft, Justiz und Erziehung zu bewahren. Dies wurde möglich, weil sie ihren Einfluss auf die zutiefst konservative und religiöse Bevölkerung Zentralarabiens nie verloren. Schon deshalb hatte die Herrscherfamilie kein Interesse daran, sie vollkommen zu entmachten. Vielmehr profitierte sie davon, dass die wahhabitischen Gelehrten nicht nur ihre Herrschaft insgesamt, sondern auch einzelne kontroverse Entscheidungen legitimierten. Der bekannteste Vorfall dieser Art war ein Rechtsgutachten von August 1990, in dem die führenden Kleriker des Landes die Entscheidung der Regierung guthießen, US-amerikanische Truppen zum Schutz vor einem möglichen irakischen Angriff ins Land zu holen.[5] Die Unterstützung durch die Gelehrten war in diesem Fall besonders wichtig, weil viele Saudis die Präsenz von US-Amerikanern auf dem Territorium des Königreichs ablehnten.

Der Preis für die Unterstützung durch die wahhabitischen Gelehrten war und ist hoch. Denn sie prägen die politische Kultur des Landes vor allem dadurch, dass sie jeglichem Wandel enge Grenzen setzten. Dies betrifft beispielsweise die zwei bis drei Millionen Schiiten, die mehrheitlich im Osten des Landes leben und harten Benachteiligungen ausgesetzt sind. Sie gelten den Wahhabiten als besonders verabscheuungswürdige Ungläubige und schlimmer als Juden und Christen, weil sie fälschlicherweise behaupten, Muslime zu sein, und so die wahre Religion von innen korrumpieren. Eine vollständige Gleichberechtigung ist deshalb ausgeschlossen, obwohl der gegenwärtige König Abdallah mehrfach Erleichterungen für die Schiiten durchgesetzt hat. Weitergehende politische Reformen stoßen stets an enge Grenzen und ein wirklich grundlegender Wandel wird erst dann möglich werden, wenn das althergebrachte Bündnis mit den Gelehrten aufgekündigt ist.

Die Allianz zwischen Thron und Altar hat außerdem weitreichende außenpolitische Folgen. Zu Beginn der 1960er Jahre entwarf der saudi-arabische Kronprinz und spätere König Faisal eine außenpolitische Strategie, die darauf abzielte, das Land zu einer Führungsmacht unter konservativen und prowestlichen islamischen Ländern zu machen. Faisal ging es vor allem darum, Verbündete im Konflikt mit Ägyptens damaligem Präsidenten Gamal Abd al-Nasser und generell in der Auseinandersetzung mit den monarchiefeindlichen Nationalisten in der Region zu finden. Da war es nur folgerichtig, dass Faisal die Rolle Saudi-Arabiens als Heimat der Heiligen Stätten in Mekka und Medina betonte und die internationalen Verbindungen der Gelehrten des Landes nutzte. 1962 wurde die Gelehrtenorganisation Islamische Weltliga (Rabitat al-‘Alam al-Islami) mit Sitz in Mekka gegründet. Mithilfe der in ihr organisierten islamistischen und wahhabitischen Gelehrten und Intellektuellen bemühte sich die saudi-arabische Führung, der ägyptischen Propaganda entgegenzutreten. Internationale und transnationale religiöse Verbindungen sollten helfen, politische Unterstützung der Muslime weltweit zu generieren und – als Bestandteil dieser Politik – die offizielle saudi-arabische Islaminterpretation zu verbreiten. Neben der Weltliga kam besonders der 1961 gegründeten Islamischen Universität von Medina große Bedeutung zu. Sie wurde zum Bildungszentrum der neuen Religionsaußenpolitik und war als Gegengewicht zur altehrwürdigen ägyptischen al-Azhar-Universität in Kairo geplant, die 1960 verstaatlicht worden war. Sie entwickelte sich zum internationalen Missionszentrum der Wahhabiten.[6]

Die neue Religionsaußenpolitik stärkte islamistische Strömungen weltweit und trug zur Entstehung des modernen Salafismus bei, der nichts anderes ist als die Verbindung wahhabitischer Lehren mit einheimischen islamistischen Strömungen. Insbesondere die großzügige saudi-arabische Finanzierung von Moscheen, Kulturzentren und einzelnen Predigern trug dazu bei, dass diese weltweit Einfluss gewinnen konnten. Da salafistische Bewegungen ab den 1990er Jahren zu den wichtigsten Rekrutierungspools der Jihadisten wurden, wirkte die saudi-arabische Politik widersprüchlich. Denn die ideologischen Wurzeln des Jihadismus liegen in Saudi-Arabien, das, wenn es al-Qaida und den IS bekämpft, die Symptome eines Problems angeht, während es gleichzeitig die dem islamistischen Terrorismus zugrundeliegende Ideologie fördert.

Fußnoten

4.
Siehe auch Henner Fürtigs Beitrag in diesem Heft (Anm. d. Red.).
5.
Vgl. Nawaf E. Obaid, The Power of Saudi Arabia’s Islamic Leaders, in: Middle East Quarterly, 6 (1999) 3, S. 51–58, http://www.meforum.org/482« (24.10.2014).
6.
Vgl. Guido Steinberg, Saudi-Arabien. Der Salafismus in seinem Mutterland, in: Behnam T. Said/Hazim Fouad (Hrsg.), Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg/Br. u.a. 2014, S. 265–296, hier: S. 274.
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Autor: Guido Steinberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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