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Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Andrij Portnov

Postsowjetische Hybridität und "Eurorevolution" in der Ukraine - Essay

Warum ist die Ukraine für Russland so wichtig?

Zur Erklärung der Krim-Annexion verwies der Kreml auf "historische Rechte" – obwohl die Halbinsel erst im späten 18. Jahrhundert erstmals von Russland erobert wurde – sowie auf den "Schutz unserer Landsleute", wie die russischsprachige Bevölkerung außerhalb Russlands üblicherweise bezeichnet wird. Bevor Präsident Wladimir Putin im Donbass intervenierte, sprach er offen von Novorossija, "Neurussland" – der Name bezeichnet die heutigen Gebiete der Ost- und Südukraine. Wie James Sherr vom britischen Thinktank Chatham House es ausdrückt, knüpft Russland seine Sicherheit offenbar an die beschränkte Souveränität seiner Nachbarn und macht seine "Landsleute" dort zum Instrument der Politik.[8] Dem Politikwissenschaftler Jörg Forbrig zufolge erlaubt die russische Interventionsstrategie, gegebenenfalls bei jedem der postsowjetischen Nachbarn einzugreifen, sollten dort innenpolitische Modelle oder außenpolitische Bündnisse angestrebt werden, die Moskaus Interessen zuwiderlaufen.[9]

Warum aber ist die Ukraine so wichtig für die Politik Russlands und das dortige öffentliche Bewusstsein? Putin selbst sprach mehrfach davon, dass Russen und Ukrainer "eigentlich ein Volk" seien.[10] In diesem Anspruch hallt die Debatte um eine "große russische Nation" innerhalb des russischen Reiches im 19. Jahrhundert nach.[11] Angesichts der zentralen Stellung der Ukraine, Kiews und der Taufe Prinz Wladimirs im Jahr 998 für die Idee einer orthodoxen "russischen Welt", wie sie in der russisch-orthodoxen Kirche verbreitet ist, lassen sich die Wurzeln dieser Sichtweise noch weiter zurückverfolgen.

Derartige russische Ansprüche lassen sich möglicherweise mit den Schwierigkeiten des postsowjetischen Russlands erklären, eine neue, nichtimperialistische Identität zu finden. 1997 betrachteten 56 Prozent der Russen die Ukraine und Russland als eine Nation, 2002 waren es 76 Prozent, 2004 sogar 79 Prozent. 2005 beurteilten 61 Prozent der Russen die Idee einer "Wiedervereinigung" mit der Ukraine als positiv.[12] Wie der russische Politikwissenschaftler Dmitri Furman hervorhebt, hat sich das russische Nationalbewusstsein bisher weder aus den imperialistischen noch aus den sowjetischen Fängen befreit – und betrachtet die postsowjetischen Grenzen der Russischen Föderation als unnatürlich und historisch ungerecht.[13] Dies ermöglicht es der politischen Elite, die autoritäre Entwicklung Russlands zu rechtfertigen, weil andernfalls – das heißt: mit größeren politischen Freiheiten – das Land Gefahr laufe, auseinanderzufallen. Zugleich erklärt dies die unglaubliche Unterstützung innerhalb Russlands (nämlich von mehr als 80 Prozent) für die Annexion der Krim. Der russische Soziologe Boris Dubin schlussfolgert, dass die Größen- und Statusveränderung des Landes keine wesentlichen Veränderungen im kollektiven Bewusstsein der Russen bewirkt habe: Sie betrachten das postsowjetische Russland in der Regel als Fortsetzung der UdSSR, allerdings in unnatürlich reduzierter Gestalt.[14]

Indem Putin die Krim annektierte und damit das Projekt Novorossija unterstützte, sicherte er sich einerseits kurzfristig seine Popularität; andererseits zog er Russland in einen militärischen Konflikt ohne Aussicht auf einen guten Ausgang und mit höchst gefährlichen langfristigen Folgen. Er erhoffte sich die massenhafte Unterstützung der Bevölkerung der Donbass-Region – und unterschätzte die ukrainische Identität und das ukrainische Militär ebenso wie die Fähigkeit der USA und Europas, seiner Politik Widerstand zu leisten. Als der Plan, umgehend zwei gleichsam unabhängige "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk zu bilden, zunächst fehlschlug, ging Russland offenbar zur Strategie über, den Osten der Ukraine in einen permanenten Unruheherd zu verwandeln. Das Funktionieren des ukrainischen Staates soll auf diese Weise empfindlich und dauerhaft gestört werden, um ihn so für den Westen inakzeptabel und das Land zu einem Pufferstaat zu machen, dessen Unruhe Russland nach Belieben anheizen oder dämpfen kann.[15]

Permanente Instabilität im Herzen Europas?

Während zwanzig Jahren postsowjetischer Existenz hat die Ukraine bei der Lösung politischer, religiöser und ökonomischer Konflikte physische Gewalt vermeiden können. Das Fehlen eines einheitlichen, nationalen öffentlichen Konsenses zu Fragen der Erinnerung und der Sprachen trug häufig weniger zur Teilung als vielmehr zur Stabilisierung des durch große Vielfalt charakterisierten Staates bei. Diese Mehrdeutigkeit wurde nicht nur zur Vermeidung sozialer Konflikte aufrechterhalten; sie verhinderte auch die Monopolisierung des öffentlichen Raumes im Dienste der einen oder anderen politischen Kraft. Bis zum 22. Januar 2014 war bei Massenprotesten oder Demonstrationen nie jemand zu Tode gekommen. Das von Gewalt begleitete Ende des Janukowytsch-Regimes und die russische Intervention in den östlichen Landesteilen haben die ukrainische Tradition gewaltfreier Lösungen politischer Probleme auf dramatische Weise zerstört und den ausgeprägten Pluralismus der Öffentlichkeit in der postsowjetischen Ukraine infrage gestellt.

Es scheint, als habe Putin den Charakter der kulturellen und sprachlichen ukrainisch-russischen Koexistenz innerhalb der Ukraine missverstanden und gedacht, im Alltag Russisch zu sprechen sei gleichbedeutend mit politischer Loyalität mit seinem Projekt "Neurussland". Derweil haben die russische Intervention und der fortdauernde Krieg die Bildung der politischen ukrainischen Nation sogar noch vorangetrieben. Ständig laut wiederholte Thesen vom kulturell gespaltenen Land führen zur falschen und irreführenden Annahme, die gegenwärtige Ukraine könne, analog zu der ehemaligen Tschechoslowakei, wie diese auf friedlichem Wege "einfach" aufgeteilt werden.

Anstatt sich mit unrealistischen und unweigerlich gewalttätigen Szenarien einer "Teilung" zu beschäftigen, sollte sich die Ukraine ernsthaft der Herausforderung stellen, ihre Hybridität als autonomen Teil ihrer komplexen Eigenart anzuerkennen – und die Vielfalt des Landes als seinen größten Schatz begreifen. Dies wäre ein Weg, um Pluralismus und Vieldeutigkeit als Voraussetzungen für Freiheit und Demokratie zu erhalten.

Fußnoten

8.
Vgl. James Sherr, Ukraina–Rossia–Evropa: otravlennyj treugolnik (Ukraine–Russland–Europa: Ein vergiftetes Dreieck), http://gazeta.zn.ua/internal/ukraina-rossiya-evropa-otravlennyy-treugolnik-_.html« (22.10.2014); Diplomacy and Security after Crimea. The New World Order, in: The Economist vom 22.3.2014, S. 9, http://www.economist.com/news/leaders/21599346-post-soviet-world-order-was-far-perfect-vladimir-putins-idea-replacing-it« (22.10.2014).
9.
Vgl. Jörg Forbrig, Crimea Crisis: Europe Must Finally Check the Putin Doctrine, 14.3.2014, http://edition.cnn.com/2014/03/14/opinion/ukraine-russia-putin-doctrine-joerg-forbrig/« (22.10.2014).
10.
Vgl. Putin: Rossia i Ukraina predstavliaut odin narod (Putin: Russland und Ukraine sind ein Volk), 4.9.2013, http://www.rg.ru/2013/09/04/ukraina-anons.html« (22.10.2014).
11.
Zu den russisch-ukrainischen Beziehungen und dem modernen ukrainischen Nationsprojekt vgl. David Saunders, The Ukrainian Impact on Russian Culture 1750–1850, Edmonton 1985; Alexei Miller, The Ukrainian Question. The Russian Empire and Nationalism in the 19th Century, Budapest 2003; Serhii Plokhy, Unmaking Imperial Russia: Mykhailo Hrushevsky and the Writing of Ukrainian History, Toronto 2005.
12.
Alle Umfragedaten stammen aus: Boris Dubin, Rossia nulevykh: Politicheskaja kultura, istoricheskaja pamiat, povsednevnost (Russland in den 2000er Jahren: Politische Kultur, historisches Gedächtnis und Alltagsleben), Moskau 2011.
13.
Vgl. Dmitrii Furman, Ot Rossijskoj imperii k russkomu natsionalnomu hosudarstvu (Vom russischen Reich zum russischen Nationalstaat), in: Neprikosnovennyj zapas, (2010) 5, S. 47.
14.
Vgl. B. Dubin (Anm. 12), S. 24.
15.
Vgl. The Ukraine Crisis. Boys From the Blackstuff, in: The Economist vom 19.4.2014, S. 20, http://www.economist.com/news/briefing/21601048-government-kiev-has-no-obvious-counters-russian-inspired-occupations-industrial« (22.10.2014).
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