OP-Schwester im Operationssaal einer Augenklinik

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16.1.2015 | Von:
Christian Schramek

Wirtschaftliche Aspekte der Zusammenarbeit in der Euroregion Elbe/Labe

Kleingewerbe im unmittelbaren Grenzgebiet

Positive ökonomische Auswirkungen hat das Wohlstandsgefälle zwischen dem deutschen und tschechischen Teil der Euroregion dagegen auf der Ebene unterhalb der mittelständischen Betriebe im Bereich der Kleingewerbetreibenden. So führte etwa der sich seit Beginn der 1990er-Jahre schnell entwickelnde Unterschied in der Kaufkraft dazu, dass in einigen tschechischen Gemeinden direkt an der Grenze verschiedene wirtschaftliche Unternehmungen im Einzelhandel möglich wurden, die für die Einwohner heute die Lebensgrundlage darstellen: "In unserer 580-Einwohnerstadt gibt es elf prosperierende Gaststätten, sechs oder sieben Friseursalons und was weiß ich wie die Dienstleistungen alle heißen, die hier angeboten werden." Nach der Aussage dieses tschechischen Bürgermeisters würde es in der Gemeinde normalerweise nur eine Gaststätte, einen Tante-Emma-Laden mit Lebensmitteln und vielleicht einen Friseursalon geben. Alle darüber hinaus vorhandenen Einrichtungen seien entstanden, weil eine entsprechende Nachfrage seitens der deutschen Besucher vorhanden war. Für die vietnamesischen Betreiber der verschiedenen Verkaufsstände ("Vietnamesenmärkte"), aber auch für viele alteingesessene Einwohner stellt dies heute die Lebensgrundlage dar. Hinzu kommen die Tankstellen, die trotz einer Angleichung der Preise noch immer von deutschen Autofahrern aufgesucht werden. Aufgrund der ökonomischen Vorteile für die Bevölkerung wird diese Entwicklung von dem Bürgermeister der Gemeinde auch keineswegs negativ gesehen, sondern weitgehend begrüßt.

Ob dabei ein positiver Effekt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit darin gesehen werden kann, dass durch die in deutsch-tschechischer (aber auch in tschechisch-deutscher) Richtung verlaufenden Einkaufsfahrten die Anzahl der grenzüberschreitenden Begegnungen erhöht wird, ist schwer zu beantworten. Zwar werden die Kontakte über die Grenze hinweg durch solche Fahrten gesteigert und so die Voraussetzungen für Begegnung und Kennenlernen verbessert. Allerdings muss dies nicht zwangsläufig zu einem besseren Verständnis zwischen Deutschen und Tschechen im Grenzgebiet führen. Wenig positive Impulse für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ergeben sich vor allem dann, wenn solche Fahrten – wie von einer Befragungsteilnehmerin einer Studie des Centrums für angewandte Politikforschung in München beschrieben – im grenznahen Supermarkt enden.[14] Bei einem Aufenthalt ausschließlich im unmittelbaren, oftmals von Casinos und Straßenstrich geprägten tschechischen Grenzland, ohne eine tiefere Beschäftigung mit Land und Leuten, wäre beispielsweise sogar zu befürchten, dass der Bildung oder Verstärkung von Vorurteilen Vorschub geleistet wird.[15]

Über die Kultur zur Wirtschaft

Trotz der als unbefriedigend angesehenen Zusammenarbeit im regionalwirtschaftlichen Bereich sind es oftmals gerade ökonomische Aspekte, die die Akteure zu grenzüberschreitenden Projekten motivieren – auch wenn diese selbst eher kulturellen Charakter aufweisen. So erklärt ein Bürgermeister einer mittelgroßen tschechischen Stadt seine Motivation zur Veranstaltung von grenzüberschreitenden Projekten mit Kindern damit, dass in einer globalisierten Welt Sprachkenntnisse sowie Kenntnisse von anderen Kulturen von großer Bedeutung sind und den Heranwachsenden im späteren beruflichen Leben von großer Hilfe sein können. Kinder seien neuen Informationen und Denkweisen gegenüber aufgeschlossen und könnten aufgrund ihrer Lernfähigkeit am meisten von den gemeinsamen Projekten profitieren. Der entsprechende Akteur ermutigt deshalb insbesondere die Schulen zur Teilnahme an den grenzübergreifenden Vorhaben.

Dabei sei es nicht von Bedeutung, ob man eine Kinderolympiade veranstalte, sich gegenseitig zu einem Konzert einlade oder gemeinsame Theatervorstellungen durchführe. Für die Sprachkenntnisse und das bessere Verständnis der anderen Mentalität seien derartige Veranstaltungen auf jeden Fall ein Gewinn. Dass der Akteur bei der Auflistung der unterschiedlichen grenzüberschreitenden Aktivitäten aber dennoch wirtschaftliche Aspekte vor Augen hat, zeigt sich darin, dass er den Lerneffekt wiederum vor allem im Bereich der Ökonomie verortet: In Deutschland hätten sich kleingewerbliche Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg eher erhalten, als in der Tschechischen Republik, wo diese gerade erst im Entstehen seien. Durch die Teilnahme an grenzüberschreitenden Projekten und entsprechenden Aufenthalten erhofft man sich daher auch ein besseres Verständnis der entsprechenden Wirtschaftskultur. Besonders bedeutend sei der Lerneffekt dabei wiederum bei Projekten mit Kindern.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Förderung des fremdsprachlichen Unterrichts in den Schulen ein zentrales Thema: Kenntnisse der jeweiligen Landessprache stellen nämlich eine unabdingbare Voraussetzung für die wirtschaftliche Kooperation über nationalstaatliche Grenzen hinweg dar. Die deutsch-tschechische Fachgruppe der Europaregion für Wirtschaftsförderung/Tourismus beschloss daher auf einer ihrer Sitzungen, ein gemeinsames Schreiben an für den Sprachunterricht verantwortliche Stellen zu adressieren, um auf die Problematik des mangelhaften beziehungsweise teilweise gänzlich fehlenden Sprachunterrichts im Grenzgebiet aufmerksam zu machen. Nur mit entsprechenden Sprachkenntnissen würde sich für Jugendliche die Möglichkeit eröffnen, eine Ausbildung im anderen Teilraum zu machen.[16]

Fußnoten

14.
Vgl. Michael Weigl/Michaela Zöhrer, Regionale Selbstverständnisse und gegenseitige Wahrnehmung von Deutschen und Tschechen, Dezember 2005, http://www.cap-lmu.de/download/CAP-Analyse-2005-03.pdf«, S. 11 (7.12.2014).
15.
Vgl. M. Weigl/M. Zöhrer (Anm. 14), S. 11.
16.
Vgl. Euroregion Elbe/Labe, Sitzung der deutsch-tschechischen Fachgruppe Wirtschaftsförderung/Tourismus in der EEL, http://www.euroregion-elbe-labe.eu/de/aktuelles/artikelliste/sitzung-der-deutsch-tschechischen-fachgruppe-wirtschaftforderung-tourismus-in-der-eel.html?gpsize=3&gpage=2« (25.11.2014).
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