Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

30.1.2015 | Von:
Shimon Stein
Mordechay Lewy

Von Einzigartigkeit über Normalität zu Staatsräson: 50 Jahre diplomatische Beziehungen - Essay

Zivilgesellschaftliche Ebene

In der Zivilgesellschaft waren es auf beiden Seiten die "Eingeschworenen", die aus unterschiedlichen Gründen einen Beitrag leisteten, um Brücken über den historischen Abgrund zu errichten. Der Jugendaustausch und die Städtepartnerschaften sind zukunftsweisend konzipiert worden und waren wichtige Säulen beim Aufbau der intensiven Beziehungen. Nur waren es auf beiden Seiten nicht allzu viele Eingeschworene. Die Themen Israel und Juden sind für eine Mehrheit der Deutschen keine Herzensangelegenheiten. Der Historiker Michael Wolffsohn etwa schrieb: "Nicht wegen, sondern trotz der Bemühungen aller verantwortlichen Parteien geht seit Jahren die öffentliche Meinung Deutschlands auf Distanz zu Israel."[12]

Es gab auch Jahre der großen Begeisterung für Israel, wie zum Beispiel unmittelbar nach dem Sechstagekrieg 1967. Wahrscheinlich kompensierte diese Bewunderung zum Teil auch, dass ein martialisches Auftreten Deutschlands nicht mehr legitim war. So erhielt Israel damals auch Beifall aus der falschen Ecke. Heute kann die öffentliche Meinung in Deutschland zu Israel als indifferent und eher negativ beschrieben werden. Seit der ersten Intifada 1987 scheint die Einstellung der deutschen Bevölkerung von der jeweiligen israelischen Regierungspolitik gegenüber den Palästinensern geprägt zu sein. Meinungsumfragen von Globescan im Auftrag der BBC weisen im Laufe des vergangenen Jahrzehnts auch global auf ein angeschlagenes Ansehen von Israel.[13]

Die israelische Politik spielt auch eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Bei dem Versuch, sich von eigenen Schuldgefühlen zu entlasten, ist es für manche nämlich hilfreich, auf Israels Verhalten hinzuweisen und vereinfachend zu konstatieren, dass auch Opfer bisweilen zu Tätern werden können. Einigen Deutschen ist auch eine genuine Enttäuschung über die Entwicklung Israels – einst ein Pionierstaat mit Modellcharakter – nicht abzusprechen.

Was die öffentliche Meinung in Israel über Deutschland angeht, zeichnet sich in den demoskopischen Ergebnissen des israelischen PORI-Instituts seit etwa 15 Jahren eine klare Tendenz für eine normalisierte Haltung ab.[14] Insbesondere Berlin übt auf junge Israelis zuletzt große Anziehungskraft aus.[15] Jedoch ist in beiden Ländern ein Gefälle zwischen der öffentlichen Meinung und den politischen Verantwortungsträgern zu verzeichnen. Es scheint, als ob die deutsch-israelischen Beziehungen ein Projekt der Eliten seien, die vor allem aus einer historisch-moralischen Verpflichtung heraus agierten. Das Gefälle zwischen verschiedenen Sektoren in der deutschen Gesellschaft könnte einem auf lange Sicht große Sorgen bereiten, zumal der Zuzug verschiedener Immigrantengruppen aus dem Nahen Osten die Bedingungen eher noch erschweren dürfte.[16] Regierungen in Demokratien ringen um Legitimation ihrer Politik und wollen auch wiedergewählt werden. Fehlende Unterstützung für etwas, das heute (noch) als politisch korrekt gilt, kann langfristig zu schwerwiegenden Folgen auch für die deutsch-israelischen Beziehungen führen.

Staatsräson und Erinnerung

Was die Beziehungen einzigartig macht, ist die Shoah beziehungsweise die Erinnerung daran als Staatsräson.[17] Der Herausgeber der "Zeit", Josef Joffe, sagte 2008 in einer Rede zum 60-jährigen Bestehen Israels: "Diese Staatsräson ist zwar eng mit Israel verknüpft, aber Israel ist nur ein Teil davon. Diese Räson geht weit über Israel hinaus, sie ruht, wie die Republik selber, auf einem ‚Narrativ‘, das die Erinnerung verinnerlicht hat, das heilighält, was Nazi-Deutschland geschändet hat. Man darf es auf einen Imperativ reduzieren: ‚Nie wieder‘. Nie wieder wollen wir sein, was wir einmal waren. Zu diesem Narrativ gehört auch Israel, aber nicht wegen Israel, sondern wegen Deutschland."[18] So bleiben Israel und die Juden ebenso ein Bestandteil der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität wie es umgekehrt Deutschland und die Shoah für die israelisch-jüdische sind. Tausendfach beschworen, wirken die drei V – Völkermord, Verantwortung, Verpflichtung – als deutsche Staatsräson weiter, obwohl Auschwitz längst wieder Oświęcim heißt.

Ein zentraler Begriff ist in diesem Zusammenhang Erinnerung – und die hat im Gegensatz zur Realpolitik mit Gefühlen zu tun, mit Trauer, Freude, Schuld oder Dank. Solche Kategorien bestimmen normalerweise nicht die Beziehungen zwischen Staaten, doch lassen sie sich aus dem Verhältnis zwischen Deutschland und Israel nicht wegdenken. Interessen – und erst recht Erinnerung – sind Dinge, die sich ändern. Insofern bleibt es spannend, wie künftige Generationen mit Fragen der Erinnerung und Identität umgehen werden.

Angesichts des wachsenden zeitlichen Abstandes zum Zweiten Weltkrieg, des Abschieds von Zeitzeugen und der sich verändernden Erinnerungskultur ist aber zu befürchten, dass – wie etwa die israelische Historikerin Yfaat Weiss meint – die Einzigartigkeit der deutschen Geschichte durch den sich wandelnden Charakter der Debatte heruntergespielt wird. Weiss argumentiert, dass es einen Prozess der Universalisierung der Shoah gebe, der dazu führe, dass aus einer konkreten historischen Verantwortung auf der Grundlage einer ganz bestimmten deutschen Erfahrung eine politisch-moralische, in universell gültiger Sprache formulierte Verantwortung werde. Wie nie zuvor relativiere diese neue Formel die tatsächlichen Ereignisse. Man kann nur erahnen, welche grundlegenden Folgen dieser Prozess haben und wie er die deutsch-israelischen Beziehungen beeinflussen könnte. Das Bild, das sich die Deutschen von ihrer eigenen Vergangenheit machen werden, kann uns Israelis nicht gleichgültig sein, wenn wir unseren langfristigen politischen Beziehungen mit Deutschland weiterhin hohe Bedeutung beimessen wollen.

Mit Blick auf den sich verändernden Diskurs sollte gefragt werden, wie die deutsch-israelischen Beziehungen noch ausgebaut werden könnten. Deutschland wird als führendes Mitglied der Europäischen Union ein entscheidender und strategischer Partner für Israels Zukunft bleiben. Doch wird Israel für Deutschland von Bedeutung sein? Es gibt keine Zwangsläufigkeit, dass sich das, was in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten herangewachsen ist, auch weiterhin so gut entwickeln wird. Die Aufarbeitung der Shoah als tragender, wenn nicht gar einziger Pfeiler der Beziehungen wird in Zukunft nicht ausreichen. Der Wandel der Erinnerungskultur könnte sich womöglich als Beitrag zur Normalisierung erweisen. Ob diese Entwicklung in Israel konsensfähig sein wird, bleibt abzuwarten.

Trotz aller Schwierigkeiten sollte betont werden, dass es schon einem Wunder gleichkommt, was sich in den Jahrzehnten seit der Shoah zwischen Deutschen und Juden ereignet hat. Um die historische Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren, sollten wir uns das Jahr 1492 ins Gedächtnis rufen, als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, woraufhin das jüdische Volk Spanien 500 Jahre lang boykottierte. Hingegen fanden bereits kurze Zeit nach der Shoah die ersten Gespräche zwischen Deutschen und Juden statt, und Überlebende trafen die Entscheidung, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Sicherlich waren es auch realpolitische Überlegungen, die eine entscheidende Rolle spielten. Und dennoch: Angesichts des Abgrunds, der sich zwischen Deutschen und Juden aufgetan hatte, hätte es zu diesem eindrucksvollen Aufbau nicht unbedingt kommen müssen. Allerdings soll man sich nach einem präzedenzlosen Ereignis wie der Shoah nicht wundern, dass die dunkle Wolke, die uns permanent verfolgt, sich kaum vertreiben lässt. Sie wird uns vorerst noch begleiten, was auch immer geschieht.

Fußnoten

12.
Michael Wolffsohn/Thomas Brechenmacher, Israel, in: Sigmar Schmidt/Gunter Hellmann/Richard Wolf (Hrsg.), Handbuch zur deutschen Außenpolitik, Wiesbaden 2007, S. 506–520, hier: S. 518.
13.
Letzte Erhebung vom Juni 2014: http://www.globescan.com/images/images/pressreleases/
bbc2014_country_ratings/2014_country_rating_poll_bbc_globescan.pdf
(12.1.2015).
14.
Vgl. Moshe Zimmermann, Facelift: Das Image der Deutschen in Israel seit der Wiedervereinigung, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 42 (2013), S. 288–304.
15.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Yoav Sapir in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
16.
In einer Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) wurde festgestellt, dass die Bevölkerung in Deutschland mehrheitlich ein positives Gefühl zu ihrem Land hat: "Ausgangspunkt dieses positiven Selbstbildes ist die Wiedervereinigung. Sie stellt für 49 Prozent der Bevölkerung das zentrale historische Ereignis dar, welches Deutschland heute am besten beschreibt. Ereignisse im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sind hingegen kaum mehr prägend für das Selbstbild (16 Prozent), und der Holocaust wird nur von 0,5 Prozent der Befragten genannt." Vgl. Naika Foroutan et al., Deutschland postmigrantisch I – Gesellschaft, Religion, Identität. Erste Ergebnisse, Berlin 2014, S. 6, https://junited.hu-berlin.de/deutschland-postmigrantisch-1« (12.1.2015).
17.
Vgl. Merkels Rede vor der UN-Vollversammlung 2007 und in der Knesset 2008 (Anm. 5).
18.
Zit. nach Aufzeichnungen d.A.
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